Karrierestart Eine runde Sache

Karriere als höchstes Ziel? Hm. Gerade Jüngere wollen lieber, dass der Beruf im Einklang mit anderen Lebensträumen steht.

Gute Laune im Büro: Der Job ist bei Berufseinsteigern nicht mehr das Wichtigste
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Gute Laune im Büro: Der Job ist bei Berufseinsteigern nicht mehr das Wichtigste

Von SPIEGEL-WISSEN-Autorin Anne Otto


Als Überflieger hat Jonas Drechsler* sich nie gesehen. Doch nach seinem Studium ging es wie von selbst bergauf. Der Ökonom fing bei einer Beratungsfirma an, arbeitete weltweit für Kunden, übernahm Verantwortung, verdiente gut. Anfangs machte ihn das stolz. Nur: Durch seinen Job hatte er kaum noch Zeit für seine Frau und seinen großen Freundeskreis. Das machte ihn immer unzufriedener. Als seine Frau schließlich schwanger wurde, nahm Drechsler das zum Anlass, sich beruflich zu verändern. "Ich wollte wieder mehr Zeit für soziale Kontakte, wollte meinen Sohn aufwachsen sehen", erklärt er den Karrierebruch.

Er suchte sich eine Stelle bei einem Wirtschaftsinstitut unweit seines Wohnorts: mit 50 Prozent des bisherigen Gehalts, aber 100 Prozent Gewissheit, um 17 Uhr nach Hause gehen zu können. Verzicht auf Aufstieg und Geld, nur um mit seinem Sohn auf Kindergartenfesten zu sitzen? Auch fünf Jahre später ist das für den heute 43-Jährigen die richtige Wahl: "Ein Leben, in dem Arbeit ein Aspekt von vielen ist, passt einfach besser zu mir."

Für viele dürfte Drechsler ein Held der Arbeit sein, denn sein Handeln spiegelt einen Trend wider: Karrierewege sollen heute zur Person, ihren Werten und Einstellungen passen. Außerdem wollen die allermeisten eine Arbeit, die mit Familie, Freunden und Freizeit vereinbar ist.

Bei einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft gaben 91 Prozent der Befragten an, für sie sei es ein wichtiges Ziel, genug Zeit für Partner und Kinder zu haben. Berufliche Karriere nennen in dieser Studie nur etwa 43 Prozent als erstrebenswert. Und in einer vom Bertelsmann-Konzern beauftragten Untersuchung mit 3600 Studierenden zum Thema Erwartungen ans Berufsleben standen Selbstverwirklichung (84 Prozent) und die Suche nach einer sinnvollen Arbeit (94 Prozent) bei den Jobneulingen auffällig im Vordergrund.

Solche Statements sind natürlich erst einmal vor allem Wunschträume. Doch der Wertewandel ist auch schon in der Arbeitswelt greifbar: "Seit etwa 15 Jahren hat sich die Haltung zum Thema Karriere verändert", berichtet die Hamburger Unternehmensberaterin Carmen Schön, "heute wollen die Menschen mehr: arbeiten und erfolgreich sein, aber auch Freizeit haben, sich entwickeln, im Beruf Sinn finden und Familienleben bewerkstelligen." Verbunden sei diese Ausrichtung mit der Generation Y, also den jetzt 20- bis 35-Jährigen. Laut Schön ist sie jedoch längst nicht auf diese Altersgruppe beschränkt: "Ich beobachte, dass Klienten sehr differenziert über Lebensziele nachdenken - statt nur über Karriereziele."

Wie komme ich zu einer Berufsentscheidung?

"Eine isolierte Karriereplanung gibt es so gut wie nicht mehr", sagt auch die Soziologin Annette von Alemann von der Universität Köln. Zusammen mit Mechtild Oechsle, Professorin an der Universität Bielefeld, untersucht sie seit Jahren die Einstellungen von Schülern, Studierenden und Berufstätigen. Laut Alemann zeigen die Forschungen zum Thema schon seit längerer Zeit, dass sich der Blick geweitet hat: Statt einen engen Fokus auf Karrierechancen und Aufstiegsstationen zu richten, wird ein umfassender Lebensplan inklusive Sinn und Work-Life-Balance formuliert. Alemann begrüßt diese Entwicklung: "Werte, Persönlichkeit und Privates bei der beruflichen Orientierung zu berücksichtigen, ist wichtig. Es führt zu passenden Entscheidungen." Das habe sich bereits in der Studie "Abitur und was dann" gezeigt, die Mechtild Oechsle mit ihren Mitarbeitern vor einigen Jahren durchführte.

In dieser Interviewstudie wurde untersucht, wie Schüler zu Berufsentscheidungen kommen. Es zeigten sich drei verschiedene Orientierungsstrategien: Ein Teil der Abiturienten richtete berufliche Pläne am Arbeitsmarkt aus, stützte sich also auf äußere Faktoren, um Erwerbschancen zu kalkulieren. Ein anderer Teil nahm die eigenen Neigungen als Grundlage für den Berufsweg. Und eine dritte Gruppe kombinierte beide Bereiche. Besonders zufrieden waren die Schüler, die sich ihrer Interessen und Fähigkeiten bewusst waren. Fazit der Studie: Schülern sollte im Unterricht mehr Raum gegeben werden, sich und ihre Werte und Interessen kennenzulernen. "Denn dieses Wissen kann man dann in die Berufsplanung einbeziehen", erklärt Alemann.

Die Relevanz der Empfehlung von damals habe sich heute noch verstärkt. Eine reine Orientierung am Markt, indem man beispielsweise Lehrer wird, weil es in dem Bereich heute Stellen gibt, oder Programmierer, weil man in der Branche derzeit Geld verdienen kann, sei nicht mehr ratsam. Der Arbeitsmarkt ist dafür nicht kalkulierbar genug. Anders ausgedrückt: Wer äußere Aufstiegschancen zu hoch gewichtet, lässt sich auf ein Glücksspiel ein. Persönliche Neigungen sind als Fixstern zuverlässiger.

Natürlich hat es nicht zuletzt gesellschaftliche Gründe, dass die umfassende Lebensplanung die Karriereplanung ablöst. "Die Vorstellung einer lebenslangen Berufstätigkeit mit stetigem Aufstieg wurde in den Fünfziger- und Sechzigerjahren geprägt", erklärt Alemann. "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie war damals klar geregelt. Männer gingen arbeiten, Frauen blieben weitgehend zu Hause, stiegen Jahre später wieder ein. Das gibt es nicht mehr. Heute muss jedes Paar mit Kinderwunsch eine individuelle Lösung finden."

Das heißt: Ein Aufstieg mit Überstunden und ständiger Präsenz ist für viele schlicht unmöglich geworden. Der Glaube an ihre Machbarkeit bröckelt sogar bei glühenden Fans dieses Modells. Das zeigen Erfahrungen, die Alemann in ihren Seminaren mit BWL-Studenten gemacht hat. Selbst diese bisher eher an Karriere orientierte Gruppe betont mittlerweile, dass sie sich Freiräume für Freunde, Hobbys und Familie wünscht.

Wie definiere ich eigentlich Erfolg?

Dass derart freigeistige Ideen sich in leistungsorientierten Arbeitsfeldern verbreiten, hat auch Unternehmensberaterin Schön festgestellt. Unter den Juraabsolventen etwa seien nur noch wenige bereit, in die Arbeitsroutine von Großkanzleien einzusteigen, in denen 15-Stunden-Tage, Wochenendarbeit und Feuerwehreinsätze Alltag seien. Sogar renommierte Kanzleien hatten phasenweise Personalmangel, mussten umstellen und bieten mittlerweile familienfreundlichere Modelle und flexiblere Arbeitszeiten.

Als weiteres Beispiel für die einschneidenden Veränderung nennt Schön ein Führungskräftetraining für Frauen, das sie regelmäßig durchführt: Von den zwölf ambitionierten Frauen, die sie dort trainiert, ist in den letzten Jahren nur noch ein kleiner Teil an einer klassischen "vertikalen" Karriere interessiert.

Die anderen streben Fachkarrieren an, bereiten im Training eine Unternehmensgründung vor oder spekulieren auf eine Position, die ihnen Zeit für Familie lässt. "In diesem Kreis habe ich deutlich gemerkt, wie unterschiedlich die Definitionen von beruflichem Erfolg mittlerweile sind", sagt Schön, "mit dieser Pluralität müssen wir umgehen."

Aus SPIEGEL WISSEN 1/2016
Für Kathrin Brauckmann* bedeutet Erfolg, sich beruflich und persönlich ständig weiterzuentwickeln. Die Marketingfachfrau studierte im Nebenfach Spanisch, ging nach dem Abschluss nach Madrid, schlug sich dort mit Freelancejobs durch. Dann bekam die heute 35-Jährige eine gute Position bei einer spanischen Solaranlagenfirma. Weil sie die Arbeit sinnvoll fand, hängte sie sich rein, hatte immer mehr zu tun.

Bald blieb kaum mehr Ruhe für neue Ideen und Spinnereien. Und schon gar keine Zeit für die spanische Ausgehkultur am Wochenende, die sie an Madrid lange so geliebt hatte. Vier Jahre blieb Brauckmann. Dann kündigte sie. Gerade bildet sie sich in Innovationsmanagement weiter, will nach Berlin, irgendwo in die Marktforschung. Sie hat gute Chancen, einen Job zu bekommen, schätzt Carmen Schön.

Bis vor einigen Jahren noch hätte sie in Personalabteilungen mit ihrem eigenwilligen Lebenslauf kaum Beachtung gefunden. Heute seien Zickzack-Lebensläufe nicht nur häufiger geworden, sie würden schlicht als Facette der neuen Karrieren angesehen, erklärt Schön: "Die Akzeptanz hat auch rein pragmatische Gründe. Es herrscht Fachkräftemangel, sodass Arbeitnehmer den Markt ein wenig mitbestimmen können." Will heißen: Für Eigenheiten und persönliche Wünsche gibt es im Moment etwas mehr Raum.

Wie finde ich den richtigen Arbeitgeber?

Den Traum vom Sabbatical auf Mykonos sollte man beim Einstellungsgespräch dennoch nicht herausposaunen. "Ich rate nach wie vor zu Fingerspitzengefühl", sagt Cordula Nussbaum. Zwar ist die Münchnerin als Coach auf "bunte Vögel" spezialisiert und zeigt in ihren Büchern Wege, wie man auch eigenwillige Berufsentscheidungen immer wieder erfolgreich gestalten kann. Doch: "Auch wenn es für bunte Vögel tatsächlich etwas leichter geworden ist - die meisten Unternehmen orientieren sich an Karrieren und weniger an einem erfüllten Leben ihrer Mitarbeiter."

Eins von vielen Beispielen dafür sei die berühmte Wo-wollen-Sie-in-fünf-Jahren-stehen-Frage. "Diese können im Grunde nur die Mitarbeiter vorbehaltlos beantworten, die einen Aufstieg innerhalb der Firma verfolgen." Familienmenschen würden ehrlicherweise sagen, dass sie bleiben wollen, wo sie sind, bis die Kinder älter sind. Und für Lebenskünstler mit Zickzack-Vita sei das Leben eh eine Spielwiese - sie könnten sich zum Teil nicht einmal vorstellen, was in fünf Jahren sein könnte. Auch wenn diese Antworten von Herzen kämen: Verständnis sollte man dafür im Bewerbungsgespräch oder Jahres-Mitarbeiter-Gespräch nicht erwarten, so Nussbaums Einschätzung. Authentische Planung hat also auch ihre Grenzen.

Dennoch gibt es Möglichkeiten, seinen Beruf nach seinem Lebensplan zu gestalten. Der Trick ist, sich nach Arbeitgebern umzuschauen, die zu den eigenen Werten und Lebensstil passen. Das oberflächliche Image einer Firma sei aber keine gute Orientierung, erklärt Nussbaum. Bedeutsamer sei die Haltung der direkten Vorgesetzten. Eigentlich klar: Wenn die Chefin eine ökologisch orientierte Querdenkerin ist, wird sie für einen Gleichgesinnten und seine Ideen eher ein offenes Ohr haben. Und wenn der Chef passionierter Familienvater ist, wird er Stundenausfälle durch Kinderkrankheiten oder Ballettaufführungen entspannter sehen. Wenn man in Werten und Vorstellungen ähnlich tickt, trägt das dazu bei, dass man sich wohler bei der Arbeit fühlt. Und erfüllter: Denn man arbeitet dann mit Menschen zusammen, die ähnliche Prioritäten setzen. "Die Entwicklung zu einer individualisierten Arbeitswelt steht noch am Anfang", so Nussbaums Fazit. "Es ist also wichtig, passende Nischen und Wege zu finden und für die Suche auch etwas Zeit aufzuwenden."

Sie glaubt, dass es sich auf jeden Fall lohnt, die eigenen Forderungen gut zu durchdenken und dann klar zu formulieren. "Ich habe mehrere Klienten, bei denen sich dadurch viel geändert hat", erzählt Nussbaum. Ein IT-Fachmann habe etwa eine einjährige Weltreise mit seiner Frau machen wollen. Die Firma genehmigte es nicht, der Mann kündigte. Zur Halbzeit der Reise erhielt er aber eine Mail von seinem ehemaligen Chef. Diese sagte, er habe eine Stelle für ihn, wenn er wieder da sei. Der Mut des IT-Spezialisten hatte den Chef offenbar beeindruckt - und umdenken lassen.

Dass nur das beherzte Vorgehen und Ausprobieren neue Berufswege möglich macht, glaubt auch Annette von Alemann. Bisher sei der große Umschwung vor allem im Kopf passiert, es gebe ein "soziales Leitbild" hin zu Berufswegen, die zum eigenen Leben passen. Mit Hirngespinsten habe das nichts zu tun: "Wir haben in Studien häufig nachgewiesen, dass soziale Leitbilder die Praxis voraussagen." Das heißt: Mittelfristig wird das, was wir uns jetzt wünschen, wohl Alltag werden.

* Namen von der Redaktion geändert

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
jujo 07.03.2016
1. ...
Das ist doch eine völlig normale und gesunde Einstellung. Wenn man mit Anfang vierzig gut oder gar besser verdient hat, sich alles nötige angeschafft hat. dann weiss man wieviel Geld nötig ist um den level zu halten. Das man dazu nicht mehr den Mehrverdienst braucht. Dann ist man erwachsen genug um zu wissen was wirklich wichtig ist und für wen man das tut.
der_unbekannte 07.03.2016
2. Finde ich gut
Wenn der CEO 8 Millionen € Boni erhält und der kleine Angestellte für immer weniger Lohn/Gehalt immer mehr arbeiten muss, ist es nur gesund wenn man kürzer tritt und sich mehr um sich und seine Familie kümmert.
Celegorm 07.03.2016
3.
Diese Erkenntnis ist ja eigentlich banal, schliesslich bringt ab einem gewissen Niveau ein höherer Lohn kaum merkbaren Mehrwert und verschlechtert dafür die Balance zwischen Geld und Zeit deutlich. Dass man also darauf schaut, dass innerhalb dieses Geld-oder-Zeit-Dilemmas das Leben ausserhalb des Berufs nicht zu kurz kommt, macht allemal Sinn.
Publius Aelius Hadrianus 07.03.2016
4. Gesamtgesellschaftliches Umdenken
Ich würde nicht sagen, dass diese Haltung, also die Balance zwischen Karriere und Zeit für sich oder seine Liebsten, so neu ist. Mein Vater ist Maschinenbauingenieur und kurz von der Rente und hat im Laufe seiner "Karriere" als Entwicklungsingenieur schon einige Angebote ausgeschlagen, z.B. als Hauptabteilungsleiter oder dergleichen. Auch er hat das immer so gesehen, dass der Mehrwert an finanziellen Mitteln, das zeitliche Opfer nicht rechtfertigen würden. Wenn man sich so umhört, auch unter den älteren Semestern scheint mir diese Haltung nicht so neu zu sein, wie immer suggeriert wird. Ich denke, dass es einfach modern geworden ist, dies laut und deutlich auszusprechen und man es früher solche Ansichten eher für sich behalten hat.
cor 07.03.2016
5.
Zitat von CelegormDiese Erkenntnis ist ja eigentlich banal, schliesslich bringt ab einem gewissen Niveau ein höherer Lohn kaum merkbaren Mehrwert und verschlechtert dafür die Balance zwischen Geld und Zeit deutlich. Dass man also darauf schaut, dass innerhalb dieses Geld-oder-Zeit-Dilemmas das Leben ausserhalb des Berufs nicht zu kurz kommt, macht allemal Sinn.
So banal diese Erkenntnis sein mag. Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass unheimlich viele Leute leben um zu arbeiten und nicht umgekehrt. Ich habe auch kein Problem damit, solange diese Leute dieselbe Einstellung nicht auch von mir verlangen oder versuchen, mich zu "missionieren". Ist genau das gleich bei den Veganern ;)
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