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Interview "Jeder ist wichtig"

Erfolgreich und auf das Gute bedacht: Der Unternehmer und Anthroposoph Götz Werner Zur Großansicht
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Erfolgreich und auf das Gute bedacht: Der Unternehmer und Anthroposoph Götz Werner

Drogerie-Unternehmer Götz Werner über seinen Umgang mit dem Stress seiner Mitarbeiter

SPIEGEL: Herr Werner, welche Art von Stress ist für Ihre Angestellten am schlimmsten?

Werner: Es gibt natürlich immer mal Zeit- und Termindruck, doch großer Stress entsteht, wenn man etwas macht, was einem nicht entspricht, wenn man mit Aufgaben konfrontiert ist, mit denen man sich nicht innerlich verbinden kann. So geht es unseren Mitarbeitern jedoch nicht.

SPIEGEL: Aber ein Filialleiter bei dm hat doch eine Vielzahl von Aufgaben, darunter womöglich auch solche, die ihm nicht entsprechen.

Werner: Ich meine es grundsätzlicher: Stress, Überforderung und Unmut entstehen, wenn man sein Tun als sinnlos erlebt. Ob man etwas gern oder ungern macht, ist eine andere Frage.

SPIEGEL: Erklären Sie das bitte genauer.

Werner: Ich habe in der Adventszeit Schülern in Stuttgart Märchen vorgelesen. Nach der Lesung fragte mich ein Junge: Seit wann arbeitest du eigentlich? Daraufhin erwiderte ich: Was ist Arbeit überhaupt? Arbeit ist, was gut bezahlt wird, sagten die Kinder. Hm, dachte ich und habe zurückgefragt: Wie ist es, wenn die Mama für euch etwas tut, oder der Papa, die Oma? Ist das keine Arbeit? Zum Beispiel Hilfe bei den Hausaufgaben?

SPIEGEL: Und?

Werner: Ein Mädchen sagte: Vieles, was die Mama macht, macht sie überhaupt nicht gern. Daraufhin sagte ein Junge: Die Mama macht das, weil sie uns liebt. Deshalb erzähle ich diese Geschichte. Vielleicht bügelt eine Mutter nicht gern, aber es kommt ihr doch sinnvoll vor, aus Liebe zu ihrer Familie.

SPIEGEL: Übertragen auf Ihre Firma?

Werner: Die Aufgabe eines Unternehmers ist es, dafür zu sorgen, dass Mitarbeiter in ihrer Tätigkeit einen Sinn sehen. Und dass auch die Kunden, die dort einkaufen, darin einen Sinn sehen. Ein Professor sagte einmal: Wir reden immer über das Know-how. Wir sprechen viel zu wenig über das Know why. Das ist der Punkt. Wir fragen zu wenig nach dem Warum und Wozu.

SPIEGEL: Angeblich bestimmen dm-Angestellte Teile des Sortiments, Dienstpläne und Gehälter selbst. Wie darf man sich das vorstellen?

Werner: Mitarbeiter aus den Märkten entscheiden gemeinsam mit Sortimentsmanagern, welche Produkte gelistet werden und von welchen wir uns verabschieden wollen. Dienstpläne, die bei uns Mitarbeiter-Einsatzpläne heißen, werden von den Mitarbeitern erstellt, indem sie versuchen, die individuellen Bedürfnisse aller zu berücksichtigen. Die Menschen sollten Beteiligte sein, keine Betroffenen.

SPIEGEL: Ihre Mitarbeiter identifizieren sich mit der Firmenideologie?

Werner: Ich denke, sie erleben ihre Aufgabe im Unternehmen als sinnvoll, sie fühlen sich authentisch. Und das mindert ihren Stress. Wir praktizieren eine Empfehlungskultur. Es gibt keine Anweisungen, man kann der Empfehlung folgen oder einen besseren Weg suchen. Es muss nur erkennbar sein, dass es sich dabei weder um einen Holzweg noch um eine Sackgasse handelt, dafür gibt es gemeinsame Besprechungen.

SPIEGEL: Ihre Maxime lautet: "Zutrauen veredelt den Menschen". Was heißt das genau für Ihre Angestellten?

Werner: Zutrauen habe ich in jeden, mit dem ich zusammenarbeite. Auf der Basis von "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", kann man weder eine Ehe noch eine Firma gründen. Arbeitsteilige Gesellschaft heißt: Wir trauen anderen etwas zu. Ob wir die Bahn oder das Flugzeug nehmen, wir bauen auf die richtige Wartung der Fahrzeuge, darauf, dass alles klappt.

SPIEGEL: Es gibt Firmen, in denen sind Bespitzelung, Druck und Schikane an der Tagesordnung.

Werner: Wenn Unternehmen mit solchen Methoden Erfolg haben, dann nicht wegen, sondern trotz dieser harten Maßnahmen. Ein Unternehmen ist wie ein lebender Organismus. Es ist wichtig, wie man darüber denkt, denn unterschiedliche Begriffe schaffen unterschiedliche Verhaltensweisen. Ich bezeichne mich gern als Begriffsfetischisten.

SPIEGEL: Was verstehen Sie darunter?

Werner: Über Begriffe begreife ich die Welt. Ich kann mich nur mit zutreffenden Begriffen in der Welt orientieren. Wenn ich beispielsweise der Meinung bin, ein Unternehmen hat wie ein Uhrwerk zu funktionieren, werde ich die Firma anders gestalten, als wenn ich es als lebenden Organismus sehe, mit all seinen Mitarbeitern, ihren Sorgen und Nöten, aber auch mit ihren Fähigkeiten und kreativen Ideen, die sie einbringen können.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Schluß
Gegengleich 27.05.2011
Für mich sehr schlüssig, was Hr. Werner hier zu Tranzparenz und Sinnhaftigkeit von sich gibt. Evtl. fühle ich mich deshalb schon beim betreten eines dm-Marktes wohler als bei einem Schlecker!?
2. Erstaunt!
sophica 27.05.2011
An der Atmoshäre im Laden kann ich in den DM-Märkten keinen Unterschied zu dem REWE-Markt feststellen, wo ich immer einkaufe außer dass die Damen an der Kasse bei Rewe persönlicher sind. Etwas ärgere ich mich darüber, dass Herr Götz als solch ein "guter" und anderer Unternehmer dargestellt wird. Als Kundin mache ich die Erfahrung, dass ähnlich wie in anderen Supermärkten, die Angestellten wenig über den Inhalt ihrer Produkte wissen. Ich als Konsumentin möchte verstehen, was als Inhalt auf der Verpackung angegeben ist. 2 Beispiele: was ist Invertzucker? Keiner der Angestellten wusste darauf eine Antwort - es war ein Anruf bei der Herstellerfirma nötig, bzw. ich selbst musste im Internet recherchieren. Von den Angestellten wurde mir nach einem Anruf bei der Herstellerfirma gesagt, es handele sich um Kunstzucker, bzw. Kunsthonig. Damit weiß ich dann auch nicht viel. Ein anderes Beispiel: es gab Magnesium-Dragees mit Vitamin D und K. Vitamin D hat ja einen bestimmten Bekanntheitsgrad. Vitamin K nicht. Aber auch hierzu könnte ich von den Angestellten keine Antwort erhalten. Ich als Konsumentin würde mich sehr freuen, auf einfache Weise genaue Informationen über den Inhalt von Waren zu erfahren. Und nebenbei bemerkt, der Invertzucker war auf einem Hustensaft angegeben und ich kann gut auf diesen Inhaltsstoff, der bestimmt nicht gesund ist, verzichten.
3. Wo leben Sie denn?
Nonvaio01 27.05.2011
Zitat von sophicaAn der Atmoshäre im Laden kann ich in den DM-Märkten keinen Unterschied zu dem REWE-Markt feststellen, wo ich immer einkaufe außer dass die Damen an der Kasse bei Rewe persönlicher sind. Etwas ärgere ich mich darüber, dass Herr Götz als solch ein "guter" und anderer Unternehmer dargestellt wird. Als Kundin mache ich die Erfahrung, dass ähnlich wie in anderen Supermärkten, die Angestellten wenig über den Inhalt ihrer Produkte wissen. Ich als Konsumentin möchte verstehen, was als Inhalt auf der Verpackung angegeben ist. 2 Beispiele: was ist Invertzucker? Keiner der Angestellten wusste darauf eine Antwort - es war ein Anruf bei der Herstellerfirma nötig, bzw. ich selbst musste im Internet recherchieren. Von den Angestellten wurde mir nach einem Anruf bei der Herstellerfirma gesagt, es handele sich um Kunstzucker, bzw. Kunsthonig. Damit weiß ich dann auch nicht viel. Ein anderes Beispiel: es gab Magnesium-Dragees mit Vitamin D und K. Vitamin D hat ja einen bestimmten Bekanntheitsgrad. Vitamin K nicht. Aber auch hierzu könnte ich von den Angestellten keine Antwort erhalten. Ich als Konsumentin würde mich sehr freuen, auf einfache Weise genaue Informationen über den Inhalt von Waren zu erfahren. Und nebenbei bemerkt, der Invertzucker war auf einem Hustensaft angegeben und ich kann gut auf diesen Inhaltsstoff, der bestimmt nicht gesund ist, verzichten.
Ein Supermarkt hat 1000ende von produkten. Da erwarten Sie von der Verkaeuferin das die jedes Product und den inhalt erklaeren kann? Wenn Sie das moechten wuerde Ihr einkauf um das 100 fache teurer werden. Darum steht auf den packungen ja auch eine Tel nummer wo man anrufen kann. Beim Baecker oder Fleischer Arbeiten fachkraefte die koennen soetwas wissen, bzw die muessen soetwas wissen. Aber doch keine normale verkaeuferen die an der Kasse sitzt.
4. Viel verlangt!?
Gegengleich 27.05.2011
Zitat von sophicaAn der Atmoshäre im Laden kann ich in den DM-Märkten keinen Unterschied zu dem REWE-Markt feststellen, wo ich immer einkaufe außer dass die Damen an der Kasse bei Rewe persönlicher sind. Etwas ärgere ich mich darüber, dass Herr Götz als solch ein "guter" und anderer Unternehmer dargestellt wird. Als Kundin mache ich die Erfahrung, dass ähnlich wie in anderen Supermärkten, die Angestellten wenig über den Inhalt ihrer Produkte wissen. Ich als Konsumentin möchte verstehen, was als Inhalt auf der Verpackung angegeben ist. 2 Beispiele: was ist Invertzucker? Keiner der Angestellten wusste darauf eine Antwort - es war ein Anruf bei der Herstellerfirma nötig, bzw. ich selbst musste im Internet recherchieren. Von den Angestellten wurde mir nach einem Anruf bei der Herstellerfirma gesagt, es handele sich um Kunstzucker, bzw. Kunsthonig. Damit weiß ich dann auch nicht viel. Ein anderes Beispiel: es gab Magnesium-Dragees mit Vitamin D und K. Vitamin D hat ja einen bestimmten Bekanntheitsgrad. Vitamin K nicht. Aber auch hierzu könnte ich von den Angestellten keine Antwort erhalten. Ich als Konsumentin würde mich sehr freuen, auf einfache Weise genaue Informationen über den Inhalt von Waren zu erfahren. Und nebenbei bemerkt, der Invertzucker war auf einem Hustensaft angegeben und ich kann gut auf diesen Inhaltsstoff, der bestimmt nicht gesund ist, verzichten.
Ist das nicht ein bißchen viel verlangt, daß die Damen jeden einzelnen Inhaltsstoff kennen und erklären können müssen? Das schaffen ja noch nichtmal Ärzte, Apotheker und Chemiker. Würde mich ja mal interessieren was SIE für einer Arbeit nachgehen, und ob Sie dort alles benennen und erklären können.
5. nö
AKA 27.05.2011
Das hört sich ja sehr nett an und ich kaufe auch sehr gern bei dm, weil ich die Läden - etwa im Vergleich zu Schlecker - viel ansprechender finde. Aber dass die Arbeitsverhältnisse so ideal sind, wie der Unternehmer sie im Interview schildert, glaube ich dann doch nicht. Als ich nämlich mal einer der Damen an der Kasse sagte, dass mich die Standardfrage nach der Payback-Karte wirklich nervt, sagte sie, sie müsse diese Frage leider stellen - weil sie Ärger kriegen würde, wenn sie sie bei einem Testkäufer nicht stellt.
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© SPIEGEL Wissen 1/2011
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Zur Person
  • dm-drogerie markt
    Seinen ersten Drogeriemarkt eröffnete Götz Werner 1973. Der bekennende Anthroposoph setzt in seinem Unternehmen auf Persönlichkeitsentwicklung und Kreativität. In den rund 2600 dm-Filialen erwirtschaften rund 36.000 Mitarbeiter einen Umsatz von 5,6 Milliarden Euro. 2008 gab Werner die Unternehmensleitung ab, seine Anteile brachte der heute 68-Jährige in eine Stiftung ein.

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So können Firmen vorbeugen: Einarbeitung
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Berufseinsteiger und neue Mitarbeiter sorgfältig einarbeiten, damit nicht das Gefühl von Überforderung aufkommt.

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Falsche Arbeitsbelastung vermeiden, indem Beschäftigte in die Arbeitsplanung miteinbezogen werden. Sie sollen weder überfordert noch unterfordert sein.

Überstunden

Zu viele Überstunden vermeiden. Nach zehn Stunden Arbeit ist ein Mensch kaum noch produktiv.

Klare Ziele

Führungskräfte sorgfältig auf ihre Aufgaben vorbereiten. Sie sollen Ziele bestimmen, diese klar formulieren und auf die Einhaltung im Team achten. Zugleich soll aber nicht das Gefühl extremer Kontrolle entstehen.

Anerkennung

Mitarbeitern für gute Arbeit Lob und Anerkennung zollen und dies auch kommunizieren. Auch Kritik ist wichtig. Das Feedback sollte jedoch konstruktiv formuliert werden.

(Quelle: TÜV Süd)

So können Sie persönlich vorbeugen: Grenzen setzen

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Unrealistischen Erwartungen von Vorgesetzten ein Nein entgegensetzen.

Delegieren

Überlegen, welche Aufgaben delegiert werden können.

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Auf geregelte Essenszeiten und Pausen achten, um wieder Energie zu sammeln.

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Freizeitpläne und Unternehmungen mit Familie und Freunden nicht ständig verschieben. Sie sollten als Ausgleich zur Arbeit fest eingeplant werden. Allerdings sollte auch nicht Freizeitstress daraus werden.

(Quelle: TÜV Süd)


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