Suche nach Authentizität Die Tragik des Touristen

Was der Tourist am wenigsten mag, sind andere Touristen. Der Schweizer Soziologe Robert Schäfer erklärt, warum wir im Urlaub so gern authentisch sein wollen.

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    Der Schweizer Robert Schäfer lehrt Soziologie an der Universität Fribourg und lebt in Bern.
SPIEGEL WISSEN: Herr Schäfer, es gibt etwas, was Touristen noch weniger mögen als Staus, schmutzige Strände und schlechtes Wetter.

Schäfer: Andere Touristen.

SPIEGEL WISSEN: Ist das nicht absurd?

Schäfer: Ich war auch erstaunt, wie verbreitet die Abneigung ist. In der Sozialwissenschaft gibt es natürlich eine lange Tradition der Tourismuskritik: die touristische Welt als künstliche Scheinwelt. Aber der Tourist selbst sieht den Tourismus nicht weniger kritisch, das hat meine Studie gezeigt. Er verwendet den Begriff manchmal gar als Schimpfwort. Touristen, das sind immer die anderen.

SPIEGEL WISSEN: Wie äußert sich die Abneigung?

Schäfer: Ich habe Reiseblogs im Internet untersucht. Dabei bin ich immer wieder auf Beiträge wie den einer jungen Weltreisenden gestoßen, die mit einer Reisegruppe unterwegs war. Sie zeigt dort Fotos, die beweisen sollen, dass sie gegenüber den anderen Touristen eine kritische Distanz einnimmt. Sie steht dafür ein wenig abseits, fotografiert die anderen beim Fotografieren und markiert in der Bildbeschreibung explizit: "Ich habe mich abgekoppelt."

SPIEGEL WISSEN: Woher kommt dieses Bedürfnis, sich abzugrenzen?

Schäfer: Touristen sind per Definition keine Individuen, sie treten als Masse auf, als Touristenhorde. Der einzelne Reisende aber will die ausgetretenen Pfade verlassen, auch im übertragenen Sinn. Er sucht ein authentisches Erlebnis. Ein Erlebnis, das außerhalb der Logik seines Alltags steht - ähnlich wie die Religion oder die Kunst. Da gibt es interessante Parallelen zum Tourismus.

SPIEGEL WISSEN: Wieso stören die anderen Touristen dieses Erlebnis?

Schäfer: Sie entlarven den Reisenden. Sie sind ein Hinweis darauf, dass er doch Teil einer Inszenierung ist - und selbst ein Tourist. In einem Blog klagt eine Rom-Reisende darüber, dass sie keine Fotos machen kann ohne Touristen drauf, außer vielleicht morgens um vier Uhr, weil dann noch keiner da ist. Mit anderen Worten: Das "authentische" Foto erfordert frühes Aufstehen, einen riesigen Inszenierungsaufwand. Man kann daran sehr schön das Paradox erkennen, das einem überall im Tourismus begegnet, sowohl bei den Reisenden als auch bei den Reiseveranstaltern. Die betonen in ihren Prospekten gern, dass es in der Nähe des Hotels einen "echten Basar" gebe, in dem man die "traditionelle Küche" kennenlernen könne.

Aus SPIEGEL WISSEN 1/2016
SPIEGEL WISSEN: Mit welchen Tricks arbeiten die Reiseveranstalter?

Schäfer: Nehmen Sie den kostenlosen Welcome-Drink im Hotel: Er soll dem Reisenden das Gefühl geben, dem kapitalistischen Marktprinzip entflohen zu sein. Also dem Prinzip, das seinen Alltag beherrscht. Tourismus ist organisierte Außeralltäglichkeit. Inszenierte Authentizität.

SPIEGEL WISSEN: Zum Hawaii-Klischee gehört die Südseeschönheit, die dem Ankommenden eine Blumenkette um den Hals legt.

Schäfer: Ganz genau, sie nimmt den Reisenden symbolisch in die Gemeinschaft auf. Er soll sich als Gast fühlen, nicht als zahlender Tourist. Ein ähnlicher Gedanke steckt in den beliebten All-inclusive-Reisen: Der Reisende zahlt einmal vorab - und kann sich dann zwei Wochen lang dem guten Gefühl hingeben, sich abseits des Marktprinzips zu erholen. Obwohl er in Wahrheit natürlich besonders tief drinsteckt.

SPIEGEL WISSEN: Begriffe wie "unberührt", "ursprünglich" und "unverfälscht" sind Klassiker der Tourismuswerbung. Läuten da bei den Reisenden nicht längst alle Alarmglocken?

Schäfer: Doch. Der Soziologe Niklas Luhmann hat mal gesagt: Aufrichtigkeit lässt sich nicht kommunizieren. Sobald man sagt, dass man etwas wirklich ganz ehrlich meine, wird der andere misstrauisch. Nehmen Sie das Restaurant, das sich auf einem Schild als "authentische Trattoria" bewirbt. Für allzu authentisch wird man es nicht halten. Vermutlich zu Recht nicht. Die eigentliche Tragik des Tourismus und des Touristen ist aber eine andere, wie Hans-Magnus Enzensberger schon in der Sechzigern erkannt hat: Der Tourist zerstört das, was er sucht, in dem Moment, in dem er es findet. Die authentische Trattoria ist nicht mehr authentisch, wenn Touristen sie erst einmal entdeckt haben.

SPIEGEL WISSEN: Wieso spielt Essen im Urlaub eine so große Rolle?

Schäfer: Nicht nur das Essen, alle körperlichen Vorgänge. In den Blogs, die ich analysiert habe, berichten die Reisenden mit einer Offenheit über Verdauungsprobleme, die außerhalb touristischer Kontexte eher merkwürdig erschiene.

SPIEGEL WISSEN: Abseits des Urlaubs halten sie die Fassade aufrecht.

Schäfer: Genau, aber als Tourist will man sich als "ganzer Mensch" erfahren, nicht nur als Funktionsträger, der eine Rolle spielt. Und da gehören körperliche Vorgänge dazu. Das geht so weit, dass in einem Blog direkt neben dem Bild des Kolosseums das Bild eines Klos zu sehen ist. Im Alltag wird ein Klo betreten, benutzt und wieder verlassen. Es erfüllt einen Zweck, mehr nicht. Im Urlaub kann es, wie in diesem Fall, zu einem Objekt ästhetischer Anschauung werden. Dafür muss es nicht mal besonders schön aussehen oder originell. Im Modus der Muße stellt sich eine selbstgenügsame Wahrnehmung ein, eine Wahrnehmung um ihrer selbst willen. Das Allergewöhnlichste wird außergewöhnlich erfahren.

SPIEGEL WISSEN: Je gewöhnlicher das Objekt der Anschauung, desto authentischer.

Schäfer: Das Foto des Klos ist in gewisser Weise außeralltäglicher als das Foto des Kolosseums. Von dem gibt es sehr viele. Man könnte sagen: Fotos alltäglicher Dinge streichen die Außeralltäglichkeit des Urlaubs hervor.

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SPIEGEL WISSEN: Sind sogenannte Sehenswürdigkeiten nicht immer maximal unauthentisch?

Schäfer: Einerseits ja, weil die Touristendichte bei ihnen am höchsten ist. Andererseits ist das Kolosseum ein authentisches Symbol für Rom und der Eiffelturm ein authentisches Symbol für Paris. Was denn sonst? Diese Orte stehen symbolisch für die ganze Stadt. Man hat sie hunderttausendfach in Büchern und Zeitschriften gesehen, technisch reproduziert, nun geht es darum, sie live zu erleben, im Hier und Jetzt, ihre Einmaligkeit und Aura zu spüren. Natürlich mache ich dann sofort wieder ein Foto: im Hintergrund der Eiffelturm, im Vordergrund ich selbst. Das ist das klassische Touristenfoto.

SPIEGEL WISSEN: Wieso ist es wichtig, selbst mit auf dem Bild zu sein?

Schäfer: Das ist der Beweis: Ich war da, an diesem einzigartigen Ort. Ich bin selbst einzigartig. Die Authentizität färbt gewissermaßen auf mich ab.

SPIEGEL WISSEN: Es gibt die These, dass die Bedeutung der auf Hochglanz polierten "Must-sees" nachlässt, weil heutige Reisende nach individuelleren Erlebnissen suchen.

Schäfer: Das glaube ich nicht. In meiner Heimatstadt Bern zum Beispiel gibt es sehr viele asiatische Touristen; die sind nach wie vor ganz stark an den Must-sees orientiert. Aber es gibt sehr unterschiedliche Tourismuskulturen. In einem Blog bin ich darauf gestoßen, dass eine Südamerika-Reisende eine Stadt explizit positiv erwähnt, weil die Straßen dort nicht so sauber und herausgeputzt sind. Schmutz im richtigen Ausmaß signalisiert ihr, dass sie an einem authentischen Ort ist, nicht an einem inszenierten. Was zudem auffällt, ist der Aufschwung von Couchsurfing und von Anbietern wie AirBnB.

SPIEGEL WISSEN: Geht es bei AirBnB nicht nur darum, Geld zu sparen im Vergleich zum Hotel?

Schäfer: Es geht um viel mehr. Der Tourismussoziologe Dean MacCannell hat schon in den Siebzigern die berühmte These von der "staged authenticity" aufgestellt. Demnach ist der moderne Tourismus der systematisch organisierte Versuch, die Touristen in irgendeiner Form hinter die Kulissen schauen zu lassen. Dazu passt AirBnB perfekt. Wer eine Privatwohnung über die Plattform mietet, macht eine ganz andere Erfahrung als in einem Hotel. Er bekommt einen Einblick in die Privatsphäre eines Einheimischen. Er lebt den Alltag einer fremden Stadt.

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SPIEGEL WISSEN: Mit dem Unterschied, dass er nicht arbeiten muss.

Schäfer: Und das ist ein wesentlicher Unterschied. Die Muße ermöglicht es ihm, das alltägliche Leben aus der Beobachterperspektive nachzuvollziehen. Ich war einmal in Marseille und saß auf einem Marktplatz. Ich hätte stundenlang dem Fischhändler zuschauen können. Für ihn war es purer Alltag, völlig unspektakulär, für mich war es eine große Szene. Eben weil ich Muße hatte. Das alles passt zu einer sehr fundamentalen Wende, die sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Kultur westlicher Gesellschaften ereignet. Neben die protestantische Arbeitsethik tritt komplementär eine romantische oder artistische Ethik, deren zentrale Werte nicht mehr Leistung, Fleiß und Disziplin sind, sondern Kreativität, Spontaneität, Selbstverwirklichung. Und natürlich Authentizität. Viele Urlauber wollen nicht mehr einfach relaxen, so wie die typischen Strandurlauber früher, sie wollen das alltägliche Leben aus einer außeralltäglichen Perspektive erleben.

SPIEGEL WISSEN: Wie verreisen Sie selbst?

Schäfer: Ich bin meist ein sehr touristischer Tourist. Ich wohne in Hotels, fahre mit Hop-on-Hop-off-Bussen herum, fotografiere alle Must-sees und kaufe klischierte Souvenirs.

SPIEGEL WISSEN: Sie widersprechen Ihrer eigenen These.

Schäfer: Das eine ist Theorie, das andere meine private Praxis. Da geht es nur um ein persönliches Geschmacksurteil.

SPIEGEL WISSEN: Haben Sie gar kein Bedürfnis, sich abzugrenzen?

Schäfer: Nein, ich mag Touristen, auch die Touristen in Bern, wo ich lebe. Mein Lieblingsort ist der Rosengarten über der Altstadt, den alle Reisebusse ansteuern. Dort sitze ich oft und beobachte die Welt, die zu Besuch ist. Mir gefällt das.

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insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
Flying Rain 23.03.2016
1. Hm
Ich mag nicht nur als Tourist andere Touristen nicht...ich mag auch so andere Menschen nicht weswegen ich mir auch hier zu Hause gerne ruhige Orte ohne Leute suche. Givt ja nicht besseres als sich mit der DSLR und nem Bierchen an nen Fluss zu hocken ubd darauf warten das einem ein Eisvogel vor die Linse fliegt. Naja vielleicht ändert sich das auch wenn ich mal alt werde und auf die 30 zugehe........
Flying Rain 23.03.2016
2. Ps.:
Eine Sache die mit mit dem Rucksack in Thailand (jaja ich weis aber irgendwo muss man in Asien Anfangen wenn man zuvor fast immer nur mit dem Pickup in Südeuropa/Afrika unterwegs war) feststellen konnte war das wir Deutschen touristisch einen sehr eigenen Geschmack haben. Zum Beispiel in einem Nationalpark - wenn man an die schönen Flecken will muss man gehen - haben wir fast nur Deutsche angetroffen da andere Nationalitäten wie etwa Chinese so ziemlich niemals auf eine solche Idee kommen würden wie etwa zwei Stunden durch den Dschungel zu latschen um an einem wunderschönen Wasserfall zu baden... Und zu den Reiseblogs. Die meisten dieser Blogger sehe ich in der Kategorie: "Keines der von mir gekauften Alben war jemals in den Charts...und falls mal eines dort landet verbrenne ich es natürlich!" Noch zu guterletzt. Selbst wenn man meint das z.B. ein Land wie Thailand touristisch völlig erschlossen ist kann ich nur empfehlen den Reiseführer wegzuwerfen (besser legen) sich nen Roller oder Cross zu schnappen (bitte bitte bitte zu Hause üben...ich habe in 4 Tagen ein ganzes Verbandskästchen an Fremde verarztet) und einfach der Nase nach fahren. Man findet immer einen ruhigen wunderschönen Ort und das gilt natürlich auch für Deutschland...
ruhepuls 23.03.2016
3. Paradox
Das Paradox ist ja, dass wir, um irgendwohin reisen zu können, eine touristische Infrastruktur brauchen. Anders gesagt: Selbst die Tour durch "unberührte Natur" benötigt einen Guide, weil man selbst sonst recht schnell merken würde, dass "Natur" gar nicht so einfach ist. Im Grund wollen wir ein Erleben, ohne das richtige Erleben (wie es die Einheimischen kennen). Wir wollen eine idealisierte Natur, nicht die, die die tatsächlich da ist. Ein Freund lehnte die Nationalparkidee ab, weil da der Wald sich selbst überlassen würde. Und er wolle einen "schönen Wald" (einen aufgeräumten). Also einen Postkarten-Wald. Das ist das Dilemma des Touristen: Er will Authentisches, aber so, wie er sich das "Authentische" vorstellt. Nicht, wie es wirklich ist.
josquin 23.03.2016
4. Ist ja auch logisch
Wo es wirklich viele Touristen hat (und das womöglich seit vielen Jahrzehnten) regiert der Nepp und die Servicequalität sinkt ins Bodenlose. Gutes Beispiel: Verona. Seit den 50ern eine Hochburg des T., es ist wirklich schwer, dort Restaurants/Hotels/Bars/Geschäfte mit fairen Preisen und freundlichem Service zu finden. Adriaküste (Bibione, Jesolo) dito, aber bereits 20km von der Küste weg geht es wieder normal zu.
pejoachim 23.03.2016
5. Rassismus im Urlaub?
Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf! Leider gibt es sehr viel Auto-Rassismus im Urlaub: Deutsche, die frustriert sind, Deutsch zu sehen usw. Vermutlich machen diese dann einen großen Bogen um spiegelnde Schaufenster. Noch einen Tipp: Wenn jemand einen unspektakulär-authentischen Urlaub machen will, dann empfiehlt sich der Haustausch. Man tauscht die eigenen vier Wände gegen die Alltagsumgebung eines Tauschpartners. Versuchen Sie es!
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