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23.10.2007
 

Achilles' Verse

60 Euro statt 60 Minuten

Dumme Sache: Achim Achilles hat ein dickes Minus auf seinem Läuferkonto. Doch sein Vorhaben, das im Morgengrauen wieder auszugleichen, endet im Desaster: Die Polizei schnappt ihn, statt laufen heißt es blechen.

Ich schwöre, heute wollte ich laufen gehen. Ich wollte nicht nur, ich musste. Eine Woche ohne Laufen, das ist wie ein Monat ohne Bier – eine Katastrophe. Schon am zweiten Tag ohne Training spürt man, wie sich entfesselte Fettzellen aufpumpen. Spätestens am dritten Tag ohne raunze ich meine Frau an, zwar fast immer zu Recht, aber das will sie einfach nicht kapieren. Am Tag vier verspüre ich schlimme Anzeichen einer Handy- und Computer-Allergie. Überall bimmelt und rappelt es. Ich giere nach der Ruhe des Waldes.

Polizeikelle: Einmal telefonieren macht 60 Euro
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DDP

Polizeikelle: Einmal telefonieren macht 60 Euro

"Lerne leben ohne Laufen", so ungefähr dichtete einst der große Physio-Philosoph Udo Jürgens. Aber es geht nicht. Nur frische Luft außerhalb der digitalen Welt kann mich retten. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mit der Gabel rhythmisch über den Teller schrieke, weil mir das Geräusch schleifender Walking-Prügel fehlt. Sicheres Zeichen unmittelbar bevorstehenden Laufmangelwahnsinns.

Die Regel lautet: Jede Stunde laufloses Leben muss durch mindestens eine Minute Training kompensiert werden. Macht 144 Minuten pro Woche. Die verheerende Bilanz der letzten sieben Tage: 43 Minuten. Ich habe also 101 Minuten Laufschulden plus gut 70 aus der letzten Woche. Die Monate davor habe ich zum Glück vergessen. Auf jeden Fall stehe ich kurz vor der läuferischen Privat-Insolvenz.

Vor ein paar Wochen habe ich testhalber den Wecker auf 5 Uhr 50 gestellt. Er bimmelte wirklich. Mona schlug mich mit ihrem Schmusekopfkissen, murmelte "Schwachkopf" und schnarchte weiter. Ich fühlte mich wie Hektor, als ich aus dem Haus trat. Der nächstgelegene Park ist leider nicht viel größer als das Studio von Anne Will, maximal 200 Meter Umlaufbahn. Nach der siebten Runde verspürte ich linkshüftigen Stechschmerz. Ich lief fünfmal andersherum. Dann war mir schlecht von der Kreiselei.

Laufen zur besten Schlafzeit ohne Frühstück mit einer kaum verdauten Vorabendflasche Weißburgunder im Bauch ist die Hölle. Ich stellte mich auf den Rasen und kreiste die Arme. Ich überlegte, wie diese Yoga-Übung ging, die Mona einst exerzierte, weil man davon in fünf Minuten superfit und muskulös wird. Knarzend begab ich mich in den Liegestütz. Das Gras war wunderbar weich und morgenfeucht. Die komische Masse unter meiner linken Hand fühlte sich allerdings nicht an wie Tau, allenfalls wie sehr dichter.

Keine Ahnung, was die Passanten dachten, die zur U-Bahn hetzten, als sie den Schrei hörten, das folgende Fluchen und einen mäßig austrainierten Herrn sahen, wie er seine Linke hektisch über den Rasen wischte. Bilanz um 6.30 Uhr MEZ: Höchstens zweieinhalb Kilometer gelaufen, beide Hüften ruiniert und ein knappes Pfund Hundehaufen an der Flosse. Die Verkäuferin beim Bäcker schnupperte skeptisch, als ich bezahlte. Ich deutete auf den feisten Pudel, den die alte Dame neben mir an der Leine hielt. Der Hund an sich trägt Kollektivschuld. Ich fuhr den ganzen Tag mit dem Rad, um meine Bewegungsbilanz zu verbessern, zur Post, zum Weinladen und sogar abends zum Nudelessen mit Klaus Heinrich.

Heute nun wird alles besser: Ich werde endlich wieder richtig laufen. Punkt vier muss Karl in der Musikschule sein. Wenn ich in Laufklamotten ins Auto springe, ihn absetze und mit einem U-Turn zum Insulaner jage, bleiben mir exakt 38 Minuten. Auf einem Hügel mitten im Park steht eine Sternwarte, für Berliner Maßstäbe befinden wir uns also in einem hochalpinen Sauerstoffmangelgebiet. Vier, fünf Bergläufe sind gerade so drin.

Wenige hundert Meter vor dem Ziel schreit das Handy. Mist. Ein großzügiger Auftraggeber ist dran. Ich klemme das Telefon zwischen Ohr und Schulter und sülze nach Kräften, während ich elegant mit dem rechten Hinterrad auf den Kantstein hopse. Zwei Polizisten schauen interessiert durchs Beifahrerfenster. Sie kontrollieren eigentlich Fahrräder, wollen aber dennoch, dass ich aussteige. Ich stammele "Entschuldigung...ääh...Polizei...neinneinnichtsErnstes...rufezurück..." ins Telefon und verabschiede mich von einem fetten Auftrag.

"Ich will doch nur laufen", erkläre ich den Ordnungshütern. Nach heftigerem Wortgefecht lautet die Antwort unverändert: "60 Euro wegen Telefonieren am Steuer." Immerhin sehen sie von einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung ab, weil der Dickere von beiden behauptet, auch Läufer zu sein. Man kann sich seine Verbündeten nicht immer aussuchen. Ich gucke auf die Uhr. Noch zwölf Minuten. Na gut, dann stretche ich heute eben nur. Ist auch besser für die Hüfte.

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