Von Thilo Thielke
Seit einer guten Dreiviertelstunde schon liegt Goran Musulin, 36, lang ausgestreckt auf der Liege, bedeckt mit nicht viel mehr als einem seidenen Tuch, das bis zur Brust reicht. Aus brennenden Teelichtern steigt der Duft von Limonengras auf, Lotusblüten bedecken das Kopfkissen. Über Musulins Stirn kreist sanft eine Kupferschale mit warmem Öl.
Unter dem Gefäß befindet sich eine kleine Düse. Gleichmäßig ergießt sich das Öl durch diese Öffnung über Musulins Stirn. Vom Meer weht eine sanfte salzige Brise herüber, begleitet nur von den sphärischen Klängen einer blechernen Hang-Trommel. Ruby, die Masseurin, gießt immer wieder Öl nach.
Der Strom darf nicht versiegen. Das ist das Geheimnis dieser ayurvedischen Öltherapie. Shirodhara wird sie genannt, "im Fluss sein mit unseren Gedanken und Gefühlen". Nur dann können die drei menschlichen Lebensenergien, die Doshas, ins Gleichgewicht kommen - so lehrt es zumindest diese indische Heilkunst, die sich "Wissen vom Leben" nennt.
Ankommen im Hier und Jetzt
Musulin hat die Augen geschlossen. Langsam entspannen sich seine Züge, weicht der Stress aus dem drahtigen Körper. Musulin lässt jetzt Singapur hinter sich, die Firma, die Hektik, den Verkehr, Geldfragen, familiäre Sorgen. Nun ist er wirklich angekommen im Hier und Jetzt - und im Kamalaya-Resort auf Koh Samui, einer Paradiesinsel im Golf von Thailand.
Kamalaya bedeutet übersetzt so viel wie Lotusreich, und Lotus steht im Buddhismus für Reinheit und die Entwicklung des menschlichen Geistes. "Kamalaya ist ein Ort, an dem wir uns selbst und unserem Selbst begegnen können, ein in die Natur integriertes Wellness-Paradies", heißt es im Prospekt des Hotels. "Kamalaya hat mich gerettet", sagt Goran Musulin, der jetzt schon zum vierten Mal hier ist.
Vor einem Jahr war Goran Musulin ziemlich am Ende. Der Manager eines großen deutschen Unternehmens hörte schlecht und konnte kaum noch sehen. Lustlosigkeit machte sich breit. Musulin litt unter Schwindelgefühlen und Niedergeschlagenheit. Er war schwach, und nachdem er etliche Ärzte abgeklappert hatte, die ihm allesamt gute Blutwerte und eine gute körperliche Verfassung bescheinigten, war klar: Es musste sich um Burnout handeln, und es musste etwas getan werden, und zwar schnell.
Traumkarriere in Singapur
Bis dahin war es für den Manager, der fließend fünf Sprachen plus Schweizerdeutsch spricht, immer nur bergauf gegangen - und zwar auf der Überholspur. 1993 begann Musulins Karriere in der Schweizer Diagnostikabteilung eines US-Pharmariesen. Im Zuge einer Firmenfusion landete er bei einem der größten deutschen Unternehmen weltweit.
Sein neuer Arbeitgeber schickte den weltläufigen Manager nach Singapur - als Asien-Chef der Personalabteilung für medizinische Geräte. Mit einem Schlag war Musulin für rund 20.000 Menschen verantwortlich und fand sich in einer neuen Welt wieder. Er war ziemlich weit oben.
Aber Singapur ist eine sterile, abweisende Stadt aus Glas und Beton, ein "Disneyland mit Prügelstrafe", wie der Schriftsteller Christian Kracht einmal bemerkte - voller "androidenartiger" Einwohner, die "Blutleere und Emotionslosigkeit ausstrahlen". Konsumwütige und Technokraten fühlen sich in dieser Diktatur, in der alles bis ins kleinste Detail geregelt und sogar das Kaugummikauen weitgehend verboten ist, vielleicht wohl, aber eine empfindsame Natur wird in diesem sauberen, seelenlosen Moloch schnell krank.
Im April 2010 kam bei Goran Musulin der Kollaps. Er war reif für die Insel, reif für Kamalaya, das Hotel-Paradies der beiden Amerikaner John und Karina Stewart.
Wahrhaftigkeit, Einfachheit, Liebe
John Stewart hatte es schon als jungen Mann in die weite Welt hinausgezogen. Mit 16 Jahren verließ er sein Elternhaus, verdingte sich zwischendurch als Kunsthändler und zog sieben Jahre lang durch Nordamerika und Europa, bevor er sich aufmachte, den Fernen Osten zu erkunden und sich mit asiatischer Philosophie zu beschäftigen. Im Dschungel von Nordindien schließlich fand er seinen Meister, einen alten Yogilehrer, der ihn mit den Worten begrüßt haben soll: "Warum hast du so lange gebraucht, um zu mir zu finden?"
Gemeinsam mit dem Yogimeister baute Stewart einen Ashram auf. Er ließ sich in die Geheimnisse des Lamaismus einweisen und lebte ein mönchisches Dasein, in welchem ihm, wie er sagt, "Werte wie Wahrhaftigkeit, Einfachheit, Liebe und Sanatana Dharma", also die ewige kosmische Ordnung der Hindus, vermittelt wurden.
Von Zeit zu Zeit verließ er sein selbstgewähltes Exil in den Bergen und reiste nach Thailand; 1982 stieß er auf Karina, eine Mexikanerin, die sich mit allen möglichen fernöstlichen Heilkünsten beschäftigt hatte. Die beiden ergänzten sich gut; irgendwann haben sie geheiratet. Karina nennt sich lizenzierte Akupunkturistin und verfügt über einen Doktor in Orientalischer Medizin.
Die beiden beschlossen, ihr gesamtes Wissen zu bündeln und ein "holistisches Spa" zu gründen - Kamalaya.
Lange mussten sie nicht suchen, um einen geeigneten Ort zu finden. Mit Koh Samui war John Stewart spätestens vertraut, seit er im Jahr 2000 hier vier Monate verbracht hatte, um gesundheitliche Probleme auszukurieren. Das Klima und die freundliche Thai-Mentalität im Land des Lächelns hatten ihm gutgetan. Und dann stolperte er förmlich über einen Ort im Südosten der Insel, der ihn nicht mehr losließ.
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© SPIEGEL Wissen 1/2011
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