Tierschutz Rettet den Zoo!?

Sind Zoos gut oder schlecht für Tiere? Dieser Grundsatzstreit trifft sogar einen der besten Tierparks der Welt, den Loro Parque auf Teneriffa.

Loro Parque auf Teneriffa
Gunnar Knechtel / SPIEGEL WISSEN

Loro Parque auf Teneriffa

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Wolfgang Kiessling wohnt im Zoo. Schon seit 45 Jahren. Seine hellgelb gestrichene Villa mit den weißen Säulen gehört zu einem Gebäudeensemble im Kolonialstil, das sich um einen kleinen Platz gruppiert. Ein großes Gehege steht hier auch noch. Das Schimpansenpärchen Laki und Juli verbringt darin sein Leben in Zweisamkeit. Laki war von der Schimpansinnengruppe nicht akzeptiert worden, nur Juli verstand sich mit ihm. Für rund 100.000 Euro hat Kiessling dem ehemaligen Tigerkäfig einen ersten Stock hinzugefügt, damit die beiden es schöner haben.

Ruhig ist es hier, abgeschieden. Was auch daran liegt, dass es diesen Ort eigentlich nicht gibt, jedenfalls nicht auf den Plänen des "Loro Parque" - jenes Tierparks, den Kiessling am Rand von Puerto de la Cruz gegründet hat, im grünen Norden von Teneriffa. So wird der 80-Jährige nicht selbst zum Ausstellungsstück für die Besucher.

Aus SPIEGEL WISSEN 5/2017

Heute empfängt Kiessling seinen Besuch oben in seinem Büro. Er ist bester Laune: "Wir sind gerade bei TripAdvisor zum besten Zoo der Welt gewählt worden." 73 Prozent der Bewertungen auf der Reiseführer-Website fallen in die Kategorie "exzellent", 20 Prozent in "sehr gut".

Aus Reisebussen und der knallgelben Bimmelbahn, die der Zoo selbst betreibt, strömen jeden Morgen Tausende von Touristen zur Kasse. Im Sommer, zur Hochsaison, drängeln sich die Menschen auf den gewundenen Wegen, die den Tierpark viel größer erscheinen lassen, als er ist. Vorbei an üppig wuchernden Bäumen, Blumen, kleinen Berglandschaften, in denen Ameisenbären nach Maisbrei suchen. "Katandra Tree Tops" heißt eine gigantische Voliere, in der Aras, Kakadus und andere tropische Vögel flattern. Ein Großteil ihres Futters kommt aus Plantagen, die Kiessling gehören.

In anderen Gehegen leben Alligatoren, Jaguare, Schildkröten. Oder Rote Pandas, die tagsüber in einem riesigen Baum schlafen. Im Loro Parque wohnt die erste Gorilla-Männer-WG der Welt. Eine von den spanischen Behörden beschlagnahmte Schimpansenfamilie ist vor vier Jahren in dem Park untergekommen. Es gibt eine Pinguinwelt, in der es regelmäßig schneit, und ein Haus voller Aquarien. Dort schwimmen nicht nur Haie über die Köpfe der Besucher hinweg, auch eine Meeresschildkröte zieht ihre Runden, sie wurde verletzt aufgefunden und erholt sich im Zoo; ihr fehlt ein Vorderbein. Vor Kurzem haben drei Angola-Löwen ein Quartier im Zoo bezogen. Der deutsche Zoodirektor Wolfgang Rades erzählt, dass der vorgesehene Standort für ihn anfangs zu beengt wirkte, um dort ein 1000-Quadratmeter-Gehege unterzubringen. Kiessling habe die Löwenanlage dann federführend gestaltet, mit Felsen, einem Wasserlauf und Möglichkeiten für die Tiere, sich zurückzuziehen. "Der Mann", sagt Rades, "ist genial."

In der Zuchtstation werden seltene Papageienarten aufgezogen. Rund 30 Lear-Aras sind hier geschlüpft, die Art wurde vor dem Aussterben bewahrt
Gunnar Knechtel / SPIEGEL WISSEN

In der Zuchtstation werden seltene Papageienarten aufgezogen. Rund 30 Lear-Aras sind hier geschlüpft, die Art wurde vor dem Aussterben bewahrt

Als PapageienPark, daher der spanische Name Loro Parque, hatte der Deutsche Kiessling die Anlage 1972 gegründet, mit zwei Millionen Mark Darlehen von seinem Vater, 150 Tieren und einer Papageienshow mit radelnden Aras. Heute besitzt Kiessling noch einen Freizeitpark, ein Steakrestaurant und ein Fünfsternehotel, der Loro Parque ist auf 135.000 Quadratmeter angewachsen und hat mehr als eine Million Besucher pro Jahr (und immer noch radelt ein Papagei über die Bühne).

Zum Vergleich: Der Hamburger Tierpark Hagenbeck hat ungefähr genauso viele Besucher, ist aber 250.000 Quadratmeter groß. 350 von 950 existierenden Papageienarten leben im Park und in der angeschlossenen Zuchtstation La Vera. "Als ich den Zoo damals gegründet habe, wurden auf der Straße die seltensten Papageienarten verkauft", erzählt Kiessling, "kein Mensch hat sich Gedanken gemacht, wo die herkamen." Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen existierte zu der Zeit noch nicht.

Und dann legt Kiessling los und erzählt, was mit dem Planeten nicht stimmt: Zehn Milliarden Menschen werde es im Jahr 2050 geben, "irrsinnige Zahlen, ein Wahnsinn", und die irrsinnigen Zahlen prangen unübersehbar auf den Mülleimern im Zoo. Die Konsequenzen von Überbevölkerung und Armut seien am Elefanten zu beobachten. Der Bestand ist von zehn Millionen vor 100 Jahren auf 450.000 heute gesunken. Und wenn es weiterhin 36.000 pro Jahr weniger gebe, sei in 12 Jahren Schluss mit Elefanten in der Wildbahn. "Schimpanse, Gorilla, Orang-Utan, alle sind unter Druck", sagt Kiessling.

Gorilla-Männer-WG
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Gorilla-Männer-WG

Die Zoos hätten in dieser dramatischen Situation zwei wichtige Aufgaben: erstens, bedrohte Tierarten zu erhalten. Tatsächlich hat der Loro Parque beispielsweise im Auftrag der brasilianischen Regierung vier Spix-Aras nachgezüchtet, die in der freien Natur ausgestorben sind. Von der Art gab es zeitweise nur noch rund 40 Exemplare. Und 32 Lear-Aras schlüpften im Loro Parque, auch sie waren fast ausgerottet. Noch bei sieben weiteren Papageienarten half die Zuchtstation, das Aussterben zu verhindern.

Und zweitens sei es Aufgabe des Zoos, sagt Kiessling, Verständnis für den Schutz der Wildtiere und ihres Lebensraums zu wecken. "Die Tiere in der Wildnis können nicht über ihr Leid berichten, aber wir als Zoo können das." Zootiere sind für ihn damit "Botschafter" ihrer Art. Aber: "Weltweit werden die Zoos angegriffen", sagt Kiessling, vor allem von Peta, einem Tierrechtsverband, der die Abschaffung von Zoos fordert. Kiessling wird jetzt richtig ärgerlich. Peta bestehe aus "Opportunisten, die über Spendengelder ihren Lebensunterhalt verdienen". Er habe sich nichts vorzuwerfen.

Auf der Website des Zoos zählt Kiessling die Zertifikate und Auszeichnungen des Loro Parque auf: das Biosphere Certificate für nachhaltigen Tourismus, außerdem die Zertifikate EMAS III, ISO 14.000 und ISO 9000 für den Umweltschutz, seit Anfang 2017 die Auszeichnung "Human Conservation" von der American Humane Association, die sich mit artgerechter Tierhaltung beschäftigt. Wer die Website nicht liest, der kann im Zoo eine Vitrine voller Pokale und Preise bewundern.

Trotzdem: Die Skepsis gegenüber Zoos wächst - die Zahl der Besucher aber auch. 700 Millionen Menschen weltweit gingen 2016 in Zoos oder Aquarien. Viele von ihnen sind sich nicht sicher, ob die Botschafter in ihren Käfigen und Gehegen glücklich sind oder geschunden. Werden sie artgerecht gehalten? Oder, noch radikaler: Gibt es überhaupt artgerechte Haltung, ist nicht jedes Gehege ein artfremdes Gefängnis? Müssen Zootiere mit Valium ruhiggestellt werden, wie eine Eisbärin im Wuppertaler Zoo, oder sind sie gesünder als ihre wilden Artgenossen, wie eine Studie an Delfinen kürzlich zeigte? Sind die dem natürlichen Lebensraum nachempfundenen Zoolandschaften hübsche Deko für die Besucher, aber wertlos für die Tiere? Und wofür braucht man überhaupt noch Zoos? Gibt es nicht genug pädagogisch wertvolle Filme über Tiere, die naturentfremdete Stadtbewohner aus ihrer Gleichgültigkeit reißen? Reicht nicht in Zukunft eine Virtual-Reality-Brille?

Mit dem Kopf nicken, die Zuschauer nass spritzen: Die Orca-Shows sind beim Publikum beliebt und bei der Tierrechtsorganisation Peta verhasst
Gunnar Knechtel / SPIEGEL WISSEN

Mit dem Kopf nicken, die Zuschauer nass spritzen: Die Orca-Shows sind beim Publikum beliebt und bei der Tierrechtsorganisation Peta verhasst

An diesem schwülen Sommertag ist auch die Bonnerin Marisol Fasiello mit ihrer achtjährigen Tochter Giulia in den Loro Parque gefahren. Die beiden haben in der mit 2000 Menschen besetzten Arena die Show gesehen, bei der die sechs Orcas kraftvoll meterhoch springen, die Besucher mit Schwanzschlägen aufs Wasser nass spritzen oder am Beckenrand die Köpfe schütteln. "Orcas gehören in die Freiheit", sagt Marisol Fasiello zu ihrer Tochter, "hier können sie sich nicht genug bewegen." Auch wenn das Becken 22.000 Kubikmeter Wasser fasst und stellenweise 12 Meter tief ist. Ein "trauriges Leben" sei das. Trotzdem, kritisiert sie, "wird hier dauernd erzählt, der Zoo helfe den Tieren".

Weitere Große Schwertwale solle der Zoo nicht züchten, findet die Besucherin. Tatsächlich müssen die Orca-Weibchen im Loro Parque wegen des Drucks der Tierrechtsaktivisten regelmäßig zum Ultraschall und werden in der fruchtbaren Zeit von den Männchen getrennt. Der Park SeaWorld in den USA, aus dem die meisten Orcas im Loro Parque stammen, hat offiziell die Nachzucht aufgegeben. Zoodirektor Rades hält das für falsch. "Das ist für mich Sklaverei", sagt er. Gerade hochintelligente Tiere hätten das Recht, Eltern zu werden.

Auf die Orcas zu verzichten, wäre für den Loro Parque ökonomisch riskant. Dass im Sommer 170.000 Menschen pro Monat kommen, liegt eben nicht nur daran, dass der Zoo ein "Must" während des Inselurlaubs ist, wie Unmengen von Plakaten an den Straßenrändern behaupten. Sondern es liegt insbesondere an den eleganten schwarz-weißen Walen. In Europa sind sie nur in drei Parks zu sehen. Das macht sie zur Sensation, die die Eintrittskassen füllt. Dieses Geld hilft nicht nur dem Konto von Wolfgang Kiessling: Zehn Prozent der Einnahmen gehen an die Loro Parque Fundación, bisher rund 17 Millionen Euro. Der Stiftung hat Kiessling seine Papageienzucht geschenkt, sie hat schon rund 130 Naturschutzprojekte in aller Welt finanziert, darunter Nachzuchtprogramme in den Heimatgebieten der Tiere.

Zoodirektor Rades
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Zoodirektor Rades

Die Fundación Loro Parque verkauft auch Papageien, jedenfalls jene Arten, mit denen Handel erlaubt ist. Ein Hyazinth-Ara - die größte Ara-Art - bringt 15.000 Euro. Manche der Aras haben Jobs: Sie treten in der Papageienshow auf und lösen - angeblich - Rechenaufgaben. Einige Aras sind als Versuchstiere des Max-Planck-Instituts für Ornithologie beschäftigt, das in der "Animal Embassy" auf dem Gelände des Loro Parque sitzt. Hier wird ihr Innovationstalent erforscht oder ihre Fähigkeit zum Teamwork.

Ein Gebirgsara muss gerade auf einem Touchscreen Symbole anklicken: Hat er verstanden, was eine Reihenfolge ist? Zoobesucher können auf der anderen Seite der Spiegelscheibe das Experiment beobachten. Solche Erforschung von Tieren gilt Zoobefürwortern als dritter Grund dafür, dass es weiterhin Tierparks geben soll. Wobei das historisch gesehen der erste Grund war, denn die Tiere, die 1828 in London erstmals einem Publikum präsentiert wurden, waren eigentlich Studienobjekte von Wissenschaftlern. Dass sie daneben gegen Geld besichtigt werden konnten, war eine überaus erfolgreiche Geschäftsidee.

Wolfgang Kiessling hat den Loro Parque 1972 gegründet
Gunnar Knechtel / SPIEGEL WISSEN

Wolfgang Kiessling hat den Loro Parque 1972 gegründet

Auch Zoopräsident Kiessling ist ein geschickter Geschäftsmann. Frühzeitig hat er Land auf Teneriffa gekauft, er besitzt noch 100.000 Quadratmeter, um die er seinen Zoo erweitern könnte. Was er aber nicht plant. Denn die meisten Besucher machen im Süden der Insel Urlaub. Sie fahren nach dem Frühstück los in den Norden, besichtigen den Zoo, und zum Abendessen wollen sie wieder zurück sein. Wer 35 Euro Eintritt zahlt, möchte sicher sein, für sein Geld auch alles gesehen zu haben.

Früher gönnte sich Kiessling neben all den wilden Zoobewohnern noch ein Haustier, einen Kakadu namens Fritzchen. Aber Fritzchen machte den Fehler, in den Tigerkäfig zu fliegen. "Dort wurde er verspeist", sagt Kiessling, "das hat wehgetan." Seitdem habe er keine Haustiere mehr.

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