Trauer: Ein unzeitgemäßes Gefühl

Von SPIEGEL WISSEN-Autorin Eva-Maria Schnurr

Trauer: Pendeln zwischen Sehnsucht und Ablenkung Zur Großansicht
Corbis

Trauer: Pendeln zwischen Sehnsucht und Ablenkung

2. Teil: Die systematische Trauerforschung ist noch jung

Wahrscheinlich wäre die Sache einfacher, wüsste man mehr über Trauer und was sie mit einem Menschen macht. Doch obwohl fast jeder im Leben damit zu tun bekommt, gibt es erst seit rund 25 Jahren systematische Forschungen dazu. Auch bei Ärzten, Seelsorgern oder Psychologen halten sich deshalb bis heute einige Annahmen, die auf Spekulationen und nicht auf empirischen Untersuchungen be-ruhen.

Nach einem Verlust sei intensive "Trauerarbeit" nötig, postulierte Sigmund Freud 1915, es gehe darum, die Bindung zum geliebten Objekt völlig zu lösen - als gefährlich für das seelische Wohl galt es daher, wenn jemand gar nicht offensichtlich trauerte oder gar verdrängte.

In den siebziger Jahren kam zudem die Vorstellung auf, Trauer verlaufe in immer gleichen Phasen. Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hatte diese Stadien bei Sterbenden entdeckt, man übertrug sie auf die Hinterbliebenen: Einer Zeit, in der man den Tod nicht wahrhaben will, folge ein Abschnitt, in dem die Emotionen durchbrechen, danach gehe es darum, die Realität zu akzeptieren und sich zu lösen, um schließlich mit dem Geschehenen Frieden zu schließen und mit einer neuen Sicht auf sich selbst und die Welt wieder ins Leben zurückzukehren.

Die Konzepte sind populär, weil sie so eingängig sind und weil die Vorstellung eines fast gesetzmäßigen Ablaufes, den man durch eigene Anstrengung unterstützen kann, beruhigend ist. Doch sie setzen die Vielen unter Druck, die ihre Trauer anders erleben.

"Ist das, was ich fühle, eigentlich normal?", fragte sich Anne Saider ein paar Wochen, nachdem ihr Mann am Ostersonntag 2011 bei einer gemeinsamen Fahrradtour von einem Auto angefahren und tödlich verletzt worden war: Da waren einerseits tiefe Verzweiflung und Schmerz, auch Wut, dass ihr Mann sie allein zurückgelassen hatte. Da waren Schuldgefühle und die Frage, ob sie, die erfahrene Krankenschwester, nach dem Unfall mehr hätte tun können.

Aber andererseits lief der Alltag der 54-jährigen Hamburgerin bald schon erstaunlich glatt, nach drei Wochen ging sie wieder arbeiten, registrierte früh auch schöne Momente und fragte sich mit schlechtem Gewissen, ob das denn überhaupt sein dürfe.

"Bin ich normal, oder bin ich krank?", sei die häufigste Frage, mit der Trauernde zu ihnen kommen, erzählt Raili Koivisto, Trauerbegleiterin in der Hamburger Trauerberatungsstelle "Charon".

Menschen trauern ganz unterschiedlich

In den Beratungszimmern mit Blick über die Stadt erzählen sie etwa, dass sie nach einer stabilen ersten Zeit dann doch von massiven Gefühlen eingeholt wurden. Dass es auch nach Monaten im Job noch immer nicht so läuft wie vorher. Dass sie über sich selbst erschrecken, weil sie den Tod eines nahen, schwerkranken Menschen als Erleichterung wahrnehmen - oder weil sie gerade nicht aufatmen können, obwohl sie das doch erwartet hatten. Dass sie manchmal selbst nicht weiterleben möchten. Oder sich fragen, ob sie sich schon wieder freuen dürfen. "Es ist für viele eine ganz große Hilfe, wenn wir ihnen sagen können, dass fast alles fast immer normal ist", sagt Koivisto.

Denn so etwas wie den einen, richtigen Umgang mit einem Verlust gibt es nicht. Studien an Betroffenen haben gezeigt, dass der Trauerprozess zumindest in westlichen Kulturen nicht in festgelegten Stadien verläuft, sondern eher wellenförmig: Die meisten Menschen erleben die Trauer als Pendeln zwischen Kummer, Sehnsucht und Leere einerseits - verlustbezogene Prozesse - und Verdrängung, Ablenkung und Nach-vorn-Denken - wiederherstellungsbezogene Prozesse - andererseits.

Zudem trauern Menschen ganz unterschiedlich, je nach der eigenen Vorgeschichte, dem Verhältnis zum Verstorbenen, der Art seines Todes und auch dem kulturellen Umfeld. Vorhersagen lässt sich das meist nicht. "Die meisten gängigen Annahmen sind haltlos: Selbst eine enge Bindung muss nicht notwendigerweise bedeuten, dass die Trauerreaktion sehr ausgeprägt ausfällt. Verdrängen ist nicht unbedingt schädlich. Und schwierige Beziehungen führen nicht notwendig auch zu einer schwierigen Trauer", sagt die Verlustforscherin Boerner.

Ein großer Teil der Betroffenen leidet eine Weile ziemlich heftig, einige Symptome überschneiden sich mit denen einer Depression. Allerdings erholen sie sich mit der Zeit auch ohne Hilfe fast vollständig, wenngleich mit wiederkehrenden Rückschlägen.

Verblüffend zahlreich sind aber auch jene, die selbst nach einem schweren Verlust wie dem des Ehepartners eher kurze und milde Trauersymptome entwickeln, fand der amerikanische Trauerforscher George Bonanno bei älteren Ehepaaren heraus - er spricht von "Resilienz", einer hohen Widerstandsfähigkeit gegenüber schlimmen Erfahrungen.

Nur eine Minderheit trauert chronisch, spürt auch nach Monaten gar keine Veränderung der Gefühlslage und braucht möglicherweise professionelle psychologische Hilfe. Häufig gibt es dann eine Vorgeschichte psychischer Probleme, oder der Todesfall war besonders traumatisch, etwa durch einen Unfall oder wenn ein Kind stirbt.

"Es gibt keine Regeln, wie man optimal mit dem Kummer umgeht"

Trauerforscher gehen allerdings davon aus, dass man so eine chronische Trauer allerfrühestens nach einem halben Jahr erkennen kann und dass auch erst dann eine Therapie ansetzen sollte - auf keinen Fall jedoch schon nach zwei Wochen.

Die Konsequenz aus den neuen Forschungsergebnissen ist befreiend und fordernd zugleich: Es gibt keine Regeln, wie man optimal mit dem Kummer umgeht. Niemand kann sagen, wann man die Kleider des Verstorbenen aus dem Schrank räumen muss, ob man einen Stapel behalten kann. Ob man mit anderen über ihn sprechen oder sich lieber ein ganz eigenes Ritual ausdenken soll. Ob es besser ist, sich einer Trauergruppe anzuschließen, auf Gedenkseiten im Internet zu surfen oder Gedichte zu lesen. Jeder muss selbst herausfinden, was hilfreich ist und was weniger - schließlich geht es um den Abschied von einem Menschen, der ebenso einzigartig war wie die Beziehung zu ihm.

"Trauer erfordert Mut, sie muss etwas Revolutionäres in einem wecken. Mir hat niemand zu sagen, wie ich trauern soll", sagt Gabriele Gérard. Auch wenn ihr damals jede Idee fehlte, wie ihr Leben weitergehen könnte ohne Florian, war ihr schnell klar, dass sie aktiv werden musste.

So nahm sie sich die Briefe vor, die sie über Jahre mit ihrem Sohn gewechselt hatte. Die Aufzeichnungen, die sie nach seiner Geburt gemacht hatte und als er in Irland lebte, schrieb sie ab, schmückte sie mit Fotos, zwölf Bände, ein Dokument seines Lebens und der gemeinsamen Zeit.

Im Internet schrieb sie von ihren Erfahrungen und Gefühlen, veröffentlichte Briefe und Gedanken in einem Buch, jedes Jahr an Florians Geburtstag im Oktober lädt sie seine Freunde ein, weil es tröstlich ist, dass noch immer alle an ihn denken. "Trauer ist einsam und individuell, aber wenn ich erst einmal den ersten Schritt gemacht habe, legt sich der Weg wie von selbst unter die Füße", beschreibt es Gérard.

Ihre Leidensgefährtin Anne Saider begann nach dem Unfalltod ihres Mannes Tagebuch zu führen, "ganz wichtig, um zu erkennen, wie es mir vor einem Jahr ging und wie sich die Trauer entwickelt hat", sie lief lange Strecken, um dabei nachzudenken, hängte die Fotos der letzten gemeinsamen Radtour mit ihrem Mann im Flur auf und stellte am ersten Todestag gemeinsam mit ihren Töchtern am Unfallort ein Kreuz auf.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 71 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
janne2109 25.11.2012
wer sagt, das es unzeitgemäß ist zu trauern?? Wer sagt, dass früher die Menschen mehr Zeit hatten zu trauern?? Hat sich am Gefühl der Trauer etwas geändert???
2.
ARIAGNI 25.11.2012
Haben wir in die Zukunft also nicht einmal das Recht darauf, unsere Geliebten mehr als vier Tage oder vier Monate lang zu beweinen? Was heißt "gesund"? Was "ungesund"? Die ganze Konzeption scheint mir schrecklich.
3. Ich habe mal gelesen.....
alangasi 25.11.2012
....das der Mensch nur um sich selber trauern kann. Heute weiß ich: Das ist wahr.
4.
DorianH 25.11.2012
Zitat von sysopWer trauert, sieht sich oft unter Druck, möglichst rasch zum Alltag zurückzukehren. Selbst Wissenschaftler streiten: Wie viel Verlustschmerz ist eigentlich normal? http://www.spiegel.dewissen/trauer-wie-viel-verlustschmerz-ist-eigentlich-normal-a-866061.html
Na super, wieder wird versucht, etwas nicht objektiv Meßbares in eine Norm zu pressen. Und wenn jemand nicht der Norm entspricht, wird er als krank abgestempelt. Vielleicht sollte man jeden Wissenschaftler, der da eine Standardnorm festlegen will, einweisen. Jeder Mensch ist anders, also trauert auch jeder anders. Einige Pfosten scheinen das nicht zu kapieren.
5.
Sidney90 25.11.2012
Zitat von DorianHNa super, wieder wird versucht, etwas nicht objektiv Meßbares in eine Norm zu pressen. Und wenn jemand nicht der Norm entspricht, wird er als krank abgestempelt. Vielleicht sollte man jeden Wissenschaftler, der da eine Standardnorm festlegen will, einweisen. Jeder Mensch ist anders, also trauert auch jeder anders. Einige Pfosten scheinen das nicht zu kapieren.
Kann ich so unterschreiben!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Psychologie
RSS
alles zum Thema Trauer
RSS

© SPIEGEL Wissen 4/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 71 Kommentare
Titelbild
Heft 4/2012 Vom Umgang mit dem Sterben

Gedruckte Ausgabe

Sparen + Geschenk sichern


Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: