Europameisterin Möldner-Schmidt "Ich kann mich heute über mehr freuen"

Antje Möldner-Schmidt ist die beste Hindernisläuferin Deutschlands. Trotz Lymphdrüsenkrebs kämpfte sie sich zurück an die Weltspitze. Jahrelang weigerte sich die Sportlerin, über ihre Krankheit zu sprechen. Bis jetzt.

Markus Hintzen/SPIEGEL WISSEN

Von SPIEGEL-WISSEN-Autor


Der Tag, an dem das Leben auf einen Schlag zur Katastrophe wird, brennt sich für immer ins Gedächtnis. Noch Jahre später lassen sich der Schreck, die Angst und die Hilflosigkeit so leicht und klar in Erinnerung rufen, als wäre alles erst gestern passiert. Selbst das Datum jenes Tages bleibt für immer, wie eine Tätowierung.

Bei Antje Möldner-Schmidt war es der 11. Januar 2010, ein Montag.

Die Leichtathletin war gerade im Trainingslager in Chiclana, im Süden Spaniens. Es war gegen halb neun Uhr morgens, Möldner-Schmidt saß beim Frühstück, kaute auf einem Brötchen. Plötzlich spürte sie, dass ihr eine Stelle zwischen Hals und Schulter wehtat. Sie drückte mit ihren Fingern darauf, es schmerzte noch mehr. Ein paar Minuten später merkte sie, dass sie ihr Brötchen nicht mehr richtig schlucken konnte.

Nach einer Stunde waren Möldner-Schmidts Lymphknoten am Hals geschwollen. Sie waren so dick wie ein Ei. Sie geriet in Panik. Ihre Trainerin tippte auf eine Erkältung oder Pfeiffersches Drüsenfieber. Möldner-Schmidt rief ihren Arzt in Berlin an. "Mach erst mal nichts", sagte er.

Also ging sie ins Stadion, zum Training, so wie immer. Es standen Tempoläufe auf dem Programm, kurze Distanzen, hohe Intensität. Doch schon nach ein paar Runden musste Möldner-Schmidt aufhören. Ihr schnürte es den Hals zu, sie bekam kaum mehr Luft. In diesem Moment ahnte sie, dass es nicht nur eine Erkältung war.

Antje Möldner-Schmidt, 30, gehört seit mehr als zehn Jahren zu den besten deutschen Leichtathletinnen. Ihre Disziplin ist der 3000-Meter-Hindernislauf, ein Rennen, bei dem die Sportler auf siebeneinhalb Stadionrunden 35-mal über Balken und Wassergräben springen müssen.

Möldner-Schmidt wurde viele Male deutsche Meisterin, sie startete bei mehreren Weltmeisterschaften und bei den Olympischen Spielen. Doch seit vier Jahren lebt sie nicht mehr nur das Leben einer Profisportlerin, die jeden Tag läuft und trainiert. Möldner-Schmidt musste ein zweites Leben beginnen. Als Frau, die an Krebs erkrankte - und ihn besiegte.

"Ach, das wird kein Krebs sein"

Ein sonniger Tag im Mai in Cottbus, Möldner-Schmidt, neonrote Jacke, schwarzes Stirnband, spaziert entlang der Spree auf einem Feldweg, der Pfad ist Teil ihrer Trainingsstrecke. Bislang habe sie Anfragen von Reportern zu ihrer Krankheit immer abgelehnt, sagt sie. Auch ihrer Trainerin hat sie jahrelang verboten, mit Journalisten darüber zu sprechen.

"Ich habe versucht, das Wort Krebs nicht in den Mund zu nehmen, nicht mal zu Hause gegenüber meiner Familie", sagt Möldner-Schmidt. "Das war mein Schutzschild, meine Art, damit umzugehen. Doch ich merke, dass es Zeit wird, darüber zu sprechen. Und jetzt habe ich die Kraft dazu."

Vier Jahre hat die Sportlerin gebraucht, um Fragen zuzulassen, um ihre Geschichte erzählen zu können. Manchmal macht sie sekundenlange Pausen zwischen ihren Wörtern, sie sagt oft "man" statt "ich".

Als Möldner-Schmidt 2010 aus dem spanischen Trainingslager zurückkam, war die Schwellung an ihrem Hals noch immer da. Sie ging nach Potsdam ins Krankenhaus. Die Ärzte wunderten sich, denn im Blutbild der Läuferin fanden sie nichts; dennoch erteilten sie ihr Sportverbot. Um Klarheit zu erhalten, entnahmen die Ärzte einen Lymphknoten am Hals, schickten ihn ins Labor und stellten weitere Untersuchungen an. "Ach, das wird kein Krebs sein", sagte eine Ärztin noch.

Ein paar Tage später wurde die Sportlerin ins Sprechzimmer des Oberarztes gerufen. Seine Diagnose: Morbus Hodgkin, ein bösartiger Lymphdrüsentumor, der den Körper dabei stört, Infektionen zu bekämpfen. Es ist eine seltene Krebsart, in Deutschland erkranken daran nur rund 2000 Menschen jährlich.

"Als ich das Sprechzimmer betrat, dachte ich noch: Okay, gleich kannst du packen und nach Hause gehen", sagt Möldner-Schmidt. "Als ich dann aber rauskam, war ich einfach nur leer." Zwei Lymphknoten an ihrem Hals waren betroffen, weiter hatte der Tumor noch nicht gestreut. Die Heilungschancen, sagten die Ärzte, stünden gut.

Körperliche Schwäche für Sportler besonders schlimm

Möldner-Schmidt wurde auf die Onkologie verlegt. Sie schaute sich um und fühlte sich "verloren, total fehl am Platz", wie sie sagt. Mit 25 Jahren war sie eine der jüngsten Patientinnen auf der Station. Nach einer Woche bekam sie ihre erste Chemotherapie, als Infusion in den linken Arm. Heute hat Möldner-Schmidt in ihrer Armbeuge eine Narbe, so groß wie ein Fünfcentstück, wegen der vielen Nadelstiche.

Die Nebenwirkungen der Therapie trafen sie hart: Ihre Haut bekam einen gelblichen Stich, wenn sie Essen roch, wurde ihr übel. Jeden Morgen beim Kämmen blieb ein Haarbüschel in der Bürste hängen, und auch ihre Augenbrauen wurden Tag für Tag dünner.

Spitzensportler sind Körperfetischisten. Sie sind ständig damit beschäftigt, sich selbst zu optimieren, den Organismus, die Psyche. Alles, was sie tun - essen, schlafen, trainieren -, folgt nur einem Ziel: Es geht darum, den Körper optimal einzustellen wie eine Maschine, die beim Wettkampf auf maximaler Stufe laufen muss. Einen Totalausfall der Maschine, das Versagen des Körpers, erleben Leistungssportler als besonders dramatisch.

Ein paar Tage nach ihrer zweiten Chemo verließ Möldner-Schmidt das Krankenhaus, sie wollte mit ihrem Mann durch eine Einkaufspassage in Potsdam spazieren. Doch nach zehn Minuten zitterten ihre Beine, sie schleppte sich erschöpft in ein Café. Erst zwei Stunden später hatte sie sich so weit erholt, dass sie wieder aufstehen konnte.

"Erst lacht man über sich, so ein streikender Körper hat irgendwo auch etwas Kurioses", sagt Möldner-Schmidt. "Später wird man frustriert, dann zerfrisst es einen, und man fragt sich tausendmal: Warum ich?" Vor der Krankheit lief sie bis zu 150 Kilometer in einer Woche, reiste ins Höhentrainingslager nach Südafrika oder Arizona. Nun hatte der Kampf gegen den Krebs sie so geschwächt, dass sie kaum mehr 500 Meter in der Fußgängerzone schaffte.

Erst die Heilung, dann die Gedanken über die Zukunft

Insgesamt vier Chemobehandlungen bekam Möldner-Schmidt, danach verordneten ihr die Ärzte noch zehn Bestrahlungen. Im Juni 2010 stellten die Mediziner fest, dass die Behandlung bleibenden Erfolg hatte. Auch die Strahlen verursachten zwar Nebenwirkungen - das Gewebe in der Schulter verklebte, sie konnte ihren Arm nicht mehr richtig bewegen -, doch sie galt vorerst als geheilt.

Antje Möldner-Schmidt hatte als 16-Jährige mit dem Leistungssport begonnen, sie besuchte die Sportschule in Potsdam. Danach ging sie zur Bundespolizei. Dort arbeitet sie bis heute, bis auf vier Wochen im Jahr - da ist sie für das Training freigestellt.

Auf die Frage, was ihr der Sport, das Laufen gibt, muss Möldner-Schmidt lange überlegen. Dann sagt sie: "Es ist normal für mich geworden. Ich habe nie etwas anderes gemacht."

Selbst an den schlimmsten Tagen im Krankenhaus, sagt die Sportlerin, habe sie nicht darüber nachgedacht, dass sie vielleicht nie wieder ein Rennen würde laufen können. Den Gedanken habe sie "einfach nicht zugelassen".

Ende Juli 2010 saß sie zu Hause in Cottbus vor dem Fernseher, sie sah sich die Übertragung der Europameisterschaft aus Barcelona an. Möldner-Schmidt wurde unruhig, als sie merkte, dass sie mit ihrer Bestzeit immer noch zu den schnellsten Frauen gehören würde.

"Da trainiert eine Oma"

Sie fragte ihre Ärzte, ob sie das Training wieder aufnehmen dürfe. Einige Mediziner rieten ihr davon ab, sie fürchteten, dass die Belastung das Immunsystem schwächen und der Krebs zurückkehren könnte. Andere Ärzte wiederum sahen keine Gefahr. Es gibt bislang kaum Studien oder Forschungsergebnisse zu krebskranken Leistungssportlern.

Möldner-Schmidt ignorierte die Zweifler und rief ihre Trainerin Beate Conrad an. Die beiden verabredeten sich in einem Fitnessstudio in Potsdam, es war der erste Trainingsversuch nach dem Krebs. "Wir gingen auf einen Crosstrainer", erzählt Conrad, "als ich Antje auf dem Gerät sah, dachte ich: Da trainiert eine Oma."

Beim Joggen brauchte Möldner-Schmidt jetzt knapp sechs Minuten für einen Kilometer - eine Zeit, für die Gymnasiasten im Abitur nicht mal einen Punkt bekommen würden. Doch das war ihr egal. Sie machte weiter, lief nicht nach der Uhr, sondern einfach nach Gefühl. Eine Trainingseinheit, zwei Tage Pause: Das war der Rhythmus, mit dem es Möldner-Schmidt und Conrad versuchten.

Es funktionierte. So schnell wie die Sportlerin zuvor ihre Ausdauer verloren hatte, so schnell kehrten nach der Krankheit die alten Kräfte wieder zurück.

2012 gewann sie die Bronzemedaille bei der Europameisterschaft, wenig später startete Möldner-Schmidt bei den Olympischen Spielen in London. Sie wurde Siebte. In Zürich gewann sie jetzt bei der Leichtathletik-EM Gold. Sie hatte es nach dem Krebs zurück in die Weltspitze geschafft. Ein kleines Sportmärchen.

Als Läuferin war sie wieder die Alte, und dennoch merkte sie, dass sich etwas verändert hatte. Sie konnte nicht einfach weitermachen wie vor der Krankheit. Sie konnte nicht so tun, als wäre sie nur verletzt gewesen, als wäre Krebs so etwas wie ein Kreuzbandriss.

Sie wurde angesprochen von Bekannten, die ein ähnliches Schicksal durchmachen. In Sportlerkreisen kannten viele ihre Geschichte bereits. Nach dem Olympiarennen in London kam ein Zuschauer auf die Läuferin zu. Er sagte, er leide unter derselben Krankheit wie sie. "Er nannte mich ein Vorbild. Da war ich platt, da merkte ich erst, dass ich auch ein Stück Verantwortung habe", sagt Möldner-Schmidt.

Sie trifft sich jetzt mit krebskranken Hobbysportlern, gibt ihnen Ratschläge fürs Training. Anfang Juni hielt Möldner-Schmidt einen Vortrag vor Freizeitläufern in Saarbrücken. Es war das erste Mal, dass sie öffentlich über ihren Kampf gegen den Krebs sprach.

Leicht fällt ihr das alles nicht. Sie habe jetzt "sensible Antennen", sagt Möldner-Schmidt. "Ich bekomme es sofort mit, wenn jemand in meinem Umfeld Krebs hat. Wenn jemand daran sogar stirbt, ist das wie ein Stich ins Herz. Da denkst du dann: Das hätte dir auch passieren können. Das macht mir immer noch richtig Angst."

Alle sechs Monate muss sie zur Kontrolluntersuchung. Mittels Ultraschall und Computertomografie schauen die Ärzte, ob der Krebs zurückgekommen ist. Bisher lief alles gut. Medikamente muss sie nicht mehr nehmen.

Der Sport steht nicht mehr im Mittelpunkt

Gerade stehen auf ihrem Trainingsplan 100 Kilometer pro Woche. Früher, bevor der Krebs kam, hielt sie die Vorgaben ihrer Trainerin für ein Dogma. Heute nicht mehr.

Das Leben neben dem Sport ist Möldner-Schmidt wichtiger geworden. Sie hat sich ein Pferd gekauft, sie reitet fast jeden Tag. Und sie verschiebt jetzt auch mal ihr Training, um zum Geburtstag einer Freundin zu gehen.

Die Läuferin nimmt Rücksicht, auf sich und ihren Körper. "Früher habe ich auch bei Husten Vollgas gegeben, einfach weitertrainiert. Das würde ich heute nicht mehr machen", sagt sie.

Menschen aus dem Umfeld von Möldner-Schmidt erzählen, dass die Sportlerin dankbarer geworden sei. "Ich kann mich heute über mehr freuen, über Dinge, die ich früher gar nicht wahrgenommen habe. Vögel, Rehe, Rapsfelder", sagt Möldner-Schmidt.

Sie müsse oft an eine Patientin denken, mit der sie sich im Krankenhaus angefreundet hatte. Die Frau war in ihrem Alter, sie litt an Leukämie. Die Heilungschancen standen gut, doch plötzlich ging es bergab. Möldner-Schmidt schnippt mit den Fingern: "Puff, weg war die Frau. Auf einmal gestorben. So schnell ging das."

Ob sie ihre Sportkarriere nach dieser Saison fortführen wird, weiß sie noch nicht. Sie will das im Herbst entscheiden. Die Läuferin schmiedet keine langfristigen Pläne mehr. Antje Möldner-Schmidt sagt: "Ich lebe mein Leben jetzt lieber in kleinen Schritten."

Aus SPIEGEL WISSEN 3/2014

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
alev4044 18.08.2014
1. Gratulation!!!!
Zitat von sysopMarkus Hintzen/SPIEGEL WISSENAntje Möldner-Schmidt ist die beste Hindernisläuferin Deutschlands. Trotz Lymphdrüsenkrebs kämpfte sie sich zurück an die Weltspitze. Jahrelang weigerte sich die Sportlerin, über ihre Krankheit zu sprechen. Bis jetzt. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/antje-moeldner-schmidt-ueber-ihren-lymphdruesenkrebs-a-986638.html
Eine schonungslose Aussage, die auch nach meinen gemachten Erfahrungen anderen an der gleichen Krankheit erkrankten Menschen durchaus noch helfen kann.
zaunreiter35 18.08.2014
2. Gratulation
Das erinnert mich ein bischen an Claudia Böhler, der Ski-Rennläuferin, die in Sotschi sich auch eine Bronze-Medaille abholte. Mein Respekt ihr auch weiterhin und dafür, dass sie den Knopf zum Umschalten gefunden hat.
sibser 18.08.2014
3. Weiter so!
Nie unterkriegen lassen! Die Angst verschwindet mit der Zeit, und das "normale Leben" nimmt wieder seinen Lauf. Bei mir wurde Morbus Hodgkin mit 17 Jahren festgestellt, dieses Jahr hab ich meinen 50-sten gefeiert! Diese Krankheit zählt bei relativ früher Diagnose zu den meist geheilten Krebsarten! Lebe dein Leben, Antje!
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