Die gefährdete Generation: "Fasziniert und abgestoßen"

Von Nicola Abé

Wenn Jugendliche im Internet Pornos entdecken, sorgen sich Eltern um die Unschuld ihrer Kinder. Da hilft nur eines: offen miteinander reden.

Jugendliche und Internet-Pornos: Der große Reiz vom Verbotenen Fotos
Corbis

Als Carl seinen ersten Porno guckt, ist er 13. Sein bester Freund zeigt ihm ein Video auf der Web-Seite Youporn. Eine indisch aussehende Frau wird in einem Zelt penetriert. Die Jungs kichern ein bisschen. Schon peinlich, die Situation.

Ein paar Wochen später beschließt Carl, dass er einen eigenen Internetzugang braucht. Bisher darf er nur im Arbeitszimmer seiner Mutter surfen, jederzeit könnte ihn jemand stören. Also besorgt sich Carl einen WLAN-Stick für drahtloses Internet. Mehrmals in der Woche sieht er jetzt Pornos. Frauen stöhnen darin wie verrückt, haben immer Lust und sind wunderschön, wie Carl findet. Er hat noch nie ein Mädchen geküsst.

Eltern können kaum verhindern, dass ihre Kinder heute mit dem Weltwissen über Sex konfrontiert sind - lange bevor diese eigene Erfahrungen machen. 98 Prozent der Jugendlichen sind vernetzt. Sie haben Online-Profile auf Facebook, sie flirten in Chatrooms, sie sehen sich Pornos an. Knapp die Hälfte aller 13-Jährigen hat schon mal einen solchen Film gesehen, in der Altersgruppe der 14- bis 17-Jährigen sind es fast 80 Prozent.

Das World Wide Web hat die Jugendkultur verändert. Und es setzt auch die Themen, über die Eltern mit ihren Kindern sprechen sollten. Dazu gehört nicht nur die Bienchen-Aufklärung, sondern eben auch unverblümter Sex - beziehungsweise: Pornografie.

Corinna Rückert, Carls Mutter, sieht die Sache entspannt. "Früher haben die Jungs eben die verbotenen Heftchen von Papa unter dem Bett hervorgeholt, heute kriegen sie das Material im Internet."

Die 46-jährige promovierte Kulturwissenschaftlerin aus Lüneburg hat selbst über Pornografie geforscht, heute schreibt sie erotische Romane, eines ihrer Werke heißt "Lustschreie". Als sie in einem Magazin einen Artikel liest über die Erfahrungen von Teenagern mit Pornografie, spricht sie ihren Sohn einfach darauf an.

"Man muss den Jugendlichen einfach klarmachen, dass Pornos Fiktion sind..."

"Schaue ich mir an", gibt Carl zu. Ein bisschen unangenehm ist es ihm schon. Aber dann erfährt er interessante Dinge. "Meine Mutter hat erzählt, dass die Stellungen, die die da machen, Showstellungen sind." Rückert erklärt ihrem Sohn, dass er sich keine Sorgen machen soll, falls seine erste Freundin nicht laut stöhnen sollte beim Sex, und dass die Schauspieler in solchen Filmen viel Gleitgel verwenden.

"Man muss den Jugendlichen einfach klarmachen, dass Pornos Fiktion sind, dass Sex in der Realität völlig anders abläuft." Für Rückert gehört das zur Medienkompetenz, die Eltern ihren Kindern vermitteln sollten. "Vielen fällt es natürlich schwer, über Sexualität zu reden", weiß die Mutter. Trotzdem müsse man Kindern wenigstens beibringen, Medieninhalte kritisch zu hinterfragen, und zwar schon vor der Pubertät. "Vor dieser Verantwortung darf man sich nicht drücken."

Die größte Herausforderung sei es, in der Pubertät nicht den Kontakt zu den Jugendlichen zu verlieren. "Vielleicht nerve ich Carl manchmal mit meinen Diskussionen", meint Rückert. "Wenn er sagt: Mutter, ich habe genug geredet, dann lasse ich ihn in Ruhe." Die Kulturforscherin weiß, dass zu einer gesunden Entwicklung auch die Abgrenzung von den Eltern gehört, dass Carl ein Recht auf seine Intimsphäre hat.

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insgesamt 138 Beiträge
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1. Pornos
farview 10.09.2011
Wie auch immer man zu Pornografie stehen mag: Das allabendliche Abschlachten von Menschen in verschiedensten Krimi- und Actionformaten ist jedenfalls so gut wie nie Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Offenbar ist das Auslöschen von Leben gesellschaftlich anerkannter oder weniger empörenswert als Menschen beim Fortpflanzungsakt zu sehen.
2. Verwahrlosung der Gesellschaft.
neonpunk 10.09.2011
die Frau hat doch keine Ahnung von dem was sie da spricht. Sie war doch noch nie in den Pausen der Schulhöfen bei den Kindern dabei gewesen. Als ich 15 war, haben Klassenkameraden bei einer Klassenkameradin versucht, sie zu Gang Bang szenen umzustimmen. Letztendlich hat es auch geklappt! Unvorstellbar, dass sie da auch noch mitmacht. Am Ende hat der Klassenkamerad das Video jeden gezeigt um damit anzugeben. Ich finde, mit Reden löst man vielleicht die Offenheit und erweckt Vertrauen bzw erhält Zugang, aber es garantiert nicht die Dummheit der Jugendlichen. Vorallem ist man bei Jungs nicht so kritisch wie bei Mädchen. Bei Mädchen muss man sich als Elternteil viel mehr mühe geben, denn am Ende des Tages gebären sie das Kind, wenn da was schief läuft.
3. @ Bildreadakteur
soylentyellow1 10.09.2011
Das erste Bild der Klickstrecke kommt ja direkt aus dem Computermuseum. Außerdem: Wer raucht ist bestimmt schon 18 und darf sich auch ganz legal Pornographie angucken. Außer natürlich das Bild ist soo alt dass man damals noch mit 16 rauchen durfte... Gott Sei Dank schützt die amerikanische Verfassung mit seiner freien Meinungsäußerung unser Recht auf Pornographie, denn sonst wäre das natürlich bei uns (Stichwort Jugendschutz) gaanz streng verboten. Außerdem wäre sonst (keine durch die US Verfassung geschützte Free Speech => kein Porn) der technische Fortschritt (Stichwort Flatrate + dsl) nie so schnell gekommen wie er kam und das wäre schlecht für die Wirtschaft gewesen. Was ich aber etwas irritierend finde ist dieser Satz der besagt dass Pronographie nichts mit echtem Sex zu tun hätte. Es stimmt natürlich dass klassischer Porn mit drallen Wasserstoffblondinen und künstlichen Fingernägeln nichts mit der Realität zu tun hat, aber die ganze Pornographie 2.0 (Stichwort: youporn, nicht das geklaute Zeug sondern die echten Amateurvideos die nicht von Exhibitionisten sind) zeigt doch auch Heranwachsenden sehr schön die Bandbreite menschlicher Sexualität und dass eben nicht immer alles perfekt ist, ganz im Gegenteil! Deshalb jetzt alle wie im Musical Avenue Q: "The Internet is for porn!"
4. ...
Barksdale 10.09.2011
Die Heerschar von Moralpropheten hier mag das anders sehen, doch ich halte den Konsum von Pornographie in jungen Jahren für angemessen. Der Wissensbereich in Biologie und Anatomie wird erheblich verbessert, zusätzlich wird aufgeklärt, die sexuelle Selbstbestimmung gefestigt. Und wenn's dann mal ernst wird, weiß Bub und Dame was zu tun ist, um sich einander zu erfreuen.
5. ...
Barksdale 10.09.2011
Zitat von neonpunkdie Frau hat doch keine Ahnung von dem was sie da spricht. Sie war doch noch nie in den Pausen der Schulhöfen bei den Kindern dabei gewesen. Als ich 15 war, haben Klassenkameraden bei einer Klassenkameradin versucht, sie zu Gang Bang szenen umzustimmen. Letztendlich hat es auch geklappt! Unvorstellbar, dass sie da auch noch mitmacht. Am Ende hat der Klassenkamerad das Video jeden gezeigt um damit anzugeben. .
In diesem spezifischen Fall geht wohl mehr Gefahr von dem Intellekt des Mädchens aus, dass sich dabei mit der Handykamera filmen lässt. Ihrer Logik zufolge, müssten in Zukunft Küchenmesser ebenso verboten werden. Schließlich kommen dadurch Menschen gar zu Tode.
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