Katastrophe Jobverlust Burnout nach Kündigung

Der Verlust des Jobs ist für Menschen, die ihren Selbstwert aus der Arbeit beziehen, eine Katastrophe. Manche zerbrechen daran. Porträt einer ausgebrannten Arbeitslosen

DPA

Von Annette Bruhns


Die 57-Jährige wirkt zerbrechlich: schmale, mädchenhafte Statur, gerötete Schatten unter großen hellen Augen. Innerlich ist sie ein Boxer. Immer voll berufstätig, dazu drei Kinder, eine pflegebedürftige Mutter, Kaninchenzucht, Gemüsegarten. Ihr Tag begann oft um vier Uhr morgens am Bügelbrett. Frau P. plättet sogar die Schlüpfer.

Gebrannt hat sie immer für ihre Pflichten, lichterloh, schon als Kind. Ausgebrannt ist sie erst, als ihr die Pflicht entzogen wurde. 2008 wurde Frau P. arbeitslos. Ein halbes Jahr später musste sie in die Klinik. Danach war sie immer noch nicht ausgezählt. Sie kämpfte, bis sie ganz zusammenbrach.

"Erst da hab ich begriffen, dass ich es aus eigener Kraft nicht schaffe", sagt die Mecklenburgerin.

Ein Burnout-Syndrom kann nach medizinischem Lehrbuch in vier Phasen unterteilt werde. Die erste Phase ist die des Idealismus. Die Betroffenen nehmen ihre Arbeit mit nach Hause und vernachlässigen ihr Privatleben. Bei Frau P. begann dieses Verhalten 1990, nach der Wende. Viele Jahre lang machte die Verwaltungsangestellte Überstunden - unbezahlt. Wenn Frau P. endlich heimkam, ätzte ihr Mann: "Traust du dich auch noch nach Hause?"

"Da würden Sie ja mehr arbeiten als Ihre Kollegen"

Die Ernüchterung, Phase 2, setzte 2004 ein. Da bekam Frau P. einen neuen Chef, einen jungen Anwalt aus Kiel. Er krempelte die Schweriner Firma um, ohne Frau P., die Frau der ersten Stunde, einzubeziehen.

Zwei Jahre später wurde die Arbeit sämtlicher Mitarbeiter analysiert. Frau P. listete wahrheitsgetreu alle ihre Tätigkeiten auf. "Das glaube ich Ihnen nicht", sagte ihr Chef, "da würden Sie ja mehr arbeiten als alle Ihre Kollegen."

Frau P. heulte nach dem Gespräch. Sie rutschte in Burnout-Phase 3: Frustration, Suchtmittelmissbrauch, Leeregefühl, Ängste, Konzentrationsstörungen. Frau P. rauchte viel, trank literweise Kaffee und abends Wein. Wenn der Chef sie nicht gegrüßt hatte, lief sie zitternd aufs Klo. Die Arbeit ging ihr nicht mehr von der Hand.

Endstufe ist die "Phase der Apathie". Den Betroffenen wird alles egal, sie ziehen sich zurück, verlieren alle Lust, alle Zärtlichkeit. In der Fachliteratur heißt es, dass sie ihre Arbeit dann "innerlich kündigen". Frau P.s Fall weicht in diesem Punkt ab von der Norm. Ihre Kündigung kam von außen. Für einen Menschen, der seinen Selbstwert aus seiner Arbeitsleistung zieht, ist eine Kündigung der GAU, der größte anzunehmende Unfall. Der Verlust des Arbeitsplatzes kann bei einem solchen Menschen die seelische Kernschmelze bewirken.

Frau P. hat eine typische Burnout-Persönlichkeit. Wenn ihre erwachsenen Kinder sie bitten, putzt sie ihnen heute noch die Fenster. Die Scheiben sind danach makellos. Frau P. würde sich sonst schämen.

Nach drei Monaten war sie wieder im Büro

Es ist die Kindheit, die solche Verhaltensmuster prägt. Frau P. hat ihre vergessen. Im ersten Bild, das sie vor Augen hat, ist sie bereits elf Jahre alt. Da geht sie ihrem Vater an die Gurgel. Sie drückt den Besoffenen an die Scheunentür. Ein Jahr später starb er am Alkohol.

Frau P. wurde früh erwachsen. Sie musste die Schweine und Bullen versorgen, den Garten jäten, die Wäsche bügeln. Ihre Mutter passte auf, dass sie keine Falte übersah. "Sonst gab's Zunder."

Mit 17 ging sie in die kaufmännische Lehre, mit 19 begann sie zu arbeiten, mit 21 kam ihr Sohn. Nach drei Monaten war sie wieder im Büro. Ihr Mann war auf Montage; der Sohn blieb die Woche über bei ihrer Mutter auf dem Dorf. Wenn Frau P. freitags kam und die Arme nach ihm ausstreckte, flüchtete er zur Oma.

Als 1976 die Tochter geboren wurde, fand Frau P. einen Kindergarten. Er lag eine halbe Stunde entfernt von der Anderthalb-Zimmer-Wohnung der jungen Familie. Morgens um halb 6 schob Frau P. mit dem Kinderwagen los. Drinnen lag das Baby, oben, auf einem Brett, thronte ihr Sohn. Um halb 7 saß sie am Schreibtisch. Ihre Kinder waren immer die Letzten, die von der Kita abgeholt wurden, um 17 Uhr.



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Viva24 26.05.2011
1. Man sollte kämpfen!
Das was man in dem Unternehemn gelernt hat anwenden und selbst in der gleichen Branche das alte Unternehmen angreifen und überholen. Erlebe dise gerade in der Weissblechverpackungsbranche!. Die Kleinen überholen die Großen, wunderbar!
faustjucken_tk 26.05.2011
2. Ich kenne dieses Gefühl
Ich kenne dieses Gefühl. Ein sinnloser Job. Ein Management, dem alles egal ist. Initiative wird nicht belohnt. Ich hatte mein Burn-Out im Job. Jetzt bin ich gekündigt mit Abfindung. Es ging mir nie besser. Von einem Tag auf den anderen FREI!!!
Izmir.Übül 26.05.2011
3. .
Zitat von faustjucken_tkIch kenne dieses Gefühl. Ein sinnloser Job. Ein Management, dem alles egal ist. Initiative wird nicht belohnt. Ich hatte mein Burn-Out im Job. Jetzt bin ich gekündigt mit Abfindung. Es ging mir nie besser. Von einem Tag auf den anderen FREI!!!
Mal sehen, wie lange dieses Freiheitsgefühl anhält, falls Sie keinen neuen Job bekommen sollten.
Newspeak, 26.05.2011
4. ...
Das Beschriebene ist doch systemtypisch. Man braucht noch nicht mal einen so miesen Chef zu haben, wie in diesem Fall, der Mitarbeiter kündigt und sich dann verleugnen lässt. Schon bei einer ganz normalen Arbeitstelle lohnt sich am Ende die Leistung nicht, von Idealismus ganz zu schweigen. In dieser Gesellschaft dürfen Kriminelle die Sozialgesetzgebung schreiben, die widerlichsten Menschen bekleiden hohe Ämter und streichen dicke Boni ein, Karriere macht doch nur, wer sowieso charakterlich überhaupt nicht dazu geeignet ist, Menschen zu führen, sondern eher zu mißbrauchen, zu manipulieren, auszunutzen. Burnout ist für mich kein Zeichen einer zunehmend komplexeren Arbeitswelt, gestiegener Ansprüche, von zu viel zu bewältigender Arbeit o.ä., und vor allem nicht nur in der Persönlichkeit des Opfers begründet, sondern einzig und allein Ausdruck eines menschenverachtenden Turbokapitalismus, der entsorgt gehört, mitsamt seinen Repräsentanten.
skully 26.05.2011
5. Ausbeutung
Man darf sich auch nicht zu sehr mit dem Job identifizieren. Ein Job ist ein Job. Das ist kein Selbstzweck. Unbezahlte Überstunden (regelmäßig) ist sowieso Ausbeutung. Identifikation mit Job ist aber wohl normal und gewollt. Die H4-Hetze tut ja ihr übriges. Ferner steht man oft vor dem finanziellen Ruin bei Arbeitslosigkeit. Zumindest muss auf viele Dinge, die man bisher hatte, verzichten.
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