Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Stärke im Alltag: Krank auf der Strecke

Von SPIEGEL-WISSEN-Autor

Unglücke beim Sport: Wenn das Herz plötzlich stillsteht Fotos
REUTERS

Exzessives Ausdauertraining fügt dem Herzen schwere Schäden zu und kann lebensgefährlich sein.

An einem Märztag lief Micah True in die Berge von New Mexico. Es sollte mit 20 Kilometern eine gemütliche Runde werden für den Mann, der es in den Vereinigten Staaten als Ultramarathonläufer zu Ruhm gebracht hatte. Jede Woche absolvierte Micah True 270 Kilometer, gern zeigte der 58-Jährige seinen nackten Oberkörper, an dem kein Gramm Fett zu sehen war.

Doch an diesem Tag war die Anstrengung zu viel für Micah True. Es dauerte vier Tage, bis Helfer seinen Körper entdeckten, mit den Füßen in einem Bach. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Wie eine Autopsie ergab, war es vergrößert und offenbar voller Narben.

Micah True war im Frühjahr 2012 nicht der einzige prominente Sportler, der den plötzlichen Herztod starb. Der italienische Fußballprofi Piermario Morosini, 25, sackte mitten in einem Ligaspiel danieder. Der norwegische Schwimmweltmeister Alexander Dale Oen, 26, verschied im Höhentrainingslager in Arizona unter der Dusche.

Die tragischen Abgänge fallen in eine Zeit, in der Ärzte neue Erkenntnisse gewinnen, warum extremer Ausdauersport dem Herzen manchmal schadet. Demnach kann exzessiver Sport die Architektur der Blutpumpe auf bisher ungekannte Weise dauerhaft verändern.

Leicht verwundbar

Bis vor kurzem noch hatten Mediziner tragische Trainingstode eher auf schon bestehende Herzprobleme zurückgeführt: Zum einen ist die Blutpumpe besonders leicht durch Anstrengung verwundbar, wenn sie bereits durch Viren oder Bakterien entzündet ist. Zum anderen führen angeborene Fehler dazu, dass das Herz bei Belastung den Dienst versagt. Bei bestimmten Erkrankungen etwa ist die Muskulatur der linken Herzkammer von Geburt an auffällig verdickt. Oder die Herzkranzarterien sind falsch angelegt.

Bekannt war, drittens, auch, dass regelmäßige Ertüchtigung das Herz größer werden lässt. Dieses Phänomen, mitunter Athletenherz genannt, ist in den meisten Fällen jedoch eine normale Reaktion des Körpers und besitzt an und für sich keinen Krankheitswert.

Anders kann es allerdings aussehen, wenn Menschen entfesselt Sport treiben. Dann kann das Herz mit 500 Gramm ein kritisches Gewicht erreichen. Ärzte sprechen vom bedrohlichen Rinderherz ("Cor bovinum"). Es wird anfällig, weil die Herzkranzgefäße zu klein sind, um seine große Masse noch ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen.

Doch nicht nur die Größe, sondern auch die Architektur des Herzens verändere sich manchmal durch extremen Ausdauersport, warnen der Arzt James O'Keefe und seine Kollegen im Fachblatt "Mayo Clinic Proceedings" in der Ausgabe vom Juni 2012. Dort präsentieren sie neue Hinweise auf dauerhafte Schäden.

In einer Studie wurden die Herzen von 40 Menschen, die an Marathonläufen, Triathlonwettkämpfen und Fahrradrennen durch die Berge teilgenommen hatten, per Kernspin untersucht. Fünf von ihnen hatten auffällige Narben in der rechten Herzkammer.

Freie Radikale entstehen

Zumindest bei einigen Extremsportlern werden der Vorhof sowie die Kammer der rechten Herzseite demnach dauerhaft überdehnt. Die Mediziner um O'Keefe vermuten: Durch die ungewöhnliche Belastung wird die Blutpumpe übermäßig gestresst. Sogenannte freie Radikale entstehen, welche die eigenen Zellen schädigen.

Das wiederum könnte das Immunsystem auf den Plan rufen. Zellen des Immunsystems geben verstärkt Botenstoffe ab, die das Wachstum bestimmter Vorläuferzellen anregen. Diese verwandeln sich in Bindegewebszellen. Das Herz vernarbt - und kann deshalb leichter als sonst aus dem Takt geraten und ganz stehen bleiben.

"Diese Anomalitäten haben oft keine Symptome und entstehen vermutlich im Verlauf vieler Jahre", schreiben die Ärzte in den "Mayo Clinic Proceedings". "Sie könnten anfällig machen für Herzrhythmusstörungen."

Allerdings droht diese Gefahr offenbar nur Menschen, die jeden Tag viele Stunden trainieren. Mit ihrem Pensum liegen sie fünf- bis zehnmal über dem, was Ärzte empfehlen: Wer an mindestens fünf Tagen der Woche etwa jeweils eine halbe Stunde joggt, der verlängert sein Leben statistisch gesehen um sieben Jahre. (Menschen, die erst wieder mit dem Sport anfangen wollen, sollten sich ärztlich untersuchen und beraten lassen, ehe sie loslegen.)

Am abträglichsten für die Herzgesundheit ist es, sich gar nicht zu rühren. Auf der Couch lebt es sich eindeutig gefährlicher als auf dem Trainingsplatz. Der plötzliche Herztod rafft in Deutschland jedes Jahr mehr als 100.000 Menschen dahin, aber nur einige hundert trifft es beim Sport.

Dieser Artikel stammt aus dem SPIEGEL WISSEN Heft 3/2012 "Mein Herz". Hier können sie das ganze Heft bestellen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. An alle Sportler
alles_wisser 02.09.2012
Durch übertriebenen Ausdauersport vergrößert sich der Herzmuskel, das ist ja bekannt. Damit wachsen auch die Coronargefäße, auch bekannt. Aber: Im Alter schrumpfen alle Muskeln auch das Herz, unabhängig davon ob man noch trainiert. Adern können jedoch nicht schrumpfen, die bilden, da mit dem Herzen fest verbunden,Schlaufen und Knicke. Der Herztot ist vorprogrammiert - leider.
2. bekannt
Spiegelleserin57 02.09.2012
ist da Athletenherz schon sehr lange. es wäre viel wichtiger gewesen einen Artikel über die Voraussetzungen zu schreiben die zu einer KHK führen , denn diese werden in weiten Teilen der Bevökerung nicht gesehen. Wer Sport treibt ist wahrscheinlich schon unter ärztlicher Kontrolle da ersich um seinen Körper kümmert. Viel schlimmer ist die Missachtung der restlichen Bevölkerung!
3. Die Extremisten
Surgeon_ 02.09.2012
bestrafen sich selbst. Ist eigentlich gut so. Viele müssen sich heute mit extremen Sport brüsten. Fitnesscenter ohne Ende, Hausfrauen machen MTB-Touren, andere wollen durch extreme Leistungen weltweit bekannt werden. Sport als Droge mangels Lebenssinn und mangels innerer Erfüllung. Psychische Defekte werden weggesportet. Am Ende wird solchen und anderen von Gott gesagt werden: Lebenssinn nicht erfüllt. Arme dumme kleine Menschlein. Machen alles kaputt, auch sich selbst !
4.
meineidbauer 02.09.2012
Zitat von Surgeon_bestrafen sich selbst. Ist eigentlich gut so. Viele müssen sich heute mit extremen Sport brüsten. Fitnesscenter ohne Ende, Hausfrauen machen MTB-Touren, andere wollen durch extreme Leistungen weltweit bekannt werden. Sport als Droge mangels Lebenssinn und mangels innerer Erfüllung. Psychische Defekte werden weggesportet. Am Ende wird solchen und anderen von Gott gesagt werden: Lebenssinn nicht erfüllt. Arme dumme kleine Menschlein. Machen alles kaputt, auch sich selbst !
Dosis sola venenum facit. Die Menge macht das Gift. Das gilt hier genauso wie in anderen Bereichen des Lebens. Ich bin selbst überzeugter Ausdauersportler, habe es aber nie übertrieben, stets vernünftig trainiert, auf meine Ernährung geachtet und ärztlichen Rat konsultiert. Ich bin jetzt über 50, wiege knapp 80kg bei einer Größe von 184cm. Mein Ruhepuls liegt zwischen 45 und 50 Schlägen pro Minute. Soll ich mich jetzt fürchten? Im Gegensatz zu manchen meiner Altersgenossen fühle ich mich wie ein junger Mensch. Im Vergleich zu Leuten, die gar keinen Sport betreiben, adipös sind, Raucher oder Trinker, ist mein Herztodrisiko praktisch null, aber ok, erwischen kann es jeden.
5. Skalierung?
adamsh 02.09.2012
Grobe Überschlagsrechnung, Fälle pro (Anzahl mal Zeitintervall[hier Woche]) Normalbevölkerung: 100.000/(80.000.000 * 168h)=7.5*10^(-6)Tote/h Sportler: 500/(2.000.000*8h)=31*10^(-6)Tote/h Wären viemal so viele Tote pro Woche wie in der Normalbevölkerung. Ergebnisse sind sicher auch unzureichendem Zahlenmaterial geschuldet, NUR nach o.g. lassen sihc die Aussagen vom gesunden Sportler (einschließlich Freizeitsportler) und Gesamtbevölkerung nun einmal nicht belegen.... Da sollte der Spiegel besseres Zahlenmaterial veröffentlichen. HA
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL Wissen 3/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Titelbild
Heft 3/2012 Was es schwächt, was es stärkt, was es heilt

Gedruckte Ausgabe

Sparen + Geschenk sichern




Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: