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31.10.2006
 

Achilles' Verse

Liegestütze mit Koran

Von Achim Achilles

Nachdem Sonntag schon Sofatag ist, muss Achim neuerdings am Schontag Montag ran. Kein Vergnügen ist auch der Neue in der Laufgruppe des Wunderläufers. Der ist nicht nur schnell, sondern vor allem nervig. Wie wird man so einen wieder los? Die Rettung naht am Zentrum der Macht.

Montag ist Schontag. Das heißt natürlich nicht, dass man gar nicht laufen muss. Aber locker. Nach einem trainingsreichen Wochenende muss der Zugewinn an Tempo und Ausdauer gleichsam versiegelt und eingeschweißt werden. Dass sich jede verdammte Faser anfühlt, als sei sie im nordkoreanischen Atomtest gegrillt worden, sei ein sehr gutes Zeichen, sagt die Fachliteratur. Also ein Stündchen durch den düsteren Tiergarten, rund um den dramatisch beleuchteten Reichstag und das einsame Kanzlerinnenamt.

Bartträger (Schauspieler Mel Gibson): Ertüchtigung neben dem Reichstag
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AP

Bartträger (Schauspieler Mel Gibson): Ertüchtigung neben dem Reichstag

Klemmbrett-Karraß hat sich diesen Afterworkcityrun ausgedacht, der im Foyer eines namhaften Sportartikelherstellers startet. Zwischen italienischen Shopping-Touristen und hohlbirnigen Bushido-Fans, die sich noch ein paar Accessoires für ihre Gangsta-Rap-Verkleidung zusammenklauen wollen, stehen wir, in Strumpfhosen, mit dicken Uhren, die Schuhe voller Trockenmodder und versuchen, die neugierigen Blicke der Kundschaft für Bewunderung zu halten. Ein Läufer, der gerade nicht läuft, sondern herumsteht, neigt ja dazu, sich in seiner Sportbekleidung ziemlich albern vorzukommen. Völlig zu recht übrigens.

Seit ein paar Wochen ist ein Neuer dabei, eine Super-Granate. Keine Ahnung, wie er heißt. Ich nenne ihn "Harhar". Harhar ist eher klein geraten, sieht aus wie eine Mischung aus Bulldogge und Fremdenlegionär und hat sich einen Laufschuh mit Flügeln auf seinen rasierten und karotinfarbenen Unterschenkel tätowieren lassen. Harhar trägt einen Schnauzbart und kommt immer mit Trink- und Handygurt. Jeden Satz beendet er mit einem "Harhar".

Harhar läuft erst drei Jahre, dafür umso heftiger. Seine Frau nennt er "die Alte, harhar". Das würde ich über Mona nicht mal denken, jedenfalls nur selten. Für Harhar ist seine Alte aber ohnehin nicht mehr so wichtig, denn sie hat sich von ihm getrennt und die Kinder gleich mitgenommen. Er findet das prima, harhar. Denn jetzt kann er noch mehr trainieren "und Bestzeiten pulverisieren, harhar".

Harhar gehört zu jener höchst nervigen Spezies, die das Bestzeiten-Pulverisieren zu ihrer tagtäglichen Zentralbeschäftigung erhoben hat. Da will man montags einfach nur ein entspanntes Stündchen durch die abendliche Hauptstadt traben, schon setzt sich Harhar an die Spitze und zieht los wie im olympischen Finale. Man sollte ihn einfach laufen lassen. Aber das geht leider nicht. Es gibt ja leider dieses Gen, das es Männern praktisch verbietet, einen Geschlechtsgenossen ziehen zu lassen. Also widerwillig hinterher.

"Wo bleibt ihr denn? Der Trainer hat doch gesagt: zügig. Und zügig heißt mindestens 3:45 Minuten den Kilometer. Oder, Achim?", schnarrt Harhar an der Ampel. Ich schweige stolz und etwas atemlos. Harhar läuft derweil auf der Stelle und will die anderen mit wilden Armbewegungen ebenfalls zum Ampel-Step animieren. "Sonst verspannen die Muskeln", doziert Doktor Harhar, "habe ich neulich in einer Studie der Uni Freiburg gelesen. Harhar." Harhar zitiert pausenlos Studien. Er bereitet mir Magenschmerzen, sogar wenn er mal die Klappe hält, was aber leider so gut wie nie passiert.

Deswegen muss er umgehend entsorgt werden. Und ich weiß auch schon wie. Auf der Hälfte der Strecke ordnet Klemmbrett-Karraß meist Gymnastik an. Weil es dunkel ist und windig, verziehen wir uns in eine geschützte Ecke am Rande des Reichstags. Direkt über uns schwebt eine Überwachungskamera. Und die wird Harhar zum Verhängnis werden.

Während wir uns in meditativem Kopfkreisen versenken, geht Harhar sofort zu Boden und macht Liegestütz wie ein Navy Seal. Fehlt nur noch, dass er vorher Glasscherben ausstreut und sein Fahrtenmesser aufklappt. Was mögen die Jungs an den Überwachungsmonitoren wohl denken, wenn sie einen Schnauzbart sehen, der sich mit schwarzem Gepäckgürtel direkt am deutschen Parlament auf den Boden wirft?

Genau. Der Typ sieht aus wie ein Mitglied vom Al-Qaida-Ortsverein Moabit. Unsere wachsamen Sicherheitsbeamten werden Verdacht schöpfen und ihn in die Kartei aufnehmen. Jetzt müssen wir Harhar nur noch dazu bringen, beim Pumpen ein paar Koran-Suren zu brüllen. Wie? Ganz einfach. Wir erzählen ihm von einer Studie des sportmedizinischen Instituts der Universität Kandahar, die ergeben hat, dass das Aufsagen von Koranversen ganz und gar unglaubliche Motivationsreserven freisetzt. Auf dem Gefängnishof kann er dann 24 Stunden am Tag trainieren. Mit der Eisenkugel am Fuß ist es ohnehin viel effektiver. Harhar.

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