Start-ups Traumfabrik

In der Berliner "Thinkfarm" wird an einer gerechteren Welt gearbeitet - mit den Mitteln des Kapitalismus.

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Hannes Jung/ SPIEGEL WISSEN

Die tun nichts, die wollen nur fliegen. Zum Beweis öffnet Johannes Weber mit bloßen Händen den Deckel der länglichen Kiste. Es summt und brummt, Dutzende Bienen fliegen heraus, doch die meisten bleiben ruhig sitzen auf den schmalen Holzrahmen, die ordentlich aufgereiht in der Kiste hängen wie in einer Aktenregistratur.

Weber bringt anderen Menschen bei, wie man zu Hause Bienen halten kann. Die nötigen Boxen verkauft er als Bausatz zum Selberbasteln. Er selbst besitzt zwei Bienenvölker, die Kisten stehen auf dem Balkon seiner Altbauwohnung. Die Nachbarn seien erst skeptisch gewesen, sagt er. "Aber Bienen sind absolut friedliche Tiere, sie stören niemanden."

Im Moment tüftelt Weber gerade an einer Bienenbox-Befestigung für Fenster. Wenn sie fertig ist, will er an der Außenwand seines Büros einen Bienenschwarm halten. Die Kollegen wären begeistert, da ist er sicher. Der 30-jährige Schlaks mit dem Zauselbart und den Ökosandalen teilt sich mit mehr als 80 Gründern die dritte Etage eines Hinterhauses in Berlin-Kreuzberg, knapp 200 vollgestopfte Quadratmeter.

Hätte Pippi Langstrumpf ein Büro eingerichtet, es würde wohl genauso aussehen: Die Regale sind aus übereinandergestapelten Obstkisten gebaut, ein Esstisch besteht aus groben Brettern, eine Wand ist mit bunter Kreide bemalt, unter einem Hochbett steht ein Kickertisch.

"Thinkfarm" heißt der Co-Working-Space. Ein Bauernhof für Gedanken? Der Name trifft es ganz gut. Die Thinkfarm ist ein Büro für Sozialunternehmer. Für Menschen, die die Welt verbessern wollen. Träumer? Ja, aber auch Macher. Idealisten? Ja, aber auch Kapitalisten. Wenn es nach ihnen geht, ist Nachhaltigkeit das neue Normalmaß. Wenn es nach ihnen geht, sind sie nur die Vorhut einer neuen Marktwirtschaft. Und wer weiß, vielleicht wird ihnen die Revolution des fair verdienten Geldes gelingen.

Viele Marken werben inzwischen damit, dass sie den Regenwald retten, Kleinbauern in Brasilien unterstützen oder Schneider aus Bangladesch angemessen entlohnen. Fairness und Umweltschutz sind zu guten Verkaufsargumenten geworden. Bereits vor fünf Jahren waren vier von fünf Deutschen der Ansicht, dass "jeder seine Lebensweise dahingehend überdenken sollte, ob wirtschaftliches Wachstum für ihn alles ist", hat eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid ergeben.

Die Farmer, wie sich die Mieter der Thinkfarm selbst nennen, sind schon einen Schritt weiter: Sozial, fair, nachhaltig sind für sie keine Schlagworte, mit denen sich etwas besser verkaufen lässt. Es sind Worte, die ihr Leben beschreiben, ihren Alltag, ihr Denken. Und aus diesem Denken heraus haben sie ihre Geschäftsideen entwickelt. Die Sorge um die Gesellschaft macht sie zu Unternehmern.

Johannes Weber hat vor vier Jahren mit dem Imkern angefangen. Damals legte er zusammen mit seinen Mitbewohnern einen Garten im Hinterhof an und stand bald vor der Frage, wie nun die Blüten bestäubt werden sollten. Übers Internet fand er einen Imker, der ein Bienenvolk verkaufen wollte, und eine Anleitung zum Bau eines Bienenstocks. 75 Euro kosteten die Bienen, die Bretter besorgte er im Baumarkt. Eine überschaubare Investition.

Das Ziel: Gutes tun, Geld verdienen

Auch das haben die Farmer gemeinsam: Sie investieren lieber Zeit als Geld in ihre Geschäftsideen. Kredite aufzunehmen kommt für die meisten nicht infrage. Sein Startkapital hat Weber per Crowdfunding gesammelt: Wer 8 Euro spendete, bekam im Gegenzug eine "bienenfreundliche Samenbombe zum Verschönern von städtischen Brachflächen", für 15 Euro gab es ein Glas Honig, für 150 Euro einen selbst gebackenen Bienenstich auf Webers Balkon. 26.559 Euro kamen zusammen.

Mit dem Geld hat Weber seine Bienenboxen optimiert und eine Website mit Anleitungen für Möchtegern-Imker gestartet. Seinen Honig essen sogar manche Veganer: Er nimmt den Bienen nur weg, was sie selbst nicht brauchen. 220 Bienenbox-Bausätze hat er bislang von einer Behindertenwerkstatt anfertigen lassen, er hat alle verkauft. Im nächsten Jahr sollen es 500 werden: "Ich hangele mich langsam hoch."

Seine Sitznachbarn in der Thinkfarm haben vorgemacht, wie das geht: David Griedelbach und seine Kollegen verkaufen Bier von mittelständischen Brauereien unter dem Label "Quartiermeister". Im ersten Quartal 2012 haben sie knapp 5000 Liter Bier unter die Leute gebracht. Genau drei Jahre später sind es fast 45.000 Liter.

Ihr Geschäft könnte so etwas wie das Aushängeschild der Thinkfarm sein, wenn man wirtschaftlichen Erfolg als Messlatte nähme - was die meisten Farmer nicht tun. Geld verdienen ist in diesem Büro nur Mittel zum Zweck. Quartiermeister spendet den gesamten Gewinn aus dem Bierverkauf an regionale Hilfsprojekte, in diesem Jahr werden es in Berlin 16.000 Euro sein. Ob Deutschkurse für Flüchtlinge, antifaschistisches Festival oder Obdachlosencafé - wohin das Geld fließt, entscheiden die Bierkäufer online. Auf der Internetseite von Quartiermeister sind auch alle Einnahmen und Ausgaben einsehbar, einschließlich der Gehälter der Mitarbeiter.

Was ist ein Social Entrepreneur?
Den Begriff hat der US-Wirtschaftswissenschaftler Bill Drayton Anfang der Achtzigerjahre geprägt: Social Entrepreneurs sind für ihn Menschen, die gesellschaftliche Probleme mit innovativen unternehmerischen Ansätzen lösen. Sie sind kreativ, pragmatisch, wollen mit ihrer Geschäftsidee erfolgreich sein - aber nicht damit reich werden. Gewinne werden reinvestiert, damit die Erfolgsrezepte überall dorthin kommen, wo sie gebraucht werden. Drayton selbst hat mit "Ashoka" (s.u.) die erste und bis heute größte Organisation gegründet, die Sozialunternehmer in aller Welt fördert und vernetzt.
2200 Euro brutto verdient David Griedelbach pro Monat. Im ersten Jahr bei Quartiermeister hat er für seine Arbeit keinen Cent bekommen. Kein Problem für den Mann mit der Bärenstatur: Er hat eine Ausbildung im Investmentbanking der Deutschen Bank gemacht und dort gut verdient. In dieser Zeit habe er vor allem gelernt, wie er nicht arbeiten wolle, sagt er: fremdbestimmt und geldbesessen.

Einen Deal mit Rewe hat der 28-Jährige ausgeschlagen, weil die Supermarktkette mit einem Lieferanten aus dem Nestlé-Konzern zusammenarbeitet - und der steht für alles, was Griedelbach und die anderen Farmer ablehnen: Preisdruck, Profitmaximierung, Ausbeutung. Aber: "Wir sind keine Antikapitalisten und auch keine Utopisten", sagt Griedelbach. Er bezeichnet sich und die anderen Farmer als "pragmatische Idealisten". Ihr Ziel: ein alternatives Wirtschaftssystem, in dem es allen besser geht.

Auch damit liegen sie im Trend: Laut der Emnid-Umfrage wünschen sich 88 Prozent der Deutschen eine neue Wirtschaftsordnung. Ein Buch über das Ende des Kapitalismus hat es vor Kurzem bis auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft: In "Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft" schreibt der amerikanische Ökonom und Berufsvisionär Jeremy Rifkin, es sei die Schizophrenie des Kapitalismus, dass er sich selbst auffresse. Es werde so lange optimiert und immer mehr produziert, bis die Herstellungskosten pro Stück fast bei null lägen - damit entstehe ein Überfluss der den Profit gen null treibt. Sein Fazit: Teilen wird in Zukunft immer wichtiger. In der Thinkfarm gilt das schon heute.

Hier wird pünktlich Feierabend gemacht

Statussymbole haben im Büro keine Bedeutung. Die Tische sind verkratzt, aus einigen Stühlen quillt die Polsterung. Niemanden stört's. Griedelbach sagt, er besitze Hosen, die zehn Jahre und älter sind. Die tun's doch noch.

130 bis 140 Euro kostet die Monatsmiete in der Thinkfarm, je nach Schreibtischgröße. Ein Schnäppchen für ein Büro in dieser Lage, nur wenige Meter vom Kottbusser Tor in Kreuzberg. Die Einnahmen decken die Kosten für Raummiete, Strom, Wasser, Internet und Büromaterial. Immer dienstags gibt es für alle Farmer gratis Essen. Eine alte Dame sammelt Reste in den umliegenden Kantinen ein.

An diesem Tag ist die Ausbeute mau ausgefallen: Es gibt Nudeln mit verkochtem Gemüse, Salat und Brötchen vom Vortag mit veganem Brotaufstrich. Im Nu sind alle Stühle in der Küche besetzt. Gegessen wird, was auf den langen Brettertisch kommt - solange es fleischlos ist. Viele Thinkfarmer sind Vegetarier oder Veganer, "das gehört zum nachhaltigen Lebensstil", sagt Griedelbach. Er selbst sei da nicht ganz konsequent: Er isst Bio-Fleisch - und wenn es nichts anderes gibt, trinkt er auch ein Beck's, "das ist am Ende besser als gar kein Bier".

Für das Gemeinschaftsessen hat er heute keine Zeit. Am Vormittag hat er einer Bundestagsabgeordneten der Linken sein Geschäftsmodell erklärt, jetzt muss er mit einem Lieferanten telefonieren. Und er will pünktlich Feierabend machen. "Ich arbeite sehr gern, aber ich muss niemandem etwas beweisen, indem ich 60 Stunden im Büro sitze", sagt Griedelbach. Dass weniger Arbeit mehr sei, stehe ja wohl außer Frage.

Vor halb zehn Uhr morgens beginnt in der Thinkfarm selten jemand zu arbeiten, am Freitagnachmittag sind die meisten Tische verwaist. In der improvisierten Bibliothek im Flur liegt "Die Vier-Stunden-Woche" von Timothy Ferriss. Maximale Freizeit, Mobilität und Freiheit verspricht der Bestsellerautor darin.

Mit vier Stunden kommen die Thinkfarmer noch nicht aus, reihum wird jeder eine Woche lang für das Putzen der Küche eingeteilt. Sie ist das Herz des Gemeinschaftsbüros, hier wird gekocht und geklönt, konferiert und diskutiert. "Zu Hause bin ich in die Küche gegangen und habe Haushaltssachen erledigt. Hier gehe ich in die Küche und komme mit einem neuen Auftrag zurück", sagt Annekathrin Otto, freiberufliche PR-Managerin. Sie schwärmt vom "Synergieeffekt" des Büros: Neben ihr sitzen Programmierer, Designer und Finanzexperten. Wenn sie Hilfe braucht, muss sie nur die Nachbarn fragen. Aus einigen Kollegen sind schon Kunden geworden.

Otto ist seit Gründung der Thinkfarm vor zwei Jahren dabei, sie hatte über Freunde von dem Gemeinschaftsprojekt erfahren. Die Plätze waren schnell vergeben. Als Selbstständiger einen Arbeitsplatz in einer halbwegs zentralen Lage in Berlin zu finden ist schwer. Denn in den Hinterhöfen sitzen schon andere, privilegiertere Gründer. Immer mehr Absolventen deutscher Business Schools drängen in die Start-up-Szene. Unternehmensberatungen und Banken klagen, dass ihnen die Talente ausgehen. Gründer ist unter Elitestudenten zum Sehnsuchtsberuf avanciert.

Aus SPIEGEL WISSEN 5/2015
Die Zeiten, in denen sich nur Non-Profit-Organisationen mit dem Label "sozial" schmückten, sind lange vorbei. Unter die Wohltäter mischen sich immer mehr Wirtschaftsprofis. Deutschlands Vorzeige-Sozialunternehmer Till Behnke, Gründer der Spendenplattform Betterplace, hat früher für DaimlerChrysler gearbeitet. Bill Drayton, der den Begriff "Social Entrepreneur" mit der Gründung des Netzwerks Ashoka geprägt hat, war früher Berater bei McKinsey.

Gutes tun und Geld verdienen muss kein Widerspruch sein. Aber Gutes tun, um Geld zu verdienen, das ist in der Thinkfarm der falsche Ansatz. Wer hier arbeiten will, muss ein Auswahlverfahren vor der "AG Belegung" bestehen. Aufgenommen werden nur Menschen, die den Anspruch haben, ein gesellschaftliches Anliegen unternehmerisch zu lösen. Und die "den sozial-ökologischen Wandel selbst vorleben", wie es so schön auf der Website der Thinkfarm heißt.

Neue Bewerber bekommen nur eine Chance, wenn alle das Gefühl haben, dass sie in die Gemeinschaft passen. Ein Hersteller von veganen Boxhandschuhen hat es nur knapp geschafft. Einigen schien Boxen als Geschäftsgrundlage zu brutal.

Bei "querstadtein" gab es keine Bedenken. Die Initiative, die Stadtführungen von Obdachlosen organisiert, wurde vor zwei Jahren von zwei jungen Frauen gegründet: Sally Ollech und Katharina Kühn. Sie hatten in einem Magazin von einer Obdachlosen-Stadttour in Kopenhagen gelesen und konnten nicht fassen, dass es ausgerechnet in Berlin keine gab.

Rund sieben Kilometer sind es von der Thinkfarm bis zum Bahnhof Zoo. Die Sonne brennt, es stinkt nach Urin. "Können wir nicht woanders hingehen?", fragt eine Frau im gepunkteten Kleid. Dieter nickt und wechselt die Straßenseite. "Das war mein Schlafplatz", sagt er.

Die vergitterten Abluftschächte an der Rückseite des Bahnhofs sind der erste Halt auf seiner zweistündigen Tour durch den Westen Berlins. Die Strecke ist Dieter, der nur beim Vornamen genannt werden will, früher täglich gelaufen. Vorbei am "bestbewachten Supermarkt der Stadt" zum Parkhaus mit dem offenen Wasserhahn und weiter bis zum kleinen Park mit den langen Bänken. 13 Euro haben die Frau im Kleid und ein gutes Dutzend anderer Besucher bezahlt, um sich von ihm den Weg zeigen zu lassen. Den Weg eines Obdachlosen.

DER SPIEGEL
Dieter trägt sein Haar lang und strähnig, den Bart struppig. Wenn er lacht, zeigt er gelbbraune, schiefe Zähne. Das Leben auf der Straße hat ihn gezeichnet, aber er lebt jetzt nicht mehr dort. Seit einem Monat ist er schuldenfrei. Die Leute applaudieren, als er das sagt.

Pia Frank, 24, hat Dieters Tour in den vergangenen acht Monaten 35-mal mitgemacht. Sie hat Medienwissenschaft und Politik studiert. Ein Praktikum war nicht vorgeschrieben, sie hat sich trotzdem bei querstadtein beworben. "Das Projekt interessiert mich einfach", sagt sie. Ihre Aufgabe bei den Stadtführungen: Karten kontrollieren, verspäteten Teilnehmern hinterhertelefonieren, Werbung für den Verein machen und Fragen zum Thema Obdachlosigkeit beantworten. Gelangweilt habe sie sich dabei nie, sagt sie. "Jede Gruppe ist anders." Bedenken hatte sie vor Beginn des Praktikums trotzdem. "Ich dachte, es würde komisch sein, allein mit der Chefin im Büro zu sitzen." Darüber muss sie jetzt lachen. "Die Menschen hier sind das Tollste am Praktikum."

Doch die Selbstorganisation der Thinkfarm erscheint nur auf den ersten Blick ganz frei von Druck und Kontrolle. In der Küche gibt es vier Tonnen, auf jeder klebt ein Schild mit Anweisungen: "1. Hier dürfen nur trockene Handtücher hinein. 2. Bitte nimm uns mit & wasch uns bei +60 C." Auf dem Schild, das auf der Tonne für Plastikverpackungen pappt, hat jemand den vorgedruckten Text mit einem Stift korrigiert: Der Inhalt werde überwiegend wiederverwertet, stand dort. Das "überwiegend" ist nun durch "ein Drittel" ersetzt.

Auf der Toilette informiert ein Schildchen auf dem Seifenspender darüber, dass die Seife zu zwei Teilen mit Wasser verdünnt wurde. Ein Plakat rechnet vor, wie viele Tampons eine Frau im Schnitt verbraucht und wie sich die Bilanz durch eine wiederverwertbare Menstruationstasse verbessern ließe.

Wie kann man verhindern, dass man nur Symptome bekämpft?

Die Farmer wollen nicht als Öko-Hippies abgestempelt werden, niemand erhebe hier den Zeigefinger, sagen sie. Doch der Grat zwischen moralischem Handeln und Moralisieren ist schmal. Lässt sich die Welt verbessern, indem man nur bestimmtes Bier trinkt oder nur bienenfreundlichen Honig isst? Was ist mit den Menschen, die sich weder das Bier noch den Honig leisten können? Und: Wie kann man verhindern, dass Sozialunternehmen nur Symptome gesellschaftlicher Missstände bekämpfen, aber nicht deren Ursachen?

Es sind Fragen, auf die auch die Farmer keine Antworten haben. Aber sie versuchen zumindest, welche zu finden.

Mehr als 7000 Menschen haben schon eine querstadtein-Tour mitgemacht. 7000 Menschen, die nicht mehr angewidert wegschauen, wenn sie einem Obdachlosen begegnen. 7000 verkaufte Karten. Das reicht für den Lohn der Stadtführer und der Praktikantin. Aber es deckt nicht alle Kosten. Eine Stiftung finanziert eine Vollzeitstelle und zwei Schreibtische in der Thinkfarm. 15 Menschen helfen ehrenamtlich. Die Mit-Gründerin Sally Ollech findet das okay.

Die Abhängigkeit von Stiftungsgeldern und Spenden ist ein weit verbreitetes Problem bei den Start-ups mit dem guten Gewissen. Ihre Unternehmen größer und marktfähiger zu machen, gelingt nur wenigen. Johannes Weber ist darum streng mit sich. "Wenn Projekte nur so lange funktionieren, wie man ehrenamtlich dafür arbeitet, macht das langfristig keinen Sinn", sagt er. Noch ein Jahr lang will er sämtliche Einnahmen aus Imker-Workshops und Bienenbox-Verkäufen reinvestieren, dann sollen die Stadtbienen ihn und seine zwei Mitstreiter ernähren. "Wir leben hier unsere Ideale, aber im realistischen Kontext", sagt er. Wenn es nicht klappt, wird er sich einen Job suchen.

Wer Geld verdient, kann leichter Gutes tun. Das wissen die Gründer in der Thinkfarm. Weber formuliert es so schön wie ein Unternehmensberater: "Das Mindset verbindet uns."

  • Jeannette Corbeau

    Als Korrespondentin in Sydney wohnte Verena Töpper spartanisch in einem Zimmer mit Bett, Stuhl und Schrank. Nach ihrer Rückkehr war sie perplex, wie viele Dinge sie besitzt.



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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
liberal2010 31.10.2015
1. Mindestlohn
Würde mich ja mal brennend interessieren, was die Kollegen vom Mindestlohn halten. Den können sie, wenn ich es richtig sehe, kaum sich oder anderen bezahlen. Ansonsten freue ich mich über diese (wie jede) Art Unternehmergeist. Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen. Genau das ist Kapitalismus. Tun zu können, was man selbst für richtig hält. Mit seinen Ideen und Produkten andere (d.i. der Markt) zu überzeugen und davon ein besseres Leben für sich, seine Familie und die Gemeinschaft zu ermöglichen. Schön...
Nordstadtbewohner 31.10.2015
2. Ob man dauerhaft davon leben kann?
Ich glaube nicht. Jeder Unternehmer sollte dauerhaft den Blick auf die langfristige Gewinnentwicklung richten, denn sonst ist die Halbwertszeit eines Unternehmens nur sehr begrenzt. Die Wichtigkeit der alternativen Büroausstattung, der Bekleidung und des Bartwuchses entscheiden nicht über Erfolg oder Misserfolg. Was mir bei diesen Entrepreneuren immer wieder auffällt, ist die Konzentration auf Nebensächlichkeiten wie zum Beispiel die Büroausstattung, während das eigentliche Geschäft bzw. das Hauptbetätigungsfeld des Unternehmens zur Nebensache verkommt. Das zeigt sich daran, dass Unternehmen, deren Fokus sich eigentlich auf Nachhaltigkeit richten soll, oftmals nach 3 - 5 Jahren nicht mehr existieren.
BlackRainbow666 31.10.2015
3. Moralisieren
Wäre ja auch so schlimm. Die Angst der Menschen vorm guten Handeln ist grotesk. Um das Gewissen zu beruhigen, erfindet man dann Worte wie "Gutmensch", um sich sogar noch darüber lustig zu machen, wie furchtbar peinlich nett Andere sind. Danke für den Artikel - schön, dass es solche Initiativen gibt, auch wenn sie noch nicht konsequent genug sind.
Abronzius 31.10.2015
4. Alles hübsch und so cool und relaxed
Nur trägt das wenigstens soviel ein ,dass die Damen /Herren wenigstens den Mindestlohn für sich erwirtschaften und die üblichen Einzahlungen in die Sozialversicherungen.. die jungen Leute werden auch älter und weniger chicer, das bringt das Altern mit sich, und wer wird sie dann engagieren?
Horstfreese 31.10.2015
5. Startups in Berlin
Dienstleistungen, die keiner braucht und schon gar nicht bezahlt,...Berlin ist die Welthauptstadt der vertrödelten und vergammelten Lebenschancen..Gibt es denn für die Medienwissenschaftlerin kein kleines trockenes(gutbezahltes) Plätzchen bei dem Millarden einnehmenden öffentlichrechtlichen Medienmoloch ARD/ZDF/DF? Auch nicht mit SPD /Grünen -Parteibuch?
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© SPIEGEL Wissen 5/2015
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