Transgender "Ich bin ein Zwischenwesen"

Trans, inter, schwul mit Brüsten: Fünf Menschen erzählen von ihrer geschlechtlichen Identität.

Joseph Wolfgang Ohlert


Dieter Rita Scholl kommen die Tränen. Er sitzt da und folgt dem Flimmern des Dokumentarfilms im Berliner Klub SchwuZ. Sieht die Bilder und hört die Lieder aus dem Siebzigerjahre-Dokumentarfilm "Leben wir unser Leben". In einem Lied heißt es: "Ihr habt uns ein Gefühl geklaut." Das ist für Dieter Rita immer noch so. Selbst nach all den Jahrzehnten, in denen er als Künstler für die Rechte von Transgender-Menschen gekämpft hat. Er ist jetzt über 60 Jahre alt, kennt die Hochs und Tiefs.

In den Siebzigern eroberten sie als Emanzipationsbewegung große Bühnen mit Kabarett und Gesang, in den Achtzigern hat er unzählige Weggefährten an das HI-Virus verloren, in den Neunzigern war er so was wie ein Star, drehte mit Dieter Wedel, war gut gebucht. Und jetzt sitzt er doch wieder da und fühlt sich manchmal wie am Anfang. "Es ist immer noch so", sagt er später an der Theke, wo sich aufgedonnerte Dragqueens vorbeiquetschen: "Wir sollen uns rechtfertigen für unser Ich-Sein, unsere Identität." Hört das nie auf?

Und wann beginnt es?

Für Menschen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren werden, aber als Frau durchs Leben gehen, oder umgekehrt, oder beides, oder irgendetwas dazwischen, ist die Zahl der Begriffe so groß wie die Unsicherheit der Mehrheitsgesellschaft im Umgang mit ihnen. Aktivisten der Szene händigen Journalisten vor Treffen mittlerweile Wörterbücher aus, um Missverständnisse zu vermeiden - oder auch Verletzungen.

Nach Lektüre solcher Leitfäden ist man meist noch verunsicherter, aber nach der Begegnung mit den Menschen und ein paar Nächten oder Tagen offenbart sich ein Kosmos, den man nicht mehr verlassen kann, ohne sich zu fragen: Was bin ich? "Niemand ist zu hundert Prozent Mann oder Frau", sagt der in Berlin lebende Fotograf Joseph Wolfgang Ohlert. Was macht eine Frau zu einer Frau? Einen Mann zu einem Mann? Sind es unsere Geschlechtsmerkmale? Das Blau und Rosa, in das uns unsere Eltern kleideten? Das Spielzeug, das sie uns schenkten? Wer eigentlich, außer einem selbst, hat das Recht zu sagen, was man ist? Diese Fragen stellt Ohlert in seinem Fotoband "Gender as a Spectrum". Zwei Jahre lang hat der Künstler Transgender-Menschen auf der ganzen Welt abgelichtet. Sie alle erzählen im Buch ihre Geschichten, mit denen Ohlert Normen und Geschlechter infrage stellt.

Es ist unfassbar kompliziert, durch das gängige Leben zu gehen, wenn klassische Geschlechtszuweisungen nicht passen. Es beginnt bei den Formularen aller Ämter, die nur Mann oder Frau kennen, und landet meist in zermürbenden oder befreienden Gesprächen mit den Eltern. Der Hang zur schrillen Selbstdarstellung, die wir verkitscht und medial potenziert wahrnehmen, wenn Conchita Wurst zum Eurovision Song Contest antritt, ist eine Antwort auf Ausgrenzung durch stilles Belächeln oder gewaltbereite Negierung. "Transgender als Freakshow, so ertragen wir wohl noch, was uns verunsichert", sagt Ohlert.

Im Berliner SchwuZ treten in dieser Nacht unter anderen auf: Pralina Doloris Orgasma, Lisl Arschfick und Miss Pünktchen. Es hat was von Karaoke, aber auch was von den Zwanzigerjahren, als sogenannte Kesse Väter hip waren und in der Folge seit Anfang der Dreißigerjahre die Diva Marlene Dietrich eine Ikone der Grenzgänger zwischen den Geschlechtern wurde.

"Die vielen Kunst- oder Künstlernamen von Transgender-Menschen sind eine Antwort auf die Schematisierung", sagt LCavaliero, künstlerischer Leiter des SchwuZ. Ein bunter Protest. Wer die körperliche Anpassung will an seine Identität, braucht Operationen oder Hormontherapien. Das geht in der Regel nicht ohne ärztliche Begleitung. "Du musst dich für krank erklären lassen", sagt LCavaliero. Er, geboren mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen, geht als Mann durchs SchwuZ. Er ist stolz auf den Laden, die Freiheit, die sie hier leben. Auf der Bühne steht gerade Kaey und singt lustvoll, lasziv: eine Transfrau. Sie arbeitet bei einem Berliner Stadtmagazin und hat den Fotografen Ohlert bei seinem Projekt begleitet. Sie steckt tief in der LGBTQIA-Community Berlins. LGBTQIA ist eine Abkürzung aus: Lesbian - Gay - Bisexual - Transgender - Queer - Intersex - Asexual - Ally.

Kaey kann auch laut lachen über die Begriffsverwirrung, aber es ist ihr bitter ernst, wenn sie über die Frage von Identität, Authentizität forscht. Sie ist es leid, als exotischer Schmetterling betrachtet zu werden. Sie hat alles gelesen über Kulturen, in denen es sechs Geschlechter gab, die besondere Rolle, die Transgender-Menschen spielten, als "Two-Spirits" bei Indianern zum Beispiel. Dort waren sie nicht die "Abartigen", sondern etwas Besonderes, als Schamanen oder Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Dort wurde nicht klassifiziert wie in der Neuzeit: "Geschlecht und Sexualität sind eben etwas völlig Verschiedenes", sagt sie.

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Joseph Wolfgang Ohlert:
Gender as a Spectrum

JWO_studio, 304 Seiten, ab 48 Euro

"Queer" bedeutete einst "seltsam, wunderlich" und wurde gern als abwertende Vokabel für Homosexuelle verwendet. Heute sind alle stolz auf ihr "Queer-Leben", die sich nicht in Kategorien der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsdefinitionen pressen lassen wollen. Sie haben den Begriff für sich erobert. Warum nicht noch mehr? Auffallen, irritieren, Lust leben, scheint oft das einzige Motto der sogenannten Queer-Partys. Aber das stimmt nicht.

Die Frage, was authentisch ist am Ich, hängt eben nicht nur ab vom Geschlecht oder der Sexualität. Ohlerts Bilder transportieren bei aller schillernden, provozierenden und suchenden Verletzlichkeit schlicht eines: den Stolz aufs eigene Ich.


Joseph Wolfgang Ohlert

"Ich lebe die Uneindeutigkeit"

Dieter Rita Scholl, 63, freischaffende(r) KünstlerIn

"Ich definiere mein Geschlecht als Mann und Frau und ALLES dazwischen. Meine geschlechtliche Identität hat sich entwickelt durch Experimentieren und Erfahrungen. Ich möchte immer SUBJEKT meines Lebensentwurfs sein und habe mich schon sehr früh zum INDIVIDUUM entwickelt. Ich lebe die UNEINDEUTIGKEIT. Das verunsichert und verängstigt oft andere Menschen. Doch ich lasse alle Strömungen in mir leben und versuche, nichts davon abzutöten.

Das KIND ist immer da. Der MANN ist immer da. Die FRAU ist immer da. Inzwischen auch die GREISIN? Der GreisIN? Meine Sexualität ist vielschichtig: heterosexuell erzogen und geprägt, schwul ausgelebt, lesbisch gefühlt, transsexuell ersehnt."


Joseph Wolfgang Ohlert

"Ich definiere mich als männlich, aber nicht als 'Mann'"

Kay P. Rinha, 31, Sozialpädagoge und Drag-/Burlesque Performer_in

"Ich definiere mich als männlich, aber nicht als 'Mann'. Geschlecht ist mehr als das, was du mit einer Unterhose bedecken kannst. Also sei kreativ und finde dich selbst! Anhand von gesellschaftlichen Bildern und Stereotypen, die oft an körperlichen Merkmalen, der Stimme, Verhalten, Kleidung und Chromosomensätzen fest- gemacht werden. Durch Ausprobieren, Hinfühlen, Hinterfragen und Verändern bin ich zu dem geworden, der ich jetzt bin. Und auch das wird vielleicht nicht der letzte Stand der Dinge sein, sondern sich stetig weiterentwickeln.

Ich möchte, dass Leute durch meine Performances angeregt werden, über Geschlecht und dessen Konstruktion nachzudenken. Ansonsten nutze ich Kleidung und andere Hilfsmittel, um Geschlecht(er) darzustellen. Außerdem nehme ich Hormone, um meinen Körper in eine für mich stimmige Richtung zu verändern. Ansonsten habe ich das Glück, ein Stück weit 'berufstrans(*)' sein zu dürfen und mich neben dem künstlerischen auch im sozialpädagogischen Bereich mit Menschen zum Thema Geschlechterdiversität austauschen zu können."


Joseph Wolfgang Ohlert

"Jetzt bin ich ein schwuler Mann mit Brüsten"

Ryan Stecken, 29, tagsüber Anzeigenverkäufer, nachts Drag-Boywunder

"Für mich ist Geschlecht etwas Fließendes. Menschen können sich überall zu jeder Zeit auf dem Geschlechterspektrum bewegen. Das Problem ist, dass unsere Gesellschaft uns diktiert, was als 'weiblich' oder 'männlich' definiert wird. Am Ende ist das alles Blödsinn. Menschen sind Menschen. Zum Anfang habe ich den Begriff Boytunte benutzt. Tunte ist, gerade auch in Berlin, ein Begriff für politische Dragqueens. Es gab aber noch kein Äquivalent. Solche wie mich nannte man einfach Dragkings. Als das habe ich mich aber nicht gesehen, sondern tatsächlich eher als eine Tunte. Da habe ich mir einfach meinen eigenen Begriff ausgedacht. Momentan benutze ich den Begriff 'dragalienclownslut'.

In letzter Zeit bin ich mit meinem Look sehr experimentierfreudig und kreativ geworden. Ich will nicht einfach hübsch aussehen. Man soll sich irgendwie unwohl fühlen, wenn man mich betrachtet, so ähnlich wie bei einem Clown oder einem Alien. Ich habe nie wirklich irgendwo hingepasst. Meine Mutter hat sich immer beschwert, dass ich nicht feminin genug bin, während ich immer das Gefühl hatte, ich bin einer von den Jungs. Irgendwann habe ich dann viel Zeit mit schwulen Freunden verbracht und mich komplett mit ihnen identifiziert. Jetzt bin ich ein schwuler Mann mit Brüsten."


Joseph Wolfgang Ohlert

"Als Transe kann man sich vor Angeboten kaum retten"

Linda Pearl, 43, Friseurin und Stylistin

"Ich bin ein Zwischenwesen. Ich bezeichne mich nicht als transsexuell und im falschen Körper geboren. Ich bin eine Transe, und ich werde auch immer eine sein. Hätte Gott gewollt, dass ich eine Muschi habe, hätte er sie mir gleich gegeben. Zu 80 Prozent bin ich eine Frau, aber 20 Prozent sind immer noch prollig. Das muss ich akzeptieren, und das wird sich nicht ändern lassen. Ich habe gemerkt, dass ich als dicker, schwuler Junge nicht ankomme, sondern viel besser als Frau. Mein Umfeld hat mich dabei unterstützt, und mein Ex-Mann hat mir meine Operationen und die Laserbehandlung finanziert. Hormone habe ich auch schon immer genommen. Jetzt gerade bin ich dabei, die Namensänderung zu beantragen.

Momentan bin ich Single. Aber ich hatte stets Beziehungen. Vom Computernerd bis zum Schwerstverbrecher war alles dabei. Als Transe kann man sich vor Angeboten kaum retten. Wäre ich Prostituierte, würde ich haufenweise Geld verdienen können. Meine letzte Beziehung mit einem Schweizer war wie jede andere Beziehung auch. Aber zu seinen Eltern hätte er mich nie mitgenommen. Alles passierte hinter vorgehaltener Hand. Oft ist es so, dass Heteros mit Transen Sex haben, weil sie nicht als schwul gelten wollen. Falls sie erwischt werden, können sie immer noch sagen, das sie Sex mit einer Frau hatten. Es ist nicht so, dass ich total darauf versteift bin, als Frau wahrgenommen zu werden. In meinem Kiez wissen alle, dass ich eine Transe bin, und das ist auch völlig okay. Klar gibt es auch Probleme, und Leute machen dumme Kommentare. Aber ich bin in Berlin-Kreuzberg groß geworden und auch ziemlich schlagfertig. Meine Freunde sagen zwar, ich bin jetzt mittlerweile so weiblich, dass es keiner mehr merkt. Aber wenn ich durch die Straßen gehe, achte ich schon drauf, wie die Leute auf einen reagieren. Ich schreie zurück und schmeiße mit der Handtasche, wenn mir jemand dumm kommt. In meinem persönlichen Umfeld hatte ich immer Glück, Leute zu kennen, bei denen ich so sein kann, wie ich bin. Für andere Menschen, die auf einem Dorf wohnen, ist das wahrscheinlich schwieriger."


Joseph Wolfgang Ohlert

"Mein Geschlecht definiere ich"

LCavaliero Fridel Wildroserich, 35, künstlerische Leitung im SchwuZ, DJ, Aktivist

"Wenn ich gefragt werde, sage ich: 'Ich bin Trans(*), bitte verwenden Sie das männliche Personalpronomen. Danke!' Außerdem nutze ich Trans(*)männlich, Trans(*)gender, Trans(*)mann, genderqueer, tuntig. Ich definiere mein Geschlecht als eindeutig flamboyant und herrlich verwirrend. Letzteres zumeist für das Selbstverständnis des Trans(*)-unbefleckten Drumherums und sehr selten nur für mich persönlich. Kein Produkt der Biologie. Ein Produkt meiner Geschichte/meines Lebens. Momentane Lebensweise hat keine Garantie auf Endgültigkeit. Baby, I was not born that way! Tätigkeiten einer Person werden auf Teufel komm raus als 'männlich' oder 'weiblich' interpretiert, um die beobachtete Person dann in eine der beiden Boxen 'Mann' oder 'Frau' zu pressen. Diese Interpretationen dienen dann als 'Beweise' des 'echten' Geschlechts und legitimieren eine Bewertung der geschlechtlichen Identität der Person. Ohne gehört zu werden, fremddefiniert zu werden - ob gut gemeint, oder nicht -, ist übrigens ignorant und nervt. Denn wer außer mir weiß am besten, wer oder was ich bin? Und beweisen muss ich das schon gleich gar nicht. Das ist absurd. Mein Geschlecht definiere ich."



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