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30. Oktober 2012, 00:00 Uhr

Trauer

Ein unzeitgemäßes Gefühl

Von SPIEGEL WISSEN-Autorin Eva-Maria Schnurr

Wer trauert, sieht sich oft unter Druck, möglichst rasch zum Alltag zurückzukehren. Selbst Wissenschaftler streiten: Wie viel Verlustschmerz ist eigentlich normal?

Frag einen Indianer vom Stamm der Navajo, und er wird sagen, dass vier Tage genug sind, um die Toten zu beweinen.

Sprich mit einem Angehörigen der Zulu in Südafrika, und er wird sagen, dass Witwen ein Jahr zu trauern haben, abseits der Gemeinschaft, in schwarzen Kleidern.

Bitte einen erfahrenen Trauerbegleiter um Rat, und er wird erklären, dass es richtig und falsch nicht gibt. Dass die einen lange brauchen und die anderen nicht so lange, dass manche abgrundtief erschüttert sind und andere scheinbar kaum, und dass niemand vorher sagen kann, wie es sein wird.

Doch konsultiert man einen Psychiater, könnte es künftig womöglich passieren, dass er jemanden für gestört erklärt, für depressiv, wenn er mehr als zwei Wochen nach dem Tod seines Partners oder seines Kindes noch immer völlig neben der Spur ist, nicht arbeiten kann oder sich gar danach sehnt, dem geliebten Menschen einfach zu folgen.

Gibt es so etwas wie "gesunde" Trauer? Eine Norm, der die Gefühle nach einem schweren Verlust gehorchen sollten? Einen Weg gar, dem man einfach nur konsequent folgen muss, um rasch herauszukommen aus Verzweiflung und Traurigkeit?

In den USA ist darüber eine heftige Debatte entbrannt. Denn dort arbeiten Ärzte und Forscher an neuen Diagnose-Richtlinien für psychische Störungen, im Mai 2013 soll die endgültige Fassung erscheinen. Einer der Hauptstreitpunkte ist die Frage, was normale Trauer von einer krankhaften Depression unterscheidet.

Während bisher der Grundsatz galt, Depressionen bei Trauernden nicht vor Ablauf von wenigstens zwei Monaten zu vermuten, soll diese Regel in den neuen Richtlinien fallen: Zeigt jemand nach dem Tod eines nahen Menschen zwei Wochen lang schwere depressive Symptome, dann könnten Ärzte die Krankheit schon bei ihm diagnostizieren.

Noch ist die Debatte auf die USA beschränkt, da in Europa andere Kriterien für die Diagnostik psychischer Störungen gelten. Doch in den kommenden Jahren sollen die Standards international vereinheitlicht werden.

Ein Mittel gegen Verlustschmerz ist nicht bekannt

Es könnte der Beginn eines weitreichenden Kulturwandels sein, fürchten Fachleute: Weil einige Symptome bei Depressionen und Trauer sich gleichen, drohe die Gefahr, dass Traurigkeit und seelische Schmerzen nach dem Tod eines geliebten Menschen zu einer Krankheit abgestempelt werden. Dabei ist bisher weder ein Mittel noch eine Therapie gegen den Verlustschmerz bekannt.

Sieben Jahre dauerte es, bis die Berlinerin Gabriele Gérard nach dem Tod ihres Sohnes zum ersten Mal das Gefühl hatte, aus einer Art Zwischenwelt herauszutreten, wieder so etwas wie Zukunft zu ahnen. Dann erst im vergangenen Sommer, 4374 Tage, nachdem Florian gestorben war, beschloss sie, seine Gedenkseiten im Internet nicht mehr zu aktualisieren. So verwoben ist der Schmerz nun nach zwölf Jahren mit ihrem Leben, dass er keinen eigenen Ort mehr braucht.

Bis zu Florians Beerdigung hatte sie funktioniert wie eine Maschine, die Gefühle schockgefrostet seit der Nachricht vom Tod ihres einzigen Kindes. Am Abend nach der Trauerfeier aber zerschmetterte der Schmerz sie wie ein heranrasender Schnellzug. Sie schrie und weinte, brach zusammen, aß nicht mehr, nahm 20 Kilogramm ab, sah nicht mehr, wie sie weiterleben sollte und warum.

Weil der Schmerz unerträglich erschien, suchte sie in einer Klinik nach Hilfe, doch die Ärzte diagnostizierten eine Depression. Gérard war empört, sie kannte die Krankheit, als junge Frau hatte sie damit gekämpft. "Das hier war völlig anders. Der Schmerz und die Sehnsucht waren nicht pathologisch, dafür gab es einen Grund", sagt die heute 65-Jährige, deren Sohn im Juli 2000 mit 23 Jahren am plötzlichen Herztod starb. "Mir war immer klar: Ich bin nicht krank, ich bin einfach nur eine trauernde Mutter."

Die Ärzte waren nicht die Einzigen, die hilflos auf ihren Zustand reagierten: Selbst einige gute Freunde vermeiden es bis heute, über Florians Tod zu sprechen, manche tauchten ab und meldeten sich nie wieder. Andere Hinterbliebene erzählen von Bekannten, die die Straßenseite wechseln oder sich hinter dem Supermarktregal verstecken, um eine Begegnung zu vermeiden.

Leiden, das keine Krankheit ist, das man nicht wegtherapieren, mit Medikamenten behandeln oder mit genügend Entspannung in den Griff bekommen kann, verstört. "Wir haben verlernt, solche Krisen auszuhalten. Sie gelten als Unterbrechung des Lebens, als etwas Falsches, nicht als Teil des Lebens", sagt die Entwicklungspsychologin Kathrin Boerner, die an der Abteilung für Geriatrie und Palliativmedizin der Mount Sinai School of Medicine in New York über Verluste forscht. Trauer ist ein zutiefst unzeitgemäßes Gefühl, das im Alltag kaum Raum findet.

Die systematische Trauerforschung ist noch jung

Wahrscheinlich wäre die Sache einfacher, wüsste man mehr über Trauer und was sie mit einem Menschen macht. Doch obwohl fast jeder im Leben damit zu tun bekommt, gibt es erst seit rund 25 Jahren systematische Forschungen dazu. Auch bei Ärzten, Seelsorgern oder Psychologen halten sich deshalb bis heute einige Annahmen, die auf Spekulationen und nicht auf empirischen Untersuchungen be-ruhen.

Nach einem Verlust sei intensive "Trauerarbeit" nötig, postulierte Sigmund Freud 1915, es gehe darum, die Bindung zum geliebten Objekt völlig zu lösen - als gefährlich für das seelische Wohl galt es daher, wenn jemand gar nicht offensichtlich trauerte oder gar verdrängte.

In den siebziger Jahren kam zudem die Vorstellung auf, Trauer verlaufe in immer gleichen Phasen. Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hatte diese Stadien bei Sterbenden entdeckt, man übertrug sie auf die Hinterbliebenen: Einer Zeit, in der man den Tod nicht wahrhaben will, folge ein Abschnitt, in dem die Emotionen durchbrechen, danach gehe es darum, die Realität zu akzeptieren und sich zu lösen, um schließlich mit dem Geschehenen Frieden zu schließen und mit einer neuen Sicht auf sich selbst und die Welt wieder ins Leben zurückzukehren.

Die Konzepte sind populär, weil sie so eingängig sind und weil die Vorstellung eines fast gesetzmäßigen Ablaufes, den man durch eigene Anstrengung unterstützen kann, beruhigend ist. Doch sie setzen die Vielen unter Druck, die ihre Trauer anders erleben.

"Ist das, was ich fühle, eigentlich normal?", fragte sich Anne Saider ein paar Wochen, nachdem ihr Mann am Ostersonntag 2011 bei einer gemeinsamen Fahrradtour von einem Auto angefahren und tödlich verletzt worden war: Da waren einerseits tiefe Verzweiflung und Schmerz, auch Wut, dass ihr Mann sie allein zurückgelassen hatte. Da waren Schuldgefühle und die Frage, ob sie, die erfahrene Krankenschwester, nach dem Unfall mehr hätte tun können.

Aber andererseits lief der Alltag der 54-jährigen Hamburgerin bald schon erstaunlich glatt, nach drei Wochen ging sie wieder arbeiten, registrierte früh auch schöne Momente und fragte sich mit schlechtem Gewissen, ob das denn überhaupt sein dürfe.

"Bin ich normal, oder bin ich krank?", sei die häufigste Frage, mit der Trauernde zu ihnen kommen, erzählt Raili Koivisto, Trauerbegleiterin in der Hamburger Trauerberatungsstelle "Charon".

Menschen trauern ganz unterschiedlich

In den Beratungszimmern mit Blick über die Stadt erzählen sie etwa, dass sie nach einer stabilen ersten Zeit dann doch von massiven Gefühlen eingeholt wurden. Dass es auch nach Monaten im Job noch immer nicht so läuft wie vorher. Dass sie über sich selbst erschrecken, weil sie den Tod eines nahen, schwerkranken Menschen als Erleichterung wahrnehmen - oder weil sie gerade nicht aufatmen können, obwohl sie das doch erwartet hatten. Dass sie manchmal selbst nicht weiterleben möchten. Oder sich fragen, ob sie sich schon wieder freuen dürfen. "Es ist für viele eine ganz große Hilfe, wenn wir ihnen sagen können, dass fast alles fast immer normal ist", sagt Koivisto.

Denn so etwas wie den einen, richtigen Umgang mit einem Verlust gibt es nicht. Studien an Betroffenen haben gezeigt, dass der Trauerprozess zumindest in westlichen Kulturen nicht in festgelegten Stadien verläuft, sondern eher wellenförmig: Die meisten Menschen erleben die Trauer als Pendeln zwischen Kummer, Sehnsucht und Leere einerseits - verlustbezogene Prozesse - und Verdrängung, Ablenkung und Nach-vorn-Denken - wiederherstellungsbezogene Prozesse - andererseits.

Zudem trauern Menschen ganz unterschiedlich, je nach der eigenen Vorgeschichte, dem Verhältnis zum Verstorbenen, der Art seines Todes und auch dem kulturellen Umfeld. Vorhersagen lässt sich das meist nicht. "Die meisten gängigen Annahmen sind haltlos: Selbst eine enge Bindung muss nicht notwendigerweise bedeuten, dass die Trauerreaktion sehr ausgeprägt ausfällt. Verdrängen ist nicht unbedingt schädlich. Und schwierige Beziehungen führen nicht notwendig auch zu einer schwierigen Trauer", sagt die Verlustforscherin Boerner.

Ein großer Teil der Betroffenen leidet eine Weile ziemlich heftig, einige Symptome überschneiden sich mit denen einer Depression. Allerdings erholen sie sich mit der Zeit auch ohne Hilfe fast vollständig, wenngleich mit wiederkehrenden Rückschlägen.

Verblüffend zahlreich sind aber auch jene, die selbst nach einem schweren Verlust wie dem des Ehepartners eher kurze und milde Trauersymptome entwickeln, fand der amerikanische Trauerforscher George Bonanno bei älteren Ehepaaren heraus - er spricht von "Resilienz", einer hohen Widerstandsfähigkeit gegenüber schlimmen Erfahrungen.

Nur eine Minderheit trauert chronisch, spürt auch nach Monaten gar keine Veränderung der Gefühlslage und braucht möglicherweise professionelle psychologische Hilfe. Häufig gibt es dann eine Vorgeschichte psychischer Probleme, oder der Todesfall war besonders traumatisch, etwa durch einen Unfall oder wenn ein Kind stirbt.

"Es gibt keine Regeln, wie man optimal mit dem Kummer umgeht"

Trauerforscher gehen allerdings davon aus, dass man so eine chronische Trauer allerfrühestens nach einem halben Jahr erkennen kann und dass auch erst dann eine Therapie ansetzen sollte - auf keinen Fall jedoch schon nach zwei Wochen.

Die Konsequenz aus den neuen Forschungsergebnissen ist befreiend und fordernd zugleich: Es gibt keine Regeln, wie man optimal mit dem Kummer umgeht. Niemand kann sagen, wann man die Kleider des Verstorbenen aus dem Schrank räumen muss, ob man einen Stapel behalten kann. Ob man mit anderen über ihn sprechen oder sich lieber ein ganz eigenes Ritual ausdenken soll. Ob es besser ist, sich einer Trauergruppe anzuschließen, auf Gedenkseiten im Internet zu surfen oder Gedichte zu lesen. Jeder muss selbst herausfinden, was hilfreich ist und was weniger - schließlich geht es um den Abschied von einem Menschen, der ebenso einzigartig war wie die Beziehung zu ihm.

"Trauer erfordert Mut, sie muss etwas Revolutionäres in einem wecken. Mir hat niemand zu sagen, wie ich trauern soll", sagt Gabriele Gérard. Auch wenn ihr damals jede Idee fehlte, wie ihr Leben weitergehen könnte ohne Florian, war ihr schnell klar, dass sie aktiv werden musste.

So nahm sie sich die Briefe vor, die sie über Jahre mit ihrem Sohn gewechselt hatte. Die Aufzeichnungen, die sie nach seiner Geburt gemacht hatte und als er in Irland lebte, schrieb sie ab, schmückte sie mit Fotos, zwölf Bände, ein Dokument seines Lebens und der gemeinsamen Zeit.

Im Internet schrieb sie von ihren Erfahrungen und Gefühlen, veröffentlichte Briefe und Gedanken in einem Buch, jedes Jahr an Florians Geburtstag im Oktober lädt sie seine Freunde ein, weil es tröstlich ist, dass noch immer alle an ihn denken. "Trauer ist einsam und individuell, aber wenn ich erst einmal den ersten Schritt gemacht habe, legt sich der Weg wie von selbst unter die Füße", beschreibt es Gérard.

Ihre Leidensgefährtin Anne Saider begann nach dem Unfalltod ihres Mannes Tagebuch zu führen, "ganz wichtig, um zu erkennen, wie es mir vor einem Jahr ging und wie sich die Trauer entwickelt hat", sie lief lange Strecken, um dabei nachzudenken, hängte die Fotos der letzten gemeinsamen Radtour mit ihrem Mann im Flur auf und stellte am ersten Todestag gemeinsam mit ihren Töchtern am Unfallort ein Kreuz auf.

Nie wieder so sein wie zuvor

Beide Frauen schreiben an die Verstorbenen, zünden täglich eine Kerze an, sprechen mit ihnen, wenn es Schwieriges zu entscheiden gilt oder einfach nur etwas zu erzählen. Auch das weiß man heute: Es geht nicht darum, nur ja loszulassen und die Verbindung zu kappen. Die Beziehung zu Verstorbenen kann weiterhin eng sein, sie ist eben anders als zu Lebzeiten.

"Am schwierigsten war es zu akzeptieren, dass so viel auf einmal weggebrochen ist", sagt Anne Saider. Plötzlich stand ihr ganzer Lebensentwurf in Frage: Wer war sie ohne ihn? Was war ihre künftige Rolle, nach 30 Jahren als Ehefrau?

Gabriele Gérard fühlte sich fremd im eigenen Leben, als habe sie überhaupt keinen Boden mehr unter den Füßen: "Für mich war es wie eine Sternstunde, als ich realisierte, dass in all dem Wahnsinn ja auch eine Chance liegt: Mein Innerstes liegt in Einzelteilen vor mir, ich darf jetzt ganz neu entscheiden, wer ich sein will und wer und was noch in mein neues Leben passt."

Von einer Entwicklungsaufgabe spricht die New Yorker Psychologin Boerner und davon, dass solche Lebensphasen vor allem Zeit brauchen und Geduld. Nicht vier Tage, nicht zwei Wochen, sondern manchmal auch Jahre. Am Ende ist die Trauer nicht weg, sie hat sich verwandelt, ebenso wie der Mensch, der sie durchlebt.

Aushalten müssen das nicht nur die Trauernden, sondern auch Freunde und Kollegen. "Ich habe manchmal den Eindruck, als würden Menschen in meinem Umfeld von mir erwarten, dass ich möglichst schnell wieder die Alte werde. Aber das geht nicht - ich werde nie wieder die Frau von vor dem Unfall sein", sagt Anne Saider.

Das zu akzeptieren fällt schwer in einer Zeit, in der schon harmlose Kopfschmerzen sofort mit Tabletten betäubt werden und in der für jedes Problem ein Spezialist bereitsteht. "Wir wollen immer etwas tun, um möglichst schnell wieder möglichst gut zu funktionieren. Das geht in diesem Fall nicht", sagt die Trauerbegleiterin Koivisto. Der Tod reißt eine Wunde, die heilen muss und möglicherweise für immer eine Narbe hinterlässt.

"Trauer sollte nicht unterdrückt oder ausgeschaltet werden"

"Trauer kann bei vielen Menschen eine notwendige Reaktion auf den Verlust sein und sollte nicht unterdrückt oder ausgeschaltet werden", kommentiert das renommierte Fachblatt "The Lancet" die geplanten Änderungen für Depressionsdiagnosen: Ärzte sollten ihnen lieber einfühlsam Zeit, Mitgefühl und Raum für Erinnerungen anbieten statt Tabletten.

Manchmal merken aber selbst Fachleute für die Seele das erst, wenn sie es selbst erfahren haben. Als die Amerikanerin Joanne Cacciatore, später Gründerin einer Hilfsorganisation für verwaiste Eltern, 1994 ihre Tochter Chey verlor, konnte sie in den ersten Monaten nicht schlafen, nichts essen, empfand keine Freude mehr. Auf ihrem Blog erzählte Cacciatore, dass ihre besorgte Familie sie zu einem Psychologen schickte, der eine Depression diagnostizierte und Medikamente anriet. Sie weigerte sich, tiefverletzt, fühlte sich unverstanden in ihrer Trauer.

Im Jahr darauf bekam sie einen überraschenden Anruf: Der Psychologe wollte sich entschuldigen. Seine Tochter war gestorben. Und er hatte genau die gleichen Gefühle durchlebt.

Dieser Artikel stammt aus dem SPIEGEL WISSEN Heft 4/2012 . Hier können sie das ganze Heft bestellen.

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