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10.04.2007
 

Achilles' Verse

Der stille Star von Gate 72

Von Achim Achilles

Achim hat ein Problem: Er muss mit der Familie in den Urlaub, doch auf laufspezifische Notwendigkeiten wird bei der Wahl des Reiseziels null Rücksicht genommen. Das ist aber noch lange kein Grund, beim Prestigerennen Pauschalurlaub mitzumachen.

Lauftraining und Familienurlaub schließen sich praktisch aus. Erst recht, wenn Mona bucht. In Ferienfragen herrscht bei uns verhängnisvolle Arbeitsteilung: Sie sucht aus, meist das Teuerste, und gibt meine Kontonummer an. Über Ostern hat es uns an die türkische Riviera verschlagen. "Ideal für die Kinder", flötete Mona. Und eine Katastrophe für Läufer, dachte ich. Schlaglöcher, hungrige Hunde, nach wenigen Schritten ist man im Libanon oder sonst einem Bombenhagel. Und entführt werde bestimmt wieder ich.

Strand, Touristen: Kein Platz für knackige Sprints
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DPA

Strand, Touristen: Kein Platz für knackige Sprints

Wir treffen unsere künftigen Mit-Geiseln am Flughafen. Pauschalurlaub ist permanente Zurschaustellung des eigenen Status mit umgehender Kontrolle und Bewertung durch alle anderen und anschließendem Erstellen eines soziodemografischen Rankings. Sonnenbrille, Klamotte, Handtasche, Technik-Spielzeug der Kinder, die chirurgisch getunte Gattin aus dem osteuropäischen Kulturkreis – eine Leistungsschau der Prestigeobjekte. Ist der rotgesichtige Fettsack, der seine Sippe mit albernen argentinischen Polo-Hemden ausstaffiert hat, ein wichtiger Mann? Oder ein Blender? Mona hatte sich nur für diesen Moment neue Sandalen zugelegt; von dem Geld hätte ich früher vier Wochen Rucksackurlaub gemacht. Zum Glück will sie keine Klebefingernägel wie die anderen Frauen hier.

Ich hatte einen Anschlag geplant auf die tumbe Symbolik der Auch-nicht-viel-besser-Verdienenden. "Du willst doch nicht so verreisen?", hatte Mona zuhause gekreischt. "Doch", entgegnete ich mit dem Selbstbewusstsein des Urlaubsbezahlers und schnürte meine sehr alten, sehr speckigen Laufschuhe, an denen Dreckreste etwa vom Winter 2003 klebten. Ich hatte sie nur aus nostalgischen Gründen noch hinten im Schrank aufbewahrt. Dazu eine erdbeerfarbene Laufjacke und eine dreiviertellange Freizeithose, garantiert frei von Labeln. Auch wenn Mona sich in der Abflughalle weit entfernt von mir niedersetzte, war meine Strategie ein voller Erfolg. Alle hier waren zu dick, zu dünn, zu doof. Ich aber war Läufer, Asket, Athlet – Krone der Schöpfung. Neidvolles Taxieren der Männer, interessierte Blicke der Frauen. Ich meinte, hier und da ein einladendes Zwinkern zu entdecken. Achilles, der stille Star von Gate 72.

Im Flugzeug verweigerte ich demonstrativ die zugeworfene Nahrung. Wenn Papp-Sandwiches und eingeschweißter Käsekuchen übergehen in Pancakes und Kroketten am Hotelbuffet, dann ist man gefesselt in einer endlosen Kette frittierter Kohlehydrate. Nicht mit mir. Ich wollte zwei Wochen lang eine Eiweißkur machen. Bis auf eine Schubkarrenladung Fritten zu jeder Mahlzeit hielt ich die ersten beiden Tage auch ganz gut durch. Wenn nur Mona wieder mit mir reden würde. Eines Abends war "elegante Kleidung" gefragt. Ich besaß zum Glück genügend anarchische Läuferaccessoires, das Mode-Diktat zu bombardieren. Mona zuliebe legte ich den Trinkgürtel mit Startnummernband aber doch nicht an. "Alle gucken zu uns", wisperte Karl. "Na endlich mal", entgegnete ich. Mona wollte später essen gehen.

Am dritten Morgen fühlte ich mich fit für ein kleines Läufchen. Die Strandpromenade war von angenehmer Kürze, wie gemacht für eine Serie knackiger Sprints. Lange Tempoeinheiten machen mich völlig fertig. Zum Einlaufen nutzte ich die Strecke, die vom Essenssaal gut einzusehen war. Ich wollte auf den bewundernden Blicken meiner unsportlichen Miturlauber dahin gleiten. Der Strandfeger starrte mich verständnislos an.

Ich wählte eine Trainingsstrecke zwischen Hotel und Parkplatz, mit jeweiliger etwa 40 Meter langer Show-Passage für die Frühstückenden. Zehnmal geschätzte 300 Meter erschienen mir ausreichend. Zur Not konnte man unkompliziert auf acht oder sechs Mal reduzieren. Ich hatte keine Uhr dabei, weil die Batterie der Polar mal wieder schlapp gemacht hatte, vier Stunden vor Abflug. Also ahnte ich mein Tempo. Läufer können ihren Körper ja lesen und hören. Ich fühlte mich sehr schnell an.

Nach der siebten Einheit reichte es. Deutlich mehr als sechs und fast zehn - ein tolles Pensum. Zum Verschnaufen ging ich ein paar Schritte, als mir plötzlich ein Vierjähriger gegenüberstand. "Mama", brüllte er, "da ist der Mann, der immer auf und ab läuft. Aber er läuft gar nicht." Die Blicke der nachfolgenden Eltern waren purer Hohn. Ich weiß, was sie dachten: Dieser Typ, der läuft immer nur, wenn ihn andere sehen. Was wissen diese Ignoranten schon von hocheffizientem Tempotraining? Sie würden überall im Hotel die Geschichte vom Läufer erzählen, der gar nicht läuft. Mein sozialer Abstieg war perfekt. Von 100 auf Null in drei Sekunden. Heute Nachmittag würde ich im Schwimmbad alles wieder gut machen müssen.

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