Jüdisches Leben: Die Welt der 613 Gesetze

Von Dietmar Pieper

Jüdisches Leben: Die Welt der Gesetze Fotos
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Wie soll ein frommer Jude leben? Shlomo Bistritzky ist vor zehn Jahren nach Hamburg gekommen, weil er Antworten auf diese Frage hat.

Gott verlangt viel von einem gläubigen Juden. Gleich nach dem Aufstehen muss Shlomo Bistritzky sich die Hände waschen, denn nachts ist der Mensch wie tot, erklärt er, "dadurch wird er unrein". Dann muss er zehn Segenssprüche sprechen, zum Beispiel Gott dafür danken, dass er ihm seine Seele zurückgegeben hat und dass er ihm Kleidung und Essen gibt. Das Essen muss koscher sein, und er darf nicht trödeln, sonst wird es zu spät für das Morgengebet. So beginnt der Tag.

"Im Judentum kann man Glauben und Alltag nicht trennen", sagt Bistritzky. Er ist Rabbiner, er weiß, wovon er redet.

Hellwach sitzt er vormittags in seinem kleinen Büro in der Hamburger Talmud-Tora-Schule. Bistritzky, 35, spricht konzentriert, zugewandt, ohne Floskeln, so wie jemand spricht, der eine klare Botschaft vermitteln will, aber nicht viel Zeit dafür hat. Als Kinderlärm durch das geöffnete Fenster dringt, steht er kurz auf und zeigt auf den Schulhof: Dort, neben der Schaukel, spielt sein Sohn. Drei seiner sechs Kinder sind in Hamburg geboren.

Die Talmud-Tora-Schule, ein hundert Jahre alter Backsteinbau, ist seit einigen Jahren wieder ein Zentrum des jüdischen Lebens in Hamburg. Rund 110 Kinder gehen hier in die Schule, in der Bistritzkys Frau Chani Hebräisch und Religion unterrichtet. Die Jüdische Gemeinde hat in dem streng bewachten Gebäude ihren Hauptsitz. Seit August vorigen Jahres gibt es auch ein modernes Bistro mit zwei Küchen, damit Schüler, Mitarbeiter und Gäste koscheres Essen bekommen. Der Speiseplan an der Wand zeigt in großen Lettern an, wann milchige und wann fleischige Gerichte serviert werden, penibel getrennt, wie es Vorschrift ist. An einem Tag zum Beispiel Käseschnitzel, am nächsten Huhn mit Reis.

Für Bistritzky ist das Bistro die einzige Gaststätte in Hamburg, wo er essen darf. Er erzählt das gern, damit die Leute begreifen, was es für einen orthodoxen Juden wie ihn bedeutet, in Hamburg zu leben. Nur wenige Schritte von der Talmud-Tora-Schule entfernt gibt es zwar ein "Jüdisches Café" mit einer umfangreichen Speisekarte. Aber auf koschere Küche legt man dort keinen Wert. "Das Einzige, was in diesem Café jüdisch ist, ist der Besitzer", sagt ein Gemeindemitglied.

Wer Jude werden möchte, muss sich anstrengen

Die Welt des Judentums ist eine Welt der Gesetze. Alles beruht auf der Offenbarung, die Mose von Gott empfangen hat. Für Christen ist sie ein Teil des Alten Testaments. Für Juden ist sie die Tora, das Grundgesetz ihrer Religion. Christen kennen die Geschichte von den zehn Geboten, die Mose aufgeschrieben hat. Juden lesen 613 Vorschriften aus der Tora, 248 Gebote und 365 Verbote. Sie sollen Gott lieben. Sie sollen Gott fürchten. Sie sollen keine Nichtjuden heiraten. Sie sollen Almosen geben. Sie sollen keine Lebewesen essen, die im Wasser leben, außer Fisch. Viele der 613 Vorschriften sind sehr konkret.

Aber die Welt des Judentums ist auch eine Welt der Interpretationen. Die Gesetze sind ewig, doch die Zeiten ändern sich. Ist ein frommer Jude unsicher, wie er sich verhalten soll, fragt er den Rabbiner. Ist der Rabbiner unsicher, kann er seinen Oberrabbiner fragen. Die Auslegung der Tora hängt auch davon ab, welcher religiösen Strömung jemand angehört. Es gibt orthodoxe und ultra-orthodoxe Juden, konservative, liberale und progressive. Aber auch das ist vereinfacht. "Es gibt Tausende Stufen", sagt Bistritzky. Freundlich schaut er durch seine randlose Brille. Er weiß, dass vieles von dem, was er sagt, schwer zu verstehen ist. Aber was soll er machen?

Richtig kompliziert wird es, wenn jemand zum Judentum übertreten möchte. Bistritzky hat häufig mit Deutschen zu tun, die das möchten. Manche Leute fühlen sich zum Judentum hingezogen, weil sie das als eine Form der Wiedergutmachung sehen. Oder weil sie sich als Außenseiter fühlen und eine Heimat unter vermeintlichen Außenseitern suchen. Oder sie wollen einen Juden heiraten.

"Wer durch Geburt Jude ist, kann machen, was er will"

Für Bistritzky sind das alles keine guten Gründe, Jude werden zu wollen. "Ich verstehe die Idee der Konvertierung eigentlich nicht", sagt er. Nach dem jüdischen Religionsgesetz ist jeder Jude, der eine jüdische Mutter hat. Wer keine hat und zum jüdischen Glauben übertreten will, muss sich anstrengen. "Man kann nicht konvertieren, weil man heiraten möchte, man muss es wegen der Tora tun. Und man muss sich Tag für Tag an die Gesetze halten." Den Leuten, die ihm gegenübersitzen, weil sie Juden werden möchten, sagt er zur Abschreckung: "Du kannst Gott zufriedenstellen, ohne dass es furchtbar schwierig für dich ist. Du hast ein freies Leben. Ich habe kein freies Leben."

Oft taucht dann das nächste Problem auf. Die Leute wissen natürlich, dass sich die meisten Juden nicht streng an die Gesetze halten, dass sie Juden sind und trotzdem ein freies Leben haben, ohne den Druck durch die Gesetze. Sie finden es ungerecht, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Bistritzky erklärt es mit Hilfe der Kabbala, einer alten mystischen Lehre: "In der Kabbala steht, jeder Jude ist gläubig. Auch wenn er sagt, er ist nicht gläubig."

Ulrich Lohse, der vor vielen Jahren selbst konvertiert ist, erklärt es so: "Wer durch Geburt Jude ist, kann machen, was er will. Aber wer Jude werden möchte, muss sich genau an die Gesetze halten." Lohse hat lange Zeit als Zahnarzt praktiziert, heute verkauft er in seinem Geschäft "Mezada" koschere Weine und Spirituosen sowie Bücher über jüdische Themen. Die Anstrengungen des Übertritts hat er auf sich genommen, weil er aus einer Familie mit jüdischen Traditionen stammt, seine Mutter aber keine Jüdin war.

Quälende Kontroversen

Glaubensfragen liegen Lohse am Herzen. Er freut sich, wenn die Synagoge gut besucht ist, und er schätzt, dass die Anzahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher am Sabbat "höher liegt als sonntags bei den Hamburger Protestanten". Der Anteil derer, die wirklich religiös leben, sei in der Gemeinde dennoch klein. "Von den ungefähr 2500 Mitgliedern sind es vielleicht 100."

Seit anderthalb Jahren gehört Lohse dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Hamburg an. Seit der neue Vorstand im Amt ist, verläuft das offizielle jüdische Leben der Stadt in ruhigeren Bahnen. Davor gab es ständig Streit; manches daran wirkte auf Außenstehende bizarr. Eine der quälenden Kontroversen drehte sich um den Immobilienunternehmer und CDU-Politiker Andreas Wankum, der von 2003 bis 2007 an der Spitze der Gemeinde stand. Es ging um die Frage, ob Wankum überhaupt Jude ist. Sein Nachfolger schloss ihn aus der Gemeinde aus. Aber Wankum kämpfte. Schließlich bestätigte ihm das Rabbinatsgericht der "Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands", dass er rechtmäßig in die Gemeinde aufgenommen worden sei.

Während der Streit mit Wankum Wellen schlug, begann eine heftige Auseinandersetzung mit dem Landesrabbiner. Dov-Levy Barsilay habe bei Amtsantritt eine gefälschte Lehrerlaubnis ("Smicha") vorgelegt, warf ihm die Gemeindespitze vor. Im Herbst 2008 wurde Barsilay entlassen, später einigten sich die Parteien auf einen Vergleich. Der Fälschungsvorwurf wird von der Gemeinde nicht mehr erhoben.

Als Landesrabbiner durfte Barsilay aber auch nicht mehr arbeiten. Solange der Posten vakant war, wurde ein Rabbiner auf Honorarbasis beschäftigt. Das war Shlomo Bistritzky. Der neue Vorstand, dem auch Ulrich Lohse angehört, hat ihm dann einen festen Vertrag gegeben. "Wir kannten ihn, und er hat den Eindruck erweckt, dass er das hier packen wird", sagt Lohse.

Wo es Coca-Cola gibt, gibt es auch Chabad Lubawitsch

Die Entscheidung war unter den Mitgliedern durchaus umstritten. Denn Bistritzky gehört einer jüdischen Bewegung an, die schon viel Kritik auf sich gezogen hat: Chabad Lubawitsch.

Ihren Hauptsitz hat die Organisation in New York. Ursprünglich kommt sie aus Osteuropa, wo charismatische Rabbiner im 18. Jahrhundert die religiöse Strömung der Chassidim, der Frommen, begründet haben. Sie besteht bis heute in zahlreichen orthodoxen bis ultraorthodoxen Gemeinschaften, die ihre eigenen Traditionen pflegen, äußerlich erkennbar an ihren verschiedenen Hüten und Anzügen, den Bärten und Schläfenlocken der Männer, den Kopftüchern und Perücken der Frauen.

Der Name Chabad ist zusammengesetzt aus den hebräischen Vokabeln "Chochma" (Weisheit), "Bina" (Verstehen) und "Da'at" (Wissen). Wort- und auch Zahlenspiele sind ein wichtiges Element der kabbalistischen Lehre, die darin verborgene Sinnzusammenhänge sieht. Ljubawitschi heißt ein Ort in Westrussland, wo die Bewegung ein Jahrhundert lang ihren Sitz hatte.

Unter den Chassidim nehmen die Chabad-Anhänger eine Sonderrolle ein. Anders, als es fromme Juden gewöhnlich tun, kümmern sie sich nicht nur um ihr eigenes Seelenheil. Sondern sie wollen die Juden überall auf der Welt zum richtigen Glauben führen. Mit diesem Auftrag schickt die New Yorker Zentrale ihre Gesandten ("Schluchim") in alle Welt. Wo es Coca-Cola gibt, gibt es auch Chabad Lubawitsch, heißt ein geflügeltes Wort.

Heute gilt Chabad als größte jüdische Organisation der Welt. Der enorme Erfolg geht vor allem auf ihr letztes spirituelles Oberhaupt zurück, Menachem Mendel Schneerson. Er war der siebte Lubawitscher Rebbe (Jiddisch für Rabbiner) und starb kinderlos 1994 in New York. Bei seinen Anhängern heißt Schneerson einfach nur "der Rebbe". Gerahmte Fotografien des weißbärtigen Mannes mit dem schwarzen Hut sind bei Chabad allgegenwärtig.

Aus Sicht vieler Juden treibt Chabad die Verehrung des Rebben zu weit. Manche Anhänger halten ihn sogar für den Messias, der einst wiederkehren wird oder vielleicht gar nicht gestorben ist. Der Messias-Kult um Schneerson liegt allerdings nicht auf der offiziellen Linie der Bewegung.

Dennoch sieht der Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik Anzeichen für einen bedenklichen "Personenkult" und stellt die Frage: "Handelt es sich um Götzendienst?" Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, findet die Aussage "recht treffend", Chabad sei die Sekte, die dem Judentum am nächsten steht. Anerkennend spricht Kramer aber auch von der "seelsorgerischen Arbeit, Juden wieder mit ihrem Judentum in Verbindung zu bringen".

Tradition und Moderne sind eng verbunden

Ist das Missionsarbeit? Unter Juden gilt dieser Begriff als Vorwurf, denn sie sollen nicht missionieren. Shlomo Bistritzky wehrt ab: Der Vorwurf tauche ständig auf, sei aber falsch. "Man missioniert, wenn man einer Person etwas bringen will, was sie noch nicht hat." Das sei nicht der Fall. "Wir zeigen den Juden, was sie sind. Jeder Jude auf der Welt sollte mit der Tora und der Tradition verbunden sein." Deshalb ist er mit seiner Frau vor zehn Jahren nach Hamburg gekommen.

Niemand hatte sie gerufen. Mit einem kleinen Startkapital kamen sie in die Stadt und fingen an zu arbeiten, gründeten eine Sonntagsschule für Kinder, feierten die jüdischen Feste, stellten zu Chanukka einen großen neunarmigen Leuchter ans Alsterufer und warben Spenden ein. Tradition und Moderne sind bei Chabad eng verbunden. Die PR-Ideen aus New York und die umfangreichen Internetangebote stehen im Dienst der uralten Glaubenslehre.

Dass Bistritzky nach Hamburg geschickt wurde, liegt an seiner Familiengeschichte. Sein Urgroßvater Markus war 1920 von Königsberg nach Hamburg gekommen, wo er einen gutgehenden Handel mit Tranöl aus Skandinavien aufbaute. 1926 wurde sein Sohn Loeb geboren, der 1932 auf die Talmud-Tora-Schule kam. Sechs Jahre später gelang einem Teil der Familie die Flucht vor den Nazis nach New York.

Als Shlomo Bistritzky sein Ziel Hamburg schon vor Augen hatte, sagte sein Großvater: "Wenn du an dem Ort, von dem ich fliehen musste, dazu beiträgst, dass jüdisches Leben dort wieder heimisch wird, dann ist das die beste Antwort auf den Holocaust." Loeb Bistritzky lebt heute in Jerusalem; seinen Enkel hat er zweimal in Hamburg besucht.

Aufgewachsen ist Shlomo Bistritzky in Safed im Norden Israels. Sein Vater Levi war dort ein angesehener Rabbiner, den der Lubawitscher Rebbe aus New York dorthin gesandt hatte. Er starb 2002 mit 54 Jahren nach einer Herzattacke. Für den Sohn war etwas anderes als ein frommes Leben undenkbar. "Bis ich 20 Jahre alt war, lebte ich nur unter Orthodoxen", sagt er.

Nun gehört er zu den Honoratioren von Hamburg, deren Wort im öffentlichen Leben zählt. Im Rathaus ist er ein regelmäßiger Gast, und die meisten Politiker wissen inzwischen, dass er Frauen nicht die Hand gibt. "Es geht darum, die Frau und mich zu schützen, dadurch, dass ich eine Grenze ziehe." Seine Frau gibt Männern nicht die Hand und trägt in der Öffentlichkeit eine Perücke ("Scheitel").

Schwieriger als die Begegnungen mit deutschen Politikern oder Vertretern anderer Religionen sind für ihn manche Gespräche mit Juden. Vor einigen Wochen bei einer Matinee im Hamburger Thalia-Theater hatte er es mit vier jüdischen Intellektuellen zu tun. Es ging um "Jüdische Identität in Europa - zwischen Anpassung und Selbstfindung".

Bistritzky war der Einzige auf der Bühne, der an Gott glaubt. Gleich zu Beginn setzte Michel Friedman, der wortgewaltige Publizist, den Ton: "Jüdische Kultur bedeutet für mich Streitkultur. Wir alle haben das kleine anarchische Recht, für das Judentum zu sprechen."

Bistritzky versuchte erst gar nicht, mit Friedman zu diskutieren, erklärte aber, warum die Religion seiner Meinung nach für alle Juden wichtig ist: "Wieso existieren heute überhaupt noch Juden, nach so vielen Kriegen, so vielen Pogromen? Die Antwort ist: Weil wir die Tora haben." Die Macht der 613 Gesetze.

Im Seminar geht es um "GPS für Ihre Seele"

Sonja Lahnstein-Kandel, die Moderatorin der Runde im Thalia-Theater, sagt, dass sie "vorher ein bisschen Sorge hatte, ob der Rabbiner angegriffen wird". Aber dann blieb es beim lebhaften Meinungsaustausch, es sei "eine sehr gelungene Veranstaltung" geworden. Mit öffentlichen Auftritten hat Lahnstein-Kandel Erfahrung, unter anderem leitet sie den Verein zur Förderung des Israel-Museums.

Sie schätze Bistritzky persönlich, betont sie. "Aber die Doppelfunktion als Landesrabbiner und Leiter von Chabad ist nicht unproblematisch." Er bemühe sich zwar, beides zu trennen. "Es gelingt aber nicht immer, die Leute können den Unterschied oft nicht begreifen."

Kompromisse zwischen orthodoxen und anderen Auffassungen vom Judentum sind schwierig, das hat Lahnstein-Kandel vor einigen Wochen selbst erlebt. Es ging um die Beerdigung ihrer Mutter. Das orthodoxe Brauchtum gibt vor, wie die Zeremonie ablaufen sollte: keine Musik, keine Blumen, keine Rede eines Familienmitglieds in der Trauerhalle. "Da muss man dann schon verhandeln", sagt sie. Schließlich gab es zwar keine Musik, aber Blumen und eine Ansprache ihrer Tochter.

Für Bistritzky gehören Beerdigungen zum Alltag, häufig fährt er zum Jüdischen Friedhof im Stadtteil Ohlsdorf, um eine Trauerfeier zu leiten. Ein wenig hadert er mit den deutschen Behörden, die so viel Zeit brauchen, bis alle Papiere da sind. Ein Jude soll möglichst schnell bestattet werden, "der Mensch ist dann ja tot". Alle schmückenden Zeremonien, sagt er, "dienen nicht den Toten, sondern den Angehörigen".

Lieber kümmert er sich um die Lebenden. Im Hamburger Chabad-Zentrum hält er sechs Wochen lang an jedem Mittwoch ein Abendseminar über die "Kabbala als Navigationshilfe für Ihre innere Welt". Die Rede ist auch vom "GPS für Ihre Seele".

"Gott will, dass wir selbst etwas leisten"

Das Interesse am ersten Seminarabend ist größer als erwartet. Erst müssen ein paar Stühle geholt werden, damit die 18 Frauen und 9 Männer in dem großen kahlen Raum Platz nehmen können. Dann erklärt Bistritzky, worum es geht. Um die Seele geht es, und zwar so, wie der Gründer von Chabad, Rabbi Schneor Salman, sie in einem Buch beschrieben hat. Das Buch heißt "Tanja", was in diesem Fall kein Frauenname ist, sondern ein aramäisches Wort; es bedeutet: "Wir haben gelernt".

In den folgenden zwei Stunden mutet Bistritzky der Runde ein straffes Programm zu, er erklärt viel, stellt einige Fragen und weiß genau, worauf er hinauswill. Es ist klassischer Frontalunterricht. Aber die Aufmerksamkeit im Raum ist hoch, anscheinend trifft der Rabbiner den richtigen Ton.

Der Ton ist nüchtern, auch wenn es um die Seele geht. Bistritzky spricht einmal von der "geistigen Anatomie des Menschen", so als könnte man das Unsichtbare zergliedern wie Knochen, Muskeln und Organe. Die Seele, lernt man, hat zehn Aspekte, drei kognitive und sieben emotionale. Und wenn sie eine göttliche Seele ist, kann sie sich in drei Gewänder kleiden, Gedanke, Wort und Tat. Es gibt auch eine tiergleiche Seele, die für die lebenserhaltenden, instinktiven Dinge zuständig ist.

Nur Juden können eine göttliche Seele haben, alle anderen kommen gut mit der tiergleichen Seele durchs Leben. Göttlich oder tiergleich, das sei aber "keine Frage von Gut oder Böse", betont der Rabbiner. Später geht es auch noch um die "Grauzone", zum Beispiel um die Frage: "Ist meine tägliche Tasse Kaffee heilig oder unheilig?" Es ist das einzige Mal, dass gelacht wird.

Ob alle oder auch nur einige Teilnehmer der Runde wirklich begreifen, was sie da hören, ist schwer zu sagen. Vielleicht reicht es aber schon, wenn man das Gehörte einfach lernt, wie Ortsnamen auf einer seltsamen Landkarte.

Bistritzky ist jedenfalls zufrieden. Die Menschen können nicht alles verstehen, aber sie haben eine Aufgabe, sie müssen lernen und arbeiten, sie müssen sich an die göttlichen Gesetze halten. Er sagt: "Gott hätte auch eine fertige Welt erschaffen können, mit Häusern, Straßen, Autos, damit die Menschen darin Spaß haben. Aber so ist es nicht. Gott will, dass wir selbst etwas leisten." Die Menschen haben die Baumaterialien und einen Plan bekommen. Jetzt sind sie am Zug.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Freud
koves 17.06.2013
War Sigmund Freud nicht Jude? Mann kann dem Weltfrieden zuliebe nur hoffen, dass seine religionskritischen Ansätze auch im Judentum reichlich Früchte tragen. In der Hoffnung, dass wir eines Tages von Fundamentalisten und Fanatikern, nicht zuletzt aus jüdischer Richtung befreit werden. Denn in den Religionen zeigt sich das größte Übel der Menschheit, die Intoleranz, mit all ihrer Feindseligkeit. Erst mit der Überwindung von Religionskult haben wir das Mittelalter wirklich überwunden.
2. Alltag und Religion nicht trennen, kommt mir bekannt vor
ofelas 17.06.2013
"Christen kennen die Geschichte von den zehn Geboten, die Mose aufgeschrieben hat." Aegypter kannten die 10 Gebote auch, nur mindestens 500 Jahre vor Mose, aufgeschrieben im Buch-der-Toten, zufaelle gibt es
3. Zwiespalt
Humatheist 17.06.2013
Ich finde es einerseits großartig, dass sich nach dem deutschen Jahrtausendverbrechen wieder jüdisches Leben, auch orthodoxes, in Deutschland entwickelt. Wir haben so viel verloren durch die Barbarei unserer Großväter. Und andererseits: Beim Lesen des Artikels schmunzle ich und bin gelegentlich fassungslos, wenn ich sehe, dass man sich im Jahr 2013 noch an Vorschriften hält, die ein archaisches Hirtenvolk in der Bronzezeit entwickelt hat. Diese Fassungslosigkeit, gepaart mit Amüsement, empfinde ich allerdings ziemlich jeder Religion gegenüber. Beim Islam jedoch mehr Fassungslosigkeit und Abscheu als Amüsement...
4.
cs01 17.06.2013
Auch wenn ich selbst keinem Glauben angehöre, so habe ich doch Hochachtung vor Leuten, die ihren Glauben ernst nehmen und dafür auch mal Nachteile in Kauf nehmen. Das Leben ist nun mal kein Selbstbedienungsladen, aus dem man nach Belieben das Beste auswählen kann. Ob man derart übertreiben muss, wie der vorgestellte Rebbe ist eine andere Frage, aber man braucht auch solche Leute. Generell finde ich es durchaus in Ordnung, wenn man die Leute ein wenig auf Zack bringt und ihnen klar macht, was sie eigentlich sind. In so fern wünsche ich dem Rebbe alles Gute, hoffe aber, dass sich seine Ansichten nicht im gesamten Judentum wiederspiegeln.
5. Schöner langer Artikel um Nichts
Pinsel 17.06.2013
Zitat von sysopWie soll ein frommer Jude leben? Shlomo Bistritzky ist vor zehn Jahren nach Hamburg gekommen, weil er Antworten auf diese Frage hat. Der Rabbiner Shlomo Bistritzky will Juden ihren Glauben näherbringen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/spiegelwissen/der-rabbiner-shlomo-bistritzky-will-juden-ihren-glauben-naeherbringen-a-898625.html)
Schöner langer Artikel, der nichts daran ändert, dass der Mensch weder eine Seele hat noch in den Himmel oder die Hölle kommt oder wiedergeboren wird. Atmender denkender Kohlenstoff, mehr ist der Mensch nicht. Wie schön, dass man sich vor keinem Gott rechtfertigen muss. Wer das doch tun möchte, kann ja zumindest in seinem Leben auf Knien rumrutschen. Das nennt man dann Religionsfreiheit. Aber bitte, nicht den Andersdenkenden damit auf die Nerven gehen.
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