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Schüler und Handys: "Ich nutze das Smartphone viel. Aber es ist nicht wichtig"

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Jugendliche hängen nur in sozialen Netzen ab? Nö, meinen zwei Hamburger Elftklässler - das Entscheidende besprechen sie lieber woanders. SPIEGEL WISSEN erzählten sie von ihrer Beziehung zu ihren Handys.

Gymnasium Buckhorn im Norden von Hamburg, rund tausend Schüler, gut situierte Nachbarschaft, viel Grün drum herum. Tobias und Janina sind 17 Jahre alt und "Medienscouts".

Bei diesem Projekt des öffentlichen Lokalsenders Tide haben sie Workshops für die 5. und 6. Klassen entwickelt, sprechen mit ihnen über soziale Netzwerke, Internetmobbing und rechtliche Fragen. Seit vier Jahren helfen sie nun schon ihren Mitschülern, sich in der Onlinewelt zurechtzufinden, und arbeiten derzeit gemeinsam mit Eltern und Lehrern an einer Handyordnung für die Schule. Sie sind Ansprechpartner bei Problemen - und Experten in Sachen digitale Kommunikation.


SPIEGEL: Hier liegt gar kein Handy auf dem Tisch. Habt ihr keine Angst, etwas zu verpassen?

Janina: Nein. In der Schule habe ich das Handy sowieso immer auf stumm. Zu Hause ist es an, aber ich ignoriere Nachrichten aus sozialen Netzen oder Mails meistens erst mal. Für Anrufe habe ich einen anderen Klingelton, da gehe ich sofort ran, denn es könnte ja etwas Wichtiges sein.

Tobias: Wenn jemand wirklich etwas will, ruft er an. Den Stress, etwas zu verpassen, beobachten wir eher bei Jüngeren. Würde ich den ganzen Tag meine sozialen Netze beobachten, wäre ich nach einer Dreiviertelstunde total gelangweilt, weil nichts passiert. Aber in einer sechsten Klasse hier an der Schule gab es Chats mit 1200 Nachrichten pro Tag.

Janina: Ja, Nachrichten... Da kommen erst 500 Posts mit "Hi", dann noch mal so viele mit "wie geht es dir", dann macht einer ein Herzchen, der nächste zwei, der nächste drei... Mich würde das nur nerven.

Tobias: Die Fünftklässler sind viel zu jung für Smartphones. Die wollen alles ausprobieren, die vielen Möglichkeiten hauen die völlig um. Trotzdem haben fast alle eins.

Janina: Wir sind da langsam reingewachsen, das war vielleicht ein Vorteil. Wir hatten anfangs Handys, mit denen konnte man nur telefonieren, SMS schreiben und Snake spielen - und alles kostete Geld. Smartphones haben wir erst in der neunten Klasse bekommen.

Tobias: Inzwischen haben schon die Fünftklässler riesige LTE-Flatrates. Ich selbst habe immer noch keine Internetflat auf meinem Handy, weil ich das nicht brauche.

Janina: Das braucht niemand. Es gibt hier Fünftklässler, die stellen Freunden per WhatsApp eine Frage, obwohl sie alle in der Pausenhalle sitzen. Ich verstehe nicht, warum die nicht einfach miteinander reden.

Tobias und Janina

Die "Medienscouts" Tobias Keute und Janina Pfullmann geben Schülern Orientierung in sozialen Netzwerken. Im Interview berichten sie über ihre Erfahrungen und Beobachtungen. Für die Fotos auf diesen und den folgenden Seiten wollten wir zudem von anderen Teenagern wissen, welche Rolle Handy und soziale Netzwerke in ihrem Leben spielen.

Fee, 13: "Telefonieren tue ich nur mit meiner Mutter, der Rest läuft über soziale Netzwerke, WhatsApp, Instagram, Snapchat. Aber weil ich nicht so viel freie Zeit habe, ist das Handy tagsüber auch oft aus."

Lili, 9: "Ich habe noch gar kein eigenes Smartphone, obwohl viele aus meiner Klasse schon eines haben. Auch bei sozialen Netzwerken bin ich deshalb noch nicht. Wenn ein Lehrer krank ist oder eine Stunde ausfällt, bekomme ich das aber auch im Bus mit."

Janina, 17: "Wenn möglich, versuche ich mich mit den Leuten zu treffen. Das Handy nutze ich vor allem zum Telefonieren, in sozialen Netzwerken bin ich nur wenig unterwegs."

Tobias, 17: "Die Attraktivität des Chattens nimmt ab, wenn man darüber nachdenkt. Dabei kriege ich ja nicht mit, wie der andere reagiert. Das geht im persönlichen Gespräch viel besser."

SPIEGEL: Angeblich gehört ihr doch zur "Generation Smartphone", deren Leben sich um soziale Netzwerke dreht. Stimmt das gar nicht?

Janina: Mir ist das Handy schon ziemlich wichtig. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich nicht erreichbar bin. Mit Lehrern oder den anderen Trainern im Verein maile ich oft. Vor allem aber telefoniere ich. In sozialen Netzwerken bin ich nur wenig unterwegs.

Tobias: Ich nutze das Smartphone viel, aber es ist nicht wichtig. Kürzlich war der Akku kaputt, ich hatte acht Wochen lang nur ein einfaches Ersatzhandy. Am Anfang war es schwierig, weil ich zum Beispiel Trainingszeiten nicht in der WhatsApp-Gruppe nachschauen konnte. Aber nach zwei Wochen hatte ich mich daran gewöhnt. Ich bin schon vorher mehr aufs Telefonieren zurückgegangen - damit kann man Dinge viel schneller klären.

Janina: Bei WhatsApp dauert es oft acht, neun Stunden, bis eine Antwort kommt, da rufe ich doch lieber kurz an.

Tobias: Es sind zu viele Leute, um noch zuverlässig zu sein. Wenn ich an meine Trainingsgruppe schreibe: Bring doch mal jemand einen Ball mit, dann wird kein Ball da sein, weil jeder denkt, irgendeiner macht es schon. Wenn ich jemanden persönlich anrufe und ihn bitte, einen Ball mitzubringen, dann haben wir einen. Das direkte Gespräch ist viel persönlicher, viel verpflichtender.

Janina: Das Gleiche gilt, wenn man die Hausaufgaben nicht verstanden hat. Jemand stellt ein Bild mit Lösungen ein, doch jemand anderes schreibt: "Hä?" - aber auch nicht mehr. Dann ist man total verwirrt, was denn nun richtig ist.

Tobias: Es ist auch einfach zu viel. Ich bin bei WhatsApp in mindestens 25 Gruppen. Die meisten davon habe ich auf stumm gestellt, sonst würde das Handy ja ständig klingeln.

SPIEGEL: WhatsApp ist aber derzeit schon das Netzwerk, auf dem man präsent sein muss?

Janina: Die meisten sind auf WhatsApp, klar, da geht es viel um Organisatorisches, Sachen, die gerade nicht so dringend sind. Facebook benutze ich kaum noch. Es ist gut, um mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die im Ausland sind oder von denen ich keine Handynummer habe. Und meine Mannschaft hat dort eine Gruppe. Über Mädchenfußball gibt es ja nicht so viele Berichte, und wenn es mal einen gibt, dann teilt man den dort. Bei Instagram bin ich auch, aber da poste ich vielleicht mal ein Foto in zwei Monaten.

Tobias: Facebook wird in unserer Stufe noch am ehesten benutzt, um lustige Bilder direkt mit Leuten zu teilen. Ansonsten nutze ich Facebook eher als Nachrichtenseite, ich interessiere mich sehr für Sport, habe alle Mannschaften geliked, über die ich etwas wissen will, und dank der Algorithmen bekommt man das, was einen tatsächlich interessiert. Und klar, manchmal lernt man auch neue Leute über Instagram oder Facebook kennen. Anders als die Jüngeren verbringen wir aber nicht mehr als eine Stunde oder länger am Stück in den Netzen, man guckt mal rein, scrollt durch und steckt das Handy wieder weg.

Janina: Bei den Jüngeren ist sowieso vieles anders. Wir waren damals ja alle bei SchülerVZ und hatten vielleicht noch Skype, und das war's. Aber jetzt treiben sie sich in ganz unterschiedlichen Netzwerken herum.

Tobias: Die meinen eben, sie müssten alles ausprobieren, dürften nichts verpassen. Fast alle haben WhatsApp, Instagram und YouTube und Google-Plus und Facebook und Twitter und Tumblr.

Janina: Und Skype ist weitverbreitet, weil sie Spiele spielen und dabei videochatten. Aber es wird auch immer unübersichtlicher. Nicht mal WhatsApp hat wirklich jeder, dafür dann Threema oder Telegram.

Tobias: Ich beschäftige mich relativ viel mit dem Thema, Janina ja auch, und da gibt es soziale Netzwerke, die kennen selbst wir nicht mehr. So richtig verstehe ich das nicht, bei uns hat SchülerVZ ja auch gereicht ...

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SPIEGEL: Wenn ihr über die Jüngeren redet, dann klingt ihr fast wie alternde Kulturpessimisten.

Tobias: Na ja, man sieht jetzt eben auch die Nachteile. Die Attraktivität des Chattens nimmt stark ab, wenn man anfängt, darüber nachzudenken. Ich kriege ja gar nicht mit, wie der andere reagiert. Der macht dann vielleicht einen Smiley, aber ob der jetzt wirklich lacht, weiß ich nicht. Oder er antwortet mit "..." und ich kann nur interpretieren, was damit gemeint war. Gerade wenn man mehr schreiben will als "was machst du gerade so", wenn man sich ernsthaft unterhalten will, dann ist es total anstrengend, am Handy zu sitzen und zum Beispiel Ironie herauszulesen. Das geht im persönlichen Kontakt viel besser. Ich glaube, ein langes Gespräch über WhatsApp habe ich das letze Mal in der 9. Klasse geführt.

Janina: Wenn möglich, versuche ich mich mit den Leuten zu treffen. Mir ist das persönliche Gespräch auf jeden Fall am liebsten.

Tobias: Das Ansehen der Leute, die ständig mit ihrem Handy rumhängen und zwei Seiten voller sozialer Netzwerke haben, wird auch schlechter. Früher saßen fast alle in der Pausenhalle mit ihren Telefonen da, aber jetzt kommt es häufiger vor, dass jemand sagt: Jetzt pack mal das Handy weg, wir unterhalten uns gerade.

Janina: Es macht ja auch gar keinen Spaß, sich mit Leuten zu unterhalten, wenn die nur auf ihr Handy gucken. Die geben dann mal ein "Ja" oder "Okay" von sich, und man bekommt deren Aufmerksamkeit nur, indem man sich selbst ans Handy setzt und schreibt. Aber eigentlich will man ja mit denen reden. Es gibt bei uns aber auch nicht mehr viele, die durchgehend am Handy sitzen.

Tobias: Nee, eigentlich nur zwei Gruppen. Die, die ohnehin still sind und sich nicht unterhalten würden. Und die, meistens Mädchen, die ständig aktuell sein wollen, pro Tag drei Bilder von sich pro Netzwerk posten und zehn Chats gleichzeitig offen haben. Die fangen sich schon mal einen dummen Kommentar von mir. In unserem Alter muss man nicht mehr ständig am Handy sein. Im Alter nimmt das mit den sozialen Netzwerken automatisch ab. Meine Schwester ist drei Jahre jünger als ich, da begann vor zwei Jahren der Aufschwung der Smartphones, alle waren auf Facebook und WhatsApp, ständig am Handy. Jetzt am Ende der 8. Klasse, ist es auch bei denen schon fast wieder vorbei.

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insgesamt 26 Beiträge
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1.
zlep 26.07.2015
Erstaunlich, entweder sind die beiden eine positive Ausnahme in ihrer Altersgruppe oder zwischen den heute 17jährigen und mir (29) herrscht in vielen Dingen tatsächlich (noch) kein Unterschied. Die Geschichte mit dem Ball war bei uns vor über 13 Jahren nämlich genau gleich. Wenn man nicht explizit einem am Telefon den Auftrag gegeben hatte, am Nachmittag einen Ball auf den Bolzplatz mitzubringen, stand man ohne da :D Gutes Interview.
2.
Oberleerer 26.07.2015
Jetz weiß ich, daß die CDU auch weiterhin Stimmen mit konservativen, ignoranten Menschen Stimmen bekommen wird. Sind die vlt. mal auf die Idee gekommen, daß ein Telefonanruf ein unverschämter, rücksichtsloser Eingriff in den Tagesablauf anderer Menschen ist? Sowas wie Vordrängeln an der Kasse oder ein unangemeldeter Besuch? Man muß bei WA nicht immer einen Gruppenchat starten, sondern kann auch der Zielperson direkt eine Nachricht mit der Bitte nach einem Ball schicken.
3. toll
john.sellhorn 26.07.2015
spiegel wissen hat zwei jugendliche gefunden, ihre handys 'vernuenftig' nutzen. die anderen 99,99999 prozent, die man nicht gefragt hat, tun das nicht.
4.
paryth 26.07.2015
Das ist ja ganz interessant zu lesen, aber die beiden bilden wohl eher die Ausnahme. Ich bin 18 und die meisten gleichaltrigen in meinem Umfeld nutzen die Smartphones deutlich intensiver als die beiden aus dem Interview. Zudem war ich doch überrascht, als ich "das W-LAN geht nur in der Küche und im Wohnzimmer" gelesen habe. Haben die Bleiwände, oder ist der Router einfach veraltet?
5. Jau...
ancoats 26.07.2015
... total ignorant und konservativ, dieses Telefonierer. Und die wählen womöglich auch noch die CDU! Bleibt die Frage, was all jene wählen, die keine 10 Minuten ohne Mailchecking aushalten, die überall und ständig im Weg stehen, weil sie ihre Nase nicht vom Display kriegen. Klären Sie uns auf bitte.
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