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Fondsmanagerin wagt den Absprung "Was mache ich für eine bessere Welt?"

Schule der Empathie: Susan Levermann ist lieber Aushilfslehrerin als Fondsmanagerin Zur Großansicht
Max Lautenschläger

Schule der Empathie: Susan Levermann ist lieber Aushilfslehrerin als Fondsmanagerin

Susan Levermann scheffelte das große Geld und lebte auf der Gewinnerseite. Doch plötzlich wollte sie nicht mehr Fondsmanagerin sein. Sie schmiss hin, lernte die Verlierer ihres alten Lebens kennen. Die märchenhafte Geschichte eines Neubeginns.

Susan Levermann erinnert sich deutlich an den Tag ihrer Wende: Der 19. Februar 2008 war ein wolkenverhangener, dunkler Wintertag in Frankfurt am Main. Umso feierlicher wirkten die großen Leuchter in der Alten Oper. Und hinter der Fensterfront glitzerten die Lichter der Wolkenkratzer und Bankentürme von Mainhattan, dem deutschen Finanzzentrum. So beschreibt sie es im Vorwort ihres Buches "Der entspannte Weg zum Reichtum". Levermann saß in ihrem glänzenden schwarzen Anzug auf einer Couch und blickte nach draußen. Wie lange hatte sie auf diesen Tag gewartet, wie lange darauf hingearbeitet?

Der Jungstar der Finanzwelt hatte ein eigenes Computermodell zur Bewertung von Aktien entwickelt. Als Fondsmanagerin gebot sie über ein Vermögen von insgesamt zwei Milliarden Euro. Der Erfolg war messbar: Mehrere 100.000 Euro verbuchte die damals 34-Jährige nach einigen Jahren auf ihrem Privatkonto. Sie war nicht gerade beliebt; wer mit ihr arbeiten sollte, erhielt mitleidige Blicke der Kollegen. Sie selbst sagt: "Ich war schon ziemlich egoistisch."

Aber gleich sollte sie ausgezeichnet werden als Managerin des besten Deutschland-Aktienfonds - vor der versammelten Finanzwelt. Vorn auf dem Podium waren die Trophäen aufgebaut, auf der Spitze stehende große Glastrapeze, in denen die Namen der Gewinner eingeritzt waren. "Es war der Preis, den ich meine ganze Karriere über hatte gewinnen wollen", sagt sie.

Erst die Auszeichnung, dann die Kündigung

Um sie herum die Chefs, die Kollegen, die Crème de la Crème der Finanzwelt, alle gratulierten, tranken Sekt. Nur Levermann nippte am stillen Wasser und starrte aus dem Fenster. "Freude hätte mich erfüllen sollen, Begeisterung, Erleichterung." Aber sie spürte nur eines: "Ich war so unglücklich wie selten zuvor in meinem Leben."

Am nächsten Tag ging sie zu ihrem Chef und reichte die Kündigung ein.

Was wie die Kurzschlussreaktion auf dem Höhepunkt ihrer Karriere aussah, war in Wahrheit Ergebnis eines stetig gewachsenen Zweifels. In ihrer Abschieds-Mail schrieb sie: "Liebe Kollegen und Freunde, mich hat eine mittelschwere Sinnkrise erfasst, der ich endlich den Raum geben möchte, den sie schon seit einem Jahr fordert und verlangt." Die Sinnfrage, die sich Levermann stellte, lautete: "Was trage ich eigentlich dazu bei, aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen?"

Schon ein Jahr zuvor war sie mal kurz davor gewesen, alles hinzuschmeißen. Sie kam von einem Persönlichkeitsseminar, bei dem sie die Frage aufschreiben sollte, die sie derzeit am stärksten bewegt. "Mein Frage lautete: Soll ich aus meinem Job aussteigen?" Dann durfte sie unter mehreren Fotos von Prominenten einen Kandidaten aussuchen, dem sie sich am ähnlichsten fühlte. Gandhi war dabei, aber auch Winnetou. Levermann entschied sich für Mick Jagger. Dann sollte sie überlegen, wie Jagger wohl ihre Frage beantworten würde. Levermann rief lachend: "Yeah, Baby!"

Mischung aus Verzweiflung, Erkenntnis, Hoffnung

Es hat dann noch ein Jahr gedauert, bis der Rolling Stone in ihr die letzten Zweifel platt walzte. Das Zahlengenie wollte etwas, das wirklich zählt. Was braucht man für eine solchen Schritt? "Mut", sagt sie. Und es klingt, als sei es eine Mischung aus Mut der Verzweiflung, Mut der Erkenntnis und Mut zur Hoffnung gewesen.

Sie wusste nun zwar, was sie nicht mehr wollte. Aber das ist ja noch keine Antwort auf die Frage: Was mache ich jetzt? "Ich hatte tatsächlich Angst vor dem Morgen danach. Befreiung? "Ja, aber auch Unsicherheit." Stundenlang fuhr sie am ersten Tag ziellos in ihrem Cabrio durch die Gegend. Freiheit, sagt sie, kann ja auch etwas Bedrohliches haben.

Einer der ersten Ausflüge führte sie zufällig nach Berlin zu einem Kongress. Sie wollte sich dort die "Ärzte ohne Grenzen" ansehen. Und dann stand sie mitten in der Hauptstadt, unweit des Auswärtigen Amtes, und es traf sie "Amors Pfeil", in diesem Fall von einer Stadt. "Es war ein klares Gefühl: Berlin hatte mich erwischt." Doch genauso schnell meldete sich die Skeptikerin in ihr: "Bitte, nein, nicht schon wieder umziehen." Das Gefühl blieb, aber die Entscheidung war noch nicht reif.

Die wichtigste Golfrunde des Lebens

Levermann führte laute Selbstgespräche beim Golfen, wurde immer wütender, weil sie keinen Ball traf. Sie schrie sich selbst an und kapitulierte schließlich: "Okay, ich gehe nach Berlin." Danach, sagt sie, traf sie jeden Ball. So wurde die wichtigste Golfrunde ihres Lebens auch die letzte.

Und manchmal tauchen dann ja noch kleine Engel am Wegesrand auf, die einen bestärken. Der Mann, dem sie ihre Golfausrüstung vermachte, fragte, warum sie die abgeben wolle: "Ich ziehe nach Berlin". "Und Sie haben Angst davor?" "Ja." "Na, dann ist es die richtige Entscheidung."

Levermann löste ihr altes Leben in Frankfurt auf. Status ade: Weg mit dem geliebten Cabrio, Tschüs schicke Westend-Wohnung, sie verkaufte und verschenkte sogar ihre sündhaft teuren Designermöbel. Mit leichtem Herzen und Gepäck setzte sich die Glückssucherin in den Zug nach Berlin - immer noch, ohne zu wissen, was sie da eigentlich erwartete. Und was sie von sich selbst erwartete.

Einfach vor eine Klasse gestellt

In einer Schule fand sie den Einstieg ins neue Leben. In Ost-Berlin arbeitete Levermann ein paar Monate lang als Aushilfslehrerin an einer Gesamtschule, ohne pädagogische oder didaktische Ausbildung - eine dieser typischen Berliner Notmaßnahmen, um Probleme wie Lehrermangel zu kaschieren. Levermann, das Zahlenwunderkind, der Börsenstar, unterrichtete in der 8. und 9. Klasse, na klar: Mathematik.

Für sie wurde es zur Schule der Empathie, weil sie sah, dass Kinder, denen man nichts zutraut oder deren individuelles Problem mit dem Rechnen nicht erkannt wird, dann einfach abgehängt werden: "Es war erschreckend zu sehen, wie viel Potential unser Land in den Schulen liegenlässt." Sie interessierte sich nicht für die Leistungen, sondern für das Leben der Kinder. Wenn sie fragte: "Was willst du mal werden?", hörte sie oft: "Ich werde Hartz IV." Sie, die immer die Beste sein wollte, entdeckte die dunkle Seite ihrer alten Siegerwelt der Börse: "Denn jeder Gewinner dort lebt letztendlich auch von Verlierern." Was sie von ihrer Zeit als Lehrerin mitgenommen hat? "Empathische Intelligenz". In ihrem früheren Leben war selbst die Kommunikation mit Freunden auf Effizienz getrimmt. Für eine Frage "Wie geht es dir?" hatte sie weder Zeit noch Interesse: "Ich war ruppig, aggressiv", sagt sie.

In einem Job, in dem sie innerhalb von Sekunden über die Anlage mehrerer Millionen Euro entscheiden musste, erschien jeder Kontakt zur Außenwelt wie eine Störung. Bei den Kindern lernte sie das Zuhören und Hingucken wieder neu: "Streit unter Kindern zu schlichten und zu merken, dass es in Wahrheit nur Hilferufe sind, hat mich sehr berührt."

Das alte Leben Schicht für Schicht abgetragen

Levermann, die Systematikerin, arbeitete sich durch Bücherberge: Wenn ihr ein Autor gefiel, verschlang sie immer gleich das Gesamtwerk: Von Heinrich Böll über Christa Wolf bis zu Joanne K. Rowlings "Harry Potter". Und auch wenn ihr Günter Grass als Autor nicht gefällt, fühlte sie sich wie sein Buchtitel "Beim Häuten der Zwiebel". Schicht für Schicht trug sie ab von ihrem alten Leben, um im Kern zu erkennen, was sie wirklich wollte.

Sie fing an zu schreiben, Gedichte und mittlerweile 500 Seiten eines Romans, "der aber allenfalls posthum veröffentlicht werden sollte", sagt sie und hängt ihr lautes, freies Lachen hintendran. Ein vielgelobtes Sachbuch über Aktienanlage und ethischen Börsenhandel war dann auch so was wie ein Vorgriff auf ihren neuen Job, für den sie sich 2011 entschied. Levermann arbeitet nun als Deutschland-Chefin der Nichtregierungsorganisation "Carbon Disclosure Project". CDP lebt von Sponsoren, Datenhandel und Projektgeldern. Die in London gegründete Initiative kämpft dafür, dass Unternehmen und auch Kommunen ihre Umweltdaten veröffentlichen wie den CO²-Ausstoß und den Wasserverbrauch. CDP analysiert und bewertet die Daten und stellt sie dann Investoren zur Verfügung mit dem Ziel, dass Anleger die Umweltwerte eines Unternehmens einbeziehen in ihre Investitionsentscheidung.

Das Büro liegt in Berlin-Mitte, in prominenter Lage direkt neben der Bundesgeschäftsstelle der FDP und den Räumen des World Wide Fund for Nature (WWF), ist klein und überschaubar mit gerade mal sieben Schreibtischen.

Früher berechnend, jetzt mitreißend

Wieder ist es eine Welt voller Zahlen mit Bedeutung. Und sie bohrt ein dickes Brett. Wer könnte etwa Vielflieger davon überzeugen, nicht mehr so viel zu fliegen? Vielleicht sie. Wenn Susan Levermann in einem Café sitzt und stundenlang redet, verstummen irgendwann die Gespräche an den Nebentischen, und sie lauschen dieser Frau, die von ihrem neuen Leben und ihrer "Aufgabe" erzählt. Wenn sie früher berechnend war, ist sie jetzt mitreißend.

Das Aussteigen romantisiert sie nicht: "Es ist verdammt schwer, und ich kann jeden verstehen, der es nicht wagt." Sie selbst ist auch noch nicht ganz zufrieden, nicht am Ende des neuen Weges. "Ich habe vielleicht erst 80 Prozent meines Potentials ausgeschöpft." Es ist auch nicht leicht, die neuen Ideale ins eigene Dasein zu übertragen. Immerhin: Sie lebt jetzt ohne Auto, arbeitet mehr als früher, aber für 75 Prozent weniger Geld.

Levermann ist immer noch viel unterwegs, allein 18 Kongresse besuchte sie vergangenes Jahr. Aber sie nimmt jetzt für 65 Euro den Nachtzug nach London, statt zu fliegen. Das alte Leben hat Spuren hinterlassen, zum Beispiel in ihrer Sprache: Sie benutzt immer noch viele Anglizismen, redet vom "Trade" oder dem "Big View" aufs Leben. Ganz auf Fleisch verzichten, wegen der CO²-Bilanz? "Schaffe ich noch nicht." Das iPhone und iPad fallen aus, weil Apple sich nicht am CDP-Gedanken beteiligt. Dann ist es eben ein Gerät von Sony - denn die machen mit und haben gute Noten im Klimaschutz. Und zwischendurch hat sie sich auch noch mal ein kleineres Cabrio gemietet, "aber wenn das schlechte Gewissen immer mitfährt, macht es spürbar weniger Spaß". Der Unterschied zu früher ist: "Heute weiß ich, dass jede Handlung Konsequenzen hat." Gewinner und Verlierer.

Und welchen Plan B hast du?

Wenn sie auf ihr altes Leben zurückblickt, ist es nicht so, dass sie eine Fremde sieht. Eigentlich war ihr Weg folgerichtig. Aufgewachsen in einem naturwissenschaftlich geprägten Elternhaus in der DDR, war ihr der Hang zu Zahlen in die Wiege gelegt. Als die Mauer fiel, brach für das junge Mädchen eine Welt zusammen: "Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass vieles Lüge gewesen sein soll, was uns im Sozialismus beigebracht wurde." Doch dann verwandelte sich die Kränkung in Trotz und Lust auf das, was das neue System, in dem sie leben sollte, ausmacht: "Geld! Viel Geld, als Ausdruck von Erfolg und Anerkennung."

Als sie dann ausstieg, wollten sich plötzlich viele Kollegen und Geschäftspartner mit ihr treffen. Und alle sagten, welchen Plan B sie selbst für ihr Leben in der Schublade hätten: Träume von einer Schule in Somalia, dem Hotel in Peru oder der Heilpraktikerausbildung. Wenn sie nun fünf Jahre nach ihrem Neustart dort anruft, "sind fast alle noch da".

Wie sie ihr neues Lebensgefühl beschreiben würde? "Ich vermisse die Gespräche über die Höhe der nächsten Bonuszahlungen nicht." Und: "Ich lebe vielleicht nicht leichter, aber freier."

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insgesamt 106 Beiträge
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1.
h.hass 26.02.2013
Sieht für mich so aus, als hätte die Frau bloß das Territorium für ihre fanatische Selbstoptimierung gewechselt und wäre jetzt mit der gleichen Verbissenheit empathisch, mit der sie früher egoistisch war. Es würde mich nicht wundern, wenn wir in zehn Jahren über sie lesen würden, dass sie vom Dach gesprungen, in der Psychiatrie gelandet oder in einer fernöstlichen Sekte untergekommen ist.
2.
Olaf 26.02.2013
Zitat von sysopSusan Levermann scheffelte das große Geld und lebte auf der Gewinnerseite. Doch plötzlich wollte sie nicht mehr Fondsmanagerin sein. Sie schmiss hin, lernte die Verlierer ihres alten Lebens kennen. Die märchenhafte Geschichte eines Neubeginns. http://www.spiegel.dewissen/jobwechsel-bankerin-susan-levermann-wagt-den-absprung-a-884500.html
Irgendwie nerven diese Leute, die erst für extra Schwung im Hamsterrad sorgen und dann, wenn sie die Taschen voller Geld haben den moralischen kriegen.
3. Mehrere 100.000 Euro verbuchte die damals 34-Jährige nach einigen Jahren auf ihrem Pr
webman 26.02.2013
Mehrere 100.000 Euro verbuchte die damals 34-Jährige nach einigen Jahren auf ihrem Privatkonto. immer wenns langweilig wird ...es gibt sie ja doch - die schicki micki aussteiger :):):)
4.
c_c 26.02.2013
Zitat von OlafIrgendwie nerven diese Leute, die erst für extra Schwung im Hamsterrad sorgen und dann, wenn sie die Taschen voller Geld haben den moralischen kriegen.
Sehe ich exakt genauso. Man sollte die Verursacher der Systemkrise zur Verantwortung ziehen und nicht mit solchen Blödsinnsberichten auch noch adeln.
5. "heute weiss ich,...
Neinsowas 26.02.2013
....dass jede Handlung Konsequenzen hat: Gewinner und Verlierer"... Das ist doch mal deutlich. Jeder der gewinnt, nimmt es einem Anderen. Jeder der viel gewinnt, hat einem Anderen viel genommen. Jeder der sehr viel gewinnt, hat viel von Vielen genommen...
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