Intelligenzforscher im Interview Was können IQ-Tests leisten?

Was hat der IQ mit Schulversagen, Arbeitslosigkeit, Scheidungen oder Migration zu tun? Der Psychologe Aljoscha Neubauer erklärt die Zusammenhänge.

Studenten im Hörsaal (in Leipzig)
DPA

Studenten im Hörsaal (in Leipzig)


SPIEGEL: Herr Professor Neubauer, eine neue Studie aus Florida zeigt, dass Intelligenztests gerade für Nichtweiße ein Segen sein können. Ein IQ-Screening aller Zweitklässler führte dazu, dass sich die Zahl der schwarzen Schüler und Einwandererkinder aus Lateinamerika, die als begabt eingestuft wurden, verdreifachte - die Lehrer selbst hatten zuvor nur einen Bruchteil dieser kleinen Talente identifiziert. Erstaunt Sie das?

Neubauer: Nein! Der große Vorteil von Intelligenztests ist ja, dass sie blind sind für Hautfarbe, Geschlecht und andere äußerliche Merkmale. Manche Tests funktionieren auch unabhängig davon, wie gut sich jemand sprachlich ausdrücken kann - was für Kinder aus bildungsfernen Haushalten oder aus Einwandererfamilien von Vorteil sein kann. Pädagogen übersehen da schon mal Talente, etwa weil sie sich von einer schlechteren sprachlichen Ausdrucksfähigkeit täuschen lassen...

Aus SPIEGEL WISSEN 4/2017

SPIEGEL: ...oder weil sie Vorurteile haben. Begabte weiße Kinder hatten die Lehrer in Florida besser identifiziert.

Neubauer: Ich erlebe immer wieder Debatten, in denen der Sinn von IQ-Tests angezweifelt wird. Und dann meldet sich jemand aus dem Publikum und sagt: Ich bin ein Gegenbeispiel! Nur durch einen IQ-Test, der mir meine Begabung zeigte, konnte ich meinen außergewöhnlichen Lebensweg gehen. Mein Umfeld hätte mir das nie zugetraut.

SPIEGEL: In Intelligenztests in den USA haben schwarze Amerikaner immer wieder im Durchschnitt 15 IQ-Punkte schlechter abgeschnitten als weiße. Könnte es sein, dass sich die seltsame Lücke zwischen Amerikanern unterschiedlicher Hautfarbe schließt?

Neubauer: Die Studie könnte ein Hinweis darauf sein, ja, aber ich kenne keine neuen Daten dazu.

SPIEGEL: Über diesen Unterschied ist es zu vielen Eklats gekommen. Der erste entbrannte 1969 in den USA über einen Fachartikel des renommierten Psychologen Arthur Jensen. Darin erklärte Jensen, dass die IQ-Unterschiede zwischen den Weißen und Schwarzen teilweise genetisch bedingt sein müssten, da Intelligenz zu einem erheblichen Teil erblich sei. Ist die Argumentation schlüssig?

Neubauer: Intelligenz ist zwar im hohen Maße erblich, diese Werte kann man aber nicht benutzen, um Unterschiede zwischen Gruppen oder Ethnien zu erklären. Dafür müsste man die mit Intelligenz assoziierten Allele im Genom identifizieren und die Frequenzen dieser Allele zwischen den Gruppen vergleichen. Die Forschung ist dazu nicht annähernd in der Lage.

SPIEGEL: Der Populationsgenetiker Richard Lewontin hat schon 1970 nachgewiesen, dass man genetische Unterschiede innerhalb einer Population nicht auf Unterschiede zwischen Gruppen übertragen kann. Er zeigte, dass es einen Umweltfaktor geben kann, der den Unterschied begründet, den man aber immer übersieht.

Neubauer: Genau. Ein IQ-Unterschied von 15 Punkten könnte rein umweltbedingt sein; es kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass er teilweise genetisch bedingt ist. Ursache könnten winzige genetische Unterschiede sein, die dann - quasi epigenetisch - durch die Umwelt verstärkt werden.

SPIEGEL: Und wie ist es mit dem Selbstwertgefühl? Untersuchungen zufolge schneiden Menschen mit Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten bei Intelligenztests etwas besser ab.

Neubauer: Das ist richtig. Wenn Menschen, die diskriminiert werden, sich selber weniger zutrauen, könnte das IQ-Unterschiede teilweise erklären.


Aljoscha Neubauer
Christian Wind / DER SPIEGEL

Aljoscha Neubauer

Der 56-jährige Professor für Differenzielle Psychologie an der Universität Graz ist ein weltweit bekannter Intelligenzforscher. Er ist derzeit Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie und war zuvor Präsident der International Society of Intelligence Research.


SPIEGEL: 1994 breiteten sich die Schockwellen eines Buches zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der IQ-Unterschiede bis nach Europa aus. "The Bell Curve", verfasst von den Psychologen Charles Murray und Richard Herrnstein, schilderte die düsteren Folgen von Minderbegabung und wies in diesem Zusammenhang wieder auf den niedrigeren Durchschnitts-IQ von Schwarzen hin. Zieht die Intelligenzforschung Rassisten an, oder werden Forscher über die Beschäftigung mit dem IQ elitär?

Neubauer: Gute Frage! Als langjähriger Besucher einschlägiger Fachtagungen kann ich das zwar nicht bestätigen, da hat die Mehrheit keine elitären Vorstellungen. Aber die Positionen der Elitebewussten dringen besonders durch, weil sie medial viel stärker aufgegriffen werden als andere, moderate Positionen. Dazu kommt, dass man über viele Fakten öffentlich kaum rational diskutieren kann, weil sofort Totschlagargumente kommen wie: "Mit Intelligenztests kann man ja sowieso nicht Intelligenz messen."

SPIEGEL: Die von der "Bell Curve" aufgeworfenen Argumente waren ja auch nicht nur rational ...

Neubauer: ... das Heilsame an dem Buch war, dass es danach zwei Task Forces gab, die all das, was die Intelligenzforschung bis dahin herausgefunden hatte, unter die Lupe nahmen. 1996 fasste dann ein Gutachten den Stand der Wissenschaft zusammen. Fazit war, dass die Autoren der "Bell Curve" ihre Argumente überzogen hatten. Die Intelligenzforschung insgesamt zu verdammen, hieße aber, das Kind mit dem Bade auszuschütten - also auch die positiven Resultate auszublenden. Zum Beispiel verwenden viele österreichische Fachhochschulen IQ-Tests für die Aufnahme, weil man weiß, dass das Ergebnis sehr gut den Erfolg im Studium vorhersagen kann.

SPIEGEL: Sind Wissenschaftler wie Charles Murray und Richard Herrnstein für Sie so etwas wie schwarze Schafe Ihrer Zunft?

Neubauer: Nein. Im Buch geht es ja nur zu einem Bruchteil um den IQ-Unterschied von Schwarzen und Weißen. Es dreht sich vor allem um die Frage, wie vorhersagekräftig Intelligenz für beruflichen Erfolg ist...

SPIEGEL: ...und für Misserfolg! Die "Bell Curve" versammelt Korrelationen zwischen niedrigem IQ und allem Übel dieser Welt: Schulversagen, Arbeitslosigkeit, Scheidungen, außerehelichen Schwangerschaften, Vernachlässigung von Kindern und sogar Kriminalität.

Neubauer: Diese Zusammenhänge bestehen, die Frage ist immer, welche Schlüsse man daraus zieht. Und die werden in diesem Buch leider vernachlässigt. Intelligenz wird in den ersten 15 Lebensjahren entwickelt, sie ist maßgeblich abhängig von Quantität und Qualität des Besuchs von Kindergarten und Schule. Daraus ergibt sich ein klarer Auftrag an die Bildungspolitik, wirklich allen Menschen, egal, welcher Herkunft, die bestmöglichen Entwicklungschancen zu geben.

SPIEGEL: Ist es wirklich mindere Intelligenz, die zu den genannten Problemen führt, oder nicht viel mehr die soziale Herkunft?

Neubauer: Das bedingt einander ganz klar. Maßnahmen, die die soziale Stratifizierung verringern, können sich positiv auf die Intelligenzentwicklung auswirken. Hier in Österreich verstärkt sich allerdings gerade die Gettobildung, Ausländer und Migranten leben in größeren Städten leider nicht verteilt und integriert.

SPIEGEL: In der wissenschaftlichen Bestandsaufnahme von 1996 liest man, dass die Erblichkeit der IQ-Unterschiede in der Kindheit bei 45 Prozent und bei Erwachsenen bei 75 Prozent liegt. Was bedeutet das?

Neubauer: Das hat damit zu tun, dass sich mit dem Alter die Gene durchsetzen, weil die Gene die Umwelt sozusagen mitformen - und diese Umwelt dann wiederum die Gene begünstigt. Personen, die genetisch vielleicht nur etwas intelligenter sind, suchen sich intelligenzförderndere Ausbildungen, Berufe, Freunde und Partner.

SPIEGEL: Heißt das, das jeder Erwachsene seine Intelligenz zu 75 Prozent geerbt hat?

Neubauer: Nein, die Erblichkeitsstatistik kann man nicht auf Individuen herunterbrechen. Es sind Mittelwerte: Bei einer Person kann der Wert 30 Prozent betragen, bei der anderen 90. Außerdem sind diese Werte keine Naturkonstanten: Je egalitärer eine Gesellschaft, je gleicher die Umweltbedingungen, desto mehr werden sich paradoxerweise die Genunterschiede durchsetzen.

SPIEGEL: Zu uns schwappte der trübe Streit 2010. Da behauptete der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, Deutschland werde dümmer wegen der Zuwanderung "aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika" - also von seiner Meinung nach ungebildeten Menschen mit vielen Kindern. Muss man sich sorgen, dass eine Nation insgesamt "verdummt", wenn Eltern mit niedrigerem IQ mehr Kinder bekommen als andere?

Neubauer: Sarrazin ist ein schwieriges Thema. Viele Grundannahmen der Intelligenzforschung, von denen er ausgeht, sind richtig, wie damals meine Kollegen Heiner Rindermann und Detlef Rost auch öffentlich dargelegt haben. Aber niemand glaubt daran, dass eine derartige Verdummung in absehbarer Zeit messbar würde: vor dem Verstreichen von einigen Tausend Jahren. Und es gibt gute Gründe, die dagegen sprechen.

SPIEGEL: Sie meinen den Effekt der Regression zur Mitte, also dass zwei Hochintelligente eher kein hochintelligentes Kind bekommen?

Neubauer: Genau, und wenn weniger intelligente Eltern ein Kind bekommen, ist dieses wahrscheinlich intelligenter als sie. Auch dieser Effekt macht Sarrazins These wenig plausibel.

SPIEGEL: In Wirklichkeit scheinen wir ja schlauer zu werden. Die Ergebnisse von IQ-Tests in vielen Industrie- und auch Entwicklungsländern sind über ein Jahrhundert lang stetig besser ausgefallen, wie der Neuseeländer James Flynn 1984 erstmals feststellte. Umgerechnet dürfte die Menschheit im Schnitt in hundert Jahren 30 IQ-Punkte zugelegt haben. Würden uns unsere Ahnen also reichlich tumb vorkommen, wenn wir sie mit einer Zeitmaschine besuchen könnten?

Neubauer: Die Frage ist, ob die Intelligenzzunahme real ist und nicht vor allem ein Messeffekt. Intelligenztests sind ganz klar aussagefähig - aber nur zu einem bestimmten Zeitpunkt, innerhalb einer bestimmten Generation. Es ist wirklich nicht vorstellbar, dass diejenigen, die heute den Durchschnitts-IQ von 100 haben, damals einen von 70 gehabt hätten - und damit nahe der geistigen Behinderung gewesen wären. Es gibt Studien, nach denen Kerngrößen der Intelligenz, wie die Verarbeitungsgeschwindigkeit und das Arbeitsgedächtnis, sich in diesen hundert Jahren nicht bedeutsam verbessert haben sollen.

SPIEGEL: Dann gibt es also womöglich gar keinen Flynn-Effekt?

Neubauer: Ich glaube schon, dass es ihn gibt, aber nicht, dass er drei IQ-Punkte pro Dekade betragen hat. Nicht ausgeforscht, aber spannend finde ich die Nutritionshypothese. Nach ihr könnte die bessere Versorgung mit Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen Grund dafür gewesen sein, dass die Menschheit schlauer wurde...

SPIEGEL: ...wir haben auch weniger Blei in den Wasserleitungen.

Neubauer: Genau, die Belastung mit Umweltgiften hat abgenommen, das ist auch ein möglicher Faktor.

SPIEGEL: Die Menschheit ist ja im etwa gleichen Zeitraum auch gewachsen. Dieser "säkulare Trend", die Zunahme der Körpergröße, schwächt sich jetzt langsam ab, genauso wie die Zunahme des IQ weniger wird. Da denkt man doch an einen Zusammenhang.

Neubauer: Den könnte es geben, zumal ein höherer Umfang des Hirnvolumens auch mit etwas mehr Intelligenz korreliert. Leider hat meines Wissens bisher niemand die Parallele zwischen der Zunahme der Körpergröße und des IQ untersucht! Der Flynn-Effekt gehört zu den großen ungelösten Rätseln der Psychologie.

SPIEGEL: Könnte es sein, dass gerade die Vermischung mit Einwanderern die Völker schlauer gemacht hat?

Neubauer: Das ist eine nicht ganz unplausible Hypothese, Michael Mingroni hat sie vorgeschlagen, man nennt das den Heterosis-Effekt. Genetische Unähnlichkeit hat ja durchaus positive Effekte auf die Nachkommenschaft - denken Sie nur ans Gegenteil, nämlich Inzucht. Leider kann man diese Hypothese empirisch nicht so leicht prüfen, man müsste Staaten mit mehr oder wenig Durchmischung miteinander vergleichen, aber da variiert auch vieles anderes mit.

SPIEGEL: Sie halten also die Idee, dass mehr Einwanderer ein Volk schlauer machen, für nicht weniger abwegig als Sarrazins Angst, das Gegenteil könnte eintreffen?

Neubauer: Genau. Obgleich derzeit schwer nachweisbar, halte ich aus meiner Sicht als Gehirnforscher speziell die Hypothesen zur Ernährung und zur Heterosis für besonders plausible Erklärungen für den Flynn-Effekt.

SPIEGEL: Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass Intelligenzforscher im Laufe der Geschichte häufig ihre Kompetenzen überschritten haben. Gibt es nicht jede Menge Faktoren, die neben dem IQ mindestens so wichtig sind für den Erfolg von Individuen und erst recht von Gruppen?

Neubauer: Es gibt andere Faktoren. Aber wenn man Gruppen mit einer breit gefächerten Intelligenz untersucht, dann erweist sich Intelligenz zur Vorhersage von beruflichem und sogar von Lebenserfolg als die erklärungsmächtigste Variable.

SPIEGEL: Aber wenn man beispielsweise nur Studenten untersucht, also eine Gruppe mit ähnlich gelagerter Intelligenz, dann werden andere Faktoren wirksamer als deren IQ-Unterschiede?

Neubauer: Richtig. Für Gruppen, die in puncto ihrer Intelligenz nicht so breit gefächert sind, gibt es Studien, die zeigen, dass dann zum Beispiel Selbstdisziplin ein wichtigerer Erfolgsfaktor wird als der IQ. Aber steilen Thesen wie der von Anders Ericsson, man brauche eine Sache nur 10.000 Stunden lang zu üben, um darin Meister zu werden, sollte man misstrauen. Beim Sport oder bei der Musik wird das jedem sofort klar: Kein Mensch glaubt, er müsse nur so viel üben wie Anne-Sophie Mutter, um selber Starviolinist zu werden.

SPIEGEL: Herr Professor Neubauer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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