SPIEGEL: Herr Werner, welche Art von Stress ist für Ihre Angestellten am schlimmsten?
Werner: Es gibt natürlich immer mal Zeit- und Termindruck, doch großer Stress entsteht, wenn man etwas macht, was einem nicht entspricht, wenn man mit Aufgaben konfrontiert ist, mit denen man sich nicht innerlich verbinden kann. So geht es unseren Mitarbeitern jedoch nicht.
SPIEGEL: Aber ein Filialleiter bei dm hat doch eine Vielzahl von Aufgaben, darunter womöglich auch solche, die ihm nicht entsprechen.
Werner: Ich meine es grundsätzlicher: Stress, Überforderung und Unmut entstehen, wenn man sein Tun als sinnlos erlebt. Ob man etwas gern oder ungern macht, ist eine andere Frage.
SPIEGEL: Erklären Sie das bitte genauer.
Werner: Ich habe in der Adventszeit Schülern in Stuttgart Märchen vorgelesen. Nach der Lesung fragte mich ein Junge: Seit wann arbeitest du eigentlich? Daraufhin erwiderte ich: Was ist Arbeit überhaupt? Arbeit ist, was gut bezahlt wird, sagten die Kinder. Hm, dachte ich und habe zurückgefragt: Wie ist es, wenn die Mama für euch etwas tut, oder der Papa, die Oma? Ist das keine Arbeit? Zum Beispiel Hilfe bei den Hausaufgaben?
SPIEGEL: Und?
Werner: Ein Mädchen sagte: Vieles, was die Mama macht, macht sie überhaupt nicht gern. Daraufhin sagte ein Junge: Die Mama macht das, weil sie uns liebt. Deshalb erzähle ich diese Geschichte. Vielleicht bügelt eine Mutter nicht gern, aber es kommt ihr doch sinnvoll vor, aus Liebe zu ihrer Familie.
SPIEGEL: Übertragen auf Ihre Firma?
Werner: Die Aufgabe eines Unternehmers ist es, dafür zu sorgen, dass Mitarbeiter in ihrer Tätigkeit einen Sinn sehen. Und dass auch die Kunden, die dort einkaufen, darin einen Sinn sehen. Ein Professor sagte einmal: Wir reden immer über das Know-how. Wir sprechen viel zu wenig über das Know why. Das ist der Punkt. Wir fragen zu wenig nach dem Warum und Wozu.
SPIEGEL: Angeblich bestimmen dm-Angestellte Teile des Sortiments, Dienstpläne und Gehälter selbst. Wie darf man sich das vorstellen?
Werner: Mitarbeiter aus den Märkten entscheiden gemeinsam mit Sortimentsmanagern, welche Produkte gelistet werden und von welchen wir uns verabschieden wollen. Dienstpläne, die bei uns Mitarbeiter-Einsatzpläne heißen, werden von den Mitarbeitern erstellt, indem sie versuchen, die individuellen Bedürfnisse aller zu berücksichtigen. Die Menschen sollten Beteiligte sein, keine Betroffenen.
SPIEGEL: Ihre Mitarbeiter identifizieren sich mit der Firmenideologie?
Werner: Ich denke, sie erleben ihre Aufgabe im Unternehmen als sinnvoll, sie fühlen sich authentisch. Und das mindert ihren Stress. Wir praktizieren eine Empfehlungskultur. Es gibt keine Anweisungen, man kann der Empfehlung folgen oder einen besseren Weg suchen. Es muss nur erkennbar sein, dass es sich dabei weder um einen Holzweg noch um eine Sackgasse handelt, dafür gibt es gemeinsame Besprechungen.
SPIEGEL: Ihre Maxime lautet: "Zutrauen veredelt den Menschen". Was heißt das genau für Ihre Angestellten?
Werner: Zutrauen habe ich in jeden, mit dem ich zusammenarbeite. Auf der Basis von "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", kann man weder eine Ehe noch eine Firma gründen. Arbeitsteilige Gesellschaft heißt: Wir trauen anderen etwas zu. Ob wir die Bahn oder das Flugzeug nehmen, wir bauen auf die richtige Wartung der Fahrzeuge, darauf, dass alles klappt.
SPIEGEL: Es gibt Firmen, in denen sind Bespitzelung, Druck und Schikane an der Tagesordnung.
Werner: Wenn Unternehmen mit solchen Methoden Erfolg haben, dann nicht wegen, sondern trotz dieser harten Maßnahmen. Ein Unternehmen ist wie ein lebender Organismus. Es ist wichtig, wie man darüber denkt, denn unterschiedliche Begriffe schaffen unterschiedliche Verhaltensweisen. Ich bezeichne mich gern als Begriffsfetischisten.
SPIEGEL: Was verstehen Sie darunter?
Werner: Über Begriffe begreife ich die Welt. Ich kann mich nur mit zutreffenden Begriffen in der Welt orientieren. Wenn ich beispielsweise der Meinung bin, ein Unternehmen hat wie ein Uhrwerk zu funktionieren, werde ich die Firma anders gestalten, als wenn ich es als lebenden Organismus sehe, mit all seinen Mitarbeitern, ihren Sorgen und Nöten, aber auch mit ihren Fähigkeiten und kreativen Ideen, die sie einbringen können.
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