Handarbeitstrend Warum wir plötzlich alles selber machen wollen

Unser digitalisiertes Leben schürt die Sehnsucht nach Tradition. Und so ist Handarbeiten plötzlich hip. Nach Feierabend werden immer mehr Büroangestellte zu Bierbrauern, Näherinnen oder Zeichnern.

Freizeit-Kalligrafin Anna-Maria Koy
Ilona Habben / SPIEGEL WISSEN

Freizeit-Kalligrafin Anna-Maria Koy

Von SPIEGEL-WISSEN-Autorin


Nach einem Vollzeitarbeitstag, unten in der spiegelfassadenglatten HafenCity mit Blick auf die Elbphilharmonie, setzt sich Anna-Maria Koy abends an den Tisch in ihrer Hamburger Wohnung, um der Welt ihre eigene Handschrift zu verpassen. Sie taucht eine Schreibfeder in Tinte, schwarz oder gold, und führt die Hand über das Blatt.

Koy ist Kalligrafin.

Zumindest am Abend. Tagsüber tippt Koy Buchstaben in ihren Computer. Sie arbeitet für ein Hochzeitsportal, ist den ganzen Tag damit beschäftigt, Bildstrecken zu durchsuchen und Trends zu entdecken und zu prognostizieren, was den Leuten gefällt. Koy ist 29 Jahre alt und von Selfie-geschulter Schönheit. Sie fotografiert und schreibt ein Modeblog, für das sie sich regelmäßig die schönsten Kleider von überall her schicken lässt. Koy ist gut darin, die Dinge zu finden, die bald jeder gut finden wird.

Auf einer Messe, die sie für ihren Job besuchte, sah sie die Kalligrafien einer Künstlerin und bekam sofort Lust, das auszuprobieren.

Es gibt ja den alten Schnack über die moderne Kunst, bei deren Anblick jeder Museumsbesucher denkt: Das kann ich auch! Im Bereich der Handarbeiten wird er gerade immerzu wahr.

Immer gibt es die eine Freundin, die gerade in einem Kurs das Sockenstricken gelernt hat. Die Mitbewohnerin, die ein Stickset aus dem Bastelladen mit nach Hause bringt, für den nächsten Fernsehabend. Die Bekannte, die sich jetzt Bienen auf dem Hausdach hält. Die eigenen angefangenen Häkeldecken, die im Wohnzimmer auf den nächsten Regentag warten. Die Nachricht, dass Stiftehersteller in Sonderschichten produzieren, weil so viele Deutsche das Ausmalen für sich entdeckt haben. Den Strickklub im Wollladen des Vertrauens, der jetzt Knit Nights anbietet.

Während die Welt digital geworden ist, wollen wir plötzlich wieder selbst Bier brauen und selbst gesiedete Seife kaufen.

Das ist das Etsy-Paradox.

Etsy ist ein Onlinemarktplatz für Selbstgemachtes. Das Ebay des Bastelns, wenn man so will, nach dessen Vorbild sich in Deutschland Dawanda gegründet hat. Bei Etsy trifft alles zusammen - das Selbstgemachte, das Digitale, die Lust an der Kreativität und die Zwänge. Wegen dieser E-Commerce-Plattformen geht es bei vielen Selbermachern nicht mehr nur um Zeitvertreib, sondern auch um Vertrieb, auch wenn wenige als Verkäufer davon leben können.

Lisa Blum-Minkel
Ilona Habben / SPIEGEL WISSEN

Lisa Blum-Minkel

Viele haben eine ganze Reihe von Einnahmequellen, sie tingeln von Designmarkt zu Designmarkt wie Schausteller über Jahrmärkte. Man kann auf Etsy ganz hervorragend bedruckte Geschirrtücher oder Holzfingerringe mit Landschaftsmotiven kaufen. Vor allem aber kann man auf Etsy ganz hervorragend sehen, dass die Do-it-yourself-Handarbeitskultur längst von einer Gegenbewegung zu einem Massenphänomen geworden ist. Und dass es nicht nur ums Machen geht, sondern auch ums Nachmachen.

Und dafür ist auch Lisa Blum-Minkel verantwortlich. Blum-Minkel entwickelt Bastelanleitungen für Zeitschriften. Gerade sitzt sie an einem Projekt für die "Landlust".

"Ich liebe das Internet, aber..."

Wann immer eine Zeitschrift gern eine Strecke hätte mit Filzanhängern oder Strickpullovern für den Winter, meldet sie sich bei Blum-Minkel. Dann geht Blum-Minkel in ihr Atelier und zieht eine ihrer Arbeitsschürzen an. Sie besitzt eine Schürze zum Nähen, eine zum Malen, eine für Dreckarbeiten, wie sie das sagt, und eine gute, auf die sie selbst in zögerlicher Schreibschrift "the future is female" gestickt hat. Sie hat sich damals viele Gedanken gemacht über die hohe Anzahl weiblicher Analphabeten, deshalb sollte die Schrift so unbeholfen aussehen. Und über den Zusammenhang zwischen Feminismus und Handarbeit denkt sie sowieso nach. So ist das mit der Schürze, und so ist das auch mit allem anderen, was Blum-Minkel macht. Hinter allem, was sie stickt, steckt eine Geschichte oder mindestens ein Gedanke.

Blum-Minkel ist jetzt bald 50 Jahre alt, auch wenn sie sich eine freundliche Mädchenhaftigkeit bewahrt hat, die sie zwischen den Mittzwanzigern in den Szenecafés kaum auffallen lässt. Sie ist auf einem Bauernhof aufgewachsen mit einem Großvater, der der Überzeugung war, dass jeder Mensch eine Reihe von Fertigkeiten besitzen müsse, und seiner Enkelin deshalb zum Beispiel das Knopflochsticken beigebracht hat. Später hat sie dann eine Lehre zur Schneiderin gemacht und Modedesign studiert, ein paar Jahre als Trendscout in Paris gearbeitet, bis die Sehnsucht nach dem Benutzen der eigenen Hände sie zurück ins Atelier getrieben hat. Seitdem schreibt sie Anleitungen. Blum-Minkels Auftragsbuch ist ein besserer Beleg für die Sehnsucht nach Kreativität, als es jede Statistik sein könnte.

Als sie damit angefangen hat, gab es keine Smartphones und keine MacBooks, kein Instagram, kein Pinterest und keine Do-it-yourself-Blogs. Kein Etsy, kein YouTube, kein Dawanda. Weder die Strickcommunity ravelry noch den Lieferdienst supercraft, der Abonnenten sechsmal im Jahr Bastelsets samt Anleitungen vor die Tür stellt, natürlich immer saisonal abgestimmt, gleich neben die Gemüsebox vom Biobauern.

"Ich liebe das Internet", sagt Blum-Minkel. Und dann kommt das große Andererseits.

Und plötzlich liebt jeder die Ananas

Denn wenn man Blum-Minkel fragt, wie sich das Selbermachen in dieser Zeit verändert hat, sagt sie: "Es ist heute viel, viel perfekter." Allein schon dadurch, dass man es später auf Instagram zeigen wolle. "Diy" - Do it yourself - stand einmal für stolzen Dilettantismus. Heute sollen die gekauften Waren möglichst selbst gemacht aussehen und das Selbstgemachte wie gekauft.

Wenn Blum-Minkel über neue Projekte nachdenkt, nutzt sie deshalb weder Pinterest noch Instagram und am liebsten auch sonst keine Plattform im Internet. In ihrem Atelier hütet sie antiquarische Bücher über Handarbeitstechniken, die sie ihre Bibeln nennt. Als sie noch in Paris wohnte, hat sie am liebsten in der Fachbibliothek im Louvre recherchiert, und wenn sie auf Ideensuche ist, besucht sie lieber Flohmärkte als Facebook.

Während die Kalligrafin Koy die besten Blogs und die schönsten Styled Shoots kennt, also inszenierte und ausstaffierte Fotosessions, und eigentlich immer im Internet unterwegs ist, stellt Blum-Minkel manchmal auch für Tage ihr Smartphone aus: "Ich sehe sonst so viele tolle Sachen und merke, wie die Stunden vergehen. Dann mache ich das Internet aus und fühle mich nicht gut. Ich bin dann nicht mehr bei mir."

Und manchmal fragt sie sich schon, warum in Japan die gleichen Taschen genäht werden wie in Berlin. Oder warum plötzlich jeder die Ananas liebt und in manchem Instagram-Stream mehr von diesen Früchten zu finden ist als auf jedem exotischen Hotel-Büfett. Ananas-Aquarelle. Ananas-Stickereien. Ananas-Prints.

"Ausmalen ist Yoga mit Buntstiften"

Koy will die tollsten Produkte finden. Blum-Minkel sorgt sich darum, ihren Stil zu verlieren. Und dann gibt es noch die anderen, denen es nicht darum geht, eine eigene Stimme zu finden, sondern um Ruhe. Nicht um Absatzzahlen, sondern ums Abschalten.

"Die Beiden Drei" in der Sattlerwerkstatt
Ilona Habben / SPIEGEL WISSEN

"Die Beiden Drei" in der Sattlerwerkstatt

Wie sonst ließe sich der erstaunliche Verkaufserfolg der Ausmalbücher für Erwachsene erklären, die ein Schaffen in engen Grenzen versprechen. Eine manuelle Tätigkeit in fertigen Formen. Ausmalen ist Yoga mit Buntstiften. Eine Entspannungsübung, bei der es darum geht, dass alles überschaubar bleibt, nicht darum, ob es ansehnlich wird.

In den letzten Jahren hat Blum-Minkel viel gestickt. Für einen Verlag hat sie ein Stickbuch entwickelt. Ganze Stunden, ganze Tage hat sie mit Sticken zugebracht, und dabei hat sie genau dieses Gefühl kennengelernt, nach dem die Workaholic-Seele giert. "Nach 20 Minuten Sticken wird alles ganz sauber in meinem Kopf", sagt sie.

Handarbeit ist Reinemachen in der Seele.

Handarbeit ist das wortwörtliche Begreifen der Welt.

Blum-Minkel ist fest davon überzeugt, dass die Freude am Selbermachen aus der Sehnsucht kommt, verstehen zu wollen, wie die Dinge funktionieren. Wer in seinem Alltag immer von Geräten umgeben ist, die er zwar bedienen kann, aber niemals selber bauen könnte, wolle wenigstens im Kleinen wissen, warum Brotteig gehen muss oder wie der Knopf an der Hose hält.

Wachsende Sehnsucht nach Tradition und Geschichte

Die Digitalisierung liefert die Anleitungen dazu. Auf YouTube gibt es Tutorials für den Perlstich, in Foren Anleitungen für Sessel und Tische. Es sind goldene Zeiten für Autodidakten. Theoretisch kann jeder Nähen, Bauen, Sägen lernen, ohne je einen Kurs zu besuchen oder eine Lehre zu machen oder einen Großvater zu haben, der das Knopflochsticken beherrscht.

Selbstgemachtes ist nicht zufällig zu eben jener Zeit populär geworden, in der Gebrauchtes plötzlich "Vintage" hieß und in Mode kam. Seitdem wächst sie immer weiter, diese Sehnsucht nach Tradition und nach Geschichte. Den Beweis dafür kann man zum Beispiel in der kleinen Sattlerwerkstatt finden, in der drei Geschwister eine Tasche produzieren. "Die Beiden Drei" nennen sie sich.

Eine der Schwestern hat eine Ausbildung zur Sattlerin gemacht, genau wie ihr Großvater, der Karl Oeltjen hieß und immer so viele Geschichten zu erzählen wusste, dass die Kunden extra Zeit einplanten, und der sich einen Briefkasten aus einem alten Regenrohr selbst gebaut hat, lange noch bevor irgendjemand das Wort "upcycling" benutzt hat.

Jetzt hängen die Werkzeuge des Großvaters an der Werkstattwand seiner Enkelin. Und die Geschwister nähen dort Taschen, die sie in ausgewählten Läden, auf Etsy und auf Messen verkaufen. Es sind schöne Taschen, aus weichem Leder und mit durchdachten Riemen. Aber wann immer es um die Tasche geht - bei Wettbewerben oder in Designzeitschriften -, geht es irgendwann um den Großvater, um das Fortführen von Traditionen, um die Geschichte hinter dem Produkt. Der Erfolg der Tasche erzählt vom Heimweh der digitalen Weltbürger.

Einem Heimweh, das sich nur mit dem Töpfern von Broschen oder dem Gießen von Duftkerzen oder dem Stricken von Socken oder dem Tragen dieser Taschen stillen lässt.

Aus SPIEGEL WISSEN 2/2016
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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
kendon 17.05.2016
1. Interessantes Thema...
...aber leider nicht besonders tiefgreifend beleuchtet. Im Wesentlich geht es hier um Lifestyle- und Modeartikel. Dass der Selbermachertrend grade bei Lebensmitteln noch mehr (positive wie negative) Seiten hat wird ignoriert. Bierbrauen wird nur im Teaser angerissen, die rechtlichen Aspekte hätte man mal anschauen können. Soziales kommt hinzu, Bier brauen und Schnapps brennen macht man meistens in einer kleinen Gruppe, die Ergebnisse werden gerne in grösseren Runden verköstigt. Die Nutztierhaltung wird auch nur am Rande in Form des Bienenkastens auf dem Dach erwähnt, das immer beliebtere Hühnerhalten im eigenen Garten findet gar keine Erwähnung...
forumgehts? 17.05.2016
2. Wenn
jemand nach der Daddel-Handarbeit auf dem Handy noch freie Kapazitäten hat, nur zu.....! Da, wie beschrieben, hauptächlich das gemacht wird, was gerade "in" ist, sollte man diesen Tätigkeiten aber keine allzugrosse Halbwertzeit einräumen.
quark2@mailinator.com 17.05.2016
3.
Wieso plötzlich ? Nach meiner Beobachtung wird heutzutage so wenig selbst gemacht wie nie zuvor. Meine Großeltern haben noch fast alles selbst gemacht, vom kleinen Holzkästchen über den Weihnachtsschmuck bis hin zur Kleidung. Auch bei meinen Eltern wurde noch viel selbst gemacht, egal ob am Auto, bei jeder Menge eigener Möbel oder eben bzgl. selbst geschneiderter Hosen, Jacken, gestrickten Pullovern, oder auch einem selbst genähtem Zelt (extrem leicht halt), etc. Und auch ich selbst habe jede Menge selbst gemacht, insb. bzgl. Elektronik. Bei allem o.G. habe ich die künstlerische Seite noch weggelassen, denn natürlich wurde gemalt, geschnitzt, etc. ... Heutzutage findet natürlich viel der Selbstverwirklichung am Rechner statt - Photoshop statt Dunkelkammer, 3D-Drucker statt Amboß sozusagen. Spricht auch nichts dagegen. Aber wieso nur glaubt jemand, gerade heutzutage würde mehr selbst gemacht als früher ? Seltsam.
MatthiasPetersbach 17.05.2016
4.
Nun, irgendwie war die Do-it-yourself-Welle ja in den 70ern. Geboren aus der schieren Notwendigkeit. Dadurch war es möglich, Auto zu fahren, zu wohnen, zu wasauchimmer, ohne gleich nen großen Geldbeutel mitzubringen. Das ist auch heute noch so - nur auf einem -kostenmäßig- höheren Niveau. Aber wir haben ja auch mehr Geld. Und VORHER war das auch so, nur hieß das nicht " Do-it-yourself" sondern "schaffen". Abends, am Wochenende. Weil man sein Zeux versorgen musste, seinen Garten machte, sein Auto auf Vordermann brachte, am Haus was reparierte…….. Nicht zuletzt, weil es unzählige Sachen gibt, für die ein Handwerker ja auch nicht kommt - und nicht gedacht ist. Ob das unbedingt an der "Lust zum Selbermachen" des degenerierten Büromenschen liegt, wage ich zu bezweifeln. Das ist m.E. höchstens EIN Aspekt.
fleischzerleger 17.05.2016
5.
Zitat von quark2@mailinator.comWieso plötzlich ? Nach meiner Beobachtung wird heutzutage so wenig selbst gemacht wie nie zuvor. Meine Großeltern haben noch fast alles selbst gemacht, vom kleinen Holzkästchen über den Weihnachtsschmuck bis hin zur Kleidung. Auch bei meinen Eltern wurde noch viel selbst gemacht, egal ob am Auto, bei jeder Menge eigener Möbel oder eben bzgl. selbst geschneiderter Hosen, Jacken, gestrickten Pullovern, oder auch einem selbst genähtem Zelt (extrem leicht halt), etc. Und auch ich selbst habe jede Menge selbst gemacht, insb. bzgl. Elektronik. Bei allem o.G. habe ich die künstlerische Seite noch weggelassen, denn natürlich wurde gemalt, geschnitzt, etc. ... Heutzutage findet natürlich viel der Selbstverwirklichung am Rechner statt - Photoshop statt Dunkelkammer, 3D-Drucker statt Amboß sozusagen. Spricht auch nichts dagegen. Aber wieso nur glaubt jemand, gerade heutzutage würde mehr selbst gemacht als früher ? Seltsam.
Plötzlich? Das behauptet jemand aus der Rubrik Lifestyle. Ist so ernst zu nehmen wie eine Aussage von Seehofer.
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