Arbeitswelt "Was scheint und wirkt"

Karrierecoach Rainer Niermeyer erklärt, warum man sein wahres Ich nicht ins Büro mitnehmen sollte.

Rainer Niermeyer

Rainer Niermeyer

Ein Interview von SPIEGEL-WISSEN-Autor


Zur Person
Rainer Niermeyer arbeitet als Personalberater und Managementcoach für Führungskräfte. Der Diplompsychologe hat den Ratgeber "Mythos Authentizität: Die Kunst, die richtigen Führungsrollen zu spielen" verfasst.
Frage: Herr Niermeyer, Sie behaupten, nur derjenige habe Erfolg, der seine Rolle als Angestellter oder Chef richtig spiele - authentischer Selbstausdruck sei dagegen völlig unangebracht. Warum?

Niermeyer: Jedermann wird dafür bezahlt, auf professionelle Art und Weise seine Rolle wahrzunehmen. Personalexperten sprechen in vergleichbarem Zusammenhang von "Performance-Management". In jedem Fall geht es um das, was nach außen scheint und wirkt. Dies ist das für den beruflichen Erfolg im Wesentlichen Relevante.

Frage: Schon Kindern wird doch gesagt, dass sie ehrlich und authentisch sein sollen.

Niermeyer: Und genau hier liegt der Widerspruch. Kinder sollen zwar ehrlich sein. Und gleichzeitig bekommen sie eingeimpft, sich an Normen und Regeln zu halten, um innerhalb der Leitplanken der Gesellschaft funktionieren zu können. Die ganze Welt ist eine Bühne, und wir sind die Schauspieler, wie Shakespeare es ausdrückt.

Frage: Ein trauriges Berufsleben, wenn man nur noch eine Rollen-Marionette ist.

Niermeyer: Langfristig kann das nur gelingen - und vor allem mit Zufriedenheit einhergehen -, wenn sich meine Performance weitgehend mit meiner Persönlichkeit und meinen inneren Werten deckt.

Frage: Aber es macht den Arbeitstag doch anstrengender, wenn ich immer eine Performance abliefern muss.

Niermeyer: Ich schätze das anders ein. Ich kann zum Beispiel viel entspannter mit Kritik oder negativem Feedback umgehen, wenn mir klar ist, dass lediglich meine Interpretation der Rolle bewertet wird und nicht ich persönlich als Mensch. Das macht mich im innersten Kern weniger angreifbar. Wenn sie kritisiert werden, denken viele Angestellte, dass ihr Chef sie persönlich nicht mag - sachliche Kritik und Beziehungsebene geraten durcheinander. Wenn an einem Theater der Regisseur seinem Schauspieler vorschlägt, seine Rolle anders zu spielen, ist dies ein notwendiger professioneller Austausch über mögliche Rolleninterpretationen.

Frage: Haben Sie ein Beispiel dafür, wie jemandem Authentizität geschadet hat?

Niermeyer: Kurt Beck. Er war von 2006 bis 2008 Bundesvorsitzender der SPD, musste damit die Bühne wechseln: raus aus den Wäldern der Pfalz, rauf aufs glatte Parkett Berlins. Da machte er eine weniger gute Figur. Dort ist er niemals richtig angekommen. Kurt Beck war so authentisch, dass er nicht mehr lernbereit war - so schrieb der SPIEGEL seinerzeit.

Frage: Hat also nur noch der Schauspieler in allen Lebenslagen Erfolg?

Niermeyer: Wer nur nach der Devise "Ich bin so, wie ich bin" im Job agiert, lässt keine Veränderung zu. Gerhard Schröder oder Joschka Fischer konnten im Gegensatz zu Beck die verschiedensten Rollen spielen. Sie haben ihr Verhaltensspektrum intelligent genutzt, indem sie ihr Handeln den Erwartungen ihres jeweiligen Umfelds anpassten.

Frage: Sind die wirklich erfolgreichen Menschen im Job also Hollywoodanwärter, die Versager dagegen Laiendarsteller?

Niermeyer: Hart gesagt: Ja. Aber wie definieren wir "wirklichen Erfolg"? Wer im landläufigen Sinne ganz oben mitspielen will, sollte zumindest die Kompetenz haben, Kompetenzvermutungen beim Gegenüber herzustellen.

Frage: Wie muss man sich das konkret vorstellen? Was sollten meine Kollegen über mich wissen?

Aus SPIEGEL WISSEN 1/2016
Niermeyer: Ihre Kollegen sollten das über Sie wissen, was Ihrer Karriere nicht im Wege steht. Profile in Online-Berufsnetzwerken beispielsweise sind bewusst formulierte Steckbriefe mehr oder weniger cleverer "Erwartungsentsprecher".

Frage: Sind authentische Menschen nicht beliebter?

Niermeyer: Wenn man einen Kollegen hat, der morgens schlecht gelaunt in die Firma kommt, ist der zwar authentisch. Dieser Kollege ist aber seinen eigenen Emotionen ausgeliefert. Es geht im Job eben auch um emotionales Selbstmanagement. Niemals steht im Arbeitsvertrag: Sei authentisch! Eine Arbeitsplatzbeschreibung ist eine Regieanweisung. Beim Töpferkurs auf Fuerteventura kann man in reiner Form authentisch sein, aber bitte nicht im Job.

Frage: Gehören dazu auch Äußerlichkeiten, etwa Kleidung, die Frisur oder gar das Auto?

Niermeyer: Selbstverständlich. Davon lebt eine ganze Industrie. Insignien hierarchischer Kompetenz differieren dabei je nach Branche. Was bei einer Privatbank nach wie vor die Krawatte eines Luxuslabels ist, mag bei bestimmten politischen Parteien genau das Fehlen derselben sein.

Frage: Dann kann ich also auch mit Kollegen nicht befreundet sein? Die würden ja ziemlich schnell mein wahres Ich kennenlernen.

Niermeyer: Ein CEO kann womöglich mit seinem Vorstandskollegen die Woche über WG-ähnlich eng zusammenleben. Es dürften beide den gleichen Reifegrad hinsichtlich des Verständnisses vom Spiel haben. Dadurch gibt es keine überzogenen Vorbilderwartungen. Über Führungsebenen hinweg befreundet zu sein kann hingegen schwierig sein.

Frage: Wie ist das im Fall eines Jobaufstiegs? Wie schlüpft man in die neue Rolle, ohne sich unglaubwürdig zu machen?

Niermeyer: In der Tat machen sich manche Aufsteiger unglaubwürdig. Sie fangen unvermittelt an, ihre ehemaligen Kollegen zu siezen, auch wenn sie eine Woche zuvor noch "du" sagten, sie geraten in einen überzogen distanzierten Habitus - eine klassische Fehlinterpretation der neuen Rolle, um ja nicht zu fraternisierend zu erscheinen. Denn klopfen einem die Leute weiterhin auf die Schulter, haben sie womöglich wenig Respekt. Als Chef kann man nicht von jedem geliebt werden. Man braucht ein dickeres Fell, das ist Teil des Spiels.

Frage: Gehören auch Lügen zur Inszenierung?

Niermeyer: Nein. Ich sollte mir lediglich klar darüber sein, welchen Teil meiner Interpretation der Realität mein Umfeld verträgt.

Frage: Muss man authentisch wirkende Auftritte proben?

Niermeyer: Manchem wird es in die Wiege gelegt. Andere Leute sollten dies üben. Man hat oft nur eine Chance.

Frage: Wie sehr färbt die Rolle ab? Verändert man sich dann nicht auch privat?

Niermeyer: Ja. Die sogenannte professionelle Deformation birgt Gefahren. Die Frage lautet dann am Wochenende: Wer bin ich - jenseits der Rollen? Profis beherrschen aber den blitzschnellen Rollentausch, auch darin liegt ihre Kunst.

Frage: Welche Rolle spielen heute soziale Medien in der beruflichen Selbstdarstellung?

Niermeyer: Jede Facebook-Seite ist eine Bühne. Ist ein Twitter-Account gut durchdacht, kann auch der karriereförderlich sein. So zeigt man, dass man spontan reagieren kann und auch Mensch ist.

Frage: Kann man ohne jede Fachkenntnis die Rolle einer guten Führungskraft spielen?

Niermeyer: Ein Grundrüstzeug an Fachwissen ist unabdingbar. Je höher man jedoch aufgestiegen ist, desto weniger kommt es auf fachliche Kompetenzen an. Werde ich bezahlt für das Anschrauben von Autospiegeln, muss ich Autospiegel anschrauben können. Aber je weniger messbar die Leistung ist, desto mehr braucht man die Fähigkeit, in Rollen schlüpfen zu können. Soziale und Managementkompetenzen rücken in den Mittelpunkt. Nur so ist es erklärbar, dass in Berlin völlig Fachfremde zum Bundesminister werden - und teilweise gar keinen so schlechten Job machen.



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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
nomadas 08.03.2016
1. Quatsch 2.0
Die Rollenspieler scheitern bei sich Innen reihenweise, weil sie Aussen eben nur aufgesetzte, rollendeformierte Wichte sind. Durch die Hierarchie legitimiert, mit der formalen Macht ausgestattet, spielen sie ihre Spiele, im hochpolierten FassadenLand. Bis es peng macht! Und dann kommt der Herr Coach, oder schon vorher, und verdient sich eine goldene Nase. Die RollenKasper sind ja genau sein Markt, seine Zielgruppe. Er wäre echt doof, wenn er sich für Authentizität einsetzen würde. Ich bin doch nicht blöd!
unbekanntgeblieben 08.03.2016
2. Sicher nicht ... die Beispiele sprechen auch Bände, Politiker Schauspieler
man sollte Pollitiker wegen ihrer Überzeugungen wählen, nicht Betrugskunst. Denn wenn sie irren, kann die Wählerschaft aus den Fehlern leeren, die Demokratie verbessert sich, weil dem Prinzip und nich dem Wohl des Einzelnen gedient wird. Weil wir zuviele rückratlose Schauspieler statt moralisch gefestige Experten haben, gibt es überhaupt diesen Schlamassel. Die Unfähigkeit besonders Merkel's zu gemachten Entscheidungen und Fehlern zu stehen reitet doch grad die EU in den sicheren Untergang! Wenn die Aussage Merkel handelt aus 'Herz' nicht berechtigterweise derart in Frage stünde, wäre sie handlungsfähig ... Aber ihr "Wir schaffen das" musste aufgrund ihres ganzen Handelns zuvor in Frage stehen. Wer der Meinung ist, sich sein Leben nur verstellen und für andere leben zu müssen, mein aufrechtes Beileid. Aber verlangt nicht von anderen aufzugeben, weil ihr zu schwach wart und macht euer Scheitern nicht zum Beweis einer Tatsache.
iambellerophon 08.03.2016
3. Genau,
immer weiter so mit dem Verbiegen; schliesslich lügt der Mensch auch 100 Mal am Tag; da fällt die Körperkrümmung nicht mal auf! Genau diese Art von "Coach" geht mir auf den Senkel! Verbiegen lernen bringt Profit! Sche.....!
jujo 08.03.2016
4. ....
Hervorragend, da wird den Leuten die keine Ahnung haben aber davon jede Menge suggeriert, das man nur so tun müsse im Job als ob man Ahnung hätte und schon geht es aufwärts. Habe ich zum Glück selten erlebt, die wenigen Male habe ich den Betreffenden freundlich aber direkt auflaufen lassen. Damit klar wurde, das mit Schauspieleri im Job keine Lorbeeren zu holen sind.
Here Fido 08.03.2016
5. Reklame
Reklame, Marketingsprech und alles bis zum Erbrechen. Mit ein wenig Menschenkenntnis sind diese Rollenkasper einfach nur lächerlich. Manipulation auf allen Ebenen - Vernunft wird sich nie durchsetzen. Man kann den Leuten auch Kapsel-Kaffee verkaufen, wenn nur George Clooney Werbung dafür macht. Leuter wie dieser "Karrierecoach" Rainer Niermeyer machen die Welt schlechter.
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