Rückenleiden Kampf dem Seelenschmerz

Die meisten Kreuzkranken leiden nicht allein an körperlichen Symptomen. Probleme in Familie, Arbeit, Partnerschaft verstärken chronische Rückenschmerzen.


Männer wie Gerhard Weimer(*) gehen nicht zum Arzt. Schon gar nicht zu einem, den sie spöttisch Seelenklempner nennen. Ein Vierteljahrhundert lang hockte der Fernfahrer tagein, tagaus auf dem Bock seines Sattelschleppers. Da hat man eine Berufsehre, ist beliebt als Kumpeltyp und hart im Nehmen.

Aber an einem Freitag vor anderthalb Jahren wollte der verheiratete Vater zweier großer Töchter nicht mehr leben. Er schluckte eine Überdosis Tabletten, wurde gerade noch rechtzeitig gefunden und mit Blaulicht in das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Berlin-Lichtenberg gebracht.

Als "zermürbt und ausweglos" habe sich der Selbstmordkandidat bezeichnet, sagt Ronald Burian, 45, Leitender Oberarzt der Psychosomatischen Tagesklinik. Schuld daran, erklärte Weimer, seien seine "fürchterlichen, unheilbaren Rückenschmerzen", die den 57-Jährigen seit Jahren quälten. Aus dem hartgesottenen Brummi-Kerl, so sah sich der Patient, war "ein hoffnungsloser Fall" geworden.

Ein Suizidversuch wegen Rückenschmerzen - das klingt dramatisch. Eine solche Entwicklung nimmt das Leiden am Kreuz zum Glück nur selten. Aber in der Berliner Klinik, wo Psychosomatik und Schmerztherapie in zwei Tageskliniken eng zusammenarbeiten, werden die jährlich rund 180 Schmerzpatienten außer auf Rücken, Herz und Nieren auch auf Seelenwunden und die sozialen Lebensbedingungen untersucht. Krankengeschichten wie die des Kraftfahrers zeigen, dass die Mehrzahl aller Eingewiesenen an weit mehr leidet als an körperlichen Symptomen.

Niedergeschlagen, antriebslos, verzweifelt, so beschreiben sich die Geplagten. Viele können nicht mehr arbeiten, ziehen sich zurück und verlieren die Hoffnung, je wieder ein lebenswertes Leben zu führen. Die wenigsten wissen, wie schicksalhaft ihr physisches Leid verknüpft ist mit jenem Teil des Selbst, der auf keiner Röntgenaufnahme und keinem Kernspin zu sehen ist: der Seele.

Die Entscheidung darüber, ob jemand vorübergehend oder dauerhaft an seinem Schmerz leidet, fällt nicht nur in Knie, Hüfte oder Kreuz, sondern auch im Kopf. Schmerzen, die akut auftreten, funktionieren als Warnsignal für den Körper, die Gefahrenquelle zu verlassen. Schmerzen, die über Monate oder Jahre anhalten, verlieren diese Schutzfunktion. Aus dem Schmerz als Symptom wird eine eigenständige Krankheit.

Dauerschmerz und Dauerstress verändern den Hormonhaushalt

Die Folgen dieser Krankheit reichen von Müdigkeit, Reizbarkeit und Erschöpfung bis zu handfesten Depressionen. Chronisch Schmerzkranke leiden in diesem Sinne doppelt: an ihrem Kreuz und an einem so diffusen wie überwältigenden, qualvollen Allgemeinzustand, gegen den keine Tablette, keine Spritze und keine Operation zu helfen scheint.

"Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen", sagt Brigitte Stöver(*), 51. Fünf Jahre Rückenschmerzen hatten das Denken und Fühlen der Betriebswirtin lahmgelegt. Bandscheibenvorfall zwischen zweitem und drittem Lendenwirbel, Arthrose und Abnutzung in den Gelenken. Die Vollzeitarbeit in einer Bundesbehörde, die drei Kinder, davon eines behindert - sie hat alles mit zusammengebissenen Zähnen erledigt. "Ich bin kein Typ, der sich hängenlässt." Als sie endlich in der Aufnahme der Klinik Herzberge saß, hat sich die kranke Frau "nicht mehr viel erhofft". Sie war sicher, "etwas ganz Schlimmes zu haben".

Das Schlimme sitzt im Hirn. Und im Rückenmark. Dauerschmerz und Dauerstress machen das zentrale Nervensystem überempfindlich für Schmerzreize und verändern den Hormonhaushalt. Nervenbotenstoffe wie Endorphine und Serotonin, die beim Gesunden das Schmerzempfinden dämpfen, geraten aus dem Gleichgewicht, Schmerzreize kommen ungebremst im Gehirn an. Sind Angst- und Stimmungszentren wie Amygdala und Hippocampus dem Trommelfeuer aus Schmerz und Stress ausgesetzt, steigt das Risiko für Depressionen; 30 bis 60 Prozent der chronisch Schmerzkranken leiden darunter.

Weil das nur wenige wissen, schleppen sie sich jahrelang von Diagnose zu Diagnose, von Schmerztablette zu Spritze zu Opiatpflaster. Viele Rückenpatienten haben Operationen hinter sich, sind punktiert, genagelt oder versteift, ehe sie von einem ratlosen Hausarzt in eine der wenigen Kliniken für Schmerztherapie überwiesen werden.

*Name von der Redaktion geändert.



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dasistdiezukunft 03.12.2011
1. Genau anders rum
Kreuzkranke (ich hab schon interlaminäre Fensterung, Sequesterektomie, Nukleotomie hinter mir) werden mit ihren Schmerzen und Problemen bei Hausärzten und Orthopäden (die unfähigsten und gefährlichsten Ärzte, die es gibt) gar nicht für voll genommen. Man wird dumm angemacht, dass man sich das alles nur einbilde, es gar nicht so schlimm sei, und überhaupt seien die Beschwerden nur psychisch. Und genau so ein Verhalten von Ärzten verstärkt die Schmerzen und die Probleme am Arbeitsplatz und in der Familie! Um einen Grad der Behinderung zu bekommen, muss man wirklich schon um 200 % arbeitsunfähig sein.
Morgenstern064 03.12.2011
2. ..
Zitat von sysopDie meisten Kreuzkranken leiden nicht allein an körperlichen Symptomen. Probleme in Familie, Arbeit, Partnerschaft verstärken chronische Rückenschmerzen. http://www.spiegel.dewissen/0,1518,796574,00.html
Ein sehr interessanter Artikel der zum Nachdenken anregt. Was war zuerst da? Die seelische Verstimmung oder das Leiden? Vor allem bei diffusen Beschwerden, wie Schmerzen oder Allergien ist bestimmt eine seelische Komponente vorhanden, die den Unterschied zwischen erträglich oder absolut nicht mehr erträglich darstellen kann. Vielleicht profitieren auch die Menschen von den Erkenntnissen im Artikel, die an einer chronischen Erkrankung leiden, die ihre Stimmung nachhaltig beeinflusst. Oft tun sich die Betroffenen sehr schwer mit den vielen Einschränkungen in ihrem Leben. Akzeptanz, ein wiedergefundener Optimismus und korrekte Benutzung von Medikamenten können einen Segen für chronisch Kranke sein. Eine Therapie bei einem spezialisierten Psychologen kann auch chronisch Kranke helfen ihre Lebensfreude zurückzugewinnen, wie ich selber auch erleben durfte.
dr. phibes 03.12.2011
3. Der Schmerz
zermürbt einen, weil Dauerschmerz. Man weiß, das kommt vom vor Monitoren hocken und setzt sich dann wieder berufsbedingt vor die Glotze oder eben auf den Fahrersitz. Computerarbeit hat den Vorteil der digitalen Demenz, da bekommt man eben nur die Hälfte mit :).
doc 123 03.12.2011
4. Wieder einmal ...
Zitat von sysopDie meisten Kreuzkranken leiden nicht allein an körperlichen Symptomen. Probleme in Familie, Arbeit, Partnerschaft verstärken chronische Rückenschmerzen. http://www.spiegel.dewissen/0,1518,796574,00.html
... ein ganz ordenlicher, fachlich gut recherchierter Artikel, der jedoch rein gar nichts bewegt, sonst würde nicht die "normale" Leidensgeschichte eines Rücken-Schmerzpatienten in der Bandenscheiben-Op enden, weil die eben gerade einmal gut bezahlt wird, von vollständigen zigfachen Röntgen-, MRT- oder CT-Aufnahmen einmal ganz abgesehen. Dabei wäre es so einfach "Schmerzen hat die Betriebswirtin heute manchmal auch. Aber viel seltener und weniger. Schmerzmittel nimmt sie keine mehr. Stattdessen betreibt sie Sport. Jeden Tag eine Stunde auf dem Ergometer, zwei-, dreimal pro Woche ins Fitnessstudio, 40 Minuten Kraft- und Ausdauertraining." Dafür müssten die Krankenkassen natürlich nicht derartig abstruse Kosten für zumeist vollständig unnötige Maßnahmen an teils korrupte und teils unfähige Ärzte bezahlen und es wären tatsächlich auch Gelder für das "normale" Patientengespräch übrig; ein Misstand, der richtigerweise in dem Artikel ebenfalls beanstandet wurde.
dr. phibes 03.12.2011
5. es ist einfacher für den
Arzt Spritzen zu geben als dem Patienten zu sagen das er sich gefälligst mal bewegen soll. Ich war mal in der Notaufnahme wegen starker Brustschmerzen. Ich wurde nach unauffälligen EKG nur gefragt ob ich Drogen nehmen würde... Der Hausarzt war da besser und schickte mich zu Massage und Rückentraining. Dies allerdings nur weil es am Anfang des Quartals war.
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