ThemaAchilles' VerseRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
25.12.2007
 

Achilles' Verse

Weihnachten - eine Erfindung der Walker

Jeder mag Weihnachten. Denkste. Achim nicht. Unser Wunderläufer bringt die Festtage eher mit Begriffen wie Tannenbaum-Terror, Geschenke-GAU und Zwangsfreude in Verbindung. Zudem läuft er jetzt mit einem demolierten Wassersport-Utensil im Mund durch die Wohnung.

Ich hätte auch gern was aus Lego bekommen. Dann könnte ich mit den Söhnen vor dem Fernseher liegen und mein "Star Wars"-Raumschiff zusammenbasteln, am besten die nächsten sieben Tage lang, nur um dem weihnachtlichen Triathlon aus Essen, Trinken und Glotze zu entgehen. Laufen darf ich nicht, weil Mona uns bis Neujahr mal wieder Quality-Time verordnet hat, ein familiärer Selbstversuch, bei dem an den Probanden getestet wird, wie lange sie Tannenbaum-Terror aushalten, ohne sich an die Gurgel zu gehen.

Chewbacca: Aus "Star Wars", könnte aber auch ein Walker sein
REUTERS

Chewbacca: Aus "Star Wars", könnte aber auch ein Walker sein

Weihnachten ist eine Erfindung der Walker: Nichtstun, hohl vor sich hin starren, fressen, dummes Zeug reden. Mir ist schlecht von den Marzipankartoffeln. Längst bin ich in die entfesselte Phase eingetreten, in der man gar nicht mehr über die Sprengkraft der süßen Sachen nachdenkt, sondern sie einfach gedankenlos mit vollen Händen in sich hineinstopft. Kochen muss ich auch noch. Mona hatte sich was mit Zitronengras gewünscht. "Currywurst mit Zitronengras" lautete mein Vorschlag. Karl war begeistert. "Man kann das Zitronengras ja rausfischen", hatte der schlaue Sohn angemerkt. "Oder weglassen", hatte Papi ergänzt. Aber Mona wollte Fisch. Klar. 100 Kalorien am Abendbrot sparen, aber vorher 5000 einfahren.

Mona ist eigentlich eine Traumgattin, nur Weihnachten nicht. Ihre Geschenkpolitik ist verheerend. Sie hatte sich einen Shopping-Nachmittag gewünscht. Meine Gattin suchte aus, ich trug und zahlte. Einzige Überraschung wird die Kreditkartenabrechnung. Ich wiederum darf mir nie was wünschen, ich werde zwangsüberrascht - eine fürchterliche Tradition. Dabei wollte ich gar nichts von ihr geschenkt haben. Ist doch besser, wenn man nichts bekommt und sich auch nicht künstlich freuen muss. Dieses Jahr hatte sich ein Geschenke-GAU angekündigt.

Seit Wochen war Mona um mich und meine Lauf-Ausrüstung geschlichen. "Hast du alles, was dich schnell macht?", hatte sie gefragt. Ich verstand den Ansatz nicht ganz. Ich hatte eigentlich gar nichts, was schnell macht, vor allem nicht die entsprechenden Beine. Dann blätterte Mona in meiner umfänglichen Laufbibliothek und schnupperte durch meinen Medizinschank, der es mit ihrer Kleiderkammer nie würde aufnehmen können. "Hmm, aha, soso", murmelte sie und begutachtete die Fläschchen.

Ich bin ja nicht so der Präparatetyp, außer Magnesium, Kalzium, Aminosäuren, Guarana, Vitamin E, Zink und einigen Kleinigkeiten mehr bin ich praktisch clean. "Ich brauche nichts, Schatz, ehrlich nicht", flehte ich. Vergebens. Mona hatte längst einen Plan, das spürte ich. Und er war nicht zu verhindern. Seit Wochen stand fest: An Heiligabend ist Zwangsfreude angesagt. Vielleicht sollte ich Muslim werden, dann bleiben mir Monas Präsente erspart, bis auf einen Laufschleier vielleicht.

Zur Bescherung gerade eben kam sie jedenfalls mit einem Stück Wäscheleine, auf dem ein halbes Dutzend Pakete aufgefädelt waren. Mimische Höchstleistungen waren erforderlich. Sechsmal musste ich orgasmische Freude vorspielen. Päcken eins: ein paar sündteure Laufsocken, sogar in der richtigen Größe. Dagegen war nichts einzuwenden. Bussi, Schatzi, der erste Treffer seit Jahren. Päckchen zwei: Spray für Laufschuhe (Innenraum). Nun, gut, ein zarter Hinweis, aber verzeihlich. Es folgten je eine Packung entzündungshemmendes Lyprinol (ein Hoch auf die Grünlippmuscheln!) und Kieselerde (Silizium ist immer gut). Staubige Angelegenheit, aber offenbar hatte sich meine Zaubermaus beraten lassen. Sie lächelte vielsagend.

Ich tastete Geschenk Nummer fünf ab, eine seltsame dünne Rolle. Ich hielt ein paar zusammengetackerte Seiten in der Hand. "Peak Performance" stand darauf, Newsletter "für Ausdauer, Kraft und Fitness" mit einem Bericht über "Krafttraining für Ringkämpfer". Schade ums Papier. Was sollte ich damit? "Da bist du jetzt Abonnent", juchzte Mona. Toll. Ab sofort also noch mehr Stress durch widersprüchliche Trainingsanweisungen.

Ich betastete das letzte Päckchen. Hmm, ein unfühlbares Geschenk. Ich riss es auf. Eine Art abgeschnittener Schnorchel kam zum Vorschein. "Das ist Ultrabreathe, ein Atemgerät - damit kriegst du viel mehr Luft", erklärte Lauf-Profi Mona. "Interessant", sagte ich und blies in das Gummiteil. Mona stand erwartungsvoll da. Ach ja, hatte ich fast vergessen. Ich musste ihr um den Hals fallen. "Danke, Schatz", tremolierte ich. Sie war in der Tat schon mit deutlich merkwürdigeren Geschenke abgekommen. Was ist schon dabei, wenn man den Rest der Feiertage mit einem abgesägten Schnorchel im Mund verbringt.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 1475 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
14.05.2010 von Grünschnabel?:

Meiner schreibt grad bei SPON im Ärzteforum, dass er zu wenig verdient, während er auf mich wartet und die Kassis warten lässt. ;-) mehr...

20.04.2010 von ramanujan: Lieber "Achim Achilles":

- Vor wem oder was laufen Sie eigentlich weg? - Sie brauchen in der Tat eine "verständnisvolle Frau" ... - Der arme Sohnemann! mehr...

20.11.2009 von outdoor-wandern.de:

Hallo, für alle die gern draußen unterwegs sind durften wir einige an Trail- und Outdoor Schuhen testen und haben so fast 25 Schuhe getestet von klassich bis sportlich und von Lauf bis Winterschuhe. [...] mehr...

18.10.2009 von Stuka.di.Montetremolo: "Was bringen mir ein paar Siege mehr?"

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,655639,00.html Von grimmigen Märchenfeen halte ich überhaupt nichts. Diese hochromantischen Illutionen sind reine Phantasie und haben mit der Realität nichts zu tun. Wohin derartige [...] mehr...

18.10.2009 von Der.PolyTicker: Maik von grimmiger Fee verhext?

Maik sollte sich lieber in Ruhe auf sich selbst besinnen. Gelingt ihm das nicht, wurde er tatsächlich von einer grimmigen Märchenfee verhext. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles aus der Rubrik Achilles
alles zum Thema Achilles' Verse

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP