Psychische Belastung bei Krebs "Die Seele versteckt sich"

Die Diagnose Krebs ist ein Schock, der folgende Kampf gegen die Krankheit oft nicht nur eine körperliche, sondern auch eine psychische Belastung. Zwei Psychoonkologen erzählen, wie sie Patienten zur Seite stehen.

Krebs: Die Krankheit hängt wie eine schwarze Wolke über der Seele
Illustration: Sarah Illenberger/ Foto: Verena Brüning

Krebs: Die Krankheit hängt wie eine schwarze Wolke über der Seele

Ein Interview von SPIEGEL-WISSEN-Autor Joachim Mohr


Zu den Personen
  • Juliane Werner/ SPIEGEL WISSEN
    Frank Schulz-Kindermann ist Leiter der Spezialambulanz für Psychoonkologie des Instituts für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg.
  • Juliane Werner/ SPIEGEL WISSEN
    Christina Rosenberger ist Stellvertretende Leiterin der Ambulanz. Pro Jahr werden in der Einrichtung etwa tausend Krebspatienten und Angehörige psychologisch betreut.

SPIEGEL: Frau Rosenberger, Herr Schulz-Kindermann, wie reagieren die meisten Menschen in dem Augenblick, in dem ihnen ein Arzt sagt, dass sie Krebs haben?

Schulz-Kindermann: Sehr häufig zeigen die Patienten eine Art Schock, Fassungslosigkeit, Unglauben. Wir in der Psychoonkologie sprechen vom "Sturz aus der Wirklichkeit". Nach dem ersten Moment, noch während des Gesprächs mit dem Arzt, schalten viele Patienten dann einfach ab, nehmen nichts mehr wahr. Oft bekommen sie gar nicht mehr mit, welche Therapien oder welche weiteren Untersuchungen geplant sind. Wir empfehlen deshalb, bei so einem Gespräch, wenn möglich, einen Angehörigen dabei zu haben.

Rosenberger: Frauen reagieren oft emotionaler als Männer. Und ältere Menschen, die schon 70 oder 80 Jahre gelebt haben, kommen meist besser zurecht als junge Menschen.

SPIEGEL: Wie verhalten sich die Kranken nach dem ersten traumatischen Entsetzen?

Schulz-Kindermann: Die meisten Patienten funktionieren in solch einer extremen Lage erst einmal: Sie nehmen ihre Arzttermine wahr, lassen sich operieren, unterziehen sich einer Chemotherapie. Sie funktionieren, wie es Angehörige nach einem Todesfall häufig tun. Die Seele versteckt sich im Grunde erst einmal; es läuft eine Art Notfallprogramm ab, das darauf ausgerichtet ist zu überleben. Gleichzeitig ist der psychische Druck oft enorm hoch. Manchmal dauert es sechs Monate oder länger, bis einem Patienten bewusst wird, was ihm da Einschneidendes widerfahren ist. Bei Frauen mit Brustkrebs zum Beispiel kann es noch Jahre nach der akuten Behandlung zu einer seelischen Krise kommen.

SPIEGEL: Wie erleben die Patienten die tiefgreifende psychische Belastung?

Schulz-Kindermann: Viele leiden an massiven Ängsten, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Depression, Hoffnungslosigkeit.

SPIEGEL: Reagieren die Menschen unterschiedlich?

Schulz-Kindermann: Ja. Wie stark die Ängste werden, hat viel damit zu tun, wie einzelne Menschen grundsätzlich auf Krisensituationen in ihrem Leben reagieren und wie ihr Verhältnis zu anderen ist. Denn bei einer Krebsbehandlung geht es ja erst einmal darum, sich auf andere zu verlassen, auf Ärzte, auf Spezialisten. Und sich selbst zuzutrauen, diese Herausforderung zu meistern. Da gibt es Patienten, die sagen: Herr Doktor, machen Sie mal. Das sind häufig eher ältere Menschen, die Verantwortung abgeben. Es gibt andere, die wiederum jede Kleinigkeit über ihre Krankheit und die Behandlung wissen wollen.

Rosenberger: Natürlich sind unterschiedliche Behandlungen auch mit unterschiedlicher psychischer Belastung behaftet. Eine Operation, die einen Tumor vollständig entfernen kann, ist leichter zu verstehen und damit auch zu akzeptieren als eine Strahlen- oder Chemotherapie, die alle schnell wachsenden Zellen im Körper abtöten soll und viele Nebenwirkungen haben kann. Da sind gute Gespräche zwischen Arzt und Patient wichtig.

SPIEGEL: Krebspatienten können sich heute umfangreich über ihre Krankheit informieren, insbesondere über das Internet. Ist es für die Kranken immer von Vorteil, viel über die Krankheit, die Therapiemöglichkeiten, die Gefahren zu wissen?

Schulz-Kindermann: Zum Teil kommen Patienten mit einem Ordner voller Informationen in die Klinik, manche zitieren aktuelle Studien. Vieles davon ist seriös, manches allerdings auch zweifelhaft oder gar falsch. Wir versuchen dann zusammen mit den Ärzten, den Patienten erst einmal eine fachliche Orientierung zu geben.

Rosenberger: Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen. Viel über die Erkrankung zu wissen, bedeutet für zahlreiche Patienten: Sie haben noch Kontrolle über das, was im Krankenhaus passiert, sie können mit den Ärzten detailliert über die Therapie reden. Das gibt Sicherheit. Andere wiederum fühlen sich durch zu viele Informationen überfordert und wünschen sich vielmehr einen Arzt, der ohne große Rücksprache mit ihnen alles regelt.

Aus SPIEGEL WISSEN 3/2014
SPIEGEL: Wie können Sie als Psychoonkologen einem Patienten helfen?

Schulz-Kindermann: Wir warten hier in der Klinik nicht, bis die Menschen zu uns kommen, sondern wir gehen auf die Patienten zu. Mithilfe eines Fragebogens, wir nennen ihn Belastungsthermometer, erfassen wir den psychischen Druck, der auf dem Einzelnen lastet. So versuchen wir bereits zu Beginn, die Patienten herauszufiltern, die besonders dringend unsere Hilfe benötigen. Oft suchen uns Patienten aber auch erst nach einer Operation oder während einer Chemotherapie auf.

Rosenberger: Viele Kranke wünschen sich jemanden, mit dem sie sprechen können über ihre Krankheit und das, was sie in der Klinik erleben oder erlebt haben. Die Menschen zu Hause sind oft überfordert mit der Situation. Manche Patienten wollen ihre Angehörigen auch nicht mit ihren Sorgen und Ängsten belasten und wünschen sich deshalb einen Gesprächspartner von uns.

SPIEGEL: Wie viele Patienten nehmen Ihre Hilfe ihn Anspruch?

Rosenberger: Hier in der Klinik sind das ungefähr 30 Prozent aller Krebskranken. Zum Glück gibt es immer mehr Patienten, die von sich aus sagen, dass sie sich psychologische Unterstützung wünschen. Einzelne kommen auch, obwohl sie noch keinen massiven Leidensdruck haben, aber befürchten, dass sie psychische Probleme entwickeln könnten.

SPIEGEL: Was genau machen Sie mit den Patienten?

Schulz-Kindermann: Wir haben kein festgefügtes Programm. An erster Stelle steht immer eine freundliche und würdigende Kontaktaufnahme. Ein sehr guter persönlicher Kontakt zwischen den Patienten und uns ist entscheidend. Wir nehmen jeden Kranken so an, wie er ist. Er muss von Anfang an das Gefühl haben, dass er bei uns alles loswerden kann, ohne dass jemand sagt "Oh, wie schrecklich!"

Rosenberger: Wir anerkennen, dass der Patient etwas Schlimmes erfahren hat, und zeigen Mitgefühl. Das klingt banal, ist aber von großer Bedeutung für die Menschen. Dann kommt die Frage, was braucht der Patient eigentlich? Es kann sein, dass er einfach nur den Schrecken der Diagnose besprechen und verarbeiten will. Dann kann der Kontakt nach drei oder fünf Gesprächen beendet sein.

Schulz-Kindermann: Oder der Patient hat eine über Monate dauernde gefährliche Behandlung durchzustehen, etwa eine Knochenmarktransplantation. Teilweise stehen wir dann jeden Tag an seiner Seite, sprechen mit ihm, machen gemeinsam Übungen, um zu entspannen, um von den Schmerzen abzulenken. Nach dem Ende der Behandlung folgt oft noch eine Gesprächstherapie, um das Erlebte und Erduldete zu verarbeiten.

Rosenberger: Besonders intensiv arbeiten wir zudem mit Patienten, die unabhängig von der Krebsdiagnose eine psychische Erkrankung mitbringen oder in sehr schwierigen sozialen Verhältnissen leben. Menschen, die sich selbst überhaupt nicht helfen können.

Schulz-Kindermann: Wir haben in unserem Team Musiktherapeuten, Kunsttherapeuten, wir haben Mitarbeiter, die sich speziell um Kinder und Jugendliche kümmern. Manchmal betreut einer von uns den Kranken, ein anderer dessen Partner und wieder ein anderer die Kinder.

Rosenberger: Wir bieten vor allem einen geschützten, sicheren Raum. Man kann mit uns über alles reden, über Ängste, Hoffnungen, Dinge, die einem peinlich sind. Wir sprechen auch über körperliche Einschränkungen, zum Beispiel mit Männern, die nach einer Prostataoperation teilweise inkontinent und impotent sind, oder Frauen, die sich nach bestimmten Eingriffen ihrer Weiblichkeit beraubt fühlen. Wir geben Unterstützung, Anregungen und Halt.

SPIEGEL: Kümmern Sie sich auch um Angehörige?

Schulz-Kindermann: Immer wieder hören wir: Bitte stehen Sie meiner Frau bei, die ist viel belasteter als ich. Häufig ist die Lage für einen Angehörigen schwer zu ertragen, weil er als Gesunder seine Machtlosigkeit besonders intensiv erlebt. Manche Angehörige machen eine langfristige Psychotherapie bei uns, um etwa mit dem Tod des Partners oder eines Kindes zurechtzukommen.

Rosenberger: Wir analysieren immer das gesamte familiäre und soziale Umfeld und überlegen, inwieweit wir dort aktiv werden müssen. Wenn es sinnvoll ist, führen wir auch Paar- oder Familiengespräche.

SPIEGEL: Verhalten sich die behandelnden Ärzte unter psychologischen Gesichtspunkten immer richtig?

Schulz-Kindermann: Entscheidend ist, dass der Patient das Gefühl hat, ein Arzt engagiert sich und nimmt das individuelle Schicksal ernst. Schlimm ist es, wenn der Patient sich alleingelassen fühlt.

SPIEGEL: Ein Teil Ihrer Patienten ist direkt vom Tod bedroht. Wie können Sie diesen Menschen helfen?

Schulz-Kindermann: Sterbebegleitung ist ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit. Es geht darum herauszufinden, was für den Einzelnen der beste Weg ist. Sehr viele Patienten haben den Wunsch, über das Sterben und den Tod zu sprechen und das eigene Leben zu Ende zu denken. Die meisten haben ja durchaus eine Vorstellung davon, was der Tod für sie bedeutet. Wir versuchen, das dann offen zu bereden und es uns gemeinsam vorzustellen.

SPIEGEL: Können Sie das Sterben erträglich machen?

Rosenberger: Todesangst ist eine sehr große Angst, sie ist etwas völlig anderes als jede andere Angst im Leben. Oft ist jedoch die Angst vor dem Sterben noch größer. Wir können dann darüber sprechen, was beim Sterben körperlich eigentlich passiert, wie man gegen Schmerzen Vorsorge treffen kann, was vor dem Tod noch geschehen soll. Viele Menschen quälen auch Verlustängste, durch den eigenen Tod den Kontakt zu geliebten Menschen zu verlieren. Das kann der Patient dann mit uns betrauern. Wir gehen auch auf die Palliativstation, ins Hospiz oder zu Patienten nach Hause, wenn sie das wünschen und nicht mehr zu uns kommen können.

SPIEGEL: Wie erleben Sie Todkranke?

Schulz-Kindermann: Bei vielen dieser Patienten gibt es so eine doppelte Bewusstheit: Einerseits sind sie vom Tod bedroht, was einen Menschen ja fast erstarren lässt. Gleichzeitig fühlen sie sich oft sehr vital, machen noch Pläne etwa für einen Urlaub. Für uns gilt: Solange ein Mensch atmet, ist er lebendig.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt das Verdrängen? Ist dies für den Patienten gut oder schlecht?

Schulz-Kindermann: Das kann sehr nützlich sein. Wir würden aber eher sagen, es geht darum, sich abzulenken, auf andere Gedanken zu kommen, Ängste einzugrenzen. Es ist geradezu eine Kunst, das zu lernen.

SPIEGEL: Inwieweit hilft eigentlich eine positive innere Einstellung gegen eine Krebserkrankung?

Rosenberger: Eine positive Einstellung begünstigt natürlich immer das Leben, gerade auch, wenn jemand sehr krank ist. Aber heilen kann die innere Einstellung eine Krebserkrankung leider nicht, dafür gibt es keinerlei seriöse Beweise.

SPIEGEL: Was kann ein Krebskranker tun, um sich trotz seiner Krankheit so viel an Lebensqualität wie möglich zu erhalten?

Schulz-Kindermann: Er sollte trotz seines Leidens seinen eigenen Kräften und Erfahrungen vertrauen; sich nicht zurückziehen, sondern die Kontakte zu Freunden und Bekannten aufrechterhalten; auf die Ärzte zugehen und alles besprechen; nicht nachlassen, seine eigenen Hoffnungen zu pflegen. Wer das schafft, der hat schon viel für sich erreicht.

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tinosaurus 17.09.2014
1. Ein Tabu-Thema
Nach einer falschen tödlichen Diagnose weiß ich, wie man sich angesichts des nahenden Todes fühlt. Es ist ein eigenartiger Schock. Als besonders belastend habe ich die Tatsache empfunden, dass es hier in Deutschland keine Sterbehilfe gibt. Der Tod war bei mir weniger mit Angst behaftet, aber ein qualvolles Sterben, wo ich keinen Einfluss auf den Verlauf habe, schon. So musste ich automatisch daran denken, dass mir nur die Schweiz und Dignitas übrig bleibt. Eine üble Vorstellung, wenn man zum Sterben ins Ausland fahren muss.
andreu66 17.09.2014
2. Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen
und zwar in allen Stadien (Diagnose, Behandlung, Zeit danach) mit direkt Betroffenen und den Angehörigen war für uns wichtiger als Psychologen. Außerdem viel Optimismus, da viele Krebsarten heute sehr erfolgreich behandelbar sind. Fast alle unserer Bekannten haben ihren Krebs überlebt und wieder eine gute Lebensqualität. Jeder muss aber für sich selber entscheiden, was ihm in der Situation am Meisten hilft.
salmo-nelli 17.09.2014
3. Da gibt es oft nicht viel...
Zitat von andreu66und zwar in allen Stadien (Diagnose, Behandlung, Zeit danach) mit direkt Betroffenen und den Angehörigen war für uns wichtiger als Psychologen. Außerdem viel Optimismus, da viele Krebsarten heute sehr erfolgreich behandelbar sind. Fast alle unserer Bekannten haben ihren Krebs überlebt und wieder eine gute Lebensqualität. Jeder muss aber für sich selber entscheiden, was ihm in der Situation am Meisten hilft.
... zu entscheiden. Die hier interviewten Psychoonkologen gehören offenbar zu einer sehr raren Spezies. Weder meine Mutter, 2005 an Krebs verstorben, noch meine Schwägerin, 2010 an Krebs verstorben, noch mein Mann, 2011 an Krebs verstorben, hatten während ihrer Leidenszeit und bis zu ihrem Tod keine Chance, mit einem solchen Arzt zu reden. Unterstützung gab es nirgendwo, stattdessen nervige Auseinandersetzungen mit der Krankenkasse um Krankengeldzahlungen und mit Behörden um die Einstufung der Schwerbehinderung. Meiner Mutter wurde nach ihrer Brustamputation ein Fragebogen zugeschickt, in dem sie befragt wurde, wie und ob sie sich durch psychologische Beratung gut betreut gefühlt habe. Psychologische Beratung? Die muss wohl auf einem anderen Planeten stattfinden. Und dabei war meine Mutter sogar privat versichert. Ohne die Unterstützung durch die Familie sind Krebspatienten verloren. Und nein, so erfolgreich sind die Behandlungen nicht. Gestorben wird noch immer reichlich. In meinem Familien- und Bekanntenkreis gibt es zwei, die den Krebs - bislang - besiegt haben und 8, die daran gestorben sind.
ralphi-chemnitz 17.09.2014
4. Das große Schweigen
Nur drei Beiträge hier zeigen es. Die Angst ist riesig. Und allgegenwärtig. Zu Recht. Nach 6 Jahren ist meine Frau im März an einem metastasierenden Nierenzellenkarzinom gestorben. Alles was Leute so allgemein befürchten, das tritt ein. Nurn noch viel brutaler: Die Krankheit frisst sich durch die ganze Familie, durch den Kranken und Sterbenden und alle, die ihm beistehen. Die sog. Normalen gehen dann rasch auf Distanz. Das können sie nicht aushalten. Wenn du auf andere triffst, dann flüchten die meisten. Denn über dir und deiner Familie hängt eine große schwarze Wolke, die dir immer dahin folgt, wo du hingehst. Du störst. Die Angst ist so groß, weil entgegen allem Geplapper in vielen oberflächlichen Medien, gilt, dass es eine tödliche Krankheit ist und bleibt. Daran wird sich wohl auch nie etwas ändern (Lesenswert: Sidhartha Mukherjee, Krebs - der König aller Krankheiten). Hat der Krebs mal metastasiert, und das hat er, wenn er entdeckt wird fast immer schon, dann ist die Überlebenschance für fünf Jahre nur noch 20 %. Das Sterben ist da sehr wahrscheinlich, und ganz real. Und die, die zurück bleiben (müssen), haben noch die Isolation zu ertragen. Hospize leisten allerdings sehr viel, das sollte nicht klein geredet werden. Schon allein weil das Personal die extreme Aufgabe annimmt für definitiv Sterbende und deren Angehörige Zeit für Hilfe aller Art und Pflege zu bieten. Ansonsten ist man aber mit sich und Gott ganz allein!
arch.aisch 18.09.2014
5. Medizinischer Fortschritt
Hatte gerade mit einem Betroffenen zu tun. Dieser war sich nach einer überraschenden Diagnose und sofortigen Operation durchaus bewusst, dass ihm psychotherapeutische Betreuung sehr viel helfen könnte. Er war dann sehr verärgert, als er erst Intensivstation und Verweildauer anlässlich der Entlassung eine Brochure der behandelnden Klinik in die Hände bekam, in der ein Angebot ebendieser Klinik erwähnt wurde. Keiner der behandelnden Ärzte und niemand unter dem Pflegepersonal hatte ihn diesbezüglich auch nur angesprochen. Die Technik- und Fortschrittsgläubigkeit unserer effizienten Gesellschaft(en) und die damit einhergehende fortschreitende Spezialisierung stumpft die Handelnden ab, verleiht Scheuklappen und treibt zu Ignoranz von Verantwortung, ja geradezu zu deren Vermeidung (unabhängig davon übrigens ein Nebenprodukt unserer Rückversicherungsgesellschaft).
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© SPIEGEL Wissen 3/2014
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