Von Achim Achilles
So geht das nicht weiter. Dieser Winter wird grausam, wenn ich so weiter faulenze. Ein Mann braucht ein Ziel und sei es noch so dämlich. Mona sagt, ich soll aufhören, mich selbst zu betrügen. Eigentlich sei ich gar kein Läufer, behauptet meine Gattin und guckt diabolisch gleichgültig mit einem Schwefelhauch von Spott um die Mundwinkel, um dann ihren Trumpf zu ziehen: Ich sei ja nur ein Gelegenheitsjogger. Eine Weile bin ich zutiefst beleidigt. Wo kommen wir denn hin, wenn jetzt die Frauen auch noch Recht haben? Vor lauter Getroffensein kann ich heute nicht zum Training gehen. Warum auch? Ich weiß ja nicht mal, wofür ich trainieren soll.
Kurz vor Mitternacht sitze ich allein in der Küche. Alle Eisreste aus dem Kühlfach sind vertilgt, die Pfütze in der Rotweinflasche macht mich depressiv. Alles macht mich depressiv. Laufen vor allem. Aber Nicht-Laufen macht mich noch viel depressiver. So unfit wie Mona meint, bin ich eigentlich gar nicht. Und die paar Kilo zuviel fallen kaum auf: höchstens drei. Oder fünf. Jedenfalls bestimmt nicht mehr als sieben. Letzte Woche bin ich über zehn Kilometer gelaufen, an den beiden Trainingstagen zusammen jedenfalls.
Auweia Achilles, was ist los? Früher ranntest Du 50 bis 70 Kilometer die Woche. Höchste Zeit für einen Grundsatzmonolog. Es nützt alles nichts mehr. Keine Ausflüchte, keine Behelfskonstruktionen. Du bist schlecht und faul. Die Zeit für einen Neustart ist gekommen. Nicht am 1. Januar oder sonst einem fernen magischen Datum. Nein. Jetzt. Also morgen. Obwohl – das sind nur noch sechs Stunden. Sagen wir übermorgen. Oder am Wochenende. Hmmm. Man hat den Neustart noch nicht mal vollzogen, da geht die Drückebergerei schon wieder los. Also gut, keine Ausreden. Morgen früh, halb sieben. Medoc hin, Primitivo her.
Aber wie kann ich verhindern, dass ich in den gleichen Trott von Lustlosigkeit falle, der mich die letzten Wochen, also eher Monate gefangen gehalten hat? Wie lauten die Erkenntnisse der letzten Jahre Ausdauersport? Was sind Achims zehn Gebote? Ich fange an, den Rand der "Zeit" zu bekritzeln, eine perfekte Zeitung für Notizen. Überall Weißflächen. Punkt für Punkt fügt sich das Werk zusammen, an das ich mich zu halten jetzt in diesem Moment wild entschlossen bin.
1. Du sollst im Winter trainieren. Da schwitzt man nicht soviel und fühlt sich hinterher heldenhafter. Außerdem sind nur ernstzunehmende Athleten unterwegs; das erhöht die Motivation. Zum Glück liegen die Walker unter ihren Laubhaufen anstatt den Wald zu verunstalten.
2. Suche Dir ein Rennen, auf das Du Dich freust. Weil nur die Angst zu ernstem Training treibt, muss es ein Frühjahrslauf sein, der eine Herausforderung darstellt ohne zu demotivieren. Marathon ist zu lang. Am 1. April ist der Berliner Halbmarathon. Perfekt.
3. Laufe nur selten ohne Uhr. Kontrolliere Dein Tempo. Peile drei Rennzeiten an: die Mindestzeit, also die des letzten Jahres, eine gute Steigerung, also drei Minuten besser und schließlich Deine Traumzeit, also irgendwas unrealistisches um 1:30 Stunden. Trainiere auf die Fabelzeit hin. Downgraden kommt früh genug.
4. Mache einen Plan. Und der ist ganz einfach. Laufe zweimal die Woche das, was Du am meisten verabscheust, sagen wir mal: Tempoläufe. Also einmal viele kurze und dann noch einige lange. Gehe an Deine Grenzen, aber nie über 90 Prozent. Du weißt immerhin, dass es hilft.
5. Vermeide Verletzungen. Laufe nie mit Schniefnase, die wird fast immer schlimmer. Höre auf Dein Knie. Fang endlich mit dem Stretchen an, wenn die Hüfte wieder nervt.
6. Erhole Dich. Gehe eine Stunde früher ins Bett, jeden Abend. Glaube nicht, dass bei Kerner irgendwas Interessantes erzählt wird.
7. Vergiss den ganzen Motivationsschnickschnack. Alle Tricks haben eines gemeinsam: Du durchblickst sie. Keiner funktioniert. Mache das Laufen zu Deiner selbstverständlichsten Alltagsbeschäftigung.
8. Verschenke Deine Rotweinvorräte.
9. Suche Dir Laufpartner, die etwas schneller sind als Du und Dich für Monate mit verachtenden Blicken strafen, wenn Du auch nur eine Verabredung schwänzt.
10. Rufe Deinen Trainer an und lasse Dich zusammenstauchen.
Leider war bei Klemmbrett nur die Mailbox dran. Komisch, war doch erst ein Uhr morgens. „Na endlich“, hat Klemmbrett am nächsten Morgen dann gesagt, „wurde auch langsam Zeit, dass Du wieder angreifen willst.“ Ich habe es erst später abhören können. War ja laufen.
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