Von Achim Achilles
Laufen ist eine Qual, immer, ganz egal, ob man gerade läuft, dann ist sie physisch, oder nicht läuft, dann ist sie psychisch. Es sei denn, das Laktat sitzt einem noch hartnäckig im Musculus tensor fasciae latae, was sie ja gern mal tut, diese miese kleine Milchsäure, vor allem, wenn man höchstens einmal im Monat an der bedenklich grobschlächtigen Technik arbeitet und zu diesem Zwecke alberne Verrenkungen im Stadion macht. Das dämliche Grinsen der anderen quält übrigens auch.
Sportler mit Schmerzen: Wer läuft, der leidet
Laufen, das ist aber auch Hoffnung. Die Illusion, nach dem samstäglichen Waldlauf nicht ganz so kaputt zu sein wie letzte Woche, die Illusion, dass die kleine, süße Praktikantin interessiert bis bewundernd gucken wird, wenn wir wie zufällig an der Stuhlkante ein Stück Hosenbein hochschieben, um unsere nun wirklich nicht schlechte Wade hervorblitzen zu lassen, die wir genau in diesem Moment auch noch anzuspannen versuchen, ohne angestrengt auszusehen, vor allem aber die Illusion, dass wir es dieses Jahr endlich packen können mit der neuen Bestzeit.
Jeder Blödhammel gibt mit seiner Zehn-Kilometer-Zeit von unter 40 Minuten an; dann werden wir doch wenigstens unter 45 bleiben. Aber seien wir ehrlich: Unter 50 war schon anstrengend genug. Und gesund ist es ja auch nicht, diese Anstrengerei. Ist uns sowieso völlig egal. Was soll der Stress? Man kann ja auch mal vernünftig sein und muss nicht immer in Leistungskategorien denken, sagt das Engelchen. Vernunft? Was ist das?, fragt dagegen das Teufelchen. Wir wollen siegen, um jeden Preis. Lieber tot als Zweiter. Wofür treiben wir den ganzen Irrsinn denn sonst?
Laufen ist permanenter Widerspruch, Hegelsche Dialektik mit Matsche am Schuh, das ewige Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Euphorie und Suizidplänen, zwischen Sucht und Unlust, ein emotionales und physisches Durcheinander, das uns noch mehr als ohnehin schon an uns zweifeln lässt. Einmal, nur einmal, wollen wir einen großen Sieg, am liebsten über uns selbst. Aber anstrengen wollen wir uns lieber nicht, auf jeden Fall nicht soviel. Wir sind uns deswegen nie gut genug. Wir könnten immer besser sein als wir sind. Auch dünner. Aber nächste Woche ist ja auch noch ein Tag zum Trainieren, das reicht auch noch zum Bessersein.
Wir müssen immer weiter laufen, damit wir weiter an uns leiden können. Laufen ohne Leiden ist völliger Quatsch. Lauf und Leid gehört untrennbar zusammen. Es gibt ja auch kein Bier ohne Wasser.
Leiden, das ist ein gutes Stichwort. Natürlich tut uns immer irgendetwas weh. Neben den vielen ernsten Verletzungen, die wir schon seit Jahren mit uns herumtragen, weil wir sie geduldig und heldenhaft verschleppt haben, sind da noch diese ganzen kleinen Ärgerlichkeiten, die sich durch konsequentes Ignorieren vielleicht auch einmal zu etwas Ernsthaftem auswachsen. Es ist dieses wohlbekannte Zwicken und Piepen und Pfeifen und Gurgeln und Quietschen in allen erdenklichen Regionen des Körpers, jenes vertraute Grundgrummeln auch dort, wo normale Menschen niemals Körpergeräusche vermuten würden.
Neue Geräusche machen den Läufer hingegen ausgesprochen misstrauisch. In der Schulter zum Beispiel hat es bislang immer nur gejault. Aber seit gestern klappert es da auch. Ob es was Ernstes ist, Dramatisches gar, mit dem ich beim nächsten Lauftreff so richtig angeben kann? Eine Läuferschulter? Ist das lebensbedrohlich? Jedenfalls hatte das in den letzten Monaten niemand. Fix den lateinischen Ausdruck gegoogelt und die ganze Mitläuferbande steht stramm vor Andacht. "Läuferschulter...", murmeln sie und spüren ganz feste ringsherum um ihren eigenen Schultergürtel. Aber das ist nichts außer dem altbekannten Quietschen. Tjaha, so eine Läuferschulter hättet ihr wohl auch gern, denke ich mir dann. Aber nachmachen ist zu einfach. Ihr Schlingel müsst euch schon eine eigene exotische Krankheit ausdenken. Jeder Läufer hat eben den Ehrgeiz, sein ganz persönliches Zipperlein zu besitzen.
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