Neustart nach Jobverlust Seien Sie wütend, trinken Sie Rotwein, lassen Sie sich Zeit

Wie soll es nur weitergehen? Wer seine Karriere gegen die Wand fährt, muss sich etwas einfallen lassen. Der Wirtschaftspsychologe Heinrich Wottawa verrät, wie man nach einem Rauswurf mehr Erfüllung im Beruf finden kann.

Nach dem Rausschmiss: Belastender Zustand des "Gescheitert-Seins"
Corbis

Nach dem Rausschmiss: Belastender Zustand des "Gescheitert-Seins"


Vor der Katastrophe

Die Vorbereitung auf schwierige Situationen ist eine wichtige Erfolgsgrundlage. Wer in Ruhe mögliche Katastrophen mitdenkt, hat im Ernstfall viel bessere Ressourcen zu deren Bewältigung. Darum sollten Sie spätestens bei ersten Warnzeichen die Folgen eines Scheiterns im Geiste durchgehen.

  • Was ist das Schlimmste, das mir bei beruflichem Versagen passieren kann?

Wenn Sie Ihren Job verlieren oder Ihr eigenes Unternehmen in die Insolvenz rutscht, büßen Sie Macht, Ansehen, so manche Beziehung und Geld ein. Alles nicht schön. Aber: Verhungern können Sie in Deutschland nicht, dazu gibt es die sozialen Sicherungssysteme. Wenn Sie Freunde oder Partner verlieren, ist die Frage: Galt die frühere Wertschätzung wirklich Ihrer Person oder eher den Vorteilen, die Ihre Position mit sich brachte? Ist das Ende solcher Beziehungen wirklich so schlimm? Der Verlust von Einfluss und Gestaltungsmöglichkeiten kann tief treffen, aber viele Menschen haben beruflich wenig zu sagen und leben trotzdem ganz glücklich. Darum: Keine Panik!

  • Welche Vorteile hätte ein Scheitern womöglich für mich?

Es ist außerordentlich schwer, eine markante Persönlichkeit zu werden, wenn man ganz gerade von kleinem zu mittlerem zu größerem Erfolg schreitet, ohne "Abstürze" dazwischen. Wahrscheinlich kennen Sie solche Aufsteiger - denen fehlen meist irgendwie Substanz und innere Sicherheit. Scheitern bietet eine großartige Chance für Reifungsprozesse, gerade weil vertraute, überkommene Muster aufgebrochen werden und man sich neu anpassen muss. Vielleicht haben Sie das bei Misserfolgen in Ihrer Vergangenheit selbst schon erlebt. Dann wissen Sie, wie wertvoll solche Erfahrungen sein können. Wenn Sie noch nie Schiffbruch erlitten haben, wird es höchste Zeit dafür.

Während der Krise

Es ist so weit. Geahnt haben Sie es ja schon lange, aber auch immer wieder verdrängt. Doch nun ist es nicht mehr zu leugnen: Das Desaster ist da. Was tun?

  • Gestehen Sie sich (endlich) ein, dass Sie gescheitert sind!

Natürlich, das bedeutet großen psychischen Stress, vergleichbar mit den Auswirkungen einer schweren Krankheit auf den Körper. Versuchen Sie daher nicht, sofort eine gute Lösung zu finden. Lassen Sie sich Zeit, bis der Schock abgeklungen ist.

  • Gehen Sie mit Ihrer Niederlage ganz offen um!

Auch wenn Sie diese selbst verursacht haben sollten, ist es viel besser für Ihre sozialen Kontakte, wenn Sie es von sich aus erzählen. Verbergen können Sie es ohnehin nicht, es spricht sich immer herum. Und wozu auch schämen? Flops gehören in einer offenen Gesellschaft nun einmal dazu, "no risk, no fun".

  • Lassen Sie auch negative Gefühle zu!

Selbst starke Persönlichkeiten erleben in Krisen psychische Ausnahmezustände. Man kann sich ärgern, wütend und verzweifelt sein und das auch zugeben und anderen sagen. Vermeiden Sie aber, solche Emotionen zum Schaden anderer auszuleben. Ihr Partner, Ihr Kind oder Ihr Hund sind keine Blitzableiter, und auch der Kollege, der Sie erfolgreich in der Firma verdrängt hat, ist deswegen nicht böse.
Je mehr man sich seine Affekte bewusst macht, umso besser kann man sie kontrollieren. Wenn Sie aber merken, dass Ihre Umwelt unter Ihnen leidet, nehmen Sie sich eine Auszeit. Eine einsame Berghütte ist billig, und dort tun Sie niemandem unrecht. Und, nun ja, nehmen Sie vielleicht ein paar Flaschen Rotwein mit.

Aus SPIEGEL Wissen 1/2015
Nach dem Absturz

Wenn der akute Stress vorbei ist, kann man allmählich an die Problemlösung denken: die Suche nach einer neuen Tätigkeit. Leider machen viele Menschen dabei große Fehler, weil sie der Zustand des "Gescheitert-Seins" so stark belastet. Das muss nicht sein.

  • Suchen Sie sich eine Aufgabe, die wirklich zu Ihnen passt, und nicht diejenige, die am schnellsten erreichbar ist!

Denn meist findet man rasch eine neue Position, die der alten sehr ähnlich ist. Aber: Sind Sie vielleicht gerade deshalb gescheitert, weil die alte Tätigkeit nicht hundertprozentig zu Ihnen gepasst hat? Was würde wirklich Ihren Vorstellungen und Fähigkeiten entsprechen? Erwägen Sie echte Alternativen zum bisherigen Lebensweg.

  • Nehmen Sie sich Zeit, mehr darüber zu erfahren, wie Sie wirklich sind!

Dabei geht es zunächst nicht um Kompetenzen, sondern ganz besonders um Befriedigungspotenziale: Was hält mich mit Freude am Laufen, wo investiere ich gern Zeit und Energie? Darüber können Sie sich in schriftlichen oder grafischen Darstellungen klar werden, etwa Mindmaps oder auch Tabellen: Was hat mir bisher bei der Arbeit gefehlt, was habe ich in der Freizeit an Ausgleich gesucht? Für manche sind auch Modelle eine Hilfe: Welche Menschen bewundere ich, wer ist für mich Vorbild? Warum, was ist an deren Leben für mich so toll? Könnte ich etwas Ähnliches auch selbst anstreben?

  • Prüfen Sie, ob sich wirklich ein Wechsel anbietet!

Nicht jeder muss nach einem Karrieretief gleich den ganzen Lebensweg wechseln. Sie sollten sich realistisch fragen, ob sich ein neuer Weg verwirklichen lässt. Haben Sie die Kompetenz für Ihren Traumjob? Es gibt unzählige Menschen, die gern freischaffende Künstler wären, aber nur wenige, die das Talent haben. Und erlauben Ihre sozialen Umstände das Umsatteln? Drei kleine Kinder machen finanziell riskante Alternativen nicht eben einfach.

  • Nehmen Sie Hilfe in Anspruch!

Als Erstes kann man persönliche Beratung suchen - vielleicht bei Freunden oder in der Familie, denn oft weiß der Lebenspartner mehr über einen als man selbst. Aber Achtung: Viele geben hier aus gutem Willen, aber ohne Kompetenz ganz falsche Tipps. Für eine fundierte Neuorientierung sollte man auch möglichst viel über den Stellenmarkt oder Geschäftschancen in Erfahrung bringen. Arbeitnehmer können häufig die aktuellen Chancen am Arbeitsmarkt und den persönlichen Marktwert nicht richtig einschätzen. Für beide Themen gibt es nützliche Experten, etwa Coaches oder Personalberater. Gönnen Sie diesen die Chance, ein wenig an Ihnen zu verdienen.

  • Präsentieren Sie sich authentisch!

Natürlich weiß bei einem Vorstellungsgespräch auch der potenzielle neue Arbeitgeber, dass Sie "gescheitert" sind. Überlegen Sie sich, wie Sie damit am besten umgehen: Welche Defizite haben dazu geführt, dass Sie eine Schlappe erlitten haben? Was haben Sie daraus gelernt? Warum ist das neue Angebot für Sie keine Notlösung, sondern wirklich passend, sogar besser als der alte Job? Sie werden dabei am besten wirken, wenn Sie Ihre Antworten nicht vortäuschen, sondern Ihren Verarbeitungsprozess wirklich abgeschlossen haben. Erst dann vermitteln Sie dem neuen Arbeitgeber das Bild einer gereiften, wirklich motivierten Persönlichkeit.

Und wenn Sie Ihre neue Tätigkeit gefunden haben: Weiter mit Abschnitt eins!

  • Udo Geisler
    Heinrich Wottawa (Jahrgang 1948) hat jahrzehntelang als Wirtschaftspsychologe an der Ruhr-Universität in Bochum gelehrt. Heute hilft der 67-jährige Personalexperte als Geschäftsführer einer Unternehmensberatung Führungskräften aus der Krise.
Dieser Artikel stammt aus SPIEGEL Wissen 1/2015.

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insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
bales 26.03.2015
1. nichts tun ist geil.
Als ich im Jahre 2005 meine Arbeit verlor, war das der schönste Tag meines Lebens. Ich hatte mir damals geschworen, nie mehr zu malochen.So war es dann auch. Ich habe das Leben genossen und meine Ausgaben etwas eingeschränkt. Geht alles. Jetzt krieg ich Rente. Das Faulenzen bin ich ja gewöhnt. Gibt nix schöneres.
gardinchen 26.03.2015
2. gereift
da kann man ja nur hoffen, dass ein neuer Arbeitgeber auch bereit ist für eine gereifte Persönlichkeit...
Eros1981 26.03.2015
3. Bin Anfang September meinen Job los
Netter Artikel, ich werde selbst in einigen Monaten arbeitslos sein, habe aber ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung wie es beruflich weitergehen soll. Gelernt habe ich Bürokaufmann. Mit 25 Jahren wurde ich arbeitslos, da mein Arbeitgeber pleite ging. Als Bürokaufmann habe ich trotz hunderter Bewerbungen nie wieder Fuß fassen können. Vom Jobcenter kam auch keine Hilfe, statt sinnvoller Fortbildungen, wurde ich in Maßnahmen gesteckt, in denen mir beispielsweise der Unterschied zwischen "den" und "denn"erklärt wurde. Das war für mich verschwendete Lebenszeit. Die letzten Jahre habe ich als Produktionshelfer und im Sicherheitsdienst gearbeitet. Von der Bezahlung und den miesen Arbeitsbedingungen will ich mal lieber gar nicht anfangen zu schreiben. Im Augenblick bin ich als Integrationshelfer an einer Grundschule tätig und betreue einen verhaltensauffälligen Jungen. Diesen Job bin ich aber Ende des Schuljahres los. Tja, mit fast 34 Jahren stehe ich mal wieder vor dem Nichts. So wie es aussieht, werde ich ein Leben als Dauerarbeitsloser führen. Ich sehe beruflich wirklich absolut keine Möglichkeiten mehr.
fliffis 26.03.2015
4. verhungern kann man sehr wohl
nun, das sehe ich aus eigenem Erleben doch anders. Würde mir nicht seit kurzem ein Freund ab und an Lebensmittel vorbei bringen, hätte ich wohl tatsächlich verhungern können. Krankenkasse, Arbeitsagentur, Bank, Energieversorger: die haben alle ihre festen Regelungen, die die jeweiligen Sachbearbeiter "leider nicht ändern können" - und man wird von jedem weitergeschickt zur nächsten Stelle. Die einzige Chance wäre noch gewesen, mich vor eine Klinik zu setzen und "ich will mich umbringen" zu rufen - dann hätte es wohl so etwas wie eine soziale Sicherung (sverwahrung) gegeben und 3-4 warme Mahlzeiten am Tag. Dafür muss man aber erstmal die Wohnung verlassen können - und das dann auch noch überzeugend spielen können. ... Nicht einmal die eindringlichsten Schilderungen haben irgendjemanden veranlasst, nach dem rechten zu sehen - nur Sorgen, die machen sich viele, viele Menschen, wie ich so höre. Das Gesundheitsamt/soziale Dienst schickt einen Brief ("wir haben gehört, ihnen geht es nicht gut") mit einem Terminvorschlag für ein Gespräch in 2 Wochen; und sagt diesen Termin wg. einer kurzfristigen Krankheit kurzfristig per Post ab (das passiert, keine Frage). Wenn's schlecht läuft, wird hier nix gesichert. Hätte ich im übrigen auch nicht gedacht... Und ist sicher kein typischer Fall. Passiert mir aber gerade.
exil-berliner 26.03.2015
5. Ein beruflicher Wechsel (Neuausrichtung) finanziell leistbar?
Wenn man beruflich scheitert hat das sicherlich mit der aktuellen "Berufung" zu tun. Aber beruflich eine neue Richtung einschlagen ist nur schwer möglich, wechselt man komplett den Bereich heißt das erstmal weniger Gehalt - und das Überleben ist mit dem erreichten Gehaltslevel aktuell schon schwer genug. Sich beraten lassen, naja ganz ehrlich.. es ist wie bei den Psychologen, ernsthaft für berufliche Probleme anderer Menschen interessieren sich fremde Menschen selten, gute Ratschläge sind daher in der Praxis selten!
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