Rückenkur am Bodensee Geist, Körper, Seele

SPIEGEL-Autor Matthias Matussek über seine ayurvedische Rückenwoche


Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich den Entschluss fasste, etwas für meinen Rücken zu tun, präziser: für meinen aufrechten Gang. Ich habe noch jeden Meter des Leidensweges vor Augen, der mich an jenem Morgen vom Taxi die Stufen hinauf zum Eingang des Redaktionsgebäudes führte, jeden Halbschritt, denn ich humpelte gebückt wie Quasimodo, der Glöckner von Notre- Dame. Ich studierte die Platten im Boden. Sie passten alle.

Ich muss das erzählen, weil die Anamnese wichtig ist. Bei den allermeisten Rückenleiden spielt die Psyche eine wichtige Rolle. Das heißt aber nicht, dass sie eingebildet sind. Sie tun weh. Echt.

Kurz zuvor beim Aufstehen hatte ich einen jähen Stich im Lendenwirbelbereich gespürt. Danach hatte ich aufgeschrien. Die Ideallage für mein Kreuz war von nun an parallel zur Erdoberfläche.

Doch ich muss weiter ausholen: Einige Wochen zuvor hatte ich eine schmerzhafte berufliche Niederlage erlitten. Alle droschen auf mich ein. So sah ich es. Andere sahen das anders. Zum Beispiel jene Kollegen, jene Kolleginnen, die mir an jenem Morgen entgegenkamen.

Eine der Damen lachte, als sie mich sah. Ich kroch auf sie zu. Ich war zwar Quasimodo, die ärmste Kreatur unter der Sonne, aber sie war kein bisschen die herzensgute Esmeralda. Von unten schaute ich ächzend zu ihr auf, ich glaube sogar, ich habe die Hand ausgestreckt, um Halt zu suchen. Oder zu betteln.

Sie lachte kalt und rief "tiefer", und kicherte erneut und ging vorbei und ließ mich spüren, wie sehr meine Qual ihr den Tag versüßt hatte.

Typ "Sack"

Ich schwor mir: Nie wieder sollen von diesem Boden Demütigungen ausgehen. Und ich schwor mir: Rückentherapie!

Und dann vergaß ich.

Ich vergaß, obwohl sich mein Rücken auch in den folgenden Jahren immer wieder unangenehm in den Mittelpunkt spielte.

Er schnappte gleich am ersten Tag eines Skiurlaubs ein, worauf ich dann gemeinsam mit sehr betagten Senioren in Wolldecken gepackt von der Pensionsterrasse aus gehässig die Kunststücke der Pistenrabauken kommentierte, die sich auf ihre beweglichen Hüften wer weiß was einbildeten.

Meine Körperhaltung hat ein Arzt mal als "typischen Fleischerhaken" bezeichnet. Ich komme also öfter vor. Buckel, eingefallene Brust, Bauch. Der Bauch ist wichtig, um den Buckel auszugleichen. Eine Sache der Statik. Wenn ich sitze, bin ich eher der Typ "Sack".

Verspannungen sind die Regel. Die Ausnahmen sind die ganz große Leidensoper. Kürzlich schnappte der Rücken ein, als ich vor einer Lesung aus dem Auto stieg. Die Veranstalterin, eine junge hübsche Esmeralda, fing mich gerade noch auf und geleitete mich vorsichtig die zehn Schritte zu ihrem Buchladen.

Braver Rücken: Sie war sanftäugig und großherzig. Hätte ich erst im Laden, schwer atmend und gekrümmt, mit ihr über mein Honorar verhandelt, wäre sicher das Doppelte rausgesprungen. Und hätte ich nach der Lesung einen Hut rumgehen lassen, hätte ich mir einen jener exquisiten Wellnesstrips nach Sri Lanka leisten können, wo man meditieren lernt und ein besserer Mensch wird - und alles mit einem geraden Rücken!

Stirnguss am Bodensee

Das jedenfalls war es, was ich meinem Rücken all die Jahre versprochen hatte. Und der Rücken hatte gespürt, dass das nie sein würde. Doch dann kam dieses Angebot der Redaktion, über eine Rückenkur zu schreiben. Mein Rücken strahlte. Und ich stöberte im Internet nach Angeboten. Es gibt da sehr viel. Zunehmend mehr. Jeder nimmt heute, so scheint mir, den Rücken mit ins Programm. Meine Rede: Wir sind eine haltlose Gesellschaft.

Worüber würde sich mein Rücken freuen? Über das Heubad, das vergnügt mit gebeizten Holzbalken und Heuballen warb, lustige Buam und blonde Frauen, karierte Tischdecken, dampfende Knödel? "Du denkst mal wieder nur an den Bauch", sagte der Rücken gereizt.

Oder die krankengymnastische Variante im Norden bei Rostock, eher das strenge Programm, Medizinbälle und Isomatten und Stundenpläne wie beim Militär? "Nääää", sagten Rücken und ich gleichzeitig. Wir sind ein bisschen verweichlicht.

Es gab Fünf-Sterne-Wellness-Oasen in Österreich und in der Schweiz, die allerdings so aussahen, als spräche man dort, wenn von Handicaps die Rede ist, doch eher von Golf.

Schließlich fiel mein Blick auf einen Bannerspruch, der wie eine Verheißung war: "Wir stärken Ihren Rücken." Hammer! Ein "Privatinstitut für Ayurveda und Naturheilkunde" bot die "Rückenwoche" an. Das Bild zeigte eine junge Frau, über deren Stirn aus einem Messingkännchen in feinem Strahl Öl gegossen wird. Sie sah entspannt aus. Man konnte Jasminblüten förmlich riechen. Näher konnte ich mit meinem Rücken dem Paradies oder Sri Lanka nicht kommen. Und das Schönste: Es lag am Bodensee. Ich konnte ihn nicht sehen, aber ich bin sicher, dass mein Rücken die Becker-Faust machte und "yessss" sagte, als ich buchte.

Nadeln für den Nacken

Beim Imbiss auf der Terrasse des Bodenseehotels Sonnenhof - Dreierlei vom Bodenseefelchen, Consommé vom heimischen Reh, Vitalsalat - findet ein erstes Gespräch mit Stefan Rössler statt, dem behandelnden Arzt des Instituts.

Der Blick fällt über einen Weinberg hinüber zum See, auf den Segelboote getupft sind, die von rückenstarken Mitmenschen sicher gesteuert werden. Am Ende der Terrasse steht ein vier Meter hoher Kupferritter mit kerzengeradem Heldenrücken. Der Hotelbesitzer hatte ihn in Polen entdeckt, und, schöne Pointe, nicht geklaut, sondern für sich nachbauen lassen, so dass er zur Eröffnung im vergangenen Jahr dort aufgestellt werden konnte.

Doktor Rössler, 48, fast kahler Schädel, schüchternes Lächeln, klare Augen, breitschultrig, aber nicht unbedingt der klassische Athlet, ist gelernter Orthopäde und Chirurg.

Als solcher hätte er sicher sein Auskommen bestreiten können, hätte er sich vor 20 Jahren nicht für Akupunktur interessiert und sich in Colombo, Sri Lanka, ausbilden lassen. Und dort stieß er auch auf Ayurveda, die indische Heilkunst mit über 3000-jähriger Tradition.

In seinem Besprechungszimmer im Keller des Hotels nimmt Doktor Rössler mich in Augenschein. Er knetet mal hier, berührt dort, "kein Wunder, dass Sie oft Kopfschmerzen haben, ist ja alles verhärtet im Nacken", und dann setzt er ein paar Akupunktur-Nadeln.



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sttn 08.12.2011
1. Frauen ab Dreißig?
Diese Feststellung stimmt wirklich. Frauen ab 30 fahren voll darauf ab. Oftmals Frauen die keine Kinder haben, keine berufliche Herausforderung, keinen Partner - zumindest trifft eines davon den dreien meistens zu (Meine Beobachtung). Und warum haben viele dieser Frauen mit NLP und Psychotherapie Erfahrung gemacht? Und abgefahren wird auf alles Esoterische und so wie Esoterik nun mal ist: Nach Möglichkeit ein bischen von allem. Ob es hilft, weiß keiner. Ein wenig wohl schon, denn Bewegen hilft immer und sich mit etwas ausandernsetzen und damit dem Alltag zu entfliehen hilft auch manchen. Und das manchmal Yoga auch dazu hilft an nichts zu denken und so den Alltag zu entfliehen weiß man auch. Manche manchen das mit Yoga, andere machens das viel einfacher mit Weißbier (Yoga muss erst teuer und aufwendig gelernt werden). Letztendlich kommt bei beiden Varianten das gleiche heraus und ist wohl Geschmackssache was man macht. Am Besten ist es wohl wenn man beides nicht braucht. Also so lebt das man nicht entfliehen muß und möchte und Gmynastik macht weil es Spaß macht und Weißbier trinkt weil es schmeckt. Nur warum interessieren sich hauptsächlich Frauen (ohne Kinder, ohne beruflicher Herausforderung, ohne Partner - eines von dreien trifft immer zu) ab 30 dafür? Warum fahren diese Frauen ab auf Astrologie, Yoga und anderen esoterischen Dingen? Das zu untersuchen wäre mal interesant ...
Ursprung 08.12.2011
2. Nicht ablegbarer Ruecken
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Matthias Matussek über seine ayurvedische Rückenwoche http://www.spiegel.dewissen/0,1518,796579,00.html
Herr Matussek hat seinen Ruecken mitgeschleppt, um den vergnueglichen Bericht eines Professionellen erstellen zu koennen. Er kann ja diesen Koerperteil nicht zu Hause lassen. Da er sich voruebergehend bei aller positiven Ironie ganz gut fuehlte am Bodensee, erfasste das den Ruecken mit. Schliesslich sind wir alle ganzheitlich, waeren wir ja nicht ohne Ruecken. Wenn Herr Matussek ohne den aufgrund seines Berufes verstaendlichen Wunsches, immer mindestens gleich 2 Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, nur seinen Ruecken gesunden lassen will, so ist das simpler und weniger romantisch: 1. 6 Wochen lang einmal taeglich 15 min ein paar Rotationsuebungen auf dem naechstbesten Fussboden oder, sollte grad mal wieder ein Hexenschuss akut werden, gleich auf die Wolldecke, notfalls auch im Buero. 2. Danach nur noch einmal pro Woche die 15 min. Eigenuebungen oder mindestens einmal noch zusaetzlich, wenn nach schweren Holzfaellerarbeiten und Baumstaemme ruecken sich sein Kreuz wider Erwarten etwas lahm anfuehlen sollte. Rotationsuebungen? Entwickelt von der Schweizerin Charlotte Urban (die noch weitere tolle Eigenuebungen erfand), geadelt von Peter Hirschfeld als "Muelleruebungen" in seinem Fortbildungsprogramm fuer nichtschneidende Orthopaeden (Cyriaxpabst aus HB, jetzt im Ruhestand in Kanada, einst Chefarzt Othopadie im KH Bremen und ltd. Werder Bremen Sportarzt). Die Uebungen eignen sich auch als Soforthilfe auf der Judomatte, wenn beim Training mal wieder das Kreuz ausgerastet ist. Bei Bedarf schicke ich Herrn Matussek mal gerne meine Frau ins Buero (bitte sie darum), die wohnt und arbeitet in HH, die Urbanuebungen waren schon der Schlager im sogenannten Helfernetz innerhalb der HH Finanzbehoerde, die ja auch von rueckendegenerierten Stuhlhockern nur so wimmelt. Gelegentlich muss ich demnaechst auch mal selber ins Spiegelhaus, weil ich dort ein paar historisch interessante Bilddokumente in Verwahrung gab und die allmaehlich mal wieder zurueckhaben moechte. Ist Herr Matussek gerade da, kann auch ich ihm die Uebungen zeigen.
dasky 09.12.2011
3. Rückenkur am Bodensee: Körper, Liebe, Doktorspiele
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Matthias Matussek über seine ayurvedische Rückenwoche http://www.spiegel.dewissen/0,1518,796579,00.html
Seit der vaterlosen Gesellschaft, seiner letzten irgendwie ernstzunehmenden Zuckung, spinnt der Matussek irgendwie. Den haben die Femifaschistinnen vollkommen fertig gemacht.
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© SPIEGEL WISSEN 4/2011
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