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18.09.2007
 

Achilles' Verse

Walker-Auflauf in der Frittenbude

Von Achim Achilles

Walken lohnt sich - allerdings nur für die Industrie, die den Modern-Walking-Fans pausenlos neue Ausrüstung andreht. Trotzdem glauben Millionen Stöckchenzieher, dass Naturgesetze ausgehebelt werden können. Doch im Schleichtempo findet Fettverbrennung nicht statt.

Im Vergleich zum echten Freizeitathleten ist dem Walker jedes Gefühl für Scham abhanden gekommen. Um die eigene Vorstellungskraft anzuheizen und sonntäglichen Zeugen im Wald auch keineswegs im Unklaren zu lassen, was gerade dargeboten wird, braucht es ein brachiales öffentliches Zurschaustellen.

Fettquelle Pommes: Der Körper will seine Reserven nicht hergeben
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Fettquelle Pommes: Der Körper will seine Reserven nicht hergeben

Wichtiger als jede Leistung ist die furchterregende Ausrüstung, von den Stöckchen in Alarmfarbe bis zum Trinkfassgurt, das Halsband mit Schlüssel, Handy und MP3-Player, dazu GPS-Ortung, Defibrillator, Kamera. Und auf den Ohren sitzen ein paar Kopfhörer, damit man hinterrücks nahende Läufer auch garantiert nicht hört. Je mehr exhibitionistisch transportiertes Equipment, desto stärker scheint die Illusion zu wirken, man bewege sich unheimlich professionell durchs Unterholz.

Es ist wie permanenter Karneval: Ein bisschen Verkleidung katapultiert den Walker aus dem Alltag des trägen Ichs. Das wäre kein Problem, solange diesen armen Menschen von einer perfiden Industrie nicht die totale Gesundheit vorgegaukelt würde. Eine Bewusstseinsmaschine, mit dem Duo diabolo Rosi Mittermaier/Christian Neureuther im Führerhaus und vielen anderen geschäftstüchtigen Strahlemännern dahinter, hat aus einem Irrtum ein hochprofitables Geschäft gemacht. Denn Walking lohnt sich. Mehr als vier Millionen Paar Stöcke gammeln in deutschen Kellern oder in den Händen ihrer Besitzer vor sich hin. Kein Freizeitvertreib der vergangenen Jahre hatte derartige Zuwachsraten zu verzeichnen.

Langsam allerdings müsste die ersten Modern-Walking-Fans kapieren, dass sie getäuscht worden sind. Denn Walking funktioniert nicht. Wenn der Stockmarsch schön, fit und schlank machen würde, warum sehen Walker dann überwiegend so gruselig aus? Walking ist nichts anderes als Gehen, es wird nur anglo-dynamischer verkauft. Gehen ist gut und schön und seit Jahrtausenden erprobt, aber eben weit entfernt von erhöhtem Puls, Leistungszuwachs und Fettverbrennung.

Dass das Walken Hüftgold zum Schmelzen bringt, ist einer dieser unausrottbaren Mythen, den die Walker ganz besonders gerne glauben. Klingt ja auch zu schön. Man schlendert plaudernd durch die Gegend und das Fett schmurgelt einfach davon. Doch Fett ist wie Sonne: Theoretisch bietet es wahnsinnig viel Energie, praktisch aber nie dann, wenn man sie braucht. Der Körper will sein Fett nicht hergeben. Er hat über Jahrmillionen gelernt, überschüssige Kalorien an Bauch, Beinen, Po zu speichern, als Reserve für lange kalte Winter. Frühestens ab einer Stunde Laufen macht der Körper sein Fett locker. Man muss ihm jedes Gramm abringen, und das strengt an. Entweder weil die Läufe lang und langsam sind oder kurz und schnell. Was garantiert hilft, ist lang und schnell. Was garantiert nicht hilft, ist kurz und langsam. Dass es hinter einer Walkerhorde trotzdem nach Frittenbude riecht, hat weniger mit Fettverbrennung zu tun als mit deren liebstem Aufenthaltsort.

Natürlich ist es jedem Menschen unbenommen, seine Freizeit so unsinnig zu gestalten, wie er möchte. Doch die Freiheit des Walkers endet dort, wo die Unfreiheit anderer temporärer Waldbewohner beginnt. Und genau an diesem Punkt hat das Millionenheer der Walker den Bogen zu oft überspannt. Sie stehen nicht nur im Weg, sie betrachten inzwischen auch jeden Pfad als ihr Privateigentum und verbellen jeden, der es wagt, sich in ihrem Revier zu bewegen.

Es ist an der Zeit, den Irrsinn als solchen zu bezeichnen und diese Volksverdummung und ihre schrecklichen Folgen zu bekämpfen. Denn der Walker ist grundsätzlich intolerant. Weil er im tiefsten Inneren ahnt, dass sein Treiben nah an der Albernheit rangiert, kompensiert er sein schlechtes Gewissen mit einem besonders selbstherrlichen Auftritt. Er philosophiert unablässig über die angeblichen Vorzüge seines Zeitvertreibs, zeiht Läufer ihres Ehrgeizes und der Körpermisshandlung. Verbarg sich der Walker früher noch in Grünanlagen, so klackern seine Stöcke inzwischen überall: in Fußgängerzonen und U-Bahnen, auf Flughäfen und in öffentlichen Bedürfnisanstalten.

Walking ist zu einer Geißel der Menschheit geworden, die Walker-Bewegung, wenn auch naturgemäß langsam, auf dem Weg zur terroristischen Vereinigung. Erbarmungslos breiten sie sich aus, bekämpfen Andersgläubige, sind überzeugt, dieser Planet sei nur für sie gemacht. Der Walker entspricht dem Typus des Teleshoppers, der Bauch-weg-Gürtel, Zauberunterwäsche und Klebedrinks bestellt, von denen man angeblich schnell dünn wird. Sixpack ohne Situps, Marathon ohne Schweiß, Abnehmen ohne Verzicht. Es ist kein Zufall, dass fast alle Walker aussehen wie RTL-Bulle Harry "Slimfast" Wijnvoord, vor allem die Frauen.

Das Versprechen von Wundern bedient perfekt die Schnäppchen-Mentalität des Walkers, ein Typ also, der als erster den Flughafenbus besteigt, um sich mitten im Eingang mit seiner für Handgepäckverhältnisse viel zu großen Tasche breitzumachen, damit er auch ja als erster die Treppe zum Flugzeug erklimmen kann. Menschen, die sich von "Ich bin doch nicht blöd"-Reklame angesprochen fühlen, an Horoskope glauben, früher an Bauherrenmodelle und an wundersame Geldvermehrung durch Kettenbriefe. Zeitgenossen also, die sich für so schlau halten, dass sie die Naturgesetze aushebeln können, zum Beispiel jenes, dass man eine Buttercremetorte zum Frühstück mit 27 Minuten Stöckchenziehen nicht davon abhalten kann, sich auf den Hüften niederzulassen.

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