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05.12.2006
 

Achilles' Verse

Nun quälen Walker auch noch Tiere

Von Achim Achilles

Mit Walkern lohnt es nicht zu diskutieren. Findet Achim Achilles. Bei denen ist Hopfen und Malz verloren. Doch während sich Läufer und andere echte Sportler der verstockten Brut erwehren können, haben Hunde keine Chance. Der Deutsche Tierschutzbund muss eingreifen.

Neulich rief Monas Vetter Kurt an. Kurt ist dick, alleinstehend, Medien-Pädagoge, Hundefreund und Walker. Zwei schlecht erzogene Schnauzer teilen Waldweg und Zweiraumwohnung mit ihm. Kurt wollte einen Rat von mir. "Du kennst Dich doch so gut mit Sport aus", sagte er am Telefon. Kurt ist ein Idiot, aber manchmal hat er ausnahmsweise Recht. Er betrachtet mich als ausdauersportliche Autorität, schon, weil ich einen halben Doppelzentner weniger wiege als er und laufe anstatt zu schleichen.

Vierbeiner: Fleißige Hunde, faule Walker
DDP

Vierbeiner: Fleißige Hunde, faule Walker

Kurt hat ein massives Materialproblem. Er ist einer dieser Individualisten, die es für mentale Schwäche halten, sich bei einem der gängigen Ausrüster einzukleiden. Kurt hat sich zum Beispiel seine erste Walking-Verkleidung selbst gebastelt. In einen mottenzerfressenen Flokati hat er, schnippschnapp, ein Loch geschnitten und fertig war die atmungsfreie Winterweste. Mit der Camouflage-Hose und den Baumwolltretern von Converse, an denen noch der Lehm von Woodstock klebt, sieht er aus wie der britische Kauz Catweazle und passt insofern ganz gut in den herbstlichen Grunewald. Tschätschä.

Leider kommt Kurt immer wieder raus. Und ruft umgehend bei uns an, um zu erklären, dass er ein total tolles Naturerlebnis hatte, viel intensiver als diese Läufer, die immer nur vor sich hin stieren und hecheln. "Ja, ja, Kurti", sage ich dann und gebe Mona den Hörer. Wenn Walking-Stöcke sprechen könnten, dann würden Kurts Paare heulen. Zwei hat er schon ruiniert. Die ersten Stöcke hatte er aus dem Keller geholt; sie gehörten zu einem Paar Skier aus Ötzis Besitz. Als Kurti die Dinger mit seiner Urgewalt in den Asphalt zu rammen versuchte, splitterten sie weg.

Das zweite Paar hatte er zusammen mit einem Wellness-Set erworben, bei einem ehemaligen Kaffeeröster. Dazu gab es die leger geschnittene Wellness-Hose mit Thermo-Innenfutter aus Kuschelfleece, die auch als Zweimannzelt durchgehen würde und die dazugehörige Wellness-Jacke in trendy Streetfight-Optik. Auch diese Walking-Stöcke waren nicht für Flusspferde wie Kurt ausgelegt. Als "Mighty Kurt" sich beim ersten Stretching auf die Alu-Prügel stützte, bog sich das weise Material ächzend. Dass es bei etwas Überflüssigem wie Walking-Stöcken tatsächlich Verschleiß geben würde, glaubte bislang kein Mensch.

Am Telefon druckste Kurt herum, weil er ahnte, dass ich ihn verspotten würde. Kurti gehört zu jener Sorte Menschen, die glauben, dass man sein Leben lang spachteln und sich ein wenig Fitness dann einfach dazukaufen kann. Immer mal wieder sage ich: "Kurti, friss einfach weniger und beweg Dich mehr." Aber er versucht es mit der gegenteiligen Strategie. Sport fand er nur gut, solange dieser nichts mit Bewegung zu tun hatte. Marketing-Lurche lieben Kurt, denn er ist ein "Early Adopter", also einer dieser Idioten, die jeden Trend als erste mitmachen. Kurt besitzt alle Fitnessgeräte, die jemals auf einem Verkaufskanal im deutschen Fernsehen zu bestellen waren. Bauch-weg-Roller, Rudermaschinen, Langlauf-Simulatoren, alles.

Er hat von seinen Nachbarn bereits zwei Kellerräume dazugemietet, wo er Ausstellungsstücke hortet für ein künftiges Museum nutzloser Lowtech-Maschinen, manche noch originalverpackt. Für sein Jahresbudget, das er im Versandhandel verpulvert, könnte Kurt selbst im edelsten Sportgeschäft der Hauptstadt eine erstklassige Laufausrüstung erstehen inklusive Schuhen mit einem iPod für jede Zehe. "Also, Achim, ich habe da was ganz Neues entdeckt", stammelte er. "Ernsthaftes Training womöglich?", fragte ich gelangweilt. "Nein, nein", sagte er, "was ganz, ganz anderes: ein Walking-Erlebnis – mit Huskys. Das würde sogar Dir gefallen."

Ich schwieg erschrocken, was Kurt die Chance gab, auszuholen. Im Otto-Katalog hatte er ein unglaubliches Angebot entdeckt. Zum Sonderpreis von 59 Euro kann der Walker sich von einem Schlittenhund zwei Stunden durch die Botanik ziehen lassen. Das arme Tier wird dazu in ein Geschirr gespannt, das wiederum per Leine am Trink- und Verpflegungsgurt des Walkers eingehängt wird. "Sehr gelenkschonend", konstatierte Kurti. "Wenn Du Rollschuhe anziehst, schonen Hund und Herr ihre Gelenke noch besser", riet ich, nachdem eine spontane Kurz-Depression und der nachfolgende Lachkrampf abgeklungen waren. "Du findest Husky-Walking also nicht gut?", schloss Kurt messerscharf. "Doch, doch", erwiderte ich: "Der Köter ist topfit hinterher."

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