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Beruf Schamanin Krafttiere am Kamin

Ausgerechnet Schamanen: Auf der Suche nach Krafttieren und geistigen Lehrern Zur Großansicht
Carsten Koall/ SPIEGEL WISSEN

Ausgerechnet Schamanen: Auf der Suche nach Krafttieren und geistigen Lehrern

Krank, erschöpft, depressiv - wer schon alles ausprobiert hat, traut sich auch zur Schamanin. Ghesa Willerding sucht für sich und ihre Klienten Wege in eine Parallelwelt. Von "Seelenrückholung" bis "Naturgeister erleben" bedient die Heilerin die spirituelle Sehnsucht.

Ghese Willerding hat 52 Krafttiere und geistige Lehrer. Sie erwähnt das, kaum dass man in ihrem Arbeitszimmer Platz genommen hat, Handy aus, Schuhe aus, auf dem Fußboden vor dem offenen Kamin, in dem wie immer ein Feuer brennt. Ghesa Willerding kann ohne die Kraft des Feuers nicht arbeiten.

Ihr erstes Krafttier war ein Bussard, als Nächstes traf sie das Pferd, das auf der einen Seite schwarz, auf der anderen weiß ist. So ein Pferd ist praktisch, weil es einen auch mal mitziehen kann, sagt sie.

Es geht alles ein bisschen schnell.

"Noch grünen Tee?", fragt Ghesa Willerding. Sie ist 46 Jahre alt, in ihrem Gesicht liegt ein mädchenhafter Zug, sie trägt eine weite fliederfarbene Strickjacke. Auf ein Regalbrett neben dem Kamin hat sie postkartengroße Tierfotos gestellt, weil es ihr hilft, wenn sie bei der Arbeit ihre Krafttiere sehen kann.

Ghesa Willerding arbeitet als schamanische Heilerin. Eine Schamanin in Schleswig-Holstein, mit ordentlich angemeldeter Praxis, sie bietet unter anderem das "Erlernen hellsichtiger Fähigkeiten", "Naturgeister erleben - Kontakt und Umgang" sowie die "Seelenrückholung" an.

Die Ursprünge liegen bei den Naturvölkern

Viele Deutsche sind in spiritueller Hinsicht inzwischen aufgeschlossen. Transzendentale Meditation, der Jakobsweg, Buddha-Figuren im Garten, Engel, Energiearmbänder. Geht alles. Sie haben sich an ein vielfältiges Angebot gewöhnt, aber Krafttiere sind eine Herausforderung.

Und Kontakt zu Geistern? Nun ja.

Schamanen haben nicht das beste Image, seit Jahrhunderten sei das schon so, sagt Ghesa Willerding. Schamanen, das klingt nach Hexerei oder nach Indianern, die im Kreis tanzen. So ähnlich ist es ja auch. Die Ursprünge, sagen die modernen mitteleuropäischen Schamanen, liegen bei den Heilern verschiedener "Naturvölker". Trommeln, Trancezustände, in denen man andere Welten besucht, das kannten die Menschen in so entfernten Gegenden wie Sibirien und am Amazonas.

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In Deutschland kann man Schamanismus jetzt auf Wochenendseminaren lernen. Ghesa Willerding hält manchmal Vorträge in der Volkshochschule. Um Vorurteile abzubauen. Die Leute sollen sehen, dass sie eine normale Frau ist. Sie hat zwei fast erwachsene Kinder, einen Mann, ein Haus mit Garten.

Im Garten baut Willerding von Zeit zu Zeit eine Schwitzhütte auf, eine Art Iglu aus Zweigen und Wolldecken, legt heiße Steine in die Mitte, gießt Wasser über die Steine. Um die Steine hocken dann ihre Klienten und singen, drei, vier Stunden lang, bis sich ihr Zeitgefühl auflöst. Die Zeremonie sei innerlich sehr reinigend.

Reinigend, wovon? Was wollen die Leute bei ihr loswerden?

"Zu mir kommen Menschen, die schon alles andere ausprobiert haben", sagt Willerding. Ärzte, Heilmethoden, Lebenshilfe. Viele seien erschöpft, depressiv, "Burnout und Depressionen den Krankheiten unserer Zeit". Vielleicht wollen sie diese Zeit loswerden.

Wer alles ausprobiert hat, traut sich auch zur Schamanin. So ähnlich ging es ihr selbst.

Von der Schulmedizin abgewandt

Geschichten von Heilern beginnen meistens mit Leiden. Als Mädchen habe sie sich ständig die Knochen gebrochen, sagt Ghesa Willerding, später seien eine chronische Gastritis, Asthma, eine Schuppenflechte, Allergien dazugekommen. Der Arzt verschrieb Medikamente, die sie nicht nehmen wollte. Lieber versuchte sie, die Atemnot mit Körperübungen und Edelsteinen in den Griff zu bekommen.

Ihre Mutter war Yogalehrerin, bevor die Yogamode begann, sie las ihrer Tochter aus buddhistischen Schriften vor, aber ließ sie auch evangelisch taufen. Ghesa konnte mit beiden Religionen nicht viel anfangen, mit 16 zog sie von zu Hause aus, jobbte, mal in einer Marmeladenfabrik, mal im Altenheim, probierte weiter alternative Heilmethoden.

In einer Bibliothek fand sie ein Buch eines Ethnologen aus den USA, der im Amazonasgebiet mit Heilern getrommelt hatte und selbst zum Schamanen geworden war. In einem weiteren Buch fand sie die Adresse eines Schamanismus-Instituts. In dem Buch ging es darum, wie man Teile seiner Seele verlieren und vor allem wieder zurückgewinnen könne.

Ghesa Willerding schrieb an das Institut, sie sei an so einer "Seelenrückholung" interessiert. Erst mal musste sie einen Grundkurs belegen und lernen, in Trance zu fallen.

Sie nimmt eine der flachen Trommeln, die hinter ihr an der Wand lehnen, die mit dem Pferdefell, "die löst Blockaden", und schlägt einen schnellen, monotonen Rhythmus an. Man fühlt sich gleich etwas schläfrig.

Im Trancezustand verändert sich das Bewusstsein. Meditation oder Hypnose können sich ähnlich auf die Vorgänge im Gehirn auswirken. Was man spürt, wenn man sich in einem solchen Zustand befindet, kann man nach Belieben deuten.

Krafttiere und geistige Lehrer sind die Problemlöser

Schamanen sagen, dass sie in diesem Zustand auf "geistige Reisen" gehen, in die "geistige Welt". Eine Art Parallelwelt, die man sonst nicht erreicht, dort leben die Krafttiere und die geistigen Lehrer. Die Problemlöser.

"Bei der Heilung wirkt die geistige Welt durch die Schamanin", sagt Ghesa Willerding. Die eigene, aber auch die ihrer Klienten. Sie verdient inzwischen ihr Geld als Heilerin und damit, anderen den Schamanismus zu erklären, der Wochenendkurs "Begegnung mit dem eigenen Krafttier" kostet bei ihr 140 Euro.

Wenn jemand krank ist, ist in seiner zweiten, der geistigen Welt etwas durcheinandergeraten, glaubt Ghesa Willerding. Glaubt sie das? Schamanismus sei für sie eigentlich "keine Religion, sondern eine Heiltechnik", sagt sie. Dahinter stehe der Urglaube an eine beseelte Welt. Ihr Asthma und die Allergien seien jedenfalls weg.

Am besten verstehe man den Schamanismus, wenn man mal ein Ritual mitmacht. "Wenn jemand zum ersten Mal hier ist, fange ich mit dem Abrasseln an", sagt sie.

Sie greift nach einer Schale, in der ihre Rasseln liegen. Das Abrasseln verscheuche dunkle Energien.

"Schließ die Augen", sagt sie.

Die Schamanin singt, eine Abfolge von Lauten, mit schöner, melodischer Stimme, dazu fährt sie mit einer länglichen Rassel auf und ab. Meeresrauschen. Eine leichte Brandung. Ein Mittagsschläfchen am Strand.

Vermutlich kommt "Abrasseln" bald groß raus, als Wellness-Angebot. Daran zumindest glaubt man ganz fest, in diesem Moment.


Autorin Wiebke Hollersen ist SPIEGEL-Redakteurin. Ihr Beitrag erschien zuerst im Magazin SPIEGEL WISSEN zum Thema "Mein Glaube - Auf der Suche nach einer höheren Wahrheit". Hier erfahren Sie mehr...

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insgesamt 43 Beiträge
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1.
psychologiestudent 18.05.2013
Zitat von sysopCarsten Koall/ SPIEGEL WISSENKrank, erschöpft, depressiv - wer schon alles ausprobiert hat, traut sich auch zur Schamanin. Ghesa Willerding sucht für sich und ihre Klienten Wege in eine Parallelwelt. Von "Seelenrückholung" bis "Naturgeister erleben" bedient die Heilerin die spirituelle Sehnsucht. http://www.spiegel.dewissen/schamanin-ghesa-willerding-sucht-wege-in-die-parallelwelt-a-898626.html
naja, soll jeder machen was er will, hauptsache ernsthaft kranke Leute werden da nicht reingeschleppt...
2. das mit den Krafttieren...
neu_ab 18.05.2013
finde ich als alter Castaneda-Leser gar nicht mal so übel. ;)
3. Au weia...
peter_gurt 18.05.2013
"Viele Deutsche sind in spiritueller Hinsicht inzwischen aufgeschlossen", ...und Drogen und allerlei Okkultem und sonst was. Uns geht es zu gut und wir suchen immer neue Befriedigung. Rückbesinnung auf Werte wie Familie, Anstand, Charakterstärke, Enthaltsamkeit ist schon lange tabu. Wir wollen das tun was wir tun wollen, ohne Einschränkung. Jeder ist für sich der Mittelpunkt des Universums... wer braucht schon Gott?
4.
kook1979 18.05.2013
Zitat von psychologiestudentnaja, soll jeder machen was er will, hauptsache ernsthaft kranke Leute werden da nicht reingeschleppt...
Wieder einmal ein völlig unkritischer Bericht über die unverschämte Geldmacherei mit Esoterik-Kram. Während der Schamanismus bei Urvölkern eine durchaus sinnvolle Funktion inne hatte, wird damit bei uns verzweifelten Menschen ("krank, erschöpft, depressiv" usw.) dreist Geld aus der Tasche gezogen. Sehr lesenswert: Schamanismus in traditionellen Kulturen (Skeptiker 1/2004) (http://www.gwup.org/component/content/article/65-religion-glaube/782-schamanismus-in-traditionellen-kulturen)
5.
alsterdorfkater 18.05.2013
Schlimm, das solchen Fällen für den Staatsanwalt in so einem Artikel auch noch eine Bühne geboten wird.
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