Von Achim Achilles
0:00 Stunden:
Sonntag, 4. Februar, Truppenübungsplatz Handorf zwischen Friedhof Lauheide und Bauer Holtkötter sein Hof. Noch 21 Minuten bis zum Start. Ohrenbetäubender Lärm. "TNT" von AC/DC. Wer nur den Berlin-Marathon gewohnt ist, zuckt zusammen. Da läuft immer nur "Final Countdown" von Europe. Spezialagent Achim Bauer vor seinem brutalsten Auftrag: der Strongman-Run. Zwölf Kilometer. 22 Todesfallen unterwegs. 1900 Feinde. Nur die härtesten kommen durch. Der erste, brutalste und lustigste Hindernislauf Deutschlands. Besser als Querfeldein. Herausforderung für Läufer, die sonst immer nur stumpfe Runden drehen und panisch auf Sekundenzeiger glotzen. Die gute Nachricht: Weit und breit keine Walker. Nur Hartholz hier. Bis auf einen: Ex-Hochspringer Carlo Thränhardt. Der wollte starten, verplauderte sich aber am Abend zuvor offenbar mit Münsters Gogos. Täuschte am Startmorgen eine Magenverstimmung vor. Verkroch sich im VIP-Zelt. Uschi des Jahres.
0:18 Stunden:
0:21 Stunden:
Startschuss. Die Orks stürmen los. Erstes Hindernis ist ein maulwurfuntergrabenes Feld. Dann der See des Teufels. Orks stürmen mitten durch den hüfttiefen Tümpel. Spezialagent Achim Bauer wählt den schlammigen Weg drumherum. Erster Rückstand. Wir sehen trotzdem alle aus wie die Schweine.
0:30 Stunden:
Drei Steilhänge hintereinander, glitschig, Dornen, Geröll. Schwachbeinige klimmen die Hälfte empor, rutschen dann zurück und purzeln über die Nachdrängenden. Ellbogen im Gesicht. Steine im Schuh. Stahl im Blick. Die ersten Gegner schwächeln und hecheln.
0:45 Stunden:
Autoreifen, soweit das Auge reicht. Wohin mit den Füßen? Mittenrein oder auf die Ränder? Alles ist immer falsch. Zarte Knöchel werden zwischen gigantischen Treckerreifen zerrieben, über die fröhlich die Feinde springen. Flüche, Schreie, Verzweiflung.
0:49 Stunden:
Gedränge vor unüberwindlicher Strohballenpyramide. Hunderte warten, brüllen vor der Mauer: "Wir sind das Volk!" Das Heu ist angeblich gebraucht, lag also schon eine Weile im Stall. Keine Stufen, kein Halt. Fremde Hintern in die Höhe stemmen, von oben werden helfende Hände gereicht. Strongmänner sind Teamsportler. Achim Bauer bekommt eine jener dünnen Schnüre zu fassen, die die Ballen zusammenhalten. Über 90 Kilogramm, sein ganzes Leben, hängt an einer Kunstfaserstrippe. Tiefer Einschnitt in die Hand.
0:56 Stunden:
Hölle auf Erden. Hintereinander vier Betonröhren mit 60 Zentimetern Durchmesser. Krabbeln unmöglich, nur aalartiges Robben. Breithüften müssen fürchten, steckenzubleiben. Ellenbogen und Knie fühlen sich an wie Hackfleisch mit Chili.
1:01 Stunden:
Sechs Kilometer, erste Runde geschafft. Ein entkräfteter Vollpfosten will durchs Ziel trotten. Nichts da, Freundchen. Streckenposten jagen ihn zurück. Das ganze noch mal, weil's so schön war. Sieger Lubina läuft wenig später durchs Ziel. 40 Minuten und 35 Sekunden. Großer Sport. Tiefster Respekt.
1:17 Stunden:
Noch einmal die Strohballenpyramide. Ein vollschlanker Rheinländer schafft beim besten Willen nicht, die letzten zwei Meter empor zu klimmen, läßt sich immer wieder fallen und begräbt Sportsfreunde unter seinem Kölschleib. Lassen ihn nach dem dritten Versuch einfach liegen. Die Bundeswehr räumt ihn hinterher bestimmt weg.
1:36 Stunden:
Spezialagent Achim Bauer hat es tatsächlich geschafft. Zieleinlauf nach 75 Minuten Martyrium. Ungefähr Platz 800. Nur fünf Minuten schneller, und es wären 200 Plätze weiter vorn gewesen. Egal. Durchkommen ohne Verletzung zählt.
36 Stunden danach:
Fünf Duschbäder später weichen auch die letzten Schlammreste vom Läuferleib. Faszinierend, wo sich der westfälische Modder überall festkrallt. Spezialagent Achim Bauer hat die härteste Prüfung seines Läuferlebens überstanden. Nächstes Jahr bin ich wieder dabei. Dann geht der Strongman hoffentlich über drei Runden.
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH