Schönheitschirurgie Herr Professor, warum sehen so viele Operierte wie Zombies aus?

Der Klinikdirektor Björn Stark über Eitelkeit, OP-Risiken und neue wissenschaftliche Standards für die plastisch-ästhetische Chirurgie.

Basile Bornand / 13photo / SPIEGEL WISSEN


Björn Stark ist seit 1993 ärztlicher Direktor der Klinik Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum Freiburg. Der 59-Jährige gilt auch als Spezialist für Verbrennungschirurgie.

SPIEGEL: Herr Professor Stark, Sie wissen aus Erfahrung, wodurch ein Gesicht jugendlich wirkt. Welche Eingriffe empfehlen Sie?

Stark: Da kann man nicht pauschal raten. Jeder Mensch nimmt sich unterschiedlich wahr. Heute entlassen wir eine Frau nach einem Facelift ohne Lidplastik, Stirn und Augen bleiben wie gehabt. Sie hat ziemlich tiefe Falten zwischen den Brauen, aber das macht ihr nichts aus. Und darauf kommt es an: Was stört den Patienten?

SPIEGEL: Sind es vor allem ältere Patienten, die zu Ihnen kommen?

Aus SPIEGEL WISSEN 3/2017

Stark: Es sind überwiegend Leute ab 45. Die Männer sind oft Mitte fünfzig, die wollen eine Lidkorrektur, viele geben vor, sie hätten funktionelle Einschränkungen wegen ihrer Schlupflider und kommen mit einer Überweisung vom Augenarzt. Und dann gibt es die typische Patientin Anfang, Mitte sechzig, Geschäftsfrau, die sich etwas gönnen will.

SPIEGEL: Es gibt ästhetisch-plastische Chirurgen, die unterscheiden zwischen Schönheits- und Alterschirurgie.

Stark: Gefällt mir beides nicht. Ich werde hier weniger gefragt: "Wie viel jünger sehe ich hinterher aus?" Es geht um Veränderungen, die zwar oft altersbedingt sind, aber den Patienten geht es vor allem um ihre Ausstrahlung, um die Frage, ob ihr Erscheinungsbild zum Energiepegel passt.

SPIEGEL: Warum sehen dann so viele Operierte wie Zombies aus?

Stark: Es gibt irregeleitete Patientenerwartungen und verantwortungslose Ärzte. Seriöse Mediziner müssten derartige Entgleisungen verhindern.

SPIEGEL: Ein Problem war lange Zeit, dass man in Deutschland qualifizierte Fachärzte nur schwer von Scharlatanen unterscheiden konnte. Ist das besser geworden?

Stark: Nicht wirklich. Ein Arzt ohne die nötige Qualifikation darf sich zwar nicht einfach Facharzt für plastisch-ästhetische Chirurgie nennen. Aber er kann seinen Tätigkeitsbereich draußen auf dem Schild um plastische Chirurgie erweitern. Sie können Ihre Praxis nennen, wie Sie wollen. Für den Laien ist das sehr verwirrend.

SPIEGEL: Ist die plastisch-ästhetische Chirurgie nicht vor allem eine Geldmaschine?

Stark: Wirtschaftlichkeit gehört heute in jedem Klinikbetrieb dazu. Umso wichtiger ist es, dass wir Standards einführen und Forschung betreiben.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Stark: Morphometrie. Das sind 3-D-Messungen vor und nach der Operation. Wir wollen wissen: Was heißt eigentlich "altes Gesicht"? Was genau verändert sich? Es sind nicht unbedingt die Falten, die einen Menschen müde und verbraucht aussehen lassen.

SPIEGEL: Sondern?

Stark: Der Abstand zwischen Brauen und Augapfel wird kleiner, die Lidfalten berühren irgendwann die Wimpern. Der Abstand zwischen Nase und Oberlippe wird dagegen größer. Man könnte solche Messungen einige Jahre nach den OPs wiederholen, um zu sehen, wie effizient die Behandlungen sind.

SPIEGEL: Warum ist das wichtig?

Stark: In jedem medizinischen Fachbereich gibt es einen Anteil Diagnostik. Da werden Biopsien gemacht, Blut entnommen, Werte verglichen, um klare Kriterien für die richtige Therapie zu entwickeln. In der Schönheitschirurgie gibt es selbst ernannte Künstler, die empfehlen Ihnen dies oder das. Aber vor der Behandlung muss es wie immer eine Diagnose geben.

SPIEGEL: Mit dem Unterschied, dass keine Krankheit vorliegt.

Stark: Aber die Erkenntnisse, die wir gewinnen, dienen auch den Wiederherstellungspatienten, den Brand- und Unfallopfern. Wir brauchen Studien, die statistisch und methodisch den Ansprüchen einer evidenzbasierten Medizin genügen.

SPIEGEL: Auf der einen Seite Schwerverletzte, denen Sie helfen zu überleben, auf der anderen organisch gesunde Leute, die nur nicht alt aussehen wollen. Wie schlagen Sie die Brücke zwischen diesen Welten?

Stark: Wir wollen in der Medizin ja weg von der paternalistischen Sicht des Arztes, der das subjektive Leiden seiner Patienten bewertet. Als ich vor 24 Jahren hier in Freiburg anfing, galt es noch als quasi unethisch, Brustkrebspatientinnen nach der Amputation die Brust wieder aufzubauen. Die sollten froh sein, dass sie ihren Krebs überlebt hatten. Aber Leiden ist nicht objektiv messbar. Es kann für die Lebensqualität eines Menschen wichtig sein, wenn ich ihm helfe, sein Aussehen zu verbessern, solange diese Vorstellung nicht ein anderes, psychisches Leiden verdeckt.

SPIEGEL: Und wo liegt die Grenze?

Stark: Wenn die Entscheidung über einen Eingriff nur noch nach merkantilen Gesichtspunkten gefällt wird. Ich bekomme täglich Mails mit Empfehlungen, wie man den Markt der Eitelkeiten anheizt. Es kursiert der Begriff der "conversion rate", auf Deutsch: Wie viele der Patienten, die bei mir Rat suchen, ziehe ich über den Tisch?

SPIEGEL: Respektive auf den OP-Tisch. Was treibt die Menschen zur Selbstoptimierung per Skalpell?

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Stark: Den menschlichen Hang zur Selbstverbesserung gibt es seit der Steinzeit, wenn Sie an die lebensgefährliche Verlängerung des Halses mit Ringen denken, die Schnürung der Schädel oder Füße oder die in Teilen Afrikas üblichen Lippenpflöcke.

SPIEGEL: In der immer älter werdenden Gesellschaft ist damit das Tuning des Menschen gemeint, um im kapitalistischen Wettbewerb mithalten zu können. Heißen Sie das gut?

Stark: Es ging bei der Optimierung von Anfang an nicht um Gesunderhaltung, sondern um Leistungsfähigkeit, sei es im intellektuellen, im körperlichen oder im sexuellen Sinne. Die Ideale und den Zweck legt die jeweilige Kultur fest. Aber die Sehnsucht nach dem Jungbrunnen und nach der Selbstverbesserung sitzt tief in uns drin - schauen Sie sich nur die Kunstgeschichte an.

SPIEGEL: In Süd- und Nordamerika, Asien, Süd- und Osteuropa gilt es schon fast als unfein, dem Alter freien Lauf zu lassen. Wie ist es bei uns?

Stark: Südlich vom Schweizer Röschtigraben sind solche Eingriffe ein Statussymbol. Bei den germanischen Völkern ist das immer noch tabu. Was ich ziemlich pharisäerhaft finde.

SPIEGEL: Warum?

Stark: Die Schwelle, etwas machen zu lassen, ist auch in Deutschland niedriger geworden, aber das hierzulande überlieferte Diktat, dass Äußerlichkeiten nichts gelten und wir mann- oder frauhaft zu tragen haben, was die Natur uns auferlegt, stigmatisiert solche Eingriffe immer noch.

SPIEGEL: Vielleicht zu Recht: Sollten nicht eher innere Werte zählen statt der Fassade?

Stark: Ich führe mit jedem Patienten ein einstündiges Beratungsgespräch. Wer glaubt, er könne seine Probleme durch äußere Korrekturen lösen, ob das Beziehungskrisen sind oder die Angst vorm Alter, der ist kein Kandidat für eine plastische Operation. Den zu behandeln wäre nicht nur unethisch, es wäre auch dumm, mit solchen Patienten kriegen Sie nur Ärger.

SPIEGEL: Was heißt für Sie, in Würde zu altern?

Stark: Zu akzeptieren, dass das Leben endlich ist, dass jede Lebensphase ihre Zeit hat und dass man mit dem Nachlassen der körperlichen Kraft zurechtkommt. Umgekehrt muss man im Alter auch nicht jämmerlich werden und sich zurückziehen, sondern kann im Leben stehen, sich mit Jüngeren austauschen. Das hat viel damit zu tun, dass Körper und Identität im Einklang sind.

SPIEGEL: Was bedeutet für Sie Schönheit im Alter?

Stark: Die Ausstrahlung einer Persönlichkeit und eines hoffentlich erfüllten Lebens.

SPIEGEL: Und dazu können Sie beitragen?

Stark: Schauen Sie, Eitelkeit gehört zur Psyche. Früher hat man sich mit 70 den Grabstein ausgesucht. Heute sind manche Patienten in dem Alter topfit, können vielleicht noch 25 Jahre leben. Da ist es für mich nachvollziehbar, wenn sie sich in der verbleibenden Zeit auch gern im Spiegel sehen wollen.



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