Von Achim Achilles
Eine der düstersten Regionen jedes Ausdauersportlers ist der T-Shirt-Friedhof. Meine historische Sammlung beläuft sich auf einen knappen Kubikmeter. Seit Jahren gelingt es mir, immer neue Leibchen dazuzustopfen. Physikalisch ist das kaum möglich, da objektiv kein Platz mehr dazwischen ist. Aber es muss sein. Man bekommt ja bei jedem Feld- und Waldrennen ungefragt ein Hemd, meist in miesen Farben, oft mit peinlichen Aufdrucken, immer in lausiger Qualität. Aber wegwerfen? Niemals.
T-Shirts sind wie Kaninchen - sie vermehren sich wie wild. Ich vermute, dass sich die Rückwand vom Schrank schon besorgniserregend beult; womöglich hat sie sich durch die Wohnungswand gearbeitet und die meisten meiner T-Shirts liegen beim Nachbarn. Aber er hat sich noch nicht gemeldet. Ich schaue nicht nach. Bloß keine schlafenden T-Shirts wecken.
Dabei bin ich seit Jahren entschlossen, dieses schwarzbunte Loch aufzuräumen. Aber es geht nicht. Wenn ich nur eines herausziehe, werden mir alle entgegenpurzeln. Und ich bekomme sie nie wieder so kunstvoll gestopft. Als Mona neulich Stauraum suchte für ihre beträchtliche und von mir finanzierte Wintergarderobe, wurde ich wieder mal auf mein textiles Endlager hingewiesen.
Sie (fordernd): "Du wolltest doch da aufräumen."
Ich (kleinlaut): "Ja, klar, aber nicht jetzt, ich muss zum Training."
Sie (tückisch): "Kein Problem. Ich mach das. Wenn Du zurückkommst, wirst Du den Schrank nicht wieder erkennen."
Ich (panisch): "Aber Schatz, das ist doch nicht nötig. Ich kümmere mich darum, ehrlich."
Sie (lauernd): "Und wann?"
Ich (überzeugend): "Nächstes Wochenende."
Sie (ärgerlich): "Ich brauche den Platz jetzt."
Ich (verzweifelt): "Na gut, heute Abend."
Sie (herrisch): "Wenn Du Dich drückst, werde ich aufräumen."
Ich (flötend): "Du kannst Dich auf mich verlassen, Hase."
Sie: Knurrt.
Abends war es soweit. Ich hatte auf Zeit gespielt, die Spülmaschine ausgeräumt, Laufsocken gebügelt, die Wochenendzeitungen gelesen, sogar den Kulturteil. Ich hatte Mona auf schöne TV-Schnulzen hingewiesen. Aber sie ließ sich nicht ablenken. Für eine Frau ist Mona bemerkenswert ausdauernd.
Gegen 21 Uhr gab es kein Entkommen mehr. Sie stand hinter mir wie Olga, die kasachische Gefängnisaufseherin. "Hol mal alle raus", riet sie mit trügerischem Kumpelton, "ich helfe Dir beim Zusammenfalten." Als ich am ersten zog (Berliner Halbmarathon 2004), kamen vier oder fünf ungebeten hinterher, darunter die unter Kennern sehr geschätzten Modelle "Volkstriathlon 2001" und "HEW-Cyclassics 2003".
Der Schrank sah unverändert übervoll aus. Insgeheim hatte ich gehofft, durch geschicktes Ziehen ein Baumwollgewölbe im unteren linken Eck zu schaffen, einen Hohlraum, in den Mona dann einen ihrer Pullover hätte hineinstopfen können. Es wäre die letzte Chance gewesen, das nahende T-Shirt-Massaker abzuwenden.
Die Gattin spürte meine Unlust, weitere Hemden ans Licht zu ziehen. Jedes Loch in meinem T-Shirt-Lager würde ein Loch in meinem Leben bedeuten. Was Frauen nie kapieren werden: T-Shirts besitzt man nicht, um sie zu tragen. Wann auch? Zum Laufen nimmt man Fortschrittsfaser. Unterm Oberhemd sieht ein T-Shirt eher grenzwertig aus. Und die Sommertage sind rar, an denen man ganz auf locker eins überwirft. Soll man das lappige Ding vom Grünwalder Burgtriathlon 1989 anziehen zur Gartenparty? Die Botschaft würde ja lauten: Meine letzte Großtat datiert aus dem Jahr des Mauerfalls. Außerdem ist das Hemd viel zu eng. T-Shirts neigen dazu, gleichzeitig auszuleiern und zu schrumpfen.
T-Shirts soll man ruhen lassen. Der Schrank ist wie ein Fotoalbum. Es sind Erinnerungen. Jedes Stück Stoff erzählt eine Geschichte, von wenigen Siegen und ungezählten Niederlagen. Jedem Hemd kann man eine Frau zuordnen, eine Wohnung, ein Wetter, ein Gefühl. Auf meiner Beerdigung soll jemand mein Leben anhand meiner T-Shirts nacherzählen.
Vorsichtig zog ich die nächste Wurst heraus. Mona musterte das Textil. "Kein einziges Mottenloch", murmelte sie. Sie hatte offenbar auf Schützenhilfe von Insekten gehofft. "Motten haben Respekt vor den Zeugnissen eines Sportlerlebens", sagte ich mit leiser Bitternis. Ich war bereit, ein oder zwei meiner baumwollenen Freunde zu opfern.
Plötzlich klingelte das Telefon. Monas beste Freundin Hildegard. Sie wollte ihre jüngste Trennung noch mal durchsprechen. Ich trennte mich von drei teuren Sweatshirts, um der Gattin neuen Platz anzubieten. Die T-Shirts stopfte ich mit zarter Gewalt zurück. Das war knapp. Wir hatten noch mal Aufschub bekommen.
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Maik sollte sich lieber in Ruhe auf sich selbst besinnen. Gelingt ihm das nicht, wurde er tatsächlich von einer grimmigen Märchenfee verhext. mehr...
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