Leben auf dem Land Ein Dorf in Bewegung

Braunshausen im Sauerland versucht, mit einem ungewöhnlichen sportlichen Mitmachprogramm die Dorfgemeinschaft zu stärken - und die Fitness seiner Bürger.

Dorfjugend beim Tischtennis
David Carreno Hansen/ SPIEGEL Wissen

Dorfjugend beim Tischtennis

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An diesem Abend sind es 18 Männer und Frauen, die ins Gemeindehaus am Dorfplatz kommen - neugierig, wie so oft in letzter Zeit. "Was wir gleich ausprobieren", sagt Elke Buchwald und rollt die graue Gymnastikmatte aus, "gab es bei uns noch nie." Dann streckt sich die schlanke Frau auf dem Boden aus und konzentriert sich auf die monotone Stimme der Kursleiterin: "Atmet tief aus und ein", klingt es durch den Saal. "Fragt euer Herz, was es heute erzählen möchte. Es darf hier und jetzt geschehen."

Meditation und Körperreise in Braunshausen, einem Ort mit kaum 330 Einwohnern im Hochsauerland. Regen prasselt auf die hügelige Landschaft, während die Kursleiterin im Saal von einem Teilnehmer zum anderen geht und einer Klangschale vibrierende Töne entlockt. Sie hat eine Kerze angezündet, an der Wand hängt im Halbdunkel das Abbild des gekreuzigten Jesus, neben der Eingangstür zieht sich ein Tresen durch den Raum. Die Braunshausener feiern ihre Feste in diesem Saal; sie tagen hier, wenn wichtige Entscheidungen anstehen; sie bestimmen die Vorsitzenden ihrer Vereine. Und neuerdings gilt dieser Raum im ersten Stock auch als Geburtsort eines sozialen Experiments.

Eine Gruppe engagierter Männer und Frauen hat hier nach zahlreichen Gesprächen, Umfragen und Diskussionen "Sport plus" ersonnen: ein Konzept, mit dessen Hilfe die Braunshausener fit und gesund bleiben wollen - und das gleichzeitig ihre Dorfgemeinschaft stärken und dem Ort beim Überleben helfen soll. "Für Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und Leistungsfähigkeit, für Menschen mit und ohne körperliche Einschränkungen und Behinderungen", so steht es in dem mehrseitigen Positionspapier. "Gegen Vereinsamung, Isolation, Ausgrenzung und Landflucht." Gemeinsamer Sport, einschließlich der anschließenden geselligen Runde, stärke den sozialen Zusammenhalt und fülle Lücken, "die unsere Politik nicht füllt".

Rückengymnastik, Yoga, Zumba

Elke Buchwald räkelt sich, als die Kursleiterin die Probestunde mit Glockengebimmel beendet. "Super Erfahrung, totale Tiefenentspannung, wir könnten den Kurs in unser Programm aufnehmen", sagt die 59-Jährige, die als ehemalige Ortsvorsteherin alle Ideen für das neue Konzept gebündelt hat. Auch Ulrich Lingen, ein 62-jähriger Handwerksmeister für Sanitär- und Heizungsbau, streckt behaglich Arme und Beine von sich: "Ich war fast weg."

Braunshausen sucht den Weg in die Zukunft
David Carreno Hansen/ SPIEGEL Wissen

Braunshausen sucht den Weg in die Zukunft

Rückengymnastik, Yoga und Zumba gehören zum Kursprogramm, einige Dorfbewohner haben Gruppen für Nordic-Walking gebildet, andere radeln regelmäßig zusammen durch die Wälder an der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Gerade in Orten wie ihrem seien verbindende Aktivitäten wichtig, so sehen es immer mehr Männer und Frauen in Braunshausen. Nach und nach seien die alten, die traditionellen Treffpunkte verschwunden: Die Postfiliale hat ebenso wie das Lebensmittelgeschäft für immer geschlossen, es gibt keine Schule, keinen Kindergarten, auch bei der Arbeit in der Landwirtschaft begegne man sich kaum noch. Von den früher zahlreichen Bauernhöfen werden nur noch drei bewirtschaftet - und selbst der Fußballverein, einst über das Sauerland hinaus bekannt, kann wegen Mangel an Nachwuchs keine Mannschaften mehr aufstellen. Früher trainierten auf dem Sportplatz, der neben der Kapelle auf dem Berg oberhalb des Ortes liegt, Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen.

"Wir mussten umdenken", sagt Lingen, der 1974 den SV Braunshausen Grün-Weiß mitgegründet hatte und sich bis heute an alle großen Siege erinnert. "Wir brauchen inzwischen Angebote, bei denen jeder, egal wie alt er ist, spontan mitmachen kann. Und es müssen Sportarten sein, die auch dann noch funktionieren, wenn nur ein paar Leute verfügbar sind." Schon vor 18 Jahren fand Lingen, die Zeit sei reif für Veränderungen; seither trainieren Kinder und Erwachsene in zwei offenen Tischtennisgruppen einmal in der Woche im Gemeindesaal. "Aber seitdem wir im vergangenen August den Themengarten eröffnet haben, hat Sport hier noch einmal eine neue Dimension bekommen."

Fünf wartungsfreie Fitnessgeräte stehen nun in einer dicht bewachsenen Talmulde am Ortseingang. So wie "Sport plus" ist auch der Themengarten ein Gemeinschaftsprojekt, dabei waren die rund 900 Quadratmeter am Wehlenbach zuvor eine umkämpfte Zone. Solange dort das Kneipp-Tretbecken stand, in dem die Kinder planschten, während die Mütter in der Sonne saßen, herrschte Frieden. Aber als der Platz nach den Vorschriften der nordrhein-westfälischen Landesregierung renaturiert werden sollte, konkurrierten die Braunshausener mit einem Mal hartleibig um Ideen: Wildwuchs oder Kulturpflanzen? Unkraut oder Rosenhecke? Naturbelassen oder gepflegt?

Es gehe um den Ortseingang, das Aushängeschild!, argumentierten die einen. Es gehe um Ökologie, Naturschutz!, hielten die anderen dagegen. "Sowohl als auch" lautete am Ende die salomonische Lösung im Geist von "Sport plus": Nun pflegen einige das Kräuterbeet, an dem sich jeder bedienen kann, andere haben eine ökologisch einwandfreie Wildblumenwiese angelegt, und die Nächsten halten den rankenumspielten Pavillon sauber oder knipsen verblühte Hortensienzweige ab. Und sie alle, auch ehemalige Gegenspieler, begegnen sich am Crosstrainer, Twister oder Doppelreck oder auch in den Kursen, die sie im Frühling vom Gemeindesaal in den Garten verlagern.

"Wir haben noch einiges vor", meint Lingen. "Etwa zwölf Leute wollen sich demnächst bei Spezialisten schulen lassen, um an den Outdoor-Geräten Fitnesskurse geben zu können." Schon jetzt trainieren manche Bewohner, die früher zu den Sportstudios der umliegenden Städte fuhren, lieber im heimatlichen Themengarten. Um auch körperlich behinderte Menschen einzuschließen, sollen Angebote wie Sitzyoga und Atemmeditation hinzukommen, eine eigens errichtete Bank ohne Rückenlehne steht bereits inmitten von Rosensträuchern. Und für alle, die sich zu schwach fühlen, um den Weg durchs Dorf zum Garten allein zurückzulegen, wollen die Braunshausener einen Abholdienst organisieren.

Man habe im Ort schon immer Wert auf Gemeinschaft gelegt, sagt eine Sekretärin, die nach der Arbeit im Büro regelmäßig an den Geräten trainiert. "Aber das neue Konzept führt dazu, dass wir noch mehr aufeinander achten - und dass auch junge Familien das Gefühl bekommen, in einer aufgeschlossenen Umgebung zu leben."

Sponsoren dringend gesucht

Sie hätten alles aus den eigenen Portemonnaies bezahlt, erzählt Buchwald, fast 7000 Euro für Pflanzen und Material. "Aber uns fehlten 15.000 Euro für die Fitnessgeräte. Sie mussten witterungsbeständig sein, und das bedeutete: Edelmetall." Keine einzige Firma aus dem Umland habe sich als Sponsor gewinnen lassen. "Wir waren denen wahrscheinlich zu abgedreht und gleichzeitig zu unbedeutend."

Buchwald klingt amüsiert. Am Ende ihrer vergeblichen Bitt- und Betteltour recherchierte sie im Internet und reichte das Konzept schließlich bei Wettbewerben "für besondere Ideen mit gesellschaftlicher Relevanz" ein.

Es decke immerhin alle Aspekte ab, auf die solche Jurys Wert legten, fand sie: Inklusion, Ökologie, Gleichberechtigung, Generationengerechtigkeit. Seither häufen sich im Dorf die Preise, und der Deutsche Olympische Sportbund zeichnete das Projekt mit einem zweiten Platz als "Stern des Sports" aus.

Meditation
David Carreno Hansen/ SPIEGEL Wissen

Meditation

Aufbruch. Mit Wolldecken und Gymnastikmatten unterm Arm verlassen die Kursteilnehmer das Gemeindehaus. Fast die Hälfte zieht noch zusammen weiter, auf dem Holztisch im "Haus Wiesengrund" werden gleich Gläser mit Radler und Bier stehen, die Wirtin hat mitmeditiert. Während des kurzen Fußwegs spinnen zwei Frauen an einer neuen Idee: Mit dem restlichen Preisgeld aus den Wettbewerben könne man vielleicht Slacklines kaufen, überlegen sie. Gegenüber der Dorfkirche verwaise der Minigolfplatz - und wenn dort erst einmal Balancierseile angebracht seien, lasse sich bestimmt auch dieser Platz wiederbeleben.

Buchwald blickt auf den Berg mit der Kapelle, die wie an jedem Abend angestrahlt leuchtet. Auch der alte Fußballplatz dahinter liegt meistens brach. Nur ab und an vermieten ihn die Braunshausener für ein Zeltlager. Doch noch immer pflegen die Dorfbewohner das Spielfeld und das Vereinsheim so penibel, als trügen sie dort weiterhin jede Woche Turniere aus.

"Natürlich leben hier auch Skeptiker, die bezweifeln, dass Braunshausen nur lebendig bleibt, wenn man sich bewegt", sagt Buchwald. "Wenn es für alle im Ort gut ausgehen soll, dürfen sich die Bewahrer nicht ausgeschlossen fühlen. Deshalb müssen wir unbedingt darüber nachdenken, wie sich auch oben auf dem alten Platz bald wieder möglichst viele Leute begegnen."



insgesamt 2 Beiträge
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Newspeak 05.05.2018
1. ...
""Aber uns fehlten 15.000 Euro für die Fitnessgeräte. Sie mussten witterungsbeständig sein, und das bedeutete: Edelmetall."" Ja, so ein Fitnessgerät aus Gold oder Platin ist teuer. Gemeint war wohl Edelstahl. Ansonsten ist die Grundidee gut. Trotzdem ist es schade um die alten Treffs. Die ergaben sich nämlich meistens eher ungezwungen. Nicht nach Plan oder Verabredung. Einfach weil die Menschen im Alltag aufeinander trafen. Für Menschen, die keine Vereinsmeierei mögen, sind diese Angebote wohl weniger gemacht.
helisara 05.05.2018
2.
Gibt es in dem Ort auch noch andere Angebote, oder werden die, die mit Sport nichts anfangen können oder wollen, ausgeschlossen?
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