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14.11.2006
 

Achilles' Verse

Cursus interruptus

Von Achim Achilles

Laufen ist was für Frustrierte. Singles zum Beispiel, oder auch verheiratete Männer mit bockigen Frauen. Vorzeigeathlet Achim gehört zu dieser letzten Kategorie. Höchste Zeit also für einen Frustmarsch. Mit von der Partie: Massai-Murmler Klaus-Heinrich.

Neulich rief Klaus-Heinrich an. Er wollte laufen gehen. Wie schön. Mein alter Wetz-Bruder war wieder aufgetaucht. Monatelang hatte er sich nicht gemeldet. Gemeinsam hatten wir an einem hartnäckigen Virus gelitten: dem cursus interruptus – verschärfte Laufunterbrechung. Klaus-Heinrichs Erklärung hieß Babsi. Seine erste Freundin seit Jahren. Junge Liebe bedeutet das Ende jeglichen Trainingsfleißes. Singles laufen, um schlank zu werden und ihren Hormonstau abzubauen. Erfahrene Partner wiederum laufen, um ihre Ruhe zu haben und endlich mal wieder ein Hormon zu spüren.

Massai-Krieger: Barfuß zum Erfolg
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Massai-Krieger: Barfuß zum Erfolg

Gemeinsam geben sie eine ideale Laufgruppe ab: Single-Mann berichtet von den Mühen der Balz, Ehemann von Mona und dem gestrigen Streit beim Abendbrot, bei dem es mal wieder um eine dieser grundlosen Verstimmtheiten der Gattin ging, jene Basisbockigkeit, die alle Frauen in den Genen tragen. Der Gesprächsstoff reicht locker für 90 Minuten. Am Ende liefern sich beide dann ein packendes Finale, um den anderen von der Richtigkeit des eigenen Lebensentwurfs zu überzeugen. Hinterher sind beide froh, dass sie nicht in der Haut des anderen stecken. Laufen ersetzt endlose Therapiestunden.

Nur frisch Verliebte laufen nicht. Warum auch? Sie müssen nicht mehr in Form bleiben. Gründe zur Flucht haben sie vorerst auch nicht. Dass Klaus-Heinrich anrief, war folglich ein Zeichen einsetzender Beziehungsroutine. Schön zu wissen, dass es bei allen so ist wie immer. Wir trafen uns im Nieselregen. Klaus-Heinrich hatte mindestens acht Kilo zugenommen. Er trug Dinger an den Füßen, die selbst bei genauem Hinschauen nicht als Laufschuhe zu identifizieren waren. Und er ging so verkniffen, als ob ihn eine verschleppte Hodenverschlingung quälte. "Los, zieh' dir deine Renner an, lahme Ente", rief ich mit unbegründetem Selbstbewusstsein. Klaus-Heinrich blickte auf seine Treter. "Das sind die besten Laufschuhe der Welt", entgegnete er und eierte an mir vorbei. "Ja klar", sagte ich, "für das Hafenbecken von Neapel, nachdem die Mafia Beton reingegossen hat." Klaus-Heinrich lief los. "Glaub bloß nicht, dass ich dich zurücktrage, wenn du dir die Beine brichst", höhnte ich.

Klaus-Heinrich murmelte etwas von Massai. Nach verschärftem Nachfragen gestand er, dass Babsi, seine neue Flamme, ihm diese Wunderschuhe verordnet hatte. Total gesund. Eigentlich hieß sie Barbara, wollte aber "Babsi" genannt werden. Frauen, die sich freiwillig "Babsi" nennen, ist mit Vorsicht zu begegnen. Zwar klingt der Kosename vielversprechend verrucht, gleichwohl aber anstrengend. Vor allem, wenn es eine Babsi ist, wie sie Klaus-Heinrich zugelaufen ist. Sie war im späten Fallout der Emanzipation aufgewachsen. Damals wurden Frauen "Babsi" getauft, nannten sich aber "Barbara", weil sich nicht diskriminiert werden wollten, als Sexualobjekt. Heute wollen Barbaras freiwillig "Babsi" gerufen, um mal wieder als Frau wahrgenommen zu werden und nicht als asexuelle Gesellschafts-Guerillera mit sibirischem Bürstenhaar. Eva Herman hieß früher bestimmt mal Hermann Evers. Er war dieser innere Schrei nach Liebe, der ihn bewog, sich umzubenennen, um als Vollweib noch mal ganz von vorn anzufangen.

Klaus-Heinrichs Babsi jedenfalls hatte irgendwas mit Physiotherapie gelernt und kümmerte sich rührend um die Physis ihres neuen Opfers. "MBT" nannten sich die Kloben, die sie dem armen Kerl an die Füße geflanscht hatte, "Massai Barfuß Technologie". Die halbrunde Sohle, wie ein halber Handball, zwang den Läufer, den Fuß abzurollen. Wahrscheinlich von Massai abgeguckt, die sich ein Paar Laufschuhe gebastelt hatten, aus Treckerreifen. Das hatte irgendein weißer Schlaufuchs für eine besonders effektive Trainingsmethode gehalten.

Warum glauben wir immer an Geheimnisse von Buschmännern? Würden sie in Laubhütten wohnen, wenn sie wirklich so hyper-innovativ wären? Nach zwei Kilometern gab Klaus-Heinrich auf. Wütend feuerte er die MBT ins Unterholz und setzte sich auf einen Baumstamm. "Weißt Du, woran man erkennt, dass die Dinger nicht funktionieren?" fragte ich vorsichtig, während ich die Schuhe im Laub suchte. Klaus-Heinrich schüttelte den Kopf. "Weil noch nie ein Spitzensportler in diesen Dingern irgendwas gewonnen hat."

Wir schlenderten zurück zum Parkplatz, Klaus-Heinrich massaimäßig barfuß. Wir stellten uns vor, wie die Massai sich über uns beömmelten. Wir verabredeten uns für nächsten Sonntag, dann aber in richtigen Schuhen.

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