Von Achim Achilles
Die Familie ist ja der natürliche Feind des Ausdauersportlers. Kinder trödeln entweder, sind zu schnell und Ehefrauen drehen die Augen zum Himmel und stöhnen: "Muss das denn schon wieder sein...", wobei sie jedes Wort viel zu lange betonen. Vergangenes Wochenende allerdings ist es uns erstmals gelungen, alle Interessen aufs Gedeihlichste zu vereinen. Seltene familiäre Glücksmomente.
Es begann damit, dass ich mir, von Mona praktisch unbemerkt, ein neues Rennrad besorgt hatte. "Warum glitzert das denn so komisch schwarz", fragte Mona skeptisch, als sie es zum ersten Mal sah, "ist das etwa so eine sündteure Metallic-Lackierung"? Ich war auf die Frage vorbereitet. "Nee, nur Kohlefaser", sagte ich wahrheitsgemäß, und fügte nicht mehr ganz so wahrheitsgemäß hinzu: "Das Zeug, aus dem Bleistifte und Grillkohle auch sind. Ein Allerweltsmaterial."
Mona zog die Braue empor. Sie schlich um das Rad herum und versuchte, Accessoires zu entdecken, die nach unnötigem Geldausgeben aussahen. Vorbau, Flaschenhalter, Sattelstütze, Schaltung - das Rad war voll davon. Aber Mona fand sie nicht. Es war ein Spitzen-Bike. Leider fehlten mir die entsprechenden Beine. Egal. Wenn man lange unterwegs ist, muss man umso besser aussehen. Wie sollte ich sonst bei den Jedermännern bestehen, die bei der Triathlon-WM in Hamburg am nächsten Wochenende vor den echten Sportlern starten dürfen? "War echt ein Schnäppchen", flunkerte ich. "Und Karl kann mein altes haben."
Immerhin hatte ich nun einen Grund, mich beim "Kallinchen-Triathlon" von der Olympischen auf die Gurken-Distanz umzumelden. Ich musste ja bei meinem Sohn bleiben, bei seiner Premiere. Harmonie hatte sich unserer Familie bemächtigt. Mona murrte nicht mal, als wir sonntagmorgens um kurz nach sechs unsere Ausrüstung ins Auto stopften. Praktischerweise findet der Kallinchen-Tri am Strandbad statt. Mona konnte sich also mit dem kleinen Hans in die riesige Sandkiste verziehen und all den anderen Tri-Müttern erzählen, dass Gatte und Sohn gemeinsam an den Start gingen.
Ich bot Karl den festeren Teil einer Matschbanane an. Mein Sohn schluckte. Mit aller Macht versuchte er, sich nicht under-equipped zu fühlen. Bis wir hier ankamen, hatte er den Eindruck, mit einem richtigen Rennrad, guten Schuhen und einem hübschen Leibchen gut ausgestattet zu sein. Angesichts der Ausrüstungs-Fetischisten schrumpfte sogar die bewunderte Carbon-Karre seines Vaters zum Normalrad. Wir fühlten uns wie DDR-Bürger, die nach dem Mauerfall mit ihrem Knatter-Trabi auf einer Westautobahn versuchten, im Windschatten eines Lasters dauerhaft 100 Kilometer pro Stunde zu schaffen. Uns blieb nicht anderes als die inneren Werte. "Was zählt, sind die Beine", sagte ich aufmunternd. Karl nickt tapfer. In Wirklichkeit wollte er Neopren und Softride. "Ist doch peinlich", sagte ich. Kein Argument. Manchmal ist jeder gern mal peinlich.
Eine Stunde später war nichts mehr peinlich: Karls Radzeit war die 39.-beste von 300 Teilnehmern, obwohl er sich standhaft geweigert hatte, in meinem Windschatten zu fahren. Mona platzte vor Glück und konnte sich fachmännische Bemerkungen nicht länger verkneifen: "Das war doch die perfekte Vorbereitung für Hamburg", dozierte sie im Stil der Bundestrainerin. Ich schwieg. Vielleicht gehe ich auch noch mal shoppen vor Hamburg. Was die Beine nicht schaffen, muss das Material leisten.
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