Von Achim Achilles
Früher, als die Schmuddelhefte noch unterm Ladentisch lagen, erfreuten sich Männer an Bildern von Frauen, die sich knapp bekleidet im Morast balgten. Schlammcatchen, das war der ungezähmte Vorläufer vom "Sexy Sportclip" im Deutschen Sportfernsehen DSF. Manche Lebewesen scheinen eben eine tiefverwurzelte Zuneigung zum Matsch zu hegen: Elefanten zum Beispiel, Kleinkinder und Wildschweine, vor allem aber Läufer.
Wer um diese Jahreszeit in eng anliegendem Beinkleid, weißen Socken und Edeltretern in den Wald rennt, der muss einer dieser Schlamm-Fetischisten sein. Denn nach einer Stunde bricht er als verkrustetes Wesen aus dem Dickicht. An den Schuhen klebt je ein Pfund Modder, die ehedem weißen Socken können zum Sondermüll, und der Rest der Klamotten gehört samt Läufer direkt in den unbarmherzigen Strahl des Kärchers.
Völlig schwachsinnig, das herbstliche Feuchtbiotop-Gerenne - und doch unendlich wunderbar. Voller Andacht wird der Läufer eins mit der Schöpfung und den Elementen. Schlammfromm. Moorpackungen sollen ja außerdem sehr gesund sein. Die ersten Meter versucht man noch, die Schuhe trocken zu halten. Aber das gibt man nach drei Minuten auf. Das ist etwa der Zeitpunkt, zu dem der Körper auf eine angenehme Betriebstemperatur hochgefahren ist. Kälte, Nässe, Schmutz – alles egal. Schmerzfrei im Dreck suhlen, das ist besser als jedes Urschrei-Seminar. Dreckwasser schmatzt im Takt der Schritte in den Schuhen, nasse Zweige peitschen das Gesicht.
Dann setzt die Phase der Schichtverkrustung ein. Wer zum nach hinten auswerfenden Schritt neigt, trägt eine breite Kotspur auf dem Rücken, was auf hellem Hemd sehr bald ein wenig stinktierartig aussieht. Wer den Dreck hinterher auch in den Haaren wiederfindet, sollte seinen Stil dringend überprüfen.
Auch die Innenwade wird frisch lackiert. Bei jedem Schritt wird ein Hauch Waldboden vom vorbeifliegenden Schuh in den Wadenhautstreifen zwischen Hosenbündchen und Sockenoberkante eingearbeitet. Der Genießer weiß: Da hilft nur die Wurzelbürste. Es sei denn, man vergisst diese Stelle beim Duschen. Dann wird das weiße Handtuch schietig. Hält fast solange wie ein Tattoo.
Nach 15 Minuten spätestens tritt der vom herbstlichem Trübwald euphorisierte Läufer endgültig in die Scheißegal-Phase ein. Keine Kurven mehr um Pfützen, stattdessen mittenrein. Juchheisa! Meistens sind sie tiefer als sie aussehen. Der Tröpfelregen vermischt sich mit dem Stirnschweiß zu einem kontinuierlichen Bach, eine Eigen-Elektrolyt-Behandlung, die bestimmt verboten ist. Ununterbrochen hat man den Geschmack einer Margarita im Mund, leider nur den Salzrand.
Leider muss ich den Funrun fast immer allein antreten. Klaus-Heinrich hat eine Dreckallergie. Sobald auf seinem feinen Laufzeug auch nur ein Stäubchen zu ahnen ist, fängt er hysterisch an, an sich herumzuklopfen. Er ist ein gottverdammter Herrenjogger, der Gottfried von Cramm der Laufbewegung. Neulich waren wir unterwegs, als plötzlich leichter Niesel einsetzte. Ich jubelte, Klaus-Heinrich wurde hysterisch. "Die Schuhe kriege ich nie wieder sauber", jammerte er. Dabei wirft er sie sowieso nach jedem Lauf in die Waschmaschine.
Umso genüsslicher ließ ich mich in die kleinsten Pfützen platschen, auf dass er auch bestimmt die fetten Spritzer abbekam. Mit Sprüngen, die jedem liebestollen Känguru zur Ehre gereicht hätten, versuchte er dem Streufeuer zu entkommen. Vergeblich: Bis zum Auto hatte ich seine linke Seite hübsch gesprenkelt.
Klaus-Heinrich gehört zu jener Sorte Menschen, die einen Handfeger im Kofferraum spazieren fahren, wofür auch immer. Damit arbeitete er den Schlamm nun sehr gleichmäßig ins Gewebe ein. "Da atmet nix mehr", sagte ich fröhlich, "jetzt kriegst Du ein Schweißbein." Wortlos klaubte er die karierte Hundedecke von der Rückbank, um seinen Ledersitzen jegliche Schlammspritzer zu ersparen. Dafür rochen seine Klamotten umgehend nach Hund.
Als ich nach Hause kam, schlug mir Mona die Tür vor der Nase zu. "Schuhe aus", bellte sie durch den Briefschlitz. "Die sind gar nicht dreckig, nur ein bisschen nass", entgegnete ich. "Die Hose auch", befahl meine Gattin. "Aber Schatz, doch nicht im Hausflur", wimmerte ich. Oben hörte ich eine Tür klappen. "In der Wohnung erst recht nicht", sagte Mona. Ich riss mir hektisch die Elastohose vom Bein. Jemand kam die Trepe herab. "Lass mich rein, Liebling", flehte ich. Mona öffnete die Tür eine Scheckkartenbreite. "Du siehst aus wie ein Schwein", fand sie. Ich drängelte in die Wohnung und nahm sie in den Arm: "Aber ein glückliches."
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