Deutschland-Gefühl Was Heimat bedeutet

Heimat ist die Sehnsucht nach Verwurzelung, die Liebe zu Dialekten, Kindheitsglück - doch gilt das überall in Deutschland? Eine Reise zu Heimatverbundenen in der Provinz. Im Westen, Norden, Osten und Süden.

Gebirgsschützen in Kreuth
Florian Generotzky / SPIEGEL WISSEN

Gebirgsschützen in Kreuth

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In Deutschland Heimat zu finden fällt leicht. Der Begriff ist mittlerweile allgegenwärtig. Er taucht auf im Café Heimat zu Bad Tölz (Motto "Dahoam is' wo's Gfui is'") am ersten Tag dieser Deutschlandtour und er kehrt regelmäßig wieder - bis zum Abflug in Berlin-Tegel. Dort wird durchreisenden Globetrottern noch kurz vor dem Boarding "The Taste of Heimat" geboten: veganes Speiseeis, Becher und Wildblütensamen-Deckel kompostierbar, pro Packung 3,50 Euro.

Die Illusion, Heimat sei häppchenweise zu haben, nähren nicht nur Werbetexter. Ein ganzer Wirtschaftszweig profitiert von der Sehnsucht Weitgereister nach Verwurzelung, nach Zugehörigkeit zu einer gewachsenen Kultur: Billigdirndl-Händler hinterm Münchner Hauptbahnhof gehören genauso dazu wie die Makler von auf alt getrimmten Reetdach-Zweitwohnsitzvillen an den Küsten Sylts.

Wer zwei Wochen lang Deutschland durchquert, im Gepäck die Frage, was Heimat jenseits von Kommerz und Massenkultur ausmache, der lernt viel über Landschaft und Licht, über Dialekte, Leibspeisen, Kindheitsglück. Die Frage, was davon wichtig ist, wird von Mensch zu Mensch, von Region zu Region unterschiedlich beantwortet.

Der mutmaßlich größte gemeinsame Nenner, auf den sich Deutsche in Sachen Heimat einigen können, ist das Ja zum Heimatverein. 530 Stützpunkte satzungsgemäß organisierter Heimatliebe gibt es bis heute allein in Nordrhein-Westfalen; 212 sind es in Bayern, wo zusätzlich 47 Gebirgsschützen-Kompanien und 165.000 Trachtenvereins-Mitglieder die Tradition hochhalten - unbeugsam wie Pfahlwurzler inmitten fortschreitender Erosion. Werden sie der rasanten Globalisierung standhalten?

Reichersbeuern braucht keinen Heimatverein. Die beschauliche Gemeinde im Isarwinkel hat Handfesteres zu bieten: eine der traditionsreichsten Gebirgsschützen-Kompanien im bayerischen Oberland, mit Wurzeln, die zurückreichen ins Jahr 1492.

Oberbayerns Gebirgsschützen, Verteidiger "alpenländischer Sitte und wehrhaften Brauchtums", verstehen sich als Garanten bayerischer Lebensart. Wenn die Männer zu festlichen Anlässen in Kompaniestärke "ausruck'n", am Leib die kurze Lederne, auf dem Schützenhut Gamsbart oder Spielhahnfedern, den Karabiner geschultert, dann wird entweder der Muttergottes - der Patrona Bavariae - gehuldigt oder den in zwei Weltkriegen wie auch im Kampf für Bayerns Selbstbestimmung gefallenen Kameraden.

Bei der Kompanie Reichersbeuern marschiert eine Frau, die an Festtagen das Schnapskörberl, aber keine Waffe mitführen darf - obwohl sie am Gewehr den Männern längst etwas vormacht: Josefa Gistl, 29 Jahre alt, Bürokauffrau, blond, blauäugig, fesch.

Aus SPIEGEL Wissen 6/2016

Wer die Josefa beschreiben will, steht vor einem Problem. Würde wortwörtlich wiedergegeben, was sie sagt, verstünden nördlich von München nur wenige, wovon die Rede ist. Wird hingegen ins Hochdeutsche übersetzt, geht das Wichtigste verloren: die Seele der Bayern - der Dialekt, samt seiner Untertöne und Untiefen.

Frage: "Josefa, wie lange dauert's, bis du in Miesbacher Festtagstracht ausgehfertig bist?" Antwort: "Midsamd'n Kambbin g'langd a Schdund ned." Übersetzung: Rechnet man das Hochstecken der Haare hinzu, brauche ich mehr als eine Stunde.

Frage: "Was muss eine Marketenderin mitbringen, die in einer Gebirgsschützen-Kompanie unter lauter Männern gelandet ist?" Antwort: "S schadt nix, wenn's ned aufs Mei g'foin is'." Übersetzung: Schlagfertigkeit ist von Nutzen.

Da, wo Josefa Gistl lebt, in Reichersbeuern bei Bad Tölz, sieht Oberbayern so aus, als hätten die Fremdenverkehrswerber noch mit Photoshop nachgeholfen: filigrane Kirchtürme mit wuchtigen Kuppeln in Zwiebelform, grasendes Milchvieh auf grünen Matten vor Alpengipfeln und in den Dörfern Wirtshäuser, die diesen Namen verdienen.

Heimat, sagt Josefa Gistl, sei ein Bild mit vielen Schattierungen: Dazu gehört für sie der Blick vom eigenen "Kanapee aus auf die Benediktenwand"; auch der Duft, wenn bei der Heimkehr nach langer Reise "Zwuler" auf dem Herd stehen, eine Art Kartoffelnudeln, wie sie nur die Mama hinbekommt; und dazu gehört vor allem der "Z'sammahoid" - die Gemeinschaft mit der Familie, den Freunden und den Schützen.

Man muss nur sehen, wie die Josefa an diesem Septembersonntagmorgen, bei Kaiserwetter im Voralpenland, antritt zum Bundesschießen der Gebirgsschützen in Kreuth, bodenlanges Dirndl zu Pumps und Schützenhut; wie sie sich erst mal eine "Zielhoiwe" bestellt, ein Weißbier, bevor es zum Schießstand geht; und wie sie schließlich das Sieben-Kilo-Kleinkalibergewehr anlegt, um 94 von 100 möglichen Punkten abzuräumen - mehr als die meisten Herren der Schöpfung, die das Ganze aber mit Humor nehmen.

ein Katalog bayerischer Trachtenanzüge
Florian Generotzky / SPIEGEL WISSEN

ein Katalog bayerischer Trachtenanzüge

Männlicher Dialog zur Linken: "Hast was getroffen?" - "Ja. Viele Bekannte". Männlicher Dialog zur Rechten: "Wie ist's gelaufen bei dir?" - "Hoibzach" (mittelmäßig). - "Wenigstens hast die ganze Scheib'n ausg'nutzt und ned nur d'Mitt'n."

Schießen ist Josefas Leidenschaft, sie tritt in der Bundesliga für einen Münchner Verein an. Doch bei den Gebirgsschützen dabei zu sein, im halbsteifen Mieder der Miesbacher Tracht, mit Silberkette und Fransentuch, das bedeutet ihr mehr: "Erstens ist es eine Ehre, von der Kompanie gefragt zu werden; und zweitens geht es bei uns nicht nur ums Schießen, sondern ums Miteinander und Füreinander, auch um den Glauben - auch wenn ich keine bin, die jeden Sonntag in die Kirch' rennt."

Sagt's und mischt sich wieder ins Getümmel der Festveranstaltung, für das sich die Gebirgsschützen keinen passenderen Ort hätten aussuchen können: Nur ein paar Hundert Meter entfernt liegt das alte Kurhotel von Wildbad Kreuth, jahrzehntelang Tagungsort der Quasistaatspartei CSU, Bühne bayerischer Muskelspiele, Stein gewordenes Symbol des "Mia san mia".

Hier wie vielleicht nirgendwo sonst ist zu spüren, welche Widersprüche der bayerische Mensch - zur Verwunderung vieler Nichtbayern - mühelos in seinem Selbstverständnis vereint: renitent und rauflustig zu sein, aber strukturell staatsfromm; dazu in der Heimat verwurzelt, aber mit der Welt vertraut; und stolz auf die, wie Roman Herzog urteilte, "geglückte Symbiose aus Laptop und Lederhose".

Josefa Gistl passt da als Beispiel ganz gut. Sie und ihre Freundinnen sind moderne Frauen in traditionellem Gewand: Auch wenn sie in Tracht gehen, ist das Smartphone mit den WhatsApp- und Facebook-Nachrichten in Reichweite, und wenn sie sich was in den Kopf setzen, dann machen sie es: "Zuletzt war ich mit der Johanna, der anderen Schützenliesl, drei Wochen auf Kuba", sagt Josefa Gistl. "Aber nix Varadero und Strand, sondern mit dem Leihwagen ab über die Insel."

Die Burschen, die bei diesen Frauen zum Zug kommen wollen, müssen was draufhaben. Zum Glück ist der Freund von der Josefa Mitglied der ruhmreichen Wackersberger Gebirgsschützen. Wenn die unter Böllerschüssen durchs Dorf marschieren, die Kompaniefahne mit dem bayerischen Löwen voran, und rein in die Kirche zu den Klängen der Deutschen Messe von Haydn, dann ist das ein Schauspiel von fast schon archaischer Anmutung.

Bundesschiessen der Gebirgsschützen in Kreuth
Florian Generotzky / SPIEGEL WISSEN

Bundesschiessen der Gebirgsschützen in Kreuth

Oben, auf dem Heiglkopf, wo die Wackersberger unter dem Gipfelkreuz eine Gedenktafel für "Unsere toten Kameraden" angebracht haben, stand in der NS-Zeit ein zehn Meter hohes Hakenkreuz, nachts von brennenden Fackeln umrahmt - aus dem Heiglkopf war der Hitlerberg geworden. Nach dem Krieg galt es, überall in der Gegend Spuren zu beseitigen. Der Reichsadler mit dem Hakenkreuz in den Krallen, der die Tölzer Isarbrücke zierte, wurde eingeschmolzen und zu einer Marienstatue verarbeitet. Aus einzelnen Schützenscheiben mussten die Namen verdienter SS-Junker geritzt werden.

Die Gebirgsschützen, im 19. Jahrhundert offiziell dem bayerischen Heer eingegliedert, wurden erst 1951 wieder eigenständig. Als "Bannerträger" im Kampf gegen den "oft seelenlosen Wandel der Gesellschaft" werden sie abends in Kreuth gepriesen vom Festredner, einem schwäbelnden Staatssekretär. Doch an Josefa Gistls Tisch wissen sie die Zeichen der Zeit zu deuten: "Früher", brummt einer, "waren wir wichtiger - da ist zur Siegerehrung mindestens ein Minister aus München gekommen."

Drohen die Gebirgsschützen samt ihrem Festhalten am Brauchtum zur Staffage zu verkommen? Auch in Bayern, in Deutschlands größtem zusammenhängenden Dialektgebiet, ist die Hochsprache rasant auf dem Vormarsch, auch in Bayern leeren sich die Kirchen und ändern sich die Sitten. Nur vielleicht langsamer als anderswo.

Josefa Gistl jedenfalls wird mit der Waffe dabeibleiben. Bis sie heiratet oder ein Kind kriegt, darf sie auch in der Kompanie mitmarschieren. Und für die Zeit danach ist gleichfalls gesorgt. Zwei jüngere Schwestern scharren schon mit den Füßen.

Bottrop. Tief im Westen, dort, wo es dem Vernehmen nach besser ist, als man glaubt, liegt unter anderem Bottrop. Eine der meistgeschmähten Städte des Ruhrgebiets.

In Bottrop gibt es einen Heimatverein, gegründet 1913. Der wacht seither über den Zustand und den Ruf der Stadt. Von 530 Mitgliedern sind allerdings nur zwei jünger als 50. Und so trifft man sich denn zu Vertellkes in der Seniorenbegegnungsstätte, zu Klönnachmittagen, Grünkohlessen und Fahrradtouren. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, könnte der traditionsreiche Heimatverein Bottrop in spätestens einer Generation Geschichte sein.

"Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl", sang Herbert Grönemeyer einst, tief im Westen, und so gesehen war der Heimatverein vielleicht nicht die richtige Adresse für eine Erkundung der Lage in Bottrop. Also geht es nun erst mal 1000 Meter in die Tiefe mit dem Förderkorb, runter zu Schacht 10 im Norden der Stadt.

Prosper-Haniel in Bottrop ist die letzte aktive Steinkohlenzeche im ganzen Ruhrgebiet - die letzte von ehemals 150. Fast eine halbe Million Menschen haben im Pott von der Kohle gelebt, jetzt sind es noch 2793. Am 31. Dezember 2018 ist auch in Bottrop endgültig Schicht im Schacht.

"Meine Heimat ist der Berchbau", sagt mit Ruhrpottfärbung in der Stimme der hagere Muskelmann, der als Antriebshauer abwetterseitig im Flöz G2F arbeitet. Eigentlich heißt er Yilmaz Cetindere, aber alle hier nennen ihn "Everybody" - weil er als Scherzkeks wie auch als Kumpel beliebt ist. Jedermanns Darling eben. Everybody ist 1969 in Corum nördlich von Ankara geboren, "aber direkt mit Pampers" ins Ruhrgebiet gekommen, wo Papa damals schon unter Tage rackert. Mit 16 darf dann auch der Sohn ran, lernt Bergmechaniker auf Zeche Achenbach, ehe es auf Wanderschaft geht: Wann immer Everybodys Zeche schließt, zieht er weiter zur nächsten. Über Ickern 3 ("war chillig dort, da gab's noch Bier in der Kantine"), General Blumenthal und Zeche Auguste Victoria in Marl schließlich nach Bottrop.

Die Zeiten, da Kumpel noch stolz waren, "auf der Seilscheibe" zu wohnen, also mit Blick auf den Förderturm, sind vorbei. Everybody muss jetzt jeden Morgen um 3.37 Uhr - "da bin ich streng" - in Dortmund mit dem Auto los, um eine Stunde später in der Waschkaue bei Prosper-Haniel seine Sachen aus dem Pingelkorb klauben zu können: feuerfeste Unterwäsche, Helm, Schweißtuch, Schutzstiefel.

Raus aus dem Förderkorb, und rein geht's in die Lore im Bauch des Bergwerks. Everybody zieht nun die erste von zahllosen Prisen pro Schicht. "Schnupftabak ist gut gegen Staub und bringt kleine Verschnaufpausen", sagt er - das zählt, wenn man zu zweit zentnerschwere Baumstämme schleppt: "Die Atmosphäre hier unten, in diesem Drecksloch, ist mit nichts zu vergleichen, harte Arbeit schweißt zusammen."

Kantinenkost für Kumpel
Maurice Kohl / SPIEGEL WISSEN

Kantinenkost für Kumpel

Der Flöz als Heimat? "Was wir hier noch bis 2018 machen, ist so eine Art Sterbebegleitung", sagt einer der Kumpel. Das klinge sentimental, treffe aber den Kern: "Wir wollen bleiben bis zum Schluss." Everybody flüchtet sich derweil in schwarzen Humor: "In meinem nächsten Leben gehe ich wieder auf Zeche", sagt er, "auch die Hölle muss schließlich beheizt werden."

Ob er, der angibt, in Deutschland werde er "Ausländer" und in der Türkei "almanci - Deutschländer" genannt, daran denkt, irgendwann nach Corum in Anatolien zurückzukehren, dorthin, wo er als Kind die Großeltern Walnüsse hacken und Traubensaft pressen sah? "Nein", sagt Everybody. Auch ohne den Bergbau, der ihm eine zweite Heimat und Wohlstand bescherte, will er bleiben.

Aber was wird aus Bottrop, wenn Silvester 2018 das letzte Stück Kohle gefördert ist? Die Freizeitindustrie, schon jetzt vor Ort mit dem "Grusellabyrinth" in der alten Waschkaue von Zeche Prosper und dem Alpincenter auf der ehemaligen Abraumhalde, wird nicht ersetzen können, was den Menschen mit den Zechen verloren geht: der Arbeitsplatz und der Stolz auf die Heimat.

"Da verschwindet dann auch in Bottrop mehr als nur ein Industriezweig", sagt ein Sprecher der Ruhrkohle AG. Der soziale Kitt drohe brüchig zu werden: "Seit drüben in Dinslaken-Lohberg die Zechen zu sind, beherrschen Rechtsextreme und RadikalIslamisten den öffentlichen Raum."

Von Radikalisierung will zumindest Everybody nichts wissen. Zwar trinkt auch er neuerdings nicht mehr, betet fünfmal pro Tag und besucht eine Moschee in der Nachbarschaft, aber das sei seine Privatsache: "Ich weiß, dass Heimat Integration voraussetzt", sagt er, "und richte mich danach."

Wie zum Beispiel? Die Antwort kommt prompt, und mit Grinsen: "Eiserne Regel: Niemals sonntags Auto waschen."

Sylt. Deutschlands schillerndster Heimatverein hat seinen Sitz auf Sylt - im Gegensatz zur Mehrheit der 2700 Mitglieder. Die wohnen überwiegend woanders. Es handelt sich um heimwehkranke ehemalige Sylter, schwerreiche Zweitwohnsitzler sowie treue Freunde der Insel und der Idee, "dieses Juwel in der Nordsee zu schützen". Der Söl'ring Foriining, friesisch für Sylter Verein, gegründet 1903, residiert am Keitumer Kliff - in einem prachtvollen alten Kapitänshaus, das gleichzeitig ein Heimatmuseum beherbergt. Direkt daneben lebt eine der letzten Ursylterinnen: Renate Schneider, 69 Jahre, Spross jener legendären Dynastie, von der die Inselchronik "Die Lassens von Sylt" handelt.

Darin geht es vor allem um Merret Lassen aus Rantum, die ihrem Mann, einem 1809 auf Sylt gestrandeten norwegischen Seefahrer, 21 Kinder schenkte - darunter acht spätere Kapitäne; eine resolute Frau, die den dänischen König Frederik, ihretwegen angereist auf Sylt, mit einem trockenen "Majestät wollten mich sehen?" empfing: "So schaue ich von vorne aus und so" - halbe Drehung - "von hinten". Anschließend entschwand sie wieder.

Renate Schneider ist Merretts Nachfahrin in sechster Generation und gilt im Heimatverein als wandelndes Gedächtnis jener Zeit, da Sylt noch durch Walfang zu Wohlstand kam; da die Inselsprache noch Söl'ring war, Sylter Friesisch, und am Pidersdai, dem Petritag, wie bei den alten Germanen Ting gehalten wurde. Der Gerichts- und Tanztag läutete die Walfangsaison ein, an deren Ende "immer viele auf See geblieben" waren, sagt Schneider, verunglückt auf den Weltmeeren.

Wenn am Vorabend des Petritags - Motto "Tjen di Biiki ön" (Zünd die Biike an) - das Dorf zusammenströmte, um aus Reisig, Reet und Christbäumen in den Dünen das rituelle Frühjahrsfeuer zu entfachen, war das der Höhepunkt im Jahresablauf, ein Brauch mit heidnischen Wurzeln. Kinder bekamen Frisco-Brause, heiße Würstchen, neue Kleider, die Erwachsenen feierten bei Grünkohl, Schweinebacke und Kochwurst.

Den Brauch gibt es noch. Aber wenn Schneider, eine der letzten Muttersprachlerinnen auf Sylt, am Festtag ihre Rede auf Söl'ring hält, in einer seit 40 Generationen gebräuchlichen Sprache, versteht sie kaum einer mehr. "Das Problem begann nach dem Krieg, als wir unsere eigenen Betten für die ersten Urlauber räumten", sagt Schneider: "Da begannen wir, aus Höflichkeit mit den Touristen Hochdeutsch zu sprechen."

Inzwischen ist Sylt auf Gedeih und Verderb an das Geschäft mit den Fremden gekettet. Von diskreten Geldadligen, die in restaurierten Reetdachhäusern weitgehend unter sich bleiben, über saufende Kegelbrüder und -schwestern auf der Westerländer Friedrichstraße bis zu Hobbyornithologen, die zur "Piepshow" im Watt vor Morsum anreisen - so gut wie jedem wird auf Sylt geboten, was er sucht.

Seitdem am Nacktstrand bei Buhne 16 und im Zentrum von Kampen Jetsetter anlandeten, ist der Trend ungebrochen: Das Leben auf der Insel verteuert sich, und die Einheimischen werden weniger. Offiziell 15.000 Menschen leben noch dauerhaft auf Sylt, die tatsächliche Zahl aber liegt wohl weit niedriger. In Keitum, Morsum und Tinnum sind die Hauptschulen geschlossen. Ende 2014 hat auch die Geburtsklinik dichtgemacht. Echte Sylter kommen nicht mehr zur Welt.

In Morsum, wo der Vorsitzende des Heimatvereins lebt, bewohnten nach dem Krieg noch durchschnittlich vier Menschen ein Haus. Inzwischen hat sich das Verhältnis beinahe umgekehrt. Viele Sylter sind hoher Mieten wegen aufs Festland übergesiedelt und pendeln zur Arbeit zurück auf die Insel. Als "Schienenscheißer" verspottet, müssen sie mit dem Zug über den Hindenburgdamm, ehe sie wieder zu Hause sind.

Um der rasanten Veränderung auf ihrer Insel gegenzusteuern, stemmen sich die Leute vom Heimatverein ins Zahnrad der Zeit: geben Söl'ring-Unterricht für Anfänger, basteln mit Schülern wieder den Jöölboom aus Salzteig für die Adventszeit, kämpfen für Küstenschutz und gegen grenzenlose Bebauung. Aber Renate Schneider macht sich nichts vor. Sie muss nur im Winter, außerhalb der Saison, vors Haus treten, um zu sehen, wie einsam es rund um sie geworden ist: "Alles so finster und nur leer stehende Häuser."

Von ehemals drei alten Damen in ihrer Nachbarschaft, alle Mitte neunzig, lebt nur noch die Witwe des blinden Sylter Korbmachers. In den Häusern der anderen laufen bereits Umbauarbeiten. Im 900-Seelen-Dorf Keitum gibt es mittlerweile 37 Luxusboutiquen. Durchs Fenster ihres Reetdachhauses aus dem 18. Jahrhundert blickt Renate Schneider auf die lautlose Prozession vorbeigleitender Cabrios und Cayennes.

Heimat, sagt die Rentnerin, "das ist für mich der Geruch des Watts bei Ebbe, das ist Salzgeschmack auf der Zunge, Heidelbeersammeln in den Lister Dünen und Picknick mit Mettwurst". Aber getreu dem friesischen Motto "Rüm Hart, klaar Kimming" - weites Herz, klarer Horizont - bleibe dem Heimatverein und ihr selbst nichts anderes übrig, als immer auch nach vorn zu schauen und sich Neuem zu öffnen.

Schon ihr eigener Vater, geboren in Guben an der Neiße, sei ja hier als Fremder angekommen, sagt Schneider. Ganz zu schweigen von ihrem Ehemann: Der heißt mit Vornamen Agbodan, ist der Sohn eines togolesischen Dorfhäuptlings und reinigt nachts in Westerland die Züge, in denen Touristen wie "Schienenscheißer" auf Sylt eintreffen.

Die Kinder, die Agbodan mit in die Ehe brachte, sind so dunkelhäutig wie er. Frau Schneider hat ihnen erst mal Friesisch beigebogen - mit durchschlagendem Erfolg. Der Sohn arbeitet nun als Verkäufer in einer Kampener Edelboutique, und wenn er heimkommt, fragt er zur Freude der Mutter: "Wat heestu deling geköket?"

Das ist Söl'ring und heißt: Was hast du heute gekocht?

In Görlitz westlich der Neiße bedeutet Heimat vor allem: Phantomschmerz. Die Stadt war von 1815 an Teil der preußischen Provinz Schlesien. Nach dem Zweiten Weltkrieg büßte sie ihr Hinterland ein: Ganz Schlesien, mit Ausnahme von Görlitz und Umgebung, fiel 1945 an Polen.

Die ehemals blühende Tuchhändlermetropole, Deutschlands reichste Stadt, wurde zum Fluchtpunkt der Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten. Manche blieben in Görlitz hängen, viele zogen weiter. Was ihnen zuvor widerfahren war, galt in der DDR als Tabu. Laut offizieller Sprachregelung hießen die Vertriebenen "Umsiedler" - mehr als vier Jahrzehnte lang.

Erst nach der Wende wurden die Biografien durchsichtig, Wunden öffentlich, Wurzeln bloßgelegt. Das Bekenntnis zu Niederschlesien brach sich bei vielen Bahn. Was Heimat wirklich bedeutet, wissen ja am besten jene, die sie verloren haben. Nirgendwo werden Schlesisches Himmelreich und Schneekoppen-Baude, Bunzlauer Keramik und Eichendorffs Lyrik stärker beschworen als in der prunkvoll restaurierten Görlitzer Altstadt.

Ein Heimatverein entstand - ausgerechnet hier, am Ufer der Neiße, wo nicht wenige gerade zum zweiten Mal einen Zusammenbruch erlebten: Nach dem Deutschen Reich samt schlesischer Heimat war auch die DDR krachend kollabiert. Plötzlich also wieder Kommando zurück: Ein schlesischer Tippelmarkt wurde eingeführt, und die Aktivistin Marianne Scholz-Paul, in original Schreiberhauer Tracht mit handgeklöppelter Golddrahtspitze, schritt der schlesischen Renaissance voran.

Heute sind die gelb-weißen Fahnen Niederschlesiens in Görlitz kaum mehr zu sehen, der Heimatverein ist aufgelöst. Stattdessen gibt es einen Einzelkämpfer, der versucht, an die Stelle der eigenen, der verlorenen Heimat eine Idee zu setzen - den Traum von einer deutsch-polnischen, grenzüberschreitenden Anstrengung, Niederschlesien ein neues Gesicht zu geben.

Hartmut Heinze, geboren in Schlesiersee, heute Slawa, war noch nicht fünf Jahre alt, als die Rote Armee 1945 vor Lodz stand und die Mutter ins Tagebuch schrieb: "Es gibt für uns keine Rettung mehr." Tage später ging der Treck nach Westen ab.

In der DDR war der junge Heinze lästig, verweigerte den Dienst in der Nationalen Volksarmee, verweigerte den Austritt aus der Kirche und schlich sich schon 1965 erstmals über die nun sogenannte Friedensgrenze nach Polen, in seine alte Heimatstadt Schlesiersee. Er knüpfte Kontakte und Freundschaften, er baute auf, was bis heute Bestand hat: "Ich liebe die Polen", sagt Heinze, "obwohl ich dort nüscht zurückhaben will."

Regelmäßig überquert der Mann, der in der DDR Schülern Russisch und Englisch lehrte, bis heute die Grenze nach Zgorzelec, in die auf polnischer Seite gelegene Görlitzer Vorstadt. Dort kennt er sich aus, dort hatte er sich bereits vor der Wende mit West-Presse eingedeckt. Nun sorgt er seit Jahren schon dafür, dass sich im Haus der Touristen an der Partisanenstraße Polen und Deutsche näherkommen - beim gemeinsamen Sprachunterricht.

"Dokad czesto podrózujesz?" - Wohin reist du oft?, fragt die Sprachlehrerin, und Heinze antwortet mühelos auf Polnisch. "Für mich sind Görlitz und Zgorzelec zwei Teile einer Stadt", sagt er. Auch in seiner Geburtsstadt wirbt er für Verständigung: "Schlesiersee ist meine Heimat, aber wenn ich dort bin, erkläre ich allen, auch den Jungen im Lyzeum, erst einmal, was ich tue - damit die nicht in Ohnmacht fallen."

Heinze ist Idealist. Dass das Projekt Europastadt Görlitz-Zgorzelec nicht alle so vorbehaltlos unterstützen wie er, nimmt er zur Kenntnis. Der Görlitzer Oberbürgermeister etwa, ehemals SED-Parteisekretär im volkseigenen Waggonbauwerk und Mitglied der Betriebskampfgruppen, widmet sich der Völkerfreundschaft an der Neiße mit erkennbar dosiertem Aufwand.

Aber hat nicht Görlitz, Deutschlands östlichste Stadt, für die Verbrechen der Nationalsozialisten einen besonders hohen Preis gezahlt? Wo, wenn nicht hier, wäre der richtige Ort, um aus dem Schmerz über die verlorene Heimat Schlüsse zu ziehen?

Mit dem Kapitel Vorkriegsschlesien hat Hartmut Heinze, so wie andere auch, abgeschlossen. Als symbolischer Beleg dafür mag Schaukasten 810 des Schlesischen Museums zu Görlitz dienen: Dort hängen nun die Schlüssel, mit denen die Schlesier ihre Besitzungen vor der Vertreibung verriegelt hatten - überzeugt davon, sie würden zurückkehren können.



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