Streitgespräch zu Tierversuchen "Warum experimentieren wir nicht mit Menschen?"

Tausende Affen werden allein in Deutschland für Tierversuche gehalten. Ist das vertretbar? Ein Streitgespräch zwischen einem Ethiker und einem Primatenforscher.

Makake (im Labor der Zentralen Tierexperimentellen Einrichtung der Uni Münster)
DPA

Makake (im Labor der Zentralen Tierexperimentellen Einrichtung der Uni Münster)

Moderation: und


SPIEGEL: Herr Luy, in Japan haben Forscher kürzlich Javaneraffen Nervenzellen transplantiert, die zuvor im Labor gezüchtet worden waren. Die Affen waren an Parkinson erkrankt. Nach der Transplantation konnten sie sich wieder besser bewegen.

Luy: Das klingt toll, ist es aber nicht, denn die Parkinson-Erkrankung wurde bei den Tieren künstlich verursacht. Falls Sie meine kurze ethische Einschätzung möchten: nicht akzeptabel.

SPIEGEL: Würden Sie bei dieser Einschätzung bleiben, wenn ein enger Verwandter von Ihnen an Parkinson erkrankt wäre und von der an Affen erforschten Transplantation profitieren würde?

Aus SPIEGEL WISSEN 5/2017

Luy: Wir haben leider tatsächlich in der Familie einen Parkinson-Fall. Das ändert aber nichts an meiner Einschätzung. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Javaneraffen diesem Transplantationsexperiment freiwillig zugestimmt hätten, geschweige denn dem Verfahren, das sie künstlich an Parkinson erkranken lässt. Deshalb ist das Experiment ethisch nicht zulässig. Man würde solche Versuche ja auch nie an Menschen machen.

SPIEGEL: Hat die Heilung einer Krankheit nicht einen höheren ethischen Wert?

Luy: Das ist ein ganz gefährlicher Gedanke. Wenn Sie den weiterspinnen, landen Sie irgendwann bei Menschenversuchen. Die könnten Patienten vielleicht auch helfen. Wenn wir überhaupt Verfahren und Nutzen abwägen, dann ist der entscheidende Punkt: Lohnt es sich für das Versuchsobjekt, an dem Experiment teilzunehmen? Ist es ein fairer Deal?

SPIEGEL: Herr Treue, in Deutschland werden derzeit etwa 3000 Primaten für Tierversuche gehalten, vor allem Javaneraffen und Rhesusaffen, weltweit sind es Zehntausende. Gesellschaftlich werden Versuche an Primaten offenbar in aller Welt für vertretbar gehalten. Auch von Ihnen?

Treue: Niemand ist glücklich über Tierversuche, aber bei bestimmten Forschungsfragen sind sie notwendig und vertretbar. Genau das ist auch die Rechtslage: Es gibt kein Generalverbot von Tierversuchen, sondern einen Abwägungsprozess. Anders gesagt: Experimente an Tieren sind verboten - es sei denn, eine lange Liste von Bedingungen ist erfüllt.

SPIEGEL: Was bedeutet "abwägen"? Wenn Krebskranke von Experimenten an Primaten profitieren würden, dann darf man sie machen?

Treue: Kriterium ist, ob das zu erwartende Leid ethisch vertretbar ist. Es geht also um die schwierige Abwägung zwischen dem potenziellen Leiden des Tieres und dem Erkenntnisgewinn für Forschung, Medizin und Gesellschaft.

Luy: Diese Antwort höre ich häufig: Für gravierende menschliche Erkrankungen kann man sich Tierversuche vorstellen, für lapidare kann man es nicht akzeptieren. Darin steckt aber ein Denkfehler.

 Jörg Luy, Philosoph, Tierarzt und Tierethiker beim Forschungs- und Beratungsinstitut für angewandte Ethik und Tierschutz Instet in Berlin.
Kai Müller / SPIEGEL WISSEN

Jörg Luy, Philosoph, Tierarzt und Tierethiker beim Forschungs- und Beratungsinstitut für angewandte Ethik und Tierschutz Instet in Berlin.

SPIEGEL: Und zwar welcher?

Luy: Hier werden die gleichen Mechanismen zugrunde gelegt wie beim Shopping. Die Menschen kaufen ein Produkt, wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Auf Tierversuche übersetzt heißt das: Für den Nutzen X ist das Bauchweh Y akzeptabel, das ich mit dem Experiment habe. So funktioniert aber unser Moral- und Gerechtigkeitsempfinden nicht. Wir wechseln die Perspektive, mehr noch, wir verwandeln uns imaginativ in die Betroffenen, seien es Menschen oder Tiere. Wenn wir aus Sicht des betroffenen Individuums die Behandlung nicht akzeptieren können, dann signalisiert unser Moralempfinden: inakzeptabel.

SPIEGEL: Wie messen Sie denn das Leiden der Versuchstiere, Herr Treue? Sie können den Affen ja schlecht fragen, wie es ihm geht und wie viel Schmerz er akzeptabel findet.

Treue: Das lässt sich nicht absolut verlässlich messen, aber wir können zum Beispiel das Verhalten oder physiologische Reaktionen wie etwa die Ausschüttung von Stresshormonen überwachen. Aber richtig: Ein Tier kann den Versuchen nicht zustimmen, weil ihm dafür die kognitiven Fähigkeiten fehlen. Letztendlich führen wir diesen Abwägungsprozess durch. Dabei haben der Schutz und die Bedürfnisse von Menschen besonders hohes Gewicht.

SPIEGEL: Wegen unserer kognitiven Fähigkeiten?

Treue: Nein, weil wir leidensfähiger sind.

SPIEGEL: Deshalb können wir auch das Leiden des anderen, in diesem Falle des Primaten, erspüren?

Luy: Wir empfinden es als respektlos, anderen Leid zuzufügen. Primaten sehen uns ähnlich, deshalb haben wir vor ihnen mehr Respekt als vor Tieren, die uns weniger ähnlich sind.

SPIEGEL: Es kann doch nicht ernsthaft ein ethisch relevantes Kriterium sein, ob ich mich optisch einer Tierart nahe fühle.

Luy: Genau, das ist ein Denkfehler. Aber diese Denkfehler sind Alltag. Die Menschen würden sich empören, wenn jemand einen Gorilla an der Leine hinter sich herziehen würde. Bei einem Dackel regt sich keiner auf.

SPIEGEL: Herr Treue, unter welchen Bedingungen ist denn für Sie ein Versuch an Primaten gerechtfertigt?

Treue: Zum Beispiel wenn es keine alternative Tierart für eine Fragestellung gibt. Wenn ich einen Impfstoff genauso gut an einer Maus wie an einem Primaten testen kann, ist nur der Maustest genehmigungsfähig. Wenn es ein gutes Computermodell gibt, ist gar kein Tierversuch vertretbar.

Luy: Wie wägen Sie denn ab? Wann kommen Sie zu dem Punkt, an dem Sie sagen, für diese Forschungsfrage ist ein Tierversuch ethisch nicht vertretbar?

Treue: Kriterium ist, ob die Frage von großer Bedeutung ist.

 Stefan Treue, Tierphysiologe, Neurowissenschaftler und Direktor des Deutschen Primatenzentrums - Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen.
Kai Müller / SPIEGEL WISSEN

Stefan Treue, Tierphysiologe, Neurowissenschaftler und Direktor des Deutschen Primatenzentrums - Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen.

SPIEGEL: Gibt es Fragen, die Sie nicht erforschen würden, weil Sie die Belastung der Primaten nicht in Kauf nehmen würden?

Treue: Aber ja. Klassische Beispiele sind die Kosmetik- oder die Waffenforschung. Das sind keine für die Gesellschaft unerlässlichen Fragen. Das Gehirn dagegen, dessen Funktion wir untersuchen, ist von so zentraler Bedeutung für unser Selbstverständnis, für medizinische und grundlegende biologische Fragestellungen, dass ein besseres Verständnis der Funktionsweise von großer Bedeutung ist.

SPIEGEL: Ist es vorgeschrieben, bei bestimmten Medikamententests Primaten einzusetzen?

Treue: Normalerweise werden zwei Säugetierarten verwendet, und je nachdem, um was für ein Medikament es sich handelt und welches Risikopotenzial man sieht, ist dann oft auch eine Primatenart dabei - vor allem in der Giftigkeitsprüfung.

Luy: Die meisten der Primaten werden also vergiftet ...

Treue: Das hängt davon ab, ob die Tiere einer Kontrollgruppe oder einer Messgruppe angehören.

Luy: Für die Messgruppe jedenfalls endet das Experiment im Regelfall letal.

Treue: Solche Versuche sind viel seltener geworden, und dabei spielen Primaten eine geringe Rolle. Manchmal jedoch bleibt nichts anderes übrig. Ärzte und Patienten müssen ja wissen, ab welcher Dosis ein Medikament, das ansonsten gut funktioniert, lebensgefährlich wird.

SPIEGEL: Was für Versuche machen Sie am Primatenzentrum in Göttingen?

Treue: Ich versuche herauszufinden, wie das Gehirn funktioniert, wie Gehirnprozesse, Nervenprozesse im gesunden Tier ablaufen.

SPIEGEL: Worum geht es dabei? Um einen Nutzen oder um reinen Erkenntnisgewinn?

Treue: Das ist eine interessante Wortwahl von Ihnen. Der Erkenntnisgewinn ist doch ein Nutzen. Vermutlich meinen Sie aber einen medizinisch definierbaren Nutzen. Wenn Sie sich auf den Standpunkt stellen, dass jeder einzelne Tierversuch einen Patienten heilen müsste, dann muss ich Ihnen antworten: So funktioniert Wissenschaft nicht. Ein Grundlagenversuch hat immer ein unbekanntes Ergebnis und zunächst keinen offensichtlichen und unmittelbaren medizinischen Nutzen. Historisch haben aber jene Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die größten Durchbrüche erzielt, die unvoreingenommen verstehen wollten, wie biologische Systeme funktionieren.

SPIEGEL: Herr Luy, sind wir dann nicht sogar verpflichtet, Primaten für die Forschung zu verwenden, weil es unethisch wäre, auf den Erkenntnisgewinn zu verzichten?

Luy: Nein, denn es würde ja theoretisch eine viel bessere Methode geben: Wir könnten mit uns selbst experimentieren. Und das ist die wirklich spannende Frage für den Ethiker: Aus welchem Grund experimentieren wir denn nicht mit Menschen? Es scheint doch eine Grenze für Forschung zu geben? Kein Patient hat sich meines Wissens jemals beschwert, dass die Forschung nicht weiter ist, weil sie nicht zum Beispiel auf zum Tode verurteilte Menschen zurückgegriffen hat.

Treue: Da habe ich aber andere Erfahrungen gemacht. Ich höre dieses Argument immer wieder. Und es ist keineswegs so, dass es da eine klare Grenze gibt. Es werden ja Versuche an Menschen gemacht. Nur: Wie weit dürfen die gehen? Den Verkauf von Organen zum Beispiel erlauben wir nicht. Gleichzeitig gibt es viele medizinische Studien, an denen sich Leute beteiligen, obwohl sie gar keine Patienten sind. Die machen das, weil sie der Meinung sind, dass es der Gesellschaft hilft.

Luy: Augenblick mal, die Teilnehmer bekommen eine finanzielle Kompensation. Das ist kein Altruismus, sondern ein Deal. Ohne Geld müssen Sie Ihre Humanprobanden lange suchen.

Treue: In einer kommerzialisierten Medizin wäre ja ein Proband auch schön blöd, auf das Geld zu verzichten. Trotzdem: Es gibt eine Menge Studien, bei denen man sich stundenlang in eine unbequeme Haltung begeben muss und nur das Geld für die Busfahrt bekommt.

Luy: Der Deal ist aber fair, und die Menschen können sich frei entscheiden, ob sie bei dem Experiment mitmachen wollen. Wieso gilt das für Tiere nicht genauso? Der Ethiker Peter Singer hat die Frage 1975 als einer der Ersten gestellt: Warum messen wir eigentlich mit zweierlei Maß? Warum fragen wir die Tiere nicht? Oder versetzen uns zumindest in ihre Lage und entscheiden dann konsequent aus ihrer Sicht, ob ein Experiment okay ist, weil der Gewinn eine angemessene Kompensation für das Leid ist?

Treue: Das kann ja nie aufgehen, weil es fast immer um einen Benefit geht, der dem Versuchstier nicht selbst zugutekommt.

Luy: Das ist nicht der Punkt. Genau wie den Sportstudenten, der sich freiwillig für eine Medizinverträglichkeitsprüfung zur Verfügung stellt, könnte ich das Tier so belohnen, dass es freiwillig teilnimmt. Ein Pharmakonzern hat tatsächlich mal untersucht, ob man die Blutabnahme bei Schweinen freiwillig gestalten kann. Und siehe da: Für ein einziges Leckerli standen die Schweine still und ließen sich Blut abnehmen. Offenbar fanden sie den Deal fair. Wenn Tierversuche so liefen, wären sie ethisch sauber.

Maus im Versuchslabor
DPA

Maus im Versuchslabor

SPIEGEL: Herr Treue, Sie fixieren ihre Affen in sogenannten Primatenstühlen. Dort können die Tiere während der Versuche ihre Köpfe nicht bewegen. Lassen sich die Affen freiwillig darauf ein?

Treue: Das ist alles belohnungsbasiert.

Luy: Wie bitte? Sie geben den Tieren tagelang nichts zu trinken, beim Test bekommen sie dann endlich etwas. Das ist doch keine Belohnung.

Treue: Nein, das ist falsch! Die Tiere bekommen täglich die Gelegenheit zu trinken, und nicht nur ihre Flüssigkeitsversorgung, sondern auch ihr Gesundheitszustand ist unter täglicher Beobachtung.

Luy: Nach meinem Kenntnisstand ist es nicht gelungen, die Tiere ohne Durst zum Mitmachen zu bewegen.

Treue: Die arbeiten bei den Aufgaben schon mit, allerdings nicht so lange, wie wenn wir ihre Lieblingsflüssigkeit als Belohnung einsetzen können.

Luy: Sehen Sie? Jemand vom Deutschen Tierschutzbund hat mir erzählt, sie hätten mal Menschen so fixiert wie die Tiere im Primatenstuhl. Die Probanden hätten nach 20 Minuten gebettelt und gewinselt, dass sie wieder losgemacht werden.

Treue: Und das glauben Sie? Es gibt viele medizinische Eingriffe, bei denen Patienten ihren Kopf nicht mehr bewegen dürfen. Die winseln auch nicht nach 20 Minuten. Die Primaten werden Schritt für Schritt daran gewöhnt, dass sie während der Zeit im Stuhl den Kopf nicht bewegen können. Das Tier wird für jede Aufgabe belohnt, bei der es mitmacht. Ansonsten gibt es keine Belohnung, aber auch keine Bestrafung. Dabei wird sichergestellt, dass das Tier gesund bleibt. Jetzt können wir darüber streiten, ab wann es Leiden ist, wenn man Durst hat.

SPIEGEL: Sehen Sie denn perspektivisch die Möglichkeit, in der Forschung ohne Tierversuche auszukommen?

Treue: Wir arbeiten schon jetzt sehr viel mit Computermodellen. Wir setzen auch bildgebende Verfahren ein. Mal abgesehen von den komplexen ethischen Fragen ist das viel preiswerter als Versuche mit Primaten. Wenn ich wüsste, wie ich meine Forschung ohne Tiere machen könnte, dann würde ich auf die Primaten sofort verzichten.

Luy: Wissenschaftler sind ausgesprochen kreative Menschen. Es gibt viele andere Möglichkeiten, um Forschung zu betreiben, auch an der Zielspezies, also dem Menschen. Das dauert zwar im Zweifelsfall länger, aber die Ergebnisse sind dafür brauchbarer. Mir fällt nichts ein, für das es keine Alternative zum Tierversuch geben könnte.

Treue: Mir fällt da fast jeder medizinische Durchbruch ein. Wir können uns ja in 100 Jahren noch mal treffen. Vielleicht ist die Forschung dann so weit, dass Primatenversuche überflüssig sind.

SPIEGEL: Herr Luy, Herr Treue, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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