Achilles' Verse

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06.02.2007
 

Achilles' Verse

AC/DC auf dem Truppenübungsplatz

Von Achim Achilles

Achim Bauer, Dauerläufer und zu Recht unbekannter Bruder von Terroristenjäger Jack Bauer aus der Serie "24", hat eine Mission: den Strongman-Run, die härteste Prüfung Westfalens. Heavy-Metal-Musik soll die Teilnehmer im Hindernis-Parcours vorantreiben. Das Protokoll einer Schinderei.

0:00 Stunden:
Sonntag, 4. Februar, Truppenübungsplatz Handorf zwischen Friedhof Lauheide und Bauer Holtkötter sein Hof. Noch 21 Minuten bis zum Start. Ohrenbetäubender Lärm. "TNT" von AC/DC. Wer nur den Berlin-Marathon gewohnt ist, zuckt zusammen. Da läuft immer nur "Final Countdown" von Europe. Spezialagent Achim Bauer vor seinem brutalsten Auftrag: der Strongman-Run. Zwölf Kilometer. 22 Todesfallen unterwegs. 1900 Feinde. Nur die härtesten kommen durch. Der erste, brutalste und lustigste Hindernislauf Deutschlands. Besser als Querfeldein. Herausforderung für Läufer, die sonst immer nur stumpfe Runden drehen und panisch auf Sekundenzeiger glotzen. Die gute Nachricht: Weit und breit keine Walker. Nur Hartholz hier. Bis auf einen: Ex-Hochspringer Carlo Thränhardt. Der wollte starten, verplauderte sich aber am Abend zuvor offenbar mit Münsters Gogos. Täuschte am Startmorgen eine Magenverstimmung vor. Verkroch sich im VIP-Zelt. Uschi des Jahres.

AC/DC-Frontmann Young: Berliner Läufer sind nur "The Final Countdown" gewohnt
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AC/DC-Frontmann Young: Berliner Läufer sind nur "The Final Countdown" gewohnt

0:18 Stunden:
Noch drei Minuten bis zum Start: Die Sonne blinkt durch die Wolken. Die Meute pfeift und buht. Sie wollen Regen, Hagel, Gewittersturm. Eine Bande grimmiger Emsländer schüttet sich ein letztes Startbier in den Rachen. Sie grölen "Attacke!" Umzingelt von pferdegesichtigen, weißhäutigen, wettererprobten Westfalen in kurzen Hosen, die aus Coesfeld, Telgte, Rheine und Emsdetten kommen; Wesen, halb Mensch, halb Ork, die wassernasse Heuballen und knietiefen Schlamm für völlig normale Lebensumstände halten. Angst kriecht in die Knochen von Spezialagent Achilles.

0:21 Stunden:
Startschuss. Die Orks stürmen los. Erstes Hindernis ist ein maulwurfuntergrabenes Feld. Dann der See des Teufels. Orks stürmen mitten durch den hüfttiefen Tümpel. Spezialagent Achim Bauer wählt den schlammigen Weg drumherum. Erster Rückstand. Wir sehen trotzdem alle aus wie die Schweine.

0:30 Stunden:
Drei Steilhänge hintereinander, glitschig, Dornen, Geröll. Schwachbeinige klimmen die Hälfte empor, rutschen dann zurück und purzeln über die Nachdrängenden. Ellbogen im Gesicht. Steine im Schuh. Stahl im Blick. Die ersten Gegner schwächeln und hecheln.

ZUR PERSON

Achim Achilles ist einer der über zehn Millionen deutschen Läufer. Er ist nicht mehr ganz jung, nicht mehr ganz schlank, nicht mehr ganz fit. Früher war er gut trainiert. Dann kam der Job, die Familie, der Rotwein. Jetzt fängt er wieder an zu laufen. Nicht weil er es mag, sondern weil er die Sticheleien seiner Frau Mona nicht länger erträgt. Das Gerede vom Spaß am Laufen macht Achim nicht mit. Laufen ist für ihn wie Zahnarzt, man kommt nicht drum herum. Sein Traum: der Ironman auf Hawaii. Leider ist der Weg dorthin beschwerlich. Von seinem Training spürt er nur mordsmäßigen Hunger. Achim lässt SPIEGEL ONLINE an seinen Läufen teilhaben. Er schreibt Tagebuch - jede Woche ein neues Kapitel.
0:43 Stunden:
Hechtsprung in den Schlamm. Kriechen unter kniehohen Gittern. Matschsohle des Vordermanns im Gesicht. Kalter nasser Dreck quält zartes Bauchfleisch. Von oben quälen Helfer mit athletenverachtendem Hohn.

0:45 Stunden:
Autoreifen, soweit das Auge reicht. Wohin mit den Füßen? Mittenrein oder auf die Ränder? Alles ist immer falsch. Zarte Knöchel werden zwischen gigantischen Treckerreifen zerrieben, über die fröhlich die Feinde springen. Flüche, Schreie, Verzweiflung.

0:49 Stunden:
Gedränge vor unüberwindlicher Strohballenpyramide. Hunderte warten, brüllen vor der Mauer: "Wir sind das Volk!" Das Heu ist angeblich gebraucht, lag also schon eine Weile im Stall. Keine Stufen, kein Halt. Fremde Hintern in die Höhe stemmen, von oben werden helfende Hände gereicht. Strongmänner sind Teamsportler. Achim Bauer bekommt eine jener dünnen Schnüre zu fassen, die die Ballen zusammenhalten. Über 90 Kilogramm, sein ganzes Leben, hängt an einer Kunstfaserstrippe. Tiefer Einschnitt in die Hand.

0:56 Stunden:
Hölle auf Erden. Hintereinander vier Betonröhren mit 60 Zentimetern Durchmesser. Krabbeln unmöglich, nur aalartiges Robben. Breithüften müssen fürchten, steckenzubleiben. Ellenbogen und Knie fühlen sich an wie Hackfleisch mit Chili.

1:01 Stunden:
Sechs Kilometer, erste Runde geschafft. Ein entkräfteter Vollpfosten will durchs Ziel trotten. Nichts da, Freundchen. Streckenposten jagen ihn zurück. Das ganze noch mal, weil's so schön war. Sieger Lubina läuft wenig später durchs Ziel. 40 Minuten und 35 Sekunden. Großer Sport. Tiefster Respekt.

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Greifen Sie zu!
1:11 Stunden:
Die Strecke wird leerer. Die ersten gehen, humpeln, pumpen oder hocken sich auffallend lange hin, um die Schuhe zuzubinden. Nur die Emsländer pflügen wieder fröhlich johlend durch den See. Wo früher mal Beine mit Schuhen waren, baumeln schwarze Klumpen.

1:17 Stunden:
Noch einmal die Strohballenpyramide. Ein vollschlanker Rheinländer schafft beim besten Willen nicht, die letzten zwei Meter empor zu klimmen, läßt sich immer wieder fallen und begräbt Sportsfreunde unter seinem Kölschleib. Lassen ihn nach dem dritten Versuch einfach liegen. Die Bundeswehr räumt ihn hinterher bestimmt weg.

1:36 Stunden:
Spezialagent Achim Bauer hat es tatsächlich geschafft. Zieleinlauf nach 75 Minuten Martyrium. Ungefähr Platz 800. Nur fünf Minuten schneller, und es wären 200 Plätze weiter vorn gewesen. Egal. Durchkommen ohne Verletzung zählt.

36 Stunden danach:
Fünf Duschbäder später weichen auch die letzten Schlammreste vom Läuferleib. Faszinierend, wo sich der westfälische Modder überall festkrallt. Spezialagent Achim Bauer hat die härteste Prüfung seines Läuferlebens überstanden. Nächstes Jahr bin ich wieder dabei. Dann geht der Strongman hoffentlich über drei Runden.

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