Aussteiger auf irischer Insel Der Mann im Meer

Als Pól Ó Muireasáin aus seinem Job gemobbt wurde, war er am Ende. Einen neuen Anfang fand er am Rande der Welt, in der Einsamkeit einer unbewohnten irischen Insel.

Frank Patalong

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Pól steht mit aufgekrempelten Hosenbeinen wadentief im Wasser und tastet sich durch den dichten Bewuchs zwischen den Felsen. Vorsichtig fängt er filigrane, fast durchsichtige kleine Garnelen, fährt mit den Fingern durch Pflanzen, findet ein paar Seeigel.

"Wir haben vergessen, wie viele dieser Dinge wir essen können", ruft er den Leuten am nahen Ufer zu, "und vieles davon ist wirklich köstlich. Wenn ich das Meer sehe, sehe ich meinen riesigen, kostenlosen Supermarkt. Was ich hier mache, ist Shopping!"

Die zwei Dutzend Leute, die ihm nun schon weit über eine Stunde folgen, lachen. Viele von ihnen wissen eine Menge über das Meer und das, was es an Nahrung bietet. Sie sind die Enkel und Kinder von Fischern, manche werfen selbst noch ihre Hummerkörbe, ihre Netze oder Angeln aus.

Aber niemand von ihnen weiß so viel wie Pól, der Städter, der zum Einsiedler wurde. Seit einiger Zeit ist er so etwas wie eine kleine Berühmtheit. Irische Medien berichten über ihn als den "Forager", den Jäger und Sammler, den Wildbeuter des Meeres. Er ist der Mann, der noch weiß, welches Seegras man essen kann und wie man aus getrocknetem Zuckertang leckere Snacks bereitet. Über Facebook hat er das in den letzten zwei, drei Jahren Tausenden von Menschen erklärt. Manche tauchen plötzlich auf, um ihn zu treffen und von ihm zu lernen. Einmal reiste einer aus Amerika an.

Dieser Text erschien zuerst im SPIEGEL-Wissen-Themenheft "Weniger ist mehr". Am 8. März 2017 wurde er mit dem Journalistenpreis Irland von Tourism Ireland ausgezeichnet.

Aus SPIEGEL WISSEN 5/2015

An diesem sonnigen Julitag führt Pól eine Besuchergruppe über die Insel Gola. Die liegt vor Irlands Nordwestküste, direkt westlich des Dorfs Derrybeg. Gerade einmal 2200 Meter sind es in gerader Linie von Pier zu Pier, und doch wirkt die Insel, als wäre sie aus der Zeit gefallen.

Noch 1950 lebten hier mehr als 130 Menschen. Manche Familien waren seit Jahrhunderten Gola-Bewohner, auch wenn die Bindungen zum Festland eng waren. Denn zum Gottesdienst musste man über das Wasser, und nur die ungetauft gestorbenen Kinder begrub man auf dem Cillín der Insel, dem ungesegneten Friedhof für die kleinen Verlorenen. Eine idyllische, grausam-schöne Heimstatt mit Blick auf Meer und Berge.

Als es 1967 nicht mehr gelang, zehn Kinder für die Schule von Gola zu finden, wurde diese geschlossen. Das stellte die Bewohner vor eine harte Wahl: ihre Kinder entweder aufs Festland zu schicken oder die Insel gemeinsam mit ihnen zu verlassen. Bald gingen die ersten Familien mit schulpflichtigem Nachwuchs. Schließlich wurde es auch den anderen zu einsam.

Ab 1969 war die Insel menschenleer, der Cillín wurde noch gepflegt, die meisten Häuser nicht. Der Verfall begann. Erst riss es Löcher in die Dächer, Scheiben splitterten, die Nässe kroch ins Gemäuer. Der Putz fiel von den Wänden, und das Holz von Türen und Fenstern verrottete, als die schützende Farbe verschwand. Irgendwann fiel die erste Mauer.

Gola heute, das sind Wiesen und Moore, Ruinen und Felsen, sanfte Hügel und kleine Klippen. Das ist der Atlantik und der Wind, den er bringt. Er treibt die salzige Gischt und den Regen horizontal vor sich her und beißt alles weg, was sich nicht duckt. Kein Baum wächst auf Gola, und die Sträucher könnte man zählen.

Gola, das ist das Ende der Welt, zumindest aber Europas: Westlich davon liegt nur Amerika.

Den Sommer über sieht Eddie Joe Mac Aoidh, den sie den ungekrönten König von Gola nennen, auf der Insel nach dem Rechten. Und Michael Curran, der bei allen nur "Sabba der Skipper" heißt, bringt nostalgische Altinsulaner über das Wasser und einzelne, verirrte Touristen: Nehmen Sie Verpflegung mit, sagt man denen. Denn auf Gola gibt es nichts.

Die Besucher kommen, laufen um die Insel und freuen sich über die Einsamkeit und Stille. Über Kormorane und Möwen auf den Felsen, über die Robben im Wasser, und den Glücklichsten zeigen sich vielleicht Delfine. Vor allem schwärmen vom Blick zurück ans Land: Wie eine Aussichtsplattform liegt die Insel im Meer, von der man auf die Highlands von Donegal sieht.

"Hier ist der schönste Ort der Welt", sagt Pól. Vielleicht stimmt das.

Pól Ó Muireasáin kam nach Gola, als ihm das Land nicht mehr einsam genug war. Zunächst, sagen Síle Uí Ghallchóir and Maírin Uí Fhearraigh, hätte man nicht so recht gewusst, was er wollte. Die beiden Frauen sind die Köpfe der Gola-Kooperative Coiste Forbartha Oileán Ghabhla, die versucht, die Insel wieder zu beleben. Pól war gekommen wie andere Tagesbesucher auch. Und dann blieb er einfach, bei jedem Wetter, über Nacht, über Tage, über Wochen, Monate, nun Jahre.

Er schien kaum etwas zu tun, erzählt Síle, die einst als letztes Kind noch auf Gola geboren wurde: Man sah ihn hier und da herumlaufen oder angeln. Nachts rauchte es aus dem Kamin des verfallenen Hauses, dessen Grundstück der Familie gehört, die drüben in Derrybeg das Fischrestaurant Seán Óg's betreibt. Die schienen nichts dagegen zu haben.

"Er machte keinen Dreck, er machte nichts kaputt, er störte niemanden", sagt Eddie Joe. Und wenn man jetzt nach Gola kam, war jemand da. Ein seltsamer, aber auch ziemlich lustiger Vogel. Der war sich nicht zu schade mitanzupacken, wenn Hilfe gebraucht wurde. Irgendwann begannen Eddie Joe und die anderen, auch Pól zu helfen, wenn er etwas brauchte. "Es hat zwei Jahre gedauert", sagt Pól, "aber dann haben sie mich akzeptiert. Inzwischen haben sie mich adoptiert."

Was auch bedeutet, dass man über einander wacht. Denn bei aller Idylle ist das Leben zwischen Meer und Fels nicht ohne.

Zweimal hat es Pól in den letzten Jahren fast erwischt. Einmal fand ihn Eddie Joe verletzt zwischen den Felsen. Einmal rettete er sich selbst, als er beim Angeln auf See wohl mit dem Kopf auf einen Felsen schlug. Es gelang ihm, ans Ufer zu schwimmen. Die Nacht überlebte er, weil er sich noch rechtzeitig die nassen Klamotten vom Leib zog.

Seitdem trägt er einen Helm im Boot. Der ist pink und ein Geschenk, ein "hand-me-down". Pól stört so etwas nicht, er ist dankbar. Er empfindet das soziale Netz, das ihn selbst in der Einsamkeit umfängt, als wärmende Sicherheit. Er weiß: Wenn ich echten Mangel habe, wird mir jemand etwas geben. Wenn ich nicht auftauche, dann kommt jemand und sieht nach mir. Es ist das Gegenteil von dem, was er über Jahre erlebte.

Pól ist 49 Jahre alt und für einen Iren ungewöhnlich groß. Er hat ein breites Kreuz, trägt die Haare und den Bart kurz. Er wirkt fit und vom Wetter gegerbt. Seine grauen Augen strahlen meist, er redet und lacht sehr, sehr viel, und immer ist er in Bewegung. Weil es ja auch immer etwas zu sehen oder jemanden zu treffen gibt. Sein Tag ist eine Abfolge von Erlebnissen und Erfahrungen. "Nicht alle sind gut, aber alle sind wertvoll", sagt Pól.

Er liebt die Welt, und meist liebt sie ihn zurück.

"Er ist etwas Besonderes"

Wer ihm nur flüchtig begegnet, auf den wirkt er wie ein großes Kind. Drüben im Dorf sehen sie ihn als Exzentriker, als genialischen Clown, schrägen Gelehrten oder freudiges Feierbiest. Manche meiden ihn, weil er ihnen "zu viel" ist. Doch die meisten schätzen ihn, gerade weil er "ein bisschen verrückt" sei, wie Clíodhna Barr sagt, die Wirtin vom Seán Óg's. Clíodhna gehört zu einem Kreis von Leuten, die ein Auge auf Pól haben und ihn unterstützen. Sie füttert ihn mit sensationeller Fischsuppe, wenn er an Land ist.

"Clíodhna ist eine echte Freundin", sagt Pól.

"Er ist etwas Besonderes", sagt sie. "Und was er macht, ist gut für uns alle."

Clíodhna hat erkannt, dass Pól weit mehr ist als ein Arbeitsloser, der sich originell ernährt. Er kann pausenlos plaudern, scherzen und Unsinn erzählen. Und dann zitiert er mittendrin unvermittelt Nietzsche oder Hesse, irische Schriftsteller oder englische - und natürlich auf Deutsch, auf Gälisch oder Englisch. Er ist ein seltsam widersprüchliches Unikum.

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An diesem Julitag sind die letzten überlebenden Einwohner Golas und ihre Nachkommen Póls Gäste, wenn man so will. Einmal im Jahr kommen sie zum Gola-Fest "Féile Ghabhla" zusammen und besuchen die Insel.

Pól lebt inzwischen seit vier Jahren hier, zumindest während der wärmeren Monate. Wenn es kalt wird, wohnt er in einem einfachen, alten Haus auf dem irischen Festland, das ihm jemand für sehr wenig Geld vermietet. Auch das ist, wie er weiß, eine Art Unterstützung durch die Leute in Derrybeg.

Auf der Insel lebt er in einem winzigen Zelt, das er im Windschatten einer Ruine errichtet hat. Einen Raum des Hauses hat er vom Schutt geräumt und das Dach soweit geflickt, dass es seine Kochstelle schützt: den alten, offenen Kamin. Hinter einem verfallenen Schuppen liegt sein Kajak, mit dem er rund um die Insel fischt. Trinkwasser holt er sich von einem unverschlossenen Schuppen in der Nähe des Piers. Das war es.

Es kommt vor, dass er sich über Tage und Wochen fast nur von dem ernährt, was ihm das Meer bietet. Er wäscht sich darin, und draußen vor den Felsen wirft er auch den Eimer in die Wellen, den man braucht, wenn es keine sanitären Anlagen gibt. "Im Grunde", sagt Pól, "ist ja alles Fischfutter."

Man kann kaum einfacher, einsamer leben. Eigentlich ist Pól Ó Muireasáin ein freiwillig Obdachloser, und seine Platte ist eine knapp zwei mal drei Kilometer kleine Insel.

"Das ist alles, was ich brauche"

Die Besuchergruppe passiert seine Heimstatt auf dem Weg hinunter zur Südspitze von Gola. Da will er ihnen Essbares aus der Gezeitenzone zeigen. Alle sind neugierig, weil alle von ihm gehört haben. Pól lebt so, wie die ärmsten ihrer Vorfahren einst lebten.

"Das ist alles, was ich brauche", sagt er. Sein Publikum lächelt und nickt, weil man das versteht, sich auch wehmütig daran erinnert, aber selbst nicht mehr so leben will. "Meine Mutter", erzählt eine alte Frau, die sich am Rand der Gruppe auf einen großen Felsen gesetzt hat, "hat auch See-Salat gesammelt. Die wusste das alles noch." Sie lächelt versonnen und schaut auf Póls blass-blaue Beine, wie er durch das Wasser stakst. "Es ist schön, dass nicht alles vergessen wird."

Tatsächlich steht Póls Lebensweise in einer uralten Tradition der Jäger und Sammler, Muschelsucher und Seetang-Esser, Angler und Hummerfänger. Als einer von wenigen weiß er noch, dass grüne Seeanemonen frittiert zwar wie ein geschmolzenes Kondom aussehen, "aber wirklich lecker sind".

Seinem Publikum erklärt er auch, dass die vermeintliche Armut der Insel einmal die Lebensversicherung ihrer Bewohner war: Als die Kartoffelfäule von 1845 bis 1852 halb Irland in einer katastrophalen Hungersnot entvölkerte, blieben die Bewohner der kleinen Inseln unbeschadet. "Sie fanden ihr Essen hier zwischen den Steinen. Das hat sie gerettet."

Nicht nur sie.

Im Video: Was das Meer hergibt - Aussteiger Pól Ó Muireasáin

Frank Patalong

Auch er selbst, sagt Pól, verdanke der Insel sein Leben. "Gola", sagt er, als er spät am Abend frisch gefangenen Seelachs und Makrelen über dem offenen Feuer grillt, "hat mich geheilt. Die Insel hat mich gereinigt. Sie hat mich ganz gemacht."

Dass er dort landete, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Auch Pól Ó Muireasáin hatte einmal eine Karriere. Er hatte Geld, einen Titel, Verantwortung. Er war ein hektischer, getriebener Mensch.

"Pól? Wie wird man zum Jäger und Sammler?"

Er lächelt.

Das, sagt er, sei "eine lange Geschichte. Aber ich habe kein Problem, darüber zu reden".

Begonnen hatte alles damit, dass Pól Ó Muireasáin sich retten wollte. Denn vier Jahre zuvor hatte er komplett vergessen, wofür er lebte.

Geboren wurde er im katholischen Teil des nordirischen Derry. Auf den Straßen seiner Kindheit begann in einer Eruption mörderischer Gewalt der nordirische Bürgerkrieg. Seine Kindheit verlief für Zeit und Ort normal: mit Soldaten und Straßenschlachten und wütenden Mobs, die Steine warfen und Busse zu brennenden Barrikaden machten. Mit Plastikgeschossen und Tränengas und einer parteiischen Polizei, die in Panzern fuhr - zu oft auch über Menschen. Mit der perversen Omertà und Selbstjustiz der Paramilitärs, die Fehlverhalten eigener Leute mit Knie-Durchschüssen ahndeten. Mit Bomben und Waffen und Toten und jeder Menge Hass. Vor allem aber mit der ständigen, latenten Drohung eines Alltagsrassismus, in dem sich zwei Ethnien anhand ihrer Namen und Konfessionen definierten: Ein Paul war protestantisch und englisch. Ein Pól war katholisch und irisch.

Er gehört nicht zu denen, die noch darüber grübeln. Es gibt zu viele, aus denen nichts wurde, weil sie dort hineingeboren wurden. Wer raus wollte, musste studieren.

Pól studierte Gälisch, Kymrisch und Deutsch. Er ist wie ein Schwamm, der Vokabeln und Grammatik aufsaugt. Nebenbei eignete er sich in wenigen Jahren Spanisch, Italienisch, Französisch und Baskisch an. Spricht man ihn Niederländisch an, rattert er sofort los, schnell und fließend: "Nur ein bisschen, nicht wirklich gut, aber man versucht es halt, oder?"

Und sagt dann: "In meiner Brüsseler Zeit habe ich versucht, Flandrisch zu lernen."

Er arbeitete wie besessen, und Freizeit hieß natürlich Party

Die Brüsseler Zeit: Über Jahre hatte sich Pól mit meist kurzfristigen Verträgen durchgeschlagen. Er arbeitete als Übersetzer, als Lehrer. Ein Jahr hier, ein paar Monate Pause, eineinhalb da - eine nordirische Karriere. Dann wurde am 1. Januar 2007 das Gälische zu einer der 24 offiziellen Amtssprachen der Europäischen Union gemacht.

"Plötzlich brauchte die EU-Kommission jemanden, der juristische Texte, die zum Beispiel aus dem Deutschen ins Gälische übersetzt wurden, Korrektur lesen konnte." Er bewarb sich und wurde der erste Korrekturleser für gälische Dokumente, den die Regierung der Republik Irland nach Brüssel entsandte. "Auf zwei Jahre befristet, vom irischen Staat an die Kommission entliehen. Für mich hieß das, dass ich quasi zwei Gehälter bekam."

Plötzlich verdiente er an einem Tag mehr als das, was man in Nordirland in der Woche als Stütze bekommt. Er arbeitete wie besessen, und Freizeit hieß natürlich Party. Mit einem Mal waren Dinge möglich, die sein Leben lang undenkbar waren. Brüssel war ein Rausch, die Biere waren schwer und kräftig, die Nächte lang, die Arbeitstage länger.

Er genoss den Dauerdruck genauso wie das opulente Leben. Er zündete die Kerze von beiden Seiten an und freute sich am warmen Licht. "Am Ende der Zeit in Brüssel", sagt er, "hatte ich nichts."

Außer einem Job, denn er blieb im öffentlichen Dienst. Die Regierung in Dublin versetzte ihn in eine Kulturförderungsbehörde nach Donegal. Da aber war er plötzlich dieser Karrierist, frisch importiert aus Brüssel, und dann noch ein Nordire. Alles Bombenleger, weiß man doch, Unruhestifter!

Irgendwie verpasste Pól, was sich anbahnte. Die kleinen, dann größeren Nickeligkeiten, die wachsende Ablehnung. "Gewehrt habe ich mich das erste Mal, als sie mich in ein Büro ohne Fenster verlegen wollten." Nun erst wurde ihm klar, was passierte. Sie mobbten ihn pausenlos, machten ihn zum Paria. Man sprach über, aber nicht mit ihm, monatelang. Der freundliche Pól hatte dem nichts entgegenzusetzen. Als auch noch seine langjährige Beziehung zerbrach, kollabierte er.

"Ich konnte einfach nicht mehr, ich war fertig. Am Ende sagte ich meinem Vorgesetzten: Ich komme nicht wieder. Dann ging ich einfach."

Das klingt cooler, als es war. Er wusste nicht, was er tun oder wohin er gehen sollte. Und vor allem: wozu?

Mitte vierzig, arbeitslos und psychisch am Boden. Ohne Beziehung oder Familie, ohne nennenswerten Besitz, ohne Wohnsitz, der auch Heimat gewesen wäre. Er war entwurzelt und völlig ohne Richtung.

"An diesem Tag nahm ich meine Angel und mein Fahrrad und fuhr einfach los. Und irgendwie landete ich auf einem Boot, ich weiß gar nicht mehr wie. So fuhr ich zum ersten Mal nach Gola. Es war so schön da, so ruhig, ich brauchte gar nicht denken."

Und dann fiel er aus der Welt.

Er angelte Tage, Wochen, Monate. Und er lernte: suchen, sammeln, finden. Fokussieren, wahrnehmen, genießen. Anfangs sprach auch hier kaum einer mit ihm, dafür zerrissen sie sich das Maul über ihn: Was war das für ein Verrückter, der da "obdachlos auf Gola" spielte? Sie gaben ihm den Spitznamen Pól Bicycle, weil man ihn im Dorf nur auf einem alten Drahtesel sah, wenn er mal herüberkam. Er angelte ein Jahr lang. Und dann noch eines.

Die Stütze holt man bei der Post, aber leben kann man davon kaum. Irgendwann begann dann das Dorf, ihn zu unterstützen. Und irgendwann entdeckten die Ersten sein Potenzial. Clíodhna, die ihn fütterte. Die Leute im Wohltätigkeitsladen Vincent de Paul, die erst Kleider, irgendwann auch Tüten mit knapp abgelaufenen Lebensmitteln brachten. Aber Pól war ein Sozialfall anderer Art.

Nach zwei Jahren Einsamkeit fand er die Sprache wieder. Er hatte vieles in der Zeit gelernt: Eddie Joe hatte ihm Grundsätzliches über Essbares aus dem Meer gezeigt, auch andere gaben ihm Tipps weiter. Pól sammelte und merkte sich, was sie ihm beibrachten, und irgendwann wusste er mehr als jeder von ihnen. Er begann, in Büchern nach mehr zu suchen. Er fand das Meeresleben.

Irgendwann begann Pól, Bilder und Berichte seiner Fischzüge und ausgedehnten, oft über Tage gehenden Wanderungen bei Facebook zu posten. Besonders seine Rezepte kamen an, die Zahl seiner Facebook-Freunde stieg steil. Er begann, sich weitergehend zu engagieren, Nachrichten zu verteilen: Im Frühjahr zog er mit Freiwilligen über die Flanken des Errigal, um den Berg vom Müll zu befreien. Er ist vorneweg dabei, wenn dagegen protestiert wird, dass die krisengebeutelte Regierung die Zahl der Landärzte zusammenstreichen will. Er trommelt für Gola, für Donegal, für die Berge, für die Menschen, die kaum Arbeit haben. Und um Touristen, die es nur so selten soweit nach Norden verschlägt.

Hier, trommelt er, ist der beste Ort der Welt: zu arm, zu einsam, zu arbeitslos, zu unterversorgt. Dieser Ort hat mehr verdient, trommelt er, kommt, seht, genießt, liebt! Dies ist der beste Ort der Welt!

Irgendwann kamen sie, quasi aus dem Nichts: erst Facebook-Freunde, die all das einmal in natura sehen wollten. Dann die ersten Lokalreporter. Pól hat das nicht geplant, es geschah einfach, so wie ihm sein Notausstieg einfach passierte.

All das hat ihn verändert. Einmal, erzählt er, begegnete er nachts vor seinem Zelt einem Hirsch, neben Schafen und Ziegen gibt es auf Gola auch Rotwild. Mensch und Tier sahen sich gleichermaßen verblüfft ins Auge. Pól: "Wahrscheinlich dachten wir beide: Hey, was machst du denn hier?"

Ihm wurde klar, dass die Zeit des Rückzugs vorbei war. "Ich bin jetzt wieder bereit, weiterzumachen", sagt er: "Gola war meine Katharsis."

Im Frühjahr durchlief er erneut die Eignungsprüfungen für Übersetzer der Europäischen Union. Er bestand, es mag sein, dass er nach Brüssel zurückgeht. Wenn das passieren sollte, sagt er, wolle er alles anders machen: "Ruhigbleiben und sparen. Und dann hierhin zurückkommen und ein Haus kaufen oder wieder aufbauen."

Fortzugehen wäre nur Mittel zum Zweck, um zurückkommen zu können. Denn auch wenn er gehe, blieben Gola und das einfache Leben das Ziel.

"Weißt du", sagt er, "ich bin ganz bei mir, wenn ich durch das Wasser wate und nach Essbarem suche. Ich bin dann ganz und gar konzentriert. Ich sehe und beobachte und fühle und rieche. Ohne zu denken. Da ist nur das Meer und all das Leben darin."

Es sei etwas unermesslich Wertvolles in dieser gedankenlosen Ruhe, sagt Pól. Etwas, das zu viele von uns vergessen haben.

Etwas, das uns heilen kann.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
guillermo_emmark 09.03.2017
1.
Ein toller Mensch!
maximovie 09.03.2017
2. Schöner Bericht, danke.
Schöner Bericht, danke.
Gauswadl 09.03.2017
3. Wunderbar geschrieben
Keine grün-öko Litanei, sondern das Beschreiben eines menschlichen Lebens.
giraffentreiber 09.03.2017
4.
Bester Mann. Ich las dereinst (einen Link muss ich leider schuldig bleiben, mir bleibt nur mein Gedächtnis), dass Sammlergesellschaften im Gezeitensaum fähig wären, pro Person und Stunde 1500 kcal an Nahrung aufzulesen. Hauptsächlich wohl Muscheln und Krebse. Das hängt gewiss auch vom Klima und lokalen Ökosytem ab, aber dennoch: Respekt! So ist der Nahrungsbedarf der Gemeinschaft mit 2-3 Stunden Arbeit am Tag locker erfüllt, selbst wenn nicht alle mitmachen (können). Das rückt den 8-Stunden-Arbeitstag (oder mehr) westlicher Gesellschaften in ein ganz anderes Licht. Interessieren würde mich, ob sowas auch in der Ostsee funktioniert, denn dort habe ich mich eine Zeit lang oft aufgehalten. Die Ostsee ist nicht besonders biodivers (Seeigel und Anemonen sucht man wohl vergeblich), und die darin vorhandenen Fische sind ohne größeren Aufwand nicht herauszubekommen. Ich stelle mir das recht schwierig vor, habe aber leider auch keinen Vergleich zum Nahrungsreichtum(?) und Angebot der Atlantikküste.
lequick 09.03.2017
5.
Super Artikel, vielen Dank.
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