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08.01.2008
 

Achilles' Verse

Igitt, Herpes

Achim ist gut drauf. Er trainiert wie wild, läuft viel und obendrein auch noch sehr schnell. Doch dann kündigt sich Unheil an. Ein leichtes Brennen, da ahnt unser Wunderläufer schon, was kommt. Die Olympia-Teilnahme kann er schon einmal abschreiben.

Bitte nicht schon wieder. Dieses Mal hat das zarte Brennen auf der Oberlippe bestimmt nichts zu bedeuten. Natürlich brennt es erst unmittelbar vor dem Einschlafen, nur ein Hauch, nicht stärker als wenn man an eine Brennnessel denkt. Aber es ist nichts, ganz bestimmt nichts, es gibt keinen Grund, es soll, es darf nicht sein. Ich will einfach nicht, schon gar nicht, wenn es ausnahmsweise mal seit ein paar Tagen am Stück gut läuft. Der letzte ist doch gerade erst verheilt.

Herpesträger: Unangenehme Sache
DPA

Herpesträger: Unangenehme Sache

Sicherheitshalber quält man sich aber doch noch mal hoch, stapft ins Bad, begutachtet die leicht gerötete Stelle, hofft, man habe sich vielleicht nur am staubigen Knäckebrot eine leichte Schnittverletzung zugezogen, weil es ohne Belag gefährlich trocken war, durchwühlt den Medizinschrank nach der kleinen weißen Tube, findet allen Mist, aber eben nicht diese kleine weiße Tube, weil Mona sie entweder weggeschmissen hat oder aber derjenige, der sie zuletzt hatte, mit aller Gewalt bis auf den letzten Tropfen ausgepresst hat. Panisch tupft man sich einen Klecks Zahnpasta auf die Oberlippe. Altes Hausmittel. Alles was brennt und bescheuert aussieht, hat einen hohen gefühlten Heilungswert. Schaden kann es jedenfalls nichts.

Am nächsten Morgen dann die Gewissheit: Aus dem leichten Brennen ist über Nacht eine Beule geworden, mit drei, vier Kammern, prall gefüllt mit ekligem Sekret. Bloß nicht anfassen. Nicht mal dran denken. Verdammter Herpes. Schon wieder eine Woche als Aussätziger, dem alle Menschen nur auf seine Lippe starren, das entwürdigende Gespräch mit dem Apotheker, der immer noch kein Wundermittel im Angebot hat, Monas angewiderter Blick und die leichte Kopfdrehung, wenn ich mich bis auf einen Meter genähert habe, das konsequente Meiden jeden Spiegels.

Auch ohne Lepra-Station fühlt man sich mit Herpes wie ein Aussätziger. Neulich habe ich mit einem von Monas teuren Schminkstiften versucht, die Pestbeulen zu übermalen. Vergeblich. Wundsekret und Christian Dior gehen eine widerwärtige Liaison ein, die noch peinlicher aussieht.

Es ist zum Verzweifeln. Kaum legt man mal eine perfekte Trainingswoche hin, da übt der Hochleistungskörper Rache und setzt den terroristischen Virus in Marsch. Die Läuferseele und ihr widerspenstiger Körper quälen sich gegenseitig, bis einer nicht mehr kann. Warum können wir uns nicht vertragen? Warum werde ich mit Aussatz gestraft? Warum nicht mal Mona?

Die ersten Januar-Tage liefen perfekt. Seit Monaten war es nicht mehr so gut gerollt. Mona und die Kinder waren an der Ostsee, ich hatte Arbeit vorgeschützt, wollte aber eigentlich nur in Ruhe laufen und an meinem Sixpack feilen. Montags zwölf Kilometer Tempowechsellauf, genauso wie es der unbarmherzige Angreif-Plan vorsah: einen Kilometer knapp unter fünf Minuten, den nächsten knapp unter sechs; dienstags Muskelaufbau per Elektroschock, mittwochs drei Mal 4000 Meter in der Fabelzeit von unter 22 Minuten, donnerstags Durchrütteln auf der Powerplate, freitags eine Stunde einfach so, samstags durchschlafen, Sonntag 19 Kilometer gemächlich – die perfekte Woche, praktisch olympiareif.

Und was ist der Dank? Kein Millimeter Bewegung auf der Waagenanzeige, dafür Signalbrennen auf der Oberlippe. Mein Herpes ist die perfekte Trainingskontrolle. Eigentlich, so sagt die Medizin, sei es ein Überlastungssymptom. Bei mir funktioniert der Herpes leider anders: Er ist Indikator dafür, wenn es gut läuft. Auf Normalzustände reagiert mein Körper mit Abwehr. Wahrscheinlich kann ich deswegen plangemäß trainieren. Ich will ja. Aber der Rest nicht.

Manchmal hat man wenigstens Glück. Dann bleibt es beim Herpes-Hauch, der nach drei Tagen fast schon wieder unsichtbar ist. Ich habe leider nie Glück. Auf die Sekretbeulen- folgt die Monsterschorfphase, die ganz besonders unappetitlich ist, wenn Schorfreste bis übers Kinn herab hängen oder bis in die Nasenbehaarung hineinreichen. Dennoch gilt die Goldene Herpes-Regel: Niemals anfassen! Ist auch gar nicht nötig. Mal schafft es das Kind, mal der Schal, mal die Kaffeetasse, die Kruste abzureißen und eine mittelschwere Blutung hervorzurufen, die den Heilungsprozess um eine weitere Woche verlängert.

Und das Training? Fällt praktisch flach. Nur noch in Walker-Dosierung. Das Immunsystem schreit nach Schonung, also kriegt es Schonung. Nach zwei Tagen ohne Trainingsreiz fällt die Leistungsfähigkeit übrigens dramatisch ab. Am Ende habe ich die Wahl zwischen Nicht-Laufen mit oder Nicht-Laufen ohne Herpes. Immerhin: Diese eine Woche war gut. Laufen bringt ja weniger Muskeln als vielmehr Demut.

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insgesamt 6 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
10.01.2008 von Kalli-Knickfuß:

Ich habe grade mal ein wenig gegoogelt. Ist das Mittel wirklich so gut wie in den zahlreichen Testberichten zu lesen ist ???? Gruß Kalli mehr...

09.01.2008 von simpelkopp: Herpes

Nur nicht gleich nervoes werden - nach 10 - 20 Jahren stellt sich Immunitaet ein. simpelkopp mehr...

08.01.2008 von schnussl:

Mein absolutes Mitgefühl, allen Herpes-Gebeutelten. Ich war auch einer von Euch. Jetzt habe ich immer ein Gläschen Rhus-Toxicodendron dabei. Beim leichtesten Kribbeln diese Globolis eingeworfen und der Herpes kann sich gehackt [...] mehr...

08.01.2008 von Kalli-Knickfuß:

Der Mensch fliegen zum Mond und tauchen in den Mariannengraben aber ein probates Mittel gegen diese Volksseuche hat noch niemand erfunden. Seid kurzem gibt es diese durchsichtigen Pads die mich irgendwie an die Schießpflaster von [...] mehr...

08.01.2008 von Bibbi: Leidens-und Lachensgenossin

...ich habe Tränen gelacht bei diesem Artikel! Auch wenn Lachen einer herpesgeplagten Lippe eher abträglich ist - sei's drum, Lachen ist gut fürs Imunsystem - und immerhin bin ich schon fast in der Schorfphase angelangt! Heute [...] mehr...

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