Von SPIEGEL WISSEN-Autorin Eva-Maria Schnurr
Beide Frauen schreiben an die Verstorbenen, zünden täglich eine Kerze an, sprechen mit ihnen, wenn es Schwieriges zu entscheiden gilt oder einfach nur etwas zu erzählen. Auch das weiß man heute: Es geht nicht darum, nur ja loszulassen und die Verbindung zu kappen. Die Beziehung zu Verstorbenen kann weiterhin eng sein, sie ist eben anders als zu Lebzeiten.
"Am schwierigsten war es zu akzeptieren, dass so viel auf einmal weggebrochen ist", sagt Anne Saider. Plötzlich stand ihr ganzer Lebensentwurf in Frage: Wer war sie ohne ihn? Was war ihre künftige Rolle, nach 30 Jahren als Ehefrau?
Gabriele Gérard fühlte sich fremd im eigenen Leben, als habe sie überhaupt keinen Boden mehr unter den Füßen: "Für mich war es wie eine Sternstunde, als ich realisierte, dass in all dem Wahnsinn ja auch eine Chance liegt: Mein Innerstes liegt in Einzelteilen vor mir, ich darf jetzt ganz neu entscheiden, wer ich sein will und wer und was noch in mein neues Leben passt."
Von einer Entwicklungsaufgabe spricht die New Yorker Psychologin Boerner und davon, dass solche Lebensphasen vor allem Zeit brauchen und Geduld. Nicht vier Tage, nicht zwei Wochen, sondern manchmal auch Jahre. Am Ende ist die Trauer nicht weg, sie hat sich verwandelt, ebenso wie der Mensch, der sie durchlebt.
Aushalten müssen das nicht nur die Trauernden, sondern auch Freunde und Kollegen. "Ich habe manchmal den Eindruck, als würden Menschen in meinem Umfeld von mir erwarten, dass ich möglichst schnell wieder die Alte werde. Aber das geht nicht - ich werde nie wieder die Frau von vor dem Unfall sein", sagt Anne Saider.
Das zu akzeptieren fällt schwer in einer Zeit, in der schon harmlose Kopfschmerzen sofort mit Tabletten betäubt werden und in der für jedes Problem ein Spezialist bereitsteht. "Wir wollen immer etwas tun, um möglichst schnell wieder möglichst gut zu funktionieren. Das geht in diesem Fall nicht", sagt die Trauerbegleiterin Koivisto. Der Tod reißt eine Wunde, die heilen muss und möglicherweise für immer eine Narbe hinterlässt.
"Trauer sollte nicht unterdrückt oder ausgeschaltet werden"
"Trauer kann bei vielen Menschen eine notwendige Reaktion auf den Verlust sein und sollte nicht unterdrückt oder ausgeschaltet werden", kommentiert das renommierte Fachblatt "The Lancet" die geplanten Änderungen für Depressionsdiagnosen: Ärzte sollten ihnen lieber einfühlsam Zeit, Mitgefühl und Raum für Erinnerungen anbieten statt Tabletten.
Manchmal merken aber selbst Fachleute für die Seele das erst, wenn sie es selbst erfahren haben. Als die Amerikanerin Joanne Cacciatore, später Gründerin einer Hilfsorganisation für verwaiste Eltern, 1994 ihre Tochter Chey verlor, konnte sie in den ersten Monaten nicht schlafen, nichts essen, empfand keine Freude mehr. Auf ihrem Blog erzählte Cacciatore, dass ihre besorgte Familie sie zu einem Psychologen schickte, der eine Depression diagnostizierte und Medikamente anriet. Sie weigerte sich, tiefverletzt, fühlte sich unverstanden in ihrer Trauer.
Im Jahr darauf bekam sie einen überraschenden Anruf: Der Psychologe wollte sich entschuldigen. Seine Tochter war gestorben. Und er hatte genau die gleichen Gefühle durchlebt.
Dieser Artikel stammt aus dem SPIEGEL WISSEN Heft 4/2012 . Hier können sie das ganze Heft bestellen.
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