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30. Oktober 2012, 00:00 Uhr

Bestatter-Azubi

"Der Tod wird so normal wie das Leben"

Von Annette Bruhns

Er säubert Leichen, kleidet sie ein und entfernt auch mal einen Herzschrittmacher. Wieviel Tod erträgt ein junger Mensch im Berufsalltag? Darauf hatte Micha Swadzba keine Antwort, als er sich für eine Ausbildung zum Bestatter entschied. Inzwischen ist das anders.

Im Kühlraum der Firma Pütz-Roth liegen die Toten in langen Stahlregalen. Laken bedecken die Leichname, nur die erstarrten Gesichter gucken hervor. Bei ihnen liegen die Sargkarten. Micha Swadzba, 22, Auszubildender als Bestattungsfachkraft, findet auf ihnen alles, was er zu tun hat: die Kleidungswünsche, ein einzusetzendes Gebiss, ein mit dem Skalpell zu entfernender Herzschrittmacher. Er deutet auf einen Leichnam mit weit aufgerissenen Augen. "Das wird schwierig", sagt er. "Wir schließen die Augen normalerweise bei der Abholung, aber hier war das nicht möglich." Er glaubt, dass der Mann im Leben sehr gelitten hat.

Die Herrichtung der Verstorbenen für ihren letzten Weg gehört zu Swadzbas Ausbildung. Elisabeth S. ist jetzt an der Reihe. Die 92-Jährige sieht aus, als schliefe sie bloß, der Mund halb offen, die schütteren Haare zerzaust. Frau S. wohnte bei ihrer Tochter, "ich glaube, die hingen sehr an der Oma", sagt Swadzba.

Sie liegt nun auf einem Metalltisch in dem mit Neonröhren ausgeleuchteten Arbeitsraum. Seit sechs Stunden ist die Frau tot, ihr Körper ist noch warm und weich. Wenn der Bestatter vorsichtig ein Gelenk bewegt, lockert es sich. Frau S. trägt einen Schlüpfer mit Pampers. "Windeln sind wichtig. Sonst fließt der Darminhalt während des Transports heraus, eine Riesensauerei." Manchmal laufe auch Flüssigkeit aus dem sich zersetzenden Magen aus dem Mund, "die saugen wir ab". Die Leichen von Patienten, die während einer OP gestorben sind, haben oft noch Schläuche im Körper, die die Bestatter entfernen müssen, oder Wunden, die sie vernähen.

"Als ich mich für die Ausbildung entschied, hatte ich Bedenken, ob ich so viel Sterben auf Dauer ertrage", sagt Swadzba. "Aber das Gegenteil ist eingetreten: Ich fühle mich unbeschwert. Der Tod ist für mich so normal wie das Leben."

Swadzba arbeitet jetzt mit einem Kollegen, sie stehen sich am Metalltisch gegenüber, auf dem Frau S. liegt. Alle Handgriffe werden auf "1, 2, 3" simultan ausgeführt. "Wenn der Verstorbene sehr korpulent ist, arbeiten wir auch zu dritt." Solche Leichname verströmten zuweilen den einzigen Geruch, vor dem der Auszubildende im dritten Jahr sich ekelt: den von Schweiß.

"Die Totenwäsche gibt es so nicht mehr", erklärt er. "Das war früher mal, als die Bauern dreckig vom Feld kamen. Heute kommen die meisten sauber aus dem Krankenhaus." Schweiß oder Blutflecken werden mit Feuchttüchern abgewischt. Bei Frau S. säubern die beiden Männer nur Gesicht und Hände, "Ring bleibt dran", liest Swadzba von der Sargkarte ab. Das Haar der Greisin wird mit Trockenshampoo besprüht und ausgebürstet.

Geschminkt wird nur auf Wunsch

Die alte Dame trägt jetzt eine geblümte Bluse, eine blaue Hose und ein fliederfarbenes Jackett. "Schuhe wollten die Angehörigen nicht. Sie ist gern barfuß gelaufen." Behutsam schieben die Männer zwei von der Decke baumelnde Trageriemen unter den Leichnam. Damit wird der Körper auf Knopfdruck angehoben und über Deckenschienen seitwärts verschoben, um dort sanft im Sarg zu landen.

"Ich kenne Bestatter, die fassen beim Tragen an den Armen und Beinen an", sagt Swadzba vorwurfsvoll, "das ist pietätlos; dabei kann die Haut einreißen." Beim Abholen werde deshalb jeder Leichnam vor dem Hochheben in ein Laken eingeschlagen.

Frau S. liegt jetzt auf dem Kopfkissen im Sarg, unter ihre Arme kommen Polster, in die gefalteten Hände legt der Bestatter ihren Rosenkranz. Gesicht und Hände cremt er ein, "damit die Haut nicht austrocknet". Geschminkt wird nur auf ausdrücklichen Wunsch. "Bei jungen Frauen machen wir das oft." Das Make-up übernehme eine Kollegin, die sich dabei an Fotos der Toten zu Lebzeiten orientiert.

Der Mund der Verstorbenen bleibt in der Regel offen. "Wir müssten sonst das Kinn an den Oberkiefer nähen." Diesen Eingriff würde er sich nach dem Tod nicht am eigenen Leichnam wünschen. Frau S. im Sarg wird in den zweiten Kühlraum gefahren. Hier liegen die Eingesargten auf niedrigen Wagen, mit denen sie in die Verabschiedungsräume geschoben werden. Einer der Toten trägt einen Schal, er hatte sich erhängt. Aber im Tod sind seine Gesichtszüge entspannt.

Dieser Text ist ein Beitrag aus SPIEGEL WISSEN 4/2012. Das Heft können Sie hier im SPIEGEL-Shop bestellen.

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