Nahrungsmittelunverträglichkeiten Allergie? Intoleranz? Alles Einbildung?

Laktose, Gluten, Histamin: Immer mehr Menschen fürchten, an Unverträglichkeiten und Intoleranzen zu leiden. Tatsächlich ist der Weg zur richtigen Diagnose oft mühsam.

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Kristin Hüttmann hat keine Unverträglichkeiten, ihr wird nur schlecht von haltlosen Behauptungen oder zwei Tüten Chips.


Der Blick in einen Hamburger Bürokühlschrank: 1 Liter Reis-Kokos-Ananas-Drink, 1 Liter Mandeldrink ungesüßt, 1 Liter Biosoja-Reisdrink, 1 Liter Biohaferdrink glutenfrei und ganz hinten in der Ecke - 1 Liter fettarme Biomilch.

Zehn Personen, fünf verschiedene Kaffeezusätze. Leidet die halbe Bürogemeinschaft an Laktoseintoleranz? Mitnichten. Eine Kollegin findet Milch eklig, der Kollege will sich insgesamt gesünder ernähren, und zwei Kolleginnen vermuten, dass sie Milch nicht vertragen. Eine diagnostizierte Intoleranz hingegen hat keiner im Büro.

Aus SPIEGEL WISSEN 1/2017

Das passt zu dem, was die Ernährungswissenschaftlerin Imke Reese beobachtet: "Unverträglichkeiten entwickeln sich zum Ernährungstrend", sagt sie. "Viele Menschen werten Symptome, die sie haben, sehr schnell als pathologisch."

Doch auch wenn viele Menschen ohne gesicherte Diagnose auf bestimmte Lebensmittel verzichten, möchte sie die Symptome der Menschen nicht als leicht hysterische Modekrankheit abtun. "Viele, die glauben, dass sie krank sind, haben ja auch etwas." Manchmal sei es aber schlicht ein falsches Ernährungsverhalten, das sich mithilfe eines Ernährungsprotokolls aufdecken ließe. Wer tatsächlich bestimmte Lebensmittel oder deren Bestandteile nicht verträgt, hat meist mehr als nur ein paar lästige Blähungen.

Haselnüsse
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Haselnüsse

An Nahrungsmittelunverträglichkeiten leiden nach eigener Einschätzung mehr als 20 Prozent der Bevölkerung in Industrieländern. Nicht nur auf den Milchzucker Laktose, sondern auch auf Weizen und das in vielen Getreidearten enthaltene Klebereiweiß Gluten oder auf Fruchtzucker reagieren Menschen mit Bauchschmerzen, Blähungen oder Durchfall - oder auch mit heftigen Hautreaktionen, wenn sie Rotwein trinken, Nüsse oder Fisch essen. Einige der zugrunde liegenden Mechanismen dafür sind seit vielen Jahren aufgeklärt, die darauf basierenden Unverträglichkeiten lassen sich mit zuverlässigen Tests identifizieren. Bei anderen Unverträglichkeiten suchen Wissenschaftler noch nach den Ursachen und nach Möglichkeiten, sie schnell und eindeutig zu diagnostizieren. Was sind die Symptome, was die Auswirkungen, was können Betroffene tun?

Dabei ist die Zahl der von Unverträglichkeiten Betroffenen sehr viel höher als die der Allergiker. Obwohl echte Lebensmittelallergien immer häufiger werden, also Beschwerden, die durch eine immunologische Reaktion des Körpers auf Nahrungsmittel ausgelöst werden, sind von ihnen nur zwei bis fünf Prozent der Erwachsenen betroffen.

Auch wenn sich die Symptome häufig ähneln, unterscheiden sich Allergien und Intoleranzen fundamental. Eine Allergie ist eine überschießende Abwehrreaktion des Körpers. Die Immunzellen eines Allergikers halten eigentlich harmlose Nahrungsbestandteile - beispielsweise aus Nüssen oder Fisch - für gefährlich und bilden Antikörper dagegen. Beim nächsten Kontakt kommt es zu einer Abwehrreaktion, die von Hautausschlag, Erbrechen bis zu Schwellungen und schwerer Atemnot reichen kann.

Salat mit Meeresfrüchten
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Salat mit Meeresfrüchten

Die Hauptauslöser für Allergien sind altersabhängig. Kinder reagieren eher auf Kuhmilch, Eier, Weizen, Soja oder Nüsse. Bei Erwachsenen lösen pollenassoziierte Nahrungsmittelallergene aus Äpfeln und anderem Stein- und Kernobst, Gemüse, Weizen und Meeresfrüchten häufiger Allergien aus.

Während eine allergische Reaktion meist innerhalb von Minuten oder wenigen Stunden erfolgt, läuft eine nicht allergische Nahrungsmittelunverträglichkeit anders ab. Für eine Intoleranzreaktion muss die auslösende Substanz erst in den Darm gelangen, wo häufig einzelne Bestandteile nicht optimal abgebaut werden können, weil bestimmte Enzyme oder Transportsysteme unzureichend arbeiten.

Auch die Auswirkungen auf das Ernährungsverhalten sind unterschiedlich: Nahrungsmittelallergikern hilft meist nur die konsequente Vermeidungsstrategie; dagegen müssen Menschen mit einer Intoleranz selten ganz auf die entsprechenden Lebensmittel verzichten. Das bedeutet: Wer auf Nüsse stark allergisch ist, entwickelt immer eine Allergie, egal wie klein die Dosis ist. Bei Intoleranzen gibt es dagegen eine Schwelle.

"Dosisabhängig" nennt das Margitta Worm. Die Medizinerin ist Professorin an der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Berliner Charité und leitet am dortigen Allergie-Centrum die Sprechstunde für Nahrungsmittelunverträglichkeit. Die Reaktion sei auch abhängig davon, wie lange das Milchprodukt im Magen verweilt und wie schnell und in welcher Menge es weiter in den Darm gelangt. Ein Patient mit Laktoseintoleranz könne möglicherweise ein Müsli mit Joghurt und Früchten ganz gut vertragen, einen Latte Macchiato dagegen nicht.

Der Milchzucker Laktose wird normalerweise im Darm von dem Enzym Laktase gespalten, damit er verdaut werden kann. Menschen mit Laktoseintoleranz verfügen jedoch nicht über genügend Laktase. Deshalb gelangt unverdaute Laktose in die unteren Darmabschnitte und wird dort von Bakterien zerlegt. Das kann zu Durchfall und Krämpfen führen. In Deutschland sind etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen betroffen.

Obst
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Obst

Ganz ähnlich sind die Ursachen der Fructosemalabsorption. Betroffene vertragen nur eine kleine Menge des Fruchtzuckers Fructose, der vor allem in Obst, aber auch in Getreide und Gemüse steckt. Auch der handelsübliche Haushaltszucker besteht chemisch gesehen zur Hälfte aus Fructose. Der Fruchtzucker wird von speziellen Transportereiweißen vom Dünndarm ins Blut geschleust. Aber diese Transporter haben Kapazitätsgrenzen - bei jedem Menschen. "Wir vertragen alle nur eine begrenzte Menge Fructose", sagt Ernährungstherapeutin Reese. "Damit man Bauchgrummeln bekommt, muss man nicht mal einen Liter Apfelsaft trinken."

Haben Menschen eine Fructosemalabsorption, arbeiten die Transporter allerdings noch schlechter, ein Großteil des Fruchtzuckers bleibt im Darm. Er wird dann von Bakterien abgebaut. Dabei kommt es zur Gasbildung, was zu den bekannten Symptomen wie Durchfall, Blähungen und Bauchschmerzen führt. Probleme mit der Verdauung von Fruchtzucker hat Schätzungen zufolge etwa jeder Dritte.

Fructosemalabsorbtion und Laktoseintoleranz lassen sich mit einem einfachen Wasserstoff-Atemtest nachweisen. Wichtig ist: Die Symptome von Laktoseintoleranz und Fructosemalabsorption sind zwar unangenehm, aber sie sind nicht gefährlich. Meist müssen Betroffene auch nicht gänzlich auf die entsprechenden Lebensmittel verzichten, sondern können herausfinden, ab welcher Menge Beschwerden auftreten.

Anders ist es bei der Heriditären Fructoseintoleranz (HFI), einer sehr seltenen erblichen Krankheit, die auf einem Enzymdefekt im Fructosestoffwechsel beruht und eine strikte fructosefreie Diät erfordert, da sonst giftige Abbauprodukte entstehen.

Die Diagnose für eine weitere Substanz ist sehr viel schwieriger: Histamin. Menschen, die darauf empfindlich reagieren, bekommen Hautrötungen, Juckreiz oder auch Übelkeit und Schwindel, wenn sie histaminreiche Lebensmittel essen. Histamin steckt in fast jedem Nahrungsmittel, besonders viel davon findet sich in gereiftem Käse, Sauerkraut, Rotwein oder Salami. Das Problem: Bisher wissen Mediziner weder, was genau im Körper von Menschen mit Histaminunverträglichkeit passiert, noch können sie diese Unverträglichkeit durch einen einfachen Test eindeutig feststellen. Das macht den Nachweis zu einer diagnostischen Detektivarbeit.

Die Symptome sind vielfältig und unspezifisch - daher vermuten viele Menschen, eine Histaminunverträglichkeit zu haben, auch wenn Schätzungen zufolge nur etwa ein bis drei Prozent der Deutschen tatsächlich darunter leiden. Wissenschaftler vermuten, dass das Enzym Diaminoxidase, das Histamin abbaut, bei Betroffenen nicht ausreichend vorhanden ist. Nachweisen lässt sich eine Histaminunverträglichkeit mithilfe eines Provokationstests, wie er beispielsweise an der Berliner Charité durchgeführt wird.

Wenn Hinweise auf eine Histaminunverträglichkeit vorliegen, bestellt Margitta Worm ihre Patienten stationär ein. Sie bekommen dann über drei Tage Kapseln, die unterschiedliche Mengen Histamin enthalten. Auch Placebokapseln ohne Histamin sind dabei, damit die Mediziner ausschließen können, dass die Reaktion allein durch die Erwartungshaltung ausgelöst wird.

Glutenfreies Brot
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Glutenfreies Brot

Auch Weizen und Gluten sind in den vergangenen Jahren in den Fokus geraten, immer mehr Menschen verzichten freiwillig darauf. Ohne eine profunde ärztliche Diagnose sei das jedoch alles andere als sinnvoll, sagt Detlef Schuppan von der Universität Mainz. Denn dann kann möglicherweise eine Zöliakie unentdeckt bleiben, eine entzündliche Darmerkrankung, die schwere Folgen haben kann.

"Nur etwa zehn Prozent der Menschen, die Zöliakie haben, sind tatsächlich diagnostiziert", sagt der Gastroenterologe. Er und sein Team entdeckten 1996 das Zöliakieantigen und entwickelten den Test, mit dem sich die Erkrankung im Blut nachweisen lässt. Verzehrtes Gluten ruft bei den Betroffenen eine Abwehrreaktion hervor, die Immunzellen des Körpers bilden Antikörper und greifen die Darmschleimhaut an. So kann der Darm Nährstoffe nicht mehr richtig aufnehmen. Daher müssen Zöliakiekranke konsequent auf Gluten verzichten. Es steckt nicht nur in Weizen, sondern auch in Getreidearten wie Dinkel, Emmer, Einkorn, Roggen, Grünkern, Hafer, Gerste.

Außerdem untersuchte Schuppan die Amylase-Trypsin-Inhibitoren, kurz ATIs - eine Gruppe Eiweiße, die im Weizenkorn stecken. ATIs können milde Darmentzündungen verursachen und zu einem Krankheitsbild führen, das Schuppan Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität nennt.

Trotz aller diagnostischen Unsicherheiten gilt: "Niemand sollte grundlos auf ein Nahrungsmittel verzichten", sagt Ernährungswissenschaftlerin Reese. "Gerade Milchprodukte wie Joghurt oder Sauermilch sind für den Darm wichtig, um die richtigen Darmbakterien zu unterstützen."

Daher sollte keiner auf eigene Faust herumprobieren, sondern lieber frühzeitig mithilfe der Medizin oder bei einer Ernährungsberatung die Gründe für Beschwerden aufspüren - und erst dann Essgewohnheiten entsprechend ändern. "Die diagnostische Arbeit gleicht leider häufig der Suche nach der Nadel im Heuhaufen", sagt Reese. Das erfordert Zeit und Geduld - von den Medizinern und vor allem von den Patienten.

Im Video: Wenn Allergien das Essen erschweren

DER SPIEGEL

Celina Kroder, 22 Glutensensitivität und Laktoseintoleranz

Die hübsche junge Frau wäre gern Model geworden. Ihr Problem: üble Hautausschläge, die wie unzählige juckende Mückenstiche auf Armen, Beinen, Knöcheln und Hüfte prangten. Und dazu noch unberechenbare Schwellungen am Bauch und an den Beinen, sodass ihr an manchen Tagen ihre Hosen und Schuhe nicht mehr passten. Keine guten Voraussetzungen für einen Modeljob. Und auch nicht gut fürs allgemeine Wohlbefinden. Als sich Celina Kroder endlich entschloss, zu einer Hautärztin zu gehen, musste sie erst lange auf einen Termin warten, und dann verlief der Allergietest ergebnislos. Also ging Celina Kroder zum Hausarzt, der allerlei Tests und Blutuntersuchungen machte.

Das Ergebnis: Sie hat eine Laktoseintoleranz, außerdem vermutete der Arzt bei ihr eine Glutensensitivität. Er empfahl ihr, auf Milchzucker und glutenhaltige Nahrungsmittel zu verzichten. Und wo sie schon dabei war, ihre Ernährung umzukrempeln, tat Celina Kroder es gleich komplett - und verzichtet seit anderthalb Jahren nicht nur auf Gluten und Milchzucker, sondern grundsätzlich auf alle tierischen Produkte. Seither sind die Symptome verschwunden.

Die Umstellung fiel ihr nicht schwer - einfach weil der Leidensdruck sehr groß gewesen sei, erzählt die 22-Jährige. Ihre Familie nahm die Diagnose gelassen, immerhin haben auch ihre drei Geschwister eine Laktoseintoleranz. Etwas verzweifelt reagierten sie erst, als Celina anfing, sich auch noch vegan zu ernähren. "Kannst du jetzt nur noch Gänseblümchen essen?", habe der Vater gefragt, der seine Besorgnis in einen Witz verpackte. Bei Gänseblümchen könnte sich Celina Kroder ihre Standardfrage sparen, welche Substanzen in dem Essen stecken, das ihr vorgesetzt wird, und auch die Erklärungen, welche davon sie nicht verträgt. Manchmal ruft sie deshalb vorher in Restaurants an, in denen sie sich verabredet hat, und fragt, ob sie sich etwas zu essen mitbringen könne. "Ich kann ja nicht von allen verlangen, dass sie ihre Küchenutensilien vor dem Kochen komplett reinigen", sagt sie. Denn wenn die Zucchini auf dem Brotbrett geschnitten wurde und doch Weizenmehl in ihr Essen gelangt, merkt sie das leider recht schnell: Dann sind die juckenden Pusteln wieder da.

Also kocht sie am liebsten selbst. Ihr patenter Enthusiasmus scheint ansteckend. "Meine Mitbewohnerin ist komplett auf meinen Ernährungsstil umgestiegen", erzählt sie. Dem Modeln trauert sie nicht hinterher - dafür sei sie sowieso schon fast zu alt, sagt sie. Außerdem hat sie eine bessere Alternative gefunden: Sie studiert im dritten Semester Industriedesign in Essen.


Ulf Herrmann, 43 Fructosemalabsorption

Ulf Herrmann hatte mit Anfang zwanzig schon einen diagnostischen Zickzackkurs hinter sich, als endlich ein Arzt die richtige Diagnose stellte. Im Teenageralter hatten seine Beschwerden begonnen: heftige Durchfälle, Blähungen und Bauchschmerzen. Er lief von Arzt zu Arzt, unterzog sich etlichen endoskopischen Darmuntersuchungen. Ein Mediziner diagnostizierte ein schweres Reizdarmsyndrom, ein anderer eine chronisch entzündliche Darmerkrankung. Gegen die vermeintliche Colitis ulcerosa nahm Herrmann sogar jahrelang starke Medikamente. Die Symptome wurden etwas besser, aber richtig gut ging es Herrmann nicht.

Als er als junger Erwachsener nach München zog, suchte er sich dort einen neuen Gastroenterologen. Und der nahm zum ersten Mal die richtige Spur auf: Nahrungsmittelunverträglichkeit. Weil es damals die heute üblichen Atemtests noch nicht gab, schickte der Mediziner seinen Patienten zu einem Forschungsinstitut der Technischen Universität München. Herrmann erinnert sich: "Der H2-Atemtester war ein fast raumgroßer Apparat." Die Wissenschaftler untersuchten Herrmann auf diverse Unverträglichkeiten, und sie fanden die Ursache für die Beschwerden: Fructosemalabsorption.

"Danach war alles ganz einfach", erzählt Ulf Herrmann. "Nachdem ich auf Zucker weitestgehend verzichtet habe, war auch die ominöse Colitis ulcerosa weg - das war ein Glück für mich." Und er fügt hinzu: "Heute geht's mir prima."

Während er sich anfangs häufig sehr allein mit seiner Diagnose gefühlt hatte, lernte er dann immer mehr Menschen kennen, bei denen eine Intoleranz diagnostiziert wurde - vor allem als die Tests einfacher wurden. Und auch in den Medien waren die Unverträglichkeiten nun ein Thema. "Da dachte ich, vielleicht wollen andere in derselben Situation auch mal ein Stück Schokolade essen." Deshalb setzte Herrmann, der damals ein kleines IT-Unternehmen leitete, einen neuen Schwerpunkt für sich: Produkte für Menschen mit Fructoseunverträglichkeit entwickeln und vertreiben.

Als Erstes kreierte er einen Fruchtaufstrich, dann eine Schokolade, gesüßt mit fructosefreiem Glucosesirup. "Am Anfang war das nur ein reines Hobby." Aber irgendwann gab er seine Beratungsfirma auf, steckte all seine Energie in "Frusano". Zehn Jahre gibt es das Unternehmen mittlerweile, zu vielen Kunden hat Herrmann einen persönlichen Kontakt. Jedes Jahr wachse der Umsatz um 20 Prozent.

Wie auch die Produktpalette, die von fructosefreien Gummibärchen über Cheese-Cake-Quarkkuchen, Ketchup und Mayonnaise bis zum fructosearmen Sekt reicht.


Isabella Hener, 30 Laktoseintoleranz

Der Kakao war es. Den liebte Isabella Hener schon als Kind. Jeden Morgen einen Becher davon. Doch eines Tages, ungefähr mit 16 Jahren, war es vorbei mit der wohltuenden Wirkung der Milch. Sie bekam morgens Bauchschmerzen, Durchfall, Blähungen und üble Bauchkrämpfe. Nur eines bekam sie nicht: die richtige Diagnose. "Die Ärzte sagten immer, da sei nichts - und schoben es auf Reizdarm oder Stress", erzählt die heute 30-Jährige. Ein Artikel über Nahrungsmittelunverträglichkeiten brachte sie selbst auf die richtige Fährte: Sie erkannte die beschriebenen Symptome bei sich wieder und machte beim Arzt einen Laktoseintoleranztest. Keine angenehme Prozedur. "Man bekommt die volle Dosis auf nüchternen Magen - danach ging es mir richtig schlecht."

Aber nach dem Test stand fest: Sie verträgt den Milchzucker nicht. Ins laktosefreie Leben umzusteigen fiel ihr zum Glück nicht schwer, sie kocht sowieso am liebsten selbst. Kein Wunder also, dass in ihr eine Idee heranreifte: Essen kochen für Menschen, denen es genauso geht und die aufgrund einer Nahrungsmittelunverträglichkeit in der Mittagspause nicht einfach im Imbiss nebenan etwas holen können. "Oft kennen ja weder Koch noch Servicepersonal die genauen Zutaten einer Soße", sagt Hener. "Es ist wie das Hütchenspiel - du siehst einfach nicht, ob in der Soße Milchpulver drin ist oder nicht."

Deshalb gab Isabella Hener nicht nur ihren geliebten Kakao auf, sondern auch ihren Beruf als Mediendesignerin. Sie kaufte einen kleinen Truck, machte eine Konditorenprüfung, mietete sich in eine Küche ein. Der Anfang sei die Hölle gewesen, erzählt die schmale Frau. Und auch jetzt ist ihr Alltag straff durchgetaktet. Jeden Morgen steht sie um halb sieben auf, anziehen, frühstücken, zum Großmarkt fahren, in die Küche und kochen: Süßkartoffelcurry mit Kokosmilch, Rote-Bete-Ingwer-Suppe mit Pinienkernen, Limetten-Hack mit Porree, Frischkäse und Quinoa. Doch die Mühe lohnt sich: Seit mehr als zwei Jahren tourt sie mit ihrem Foodtruck durch München. "Die intolerante Isi" steht darauf, darunter ein Kochlöffel mit Herz. Wer zu ihr kommt, kann sich auf verträgliches Essen verlassen: Auf der Speisekarte stehen gluten- und laktosefreie oder auch histamin- und fructosearme Gerichte. Ohne Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker. Bauchschmerzen bekommt hier keiner.

Drei feste Standplätze für ihren Truck hat sie inzwischen sowie ein kleines Stammpublikum. Auch viele Menschen ohne Unverträglichkeiten kommen zu Heners Foodtruck - "die wollen einfach nur gut und gesund essen".


Nicole Mattern, 46 Zöliakie und Laktoseintoleranz

Der Kinderarzt nannte Nicole eine "Luftschluckerin". Eine ziemlich dürftige Erklärung für ein Kind, das unter heftigen Verdauungsbeschwerden leidet. "Ich hatte eigentlich immer einen Blähbauch, ständig Durchfall und musste mich nach dem Essen oft übergeben", erzählt die 46-Jährige heute. Vor etwa 15 Jahren sei es dann noch schlimmer geworden: Sie bekam häufig Koliken, musste deshalb oft ins Krankenhaus und erhielt dort Schmerzmittel und Infusionen. Sie klapperte Hausärztin, Internisten, Gastroenterologen und Allergologen ab, doch die waren ratlos. Vor acht Jahren schließlich stellte ihre Hausärztin eine Laktoseintoleranz fest. Also verzichtete Mattern auf Milchzucker. Die Koliken aber blieben.

Die Hausärztin verabschiedete sich in die Rente mit den Worten: "Sie sind mein ungeklärter Fall." Wenig tröstlich für Mattern.

Im vergangenen Jahr erzählte ihr eine Bekannte dann von ihrem sehr guten Allgemeinmediziner in Hamburg. Noch einmal raffte sich Mattern auf und ließ sich einen Termin geben. Der Arzt begann eine diagnostische Detektivarbeit und untersuchte Matterns Blut auf 400 Lebensmittel und deren Inhaltsstoffe. Das Ergebnis: 13 davon verträgt sie nicht, darunter Gluten. Ein Antikörpertest bestätigte seinen Verdacht: Nicole Mattern leidet unter Zöliakie, einer entzündlichen Erkrankung des Dünndarms. Das mit der Nahrung aufgenommene Gluten aus vielen Getreidesorten wird bei Zöliakiepatienten in der Darmschleimhaut so verändert, dass es entzündungsfördernd wirkt - der Grund für Matterns heftige Beschwerden.

Mit dieser Diagnose und einer langen Liste von Nahrungsmitteln, auf die sie verzichten muss, ist sie seither in der Findungsphase. Das funktioniere so mittelgut, sagt die kaufmännische Angestellte. "Die ersten Backversuche mit Reis- und Maismehl sind kläglich gescheitert." Es schmeckte nicht, genauso wenig wie die meisten glutenfreien Produkte, die sie kauft und probiert. "Die glutenfreien Nudeln sind eklig, und das Brot schmeckt wie Knüppel auf Kopf", erzählt die Norddeutsche, die eigentlich so gern Brot isst.

Im Reformhaus fand Mattern endlich eine Brotbackmischung, die ihr schmeckte. Daraus macht sie sich auch die Schnitten für ihren Arbeitsalltag in einem Hamburger Auktionshaus. Und wenn sie zu Freunden geht, bringt sie sich ihr Essen einfach mit. Was so patent klingt, sei eine ganz schöne Umstellung gewesen. "Aber ich mache das ja nicht, weil ich es will, sondern weil es mir damit besser geht." Das bedeutet viel Verzicht, abends mit Freunden Pizza essen und Bier trinken sei halt nicht mehr drin, sagt sie. Aber damit hadert Mattern nicht unnötig. "Dann gibt es halt Gin Tonic - geht auch."



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zeichenkette 24.02.2017
1. Laktoseintoleranz
ist weltweit gesehen keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Nur in recht wenigen Gegenden hat sich evolutionär eine Toleranz von Erwachsenen gegen Milchzucker entwickelt, und selbst dort sind 5-20% der Erwachsenen laktoseintolerant oder werden es im Laufe ihres Lebens. Und das ist wirklich kein Spass, sondern führt direkt zu heftigen Blähungen und Durchfällen. Dass es auch Leute gibt, die sich sowas nur einbilden, ändert daran nichts, dass viele Leute es tatsächlich haben. Für alle anderen Unverträglichkeiten gilt das ähnlich.
Wicked 24.02.2017
2. Nur ein weiterer Trend.
Ich habe das Gefühl, dass es für die angeblich betroffenen eine wichtige Eigenschaft der eigenen Persönlichkeit ist, das man Gluten-, Laktose- oder sonst was intolerant ist. Meistens in Verbindung mit einer pedantischen vegetarischen –*schlimmer – veganen Ernährungsweise. Diese armen Leute müssen das wohl aus medizinischen gründen permanent kommunizieren, wie wichtig ihnen dieser Aspekt in ihrem Leben ist und wie respektvoll jeder damit umzugehen hat. Gute Besserung!
Putin-Troll 24.02.2017
3. Hipster-Krankheiten
Die ein oder andere Unverträglichkeit gehört heute einfach zum guten Ton. Je exotischer, desto besser.
querollo 24.02.2017
4. Es wird nicht einfacher dadurch
Solche Artikel machen das Leben von Allergikern wirklich nicht leichter. Es ist schon unangenehm genug, dass wir eigentlich in keinem Restaurant essen können, ohne aus dem Bestellvorgang eine Freak Show zu machen. Nun sind wir auch noch prätentiöse Lackaffen, denen nicht zu trauen ist. Neulich kam meine neue Ärztin auch auf die Idee, mal zu testen, ob ich auch wirklich Laktose-Intollerant bin. Man sollte meinen nach über 20 Jahren sollte so eine Diagnose gefestigt sein. Ich musste also in ein Labor, Laktose zu mir nehmen und über die nächsten Stunden in Beutelchen blasen. Den Rest des Tages verbrachte ich auf dem Klo, die folgenden 3 Tage mit Bauchweh. Erkenntnis der Ärztin: "Sie haben eine Laktoseintolleranz. Ziemlich heftig sogar." Ja, wer hätte das gedacht? Und danke auch für die Übelkeit.
großwolke 24.02.2017
5. Statistische Häufigkeiten
Zitat von Putin-TrollDie ein oder andere Unverträglichkeit gehört heute einfach zum guten Ton. Je exotischer, desto besser.
Vegetarische/vegane Ernährung ist heutzutage relativ populär, und auch die Milchzucker-Unverträglichkeit, in mehr oder weniger starker Ausprägung, ist nicht so superselten. Wenn man mit 5 bis 10 Leuten abends weggeht oder mal Wandern geht oder eine längere Radtour macht, stehen die Chancen ziemlich gut, mindestens ein oder zwei Leute dabeizuhaben, die von einer, ich sag mal, Ernährungsauffälligkeit betroffen sind, willentlich oder nicht. Ich vermute auch mal, dass das schon immer so war, nur hat man früher nicht so kenntnisreich darüber geredet. Da hieß es eher mal "das mag ich nicht so" oder "das vertrage ich nicht so gut". Heute heißt es eben "-intoleranz" oder "-ismus". Ich finds nicht schlimm. Habe durch diese "Modeerscheinung" bereits einiges gelernt.
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