Das Rätsel EQ Sind einfühlsame Menschen erfolgreicher als schlaue?

Emotionale Intelligenz gilt als Erfolgsfaktor. Doch wie lässt sich emotionale Intelligenz messen - und kann man sie erlernen?

Kind im Kindergarten
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Kind im Kindergarten

Von Christiane Müller-Lobeck


Auf dem Boden liegt eine große gebastelte Uhr. "Fatma, wie geht es dir heute?", fragt die Erzieherin. "Sie ist wütend", krähen zwei Jungs im Sitzkreis. "Fatma, magst du den Zeiger drehen?" Das stille Mädchen lässt das Stäbchen eine Weile unentschlossen rotieren und stoppt schließlich auf dem fröhlichen Smiley ganz oben auf der Scheibe.

Sie heißt "Gefühlsuhr", das weiß hier jedes Kind.

Erzieherin Selda Demir erkundigt sich bei der Fünfjährigen, ob etwas passiert sei. Die Antwort kommt schleppend, inzwischen liegt Fatma auf dem Boden: "Mir geht's nicht gut." Sie tippt auf ihr Knie: "Ich habe mich verletzt." - "Hä? Und da bist du fröhlich?", wirft Simon ein. Denn es gibt auch ein Gesicht für Traurigkeit und eines für Wut, dazu Ekel, Staunen und Angst. "Hamsa hat mich geschubst." - "Bist du wütend oder traurig?", hakt Selda Demir nach. Das Mädchen dreht den Zeiger weiter, zum weinenden Gesicht. "Traurig."

Aus SPIEGEL WISSEN 4/2017

Für Nelson, der sein T-Shirt auf links trägt, ist die Sache klar: "Ich bin glücklich! Ich habe beim Fußball einen Ball abgewehrt gegen den Trainer." Luis, im vollen Ornat eines Vorschul-St.-Pauli-Fans, musste heute ganz früh aufstehen. Trocken stellt er fest: "Ich bin sauer."

Bei Simon versagt die Uhr: Er fühlt sich froh und traurig zugleich.

"Die Gefühlsuhr ist ziemlich neu", erzählt Demir. Seit sechs Jahren arbeitet sie im Internationalen Kinderladen in Hamburg-Altona. Es gibt hier seit Langem Hilfsmittel für die Gefühle der Kinder: einen Würfel, auf dem verschiedene Gemütszustände abgebildet sind - er soll die Kinder animieren, Gesichtsausdrücke nachzuahmen. An den Wänden hängen Spiegel, zur Förderung der Selbstwahrnehmung. Gesprächsrunden gehören in der Kita zum Programm.

"Nur wer sich und seine Gefühle kennt, mit ihnen umgehen und einfühlsam im Umgang mit anderen sein kann, ist für Herausforderungen bereit", erläutert Demir den Sinn der verschiedenen Maßnahmen.

Im Herbst werden viele der Kinder hier eingeschult. Das wirft Fragen auf, die auch an anderen Kitas und Horten viele Eltern beschäftigt: Wie wichtig wird in der Schule die emotionale Stärke sein? Sind emotional kluge Kinder erfolgreichere Schüler als intelligente? Und: Wie kann man überhaupt messen, wie gut jemand mit Gefühlen umgehen kann?

Um die Gefühlskompetenz von Kindern und Jugendlichen ging es auch dem Psychologen Daniel Goleman, der 1995 in den USA mit seinem populärwissenschaftlichen Buch "Emotional Intelligence" Furore machte. Den klassischen Intelligenzbegriff, der auf die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen zielt, erweiterte er um eine bis dahin im Rahmen der Intelligenzforschung wenig beachtete Kategorie: die der Gefühlskompetenz, die ebenfalls entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg eines Menschen auf seinem Lebensweg sein kann.

Golemans Plädoyer dafür, nicht nur auf den Verstand, sondern auch auf das Gemüt zu schauen, war ein Weckruf in einer Zeit dramatisch zunehmender Jugendgewalt. Sein Gegenrezept: die frühe, gezielte Vermittlung der Fähigkeit, gut mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Bessere Menschen heranziehen durch mehr Herzensbildung - und dazu noch bessere Schüler, aus denen irgendwann verantwortungsvollere Eltern und erfolgreichere Berufstätige werden.

Der Wissenschaftsjournalist bediente sich einer einfachen Sprache und einer griffigen Idee. Das Konzept der emotionalen Intelligenz hatten die Psychologen John D. Mayer und Peter Salovey in einem bis dahin kaum beachteten Fachaufsatz skizziert - Jahre vor dem Erscheinen des Bestsellers.

Wie die beiden Wissenschaftler unterteilte Goleman seine Gefühlsvernunft in verschiedene Bereiche. Zu ihr zählt nach Goleman erstens, dass man Gefühle bei sich selbst wahrnehmen kann. Die muss ein emotional intelligenter Mensch zweitens aber auch regulieren können. Er sollte seine Wut, seine Trauer, aber auch überschießende Fröhlichkeit nötigenfalls im Zaum halten können. Drittens muss er seine Emotionen zum Erreichen von Zielen einsetzen können und viertens in der Lage sein, Gefühle bei anderen zu erkennen und zu verstehen, also einfühlsam sein. Nicht zuletzt gehört zum Konzept, die Emotionen von anderen beeinflussen zu können: etwa jemanden zu trösten. Diese Fähigkeit könnte freilich auch bei der Lösung von Konflikten helfen.

In Anlehnung an den IQ erfanden clevere Verleger den EQ.

Im Jahr darauf schlug Golemans Buch in Deutschland ein, clevere Verleger hatten es in Anlehnung an den Intelligenzquotienten "EQ" getauft. Ist der EQ entscheidender als der IQ? Aus dem Bauch heraus fanden viele die Idee reizvoll. Die Deutschen lernten gerade, was "soft skills" sind, weiche Fähigkeiten wie Sozialkompetenz. Die brauchte man neuerdings im Beruf. Frauen hatten einer weitverbreiteten Meinung zufolge besonders viel davon, mehr von ihnen wollten und sollten arbeiten. Zu dieser Vision passte die emotionale Intelligenz gut.

Doch nicht alle waren einverstanden. "Scheinbegrifflichkeit", ätzte eine Kritikerin damals. Goleman verkünde nur, "was der gesunde Menschenverstand schon immer wusste". Dass es nämlich nicht reicht, intelligent zu sein, wenn man sich gleichzeitig wie ein Sozialstoffel verhält. Emotionale Intelligenz - oder kurz "EI" - als Fähigkeit, auf andere Rücksicht zu nehmen oder weniger gewalttätig zu sein: Das klang mehr nach Tugendlehre als nach einem wissenschaftlich gut begründeten Konzept. Auch deshalb geriet der Autor in die Kritik.

Viele störten sich vor allem am Begriff Intelligenz. Zu offensichtlich wurde er in provokativer Absicht verwendet. Die herkömmliche, kognitive Intelligenz sagt etwas über die Fähigkeit aus, schnell lernen zu können. Irrtum, erwiderten Goleman, Salovey und Mayer: Um wirklich gut lernen zu können, brauche es emotionale Intelligenz.

Heute spricht ein Teil der psychologischen Forschung lieber von "emotionaler Kompetenz" - eine Fähigkeit, mit der wir nicht geboren werden, sondern die wir mühsam erlernen. "Ability EI" nennen das Wissenschaftler in den USA und verstehen darunter Fähigkeiten zur Wahrnehmung, Identifikation und Regulierung von Gefühlen.

Das neue Konzept hat zudem den Vorteil, dass der Untersuchungsgegenstand sich nicht mit anderen, gut erforschten psychologischen Konzepten überschneidet, vor allem den fünf Persönlichkeitsmerkmalen. Zu diesen "Big Five" gehören neben Extraversion - darunter versteht man Geselligkeit, Erlebnishunger, Durchsetzungsfähigkeit und gute Laune - auch die soziale Verträglichkeit.

Fröhliche Kinder in der Kita
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Fröhliche Kinder in der Kita

Von einem anderen Teil der Wissenschaftsgemeinde jedoch wird der Terminus "emotionale Intelligenz" weiter verwendet, jetzt unter dem Begriff "Mixed EI". Darin werden emotionale Fähigkeiten sowie Aspekte der Persönlichkeit, Moral und Motivation zusammengefasst. So unsauber dieser "Mixed EI" auch definiert ist: Die Kombi hat für Schul- oder Berufserfolg eine weit höhere Voraussagekraft als die reine emotionale Kompetenz, also die "Ability EI". Das ermittelte die Fachwelt in aufwendigen Studien. Doch sie enthält unübersehbar auch Aspekte, die der kognitiven Intelligenz zuzurechnen sind, etwa schnelle Auffassungsgabe oder ein gutes Sprachvermögen, und sei es nur bei der Benennung und Beschreibung von Emotionen. Die Ergebnisse sind daher mit Vorsicht zu genießen.

Eine genaue Messung nur der Anteile, die wirklich in den Bereich der Emotionen gehören, wäre ganz gewiss erstrebenswert. Doch die ist nicht unproblematisch. Wer kann schon Aussagen darüber treffen, wie emotional kompetent ein Mensch ist? Und anders als beim klassischen Intelligenztest lassen sich die Ergebnisse nicht nur zum Schlechteren, sondern auch zum Besseren beeinflussen.

Beispiel Kindergarten: "Wenn man die Kinder selbst befragt, bekommt man vielfach Antworten, die sozial erwünscht sind", erläutert Maria von Salisch, Psychologieprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie forscht zur praktischen Umsetzung des Konzepts in Kitas und Schulen. "Wenn man dann die pädagogischen Fachkräfte befragt, dann hat man vielleicht Antworten, die sich an Stereotypen orientieren. Da gilt ein Mädchen womöglich als aggressiv, nur weil es ein bisschen lauter ist."

Salisch macht sich daher dafür stark, möglichst das ganze Umfeld zu befragen, um verlässlich die emotionale Kompetenz zu ermitteln. "Das Gute an einer Mehrpersonenperspektive ist, dass man sich sicher sein kann, dass das Ergebnis Bestand hat, wenn die verschiedenen Ergebnisse übereinstimmen."

Auch in der Wirtschaft entfällt ein stetig wachsendes Stück des Weiterbildungskuchens auf die Vermittlung von Soft Skills - dort wird in einem Milliardengeschäft sozusagen nachgeholt, was Kitas wie in Hamburg-Altona schon den Kleinen beibringen wollen.

"Emotionale Intelligenz ist nichts, was man in zwei Tagen erschaffen kann."

Seit zehn Jahren gibt es eine zunehmende Nachfrage nach Wochenendkursen zu emotionalen Fertigkeiten, beobachtet Anne David-Schröder. Für das Management Forum Starnberg in Bayern bietet die studierte Betriebswirtin regelmäßig das Seminar "Führen mit emotionaler Intelligenz" an. Bei ihr landen Vorgesetzte, die Konflikte in ihren Arbeitsbeziehungen haben oder vermeiden möchten.

Orientiert an Daniel Goleman, versucht sie beim Coaching zunächst, die Selbstwahrnehmung zu schärfen. "Im Vordergrund steht, dass die Teilnehmer reflektieren, wie sie mit ihren eigenen Gefühlen umgehen und wie groß ihr Anteil daran ist, wie sich andere ihnen gegenüber verhalten." Das Seminar könne aber bloß ein Anfang sein: "Emotionale Intelligenz ist nichts, was man in zwei Tagen erschaffen kann."

Ob sich durch das Training im Arbeitsalltag überhaupt etwas ändert, wird ohnehin nicht überprüft.

Das ist ein gefundenes Fressen für Uwe Kanning. Der Professor für Organisationspsychologie in Osnabrück beobachtet seit Langem fragwürdige Methoden der Personalentwicklung. Aus seiner Sicht ist es falsch, an Führungskräften herumzudoktern - und dann auch noch mit zweifelhafter fachlicher Expertise. "Wir wissen aus der Forschung wesentlich mehr über gute Diagnostik als über die Möglichkeit, das Verhalten von Menschen zu verändern."

Kannings Appell: Besser gleich im Bewerbungsverfahren die richtigen Führungskräfte auswählen.

Soziale und emotionale Kompetenzen spielten dabei je nach Stelle und Position mal mehr, mal weniger eine Rolle. "Ein Fragebogen zu diesen Fähigkeiten gibt uns einen breiteren Blick auf die Persönlichkeit", sagt Kanning. Laut Studienlage können Ergebnisse aus solchen Fragebögen die Prognose des zu erwartenden Erfolgs eines Bewerbers um zwölf Prozent verbessern. Denn das Papier ist unbestechlich. Personalentscheider dagegen sind nicht gegen Fehl- oder Vorurteile gefeit. Gute Fragebögen werden in Deutschland allerdings bisher kaum eingesetzt.

Bleibt also die Hoffnung, dass wenigstens die Messung der EI bei Erwachsenen in Zukunft fundierteren Verfahren weicht - wenn schon Trainings zur emotionalen Intelligenz, abgesehen von einem kurzen Honeymooneffekt, womöglich wenig bringen.

Helfen derartige Trainingseinheiten im Kindesalter wenigstens solchen Knirpsen wie Fatma in Hamburg? Kindern, die Schwierigkeiten damit haben, ihre eigenen Gefühle zu benennen? Erzieherin Demir zieht eine verhaltene Bilanz ihrer morgendlichen Runden mit der "Gefühlsuhr". "Wenn die Gefühle zu Hause unterdrückt werden", erklärt die Pädagogin, "wenn die Kinder dort wenig Aufmerksamkeit bekommen oder Gewalt erleben, dann wird es ganz schön schwer."



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