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08.04.2008
 

Achilles' Verse

Fleischsalat statt Honigbrötchen

Erlebniswelt Halbmarathon: Achim ist am Wochenende in Berlin gelaufen. Er sah enthemmte Sportler, entdeckte die nächste Geschmacksrichtung der Bionade und genoss menschliche Wärme. Sein Vorschlag an den Veranstalter: Ein Jubelkurs für mitreisende Frauen.

Mona hat mich in vier Decken gehüllt. Mir ist trotzdem saukalt. Fühle mich wie ein rasierter Knut. War keine gute Idee, einen kräftigen Schluck chinesisches Heilpflanzenöl ins Badewasser zu kippen. Früher stand an jeder deutschen Badewanne die Literflasche mit Fichtennadelschaumbad. Wo sind sie geblieben? Jetzt gibt es nur noch Miniflaschen für genau eine Wanne. Und Mona verbraucht sie alle. Also flüssigen Tigerbalsam ins Wasser. Schlechte Idee. Selbst in kochendem Wasser ist dem ausgezehrten Athleten kalt. Außerdem brennt es dort, wo die Hose scheuerte. Die Waden zucken hysterisch im Takt der tumben Trommler, die an der Strecke wummerten.

Berliner Halbmarathonis: Menschliche Weiche und Wärme
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DPA

Berliner Halbmarathonis: Menschliche Weiche und Wärme

Halbmarathon in Berlin, mit 16.000 Läufern. Das verpfuschte Wannenbad war nur das Ende einer unseligen Pechserie, ausgerechnet beim Heimspiel in Berlin, über eine Distanz, die ein Herr in fortgeschrittenem Alter halbwegs in Würde durchstehen kann. Aber wie ein verdammter Anfänger habe ich alles falsch gemacht. Außerdem war ich schwer erkältet. Und mental disbalanciert. Sonst hätte der Kenianer aber seine liebe Not bekommen. Stattdessen ein Festival der schlechten Laune. Und viel zu viele Läufer.

Es ging schon damit los, dass ich beim Frühstück die Finger nicht vom Fleischsalat lassen konnte. Honigbrötchen, predigen die Experten, leicht verdaulich, schnelle Energie. Ich bevorzuge aber nun mal komplexere Treibstoffe. Und zwei Tassen Kaffee. Gut, dass ich viel zu früh am Start war. Mein Fahrrad schloss ich hinter der Klamottenaufbewahrung der Frauen an. Das sollte sich rächen.

Ringsherum standen vereinzelte Bäume und um jeden drei Läufer, die sich keinerlei Mühe gaben, den anderen nicht auf die Schuhe zu pinkeln. Faszinierend, wie hemmungslos Menschen sich aufführen, wenn sie Sportzeug tragen und sich mit ihrer Startnummer auf dem Hemd unantastbar fühlen. Frauen bilden wenigstens einen Kreis und kichern, um die hockende Schwester in der Mitte notdürftig zu verdecken. Der Kaffee enthemmte mich ebenfalls.

Den Kleiderbeutel hatte ich längst abgegeben. Viel zu früh natürlich. Mir war kalt. Die gelben Plastikumhänge waren alle. Ich fror. Der Fleischsalat arbeitete. Ich hüpfte vorsichtig. Einlaufen ist extrem unökonomisch. Warum soll man schon vor dem Start Kraft verschleudern. Ordentlich wie ich bin, drängle ich in meinen Startblock C. Viele vollschlanke Sportsfreunde hier. Immerhin menschliche Weiche und Wärme.

Endlich Start. Ich bin offenbar der Einzige, der sich richtig eingeordnet hat. Alle um mich herum sind zu langsam, zu breit, johlen oder machen auf Superpower und kurven mir vor den Füßen herum. Einer versucht's den ersten Kilometer mit Anfersen. Fühlt sich offenbar unterfordert, der Gute. Nie wünschte ich mir sehnlicher meine Autistenstrecke, ganz allein im Grunewald.

Auf den ersten vier Kilometern verliere ich wegen des Gedränges schon eineinhalb Minuten. Die geplante Bestzeit ist schon nach einem Fünftel der Strecke fast zum Teufel. Eigentlich kann ich jetzt auch die U–Bahn nehmen.

Die beiden Beutel mit Kohlehydratschleim pieken in die Hüfte. Ich hätte doch die härteren Sohlen nehmen sollen. Der Däne vor mir leidet an fortgesetzter Läuferflatulenz. Mir ist schlecht. Bei Kilometer zwölf genehmige ich mir das erste Gel. Ich verschlucke mich natürlich. Spotzen auf die Straße. Apfel/Guarana und Fleischsalat passen prima zusammen. Das wird der nächste Trendgeschmack von Bionade. Mit einem Schuss Magensäure vielleicht.

Mona steht bei Kilometer 14, wie jedes Jahr. Sie brüllt auch immer das Gleiche. Entweder "Das schaffst du!" (Danke, Schatz, weiß ich selbst) oder: "Ist nicht mehr weit!" (Doch, Maus, ist es sehr wohl, sieben Kilometer, um genau zu sein). Wann geben Marathonveranstalter endlich Kurse für mitreisende Frauen, in denen die Kunst des sinnvollen Jubelns unterrichtet wird? Ich könnte ja jetzt noch mal richtig Gas geben. Leider sind die Beine schwer. Ich stelle das denken einfach ein und ignoriere die Uhr.

Im Ziel leichte Verblüffung. Die Zeit ist nicht doll, aber persönliche Bestleistung. Super. Schlechte Laune beflügelt offenbar. Und sie wird noch gesteigert. Direkt hinter der Klamottenaufbewahrung der Frauen, genau dort, wo mein Rad parkt, ziehen sich gerade drei Dutzend Sportsfreundinnen um, genauso hemmungslos wie ihre Schwestern, die hier vor zwei Stunden pinkelten. Ich will nicht hingucken, ehrlich nicht, aber ich kann einfach nicht anders. Flüchtiger Eindruck: Laufen macht nicht automatisch lecker. Ich bin vollständig am Ende nach dem ersten Wettbewerb des Jahres. Die einzig gute Nachricht: Steigerungen sind möglich. Und jetzt nichts wie ab in die Badewanne.

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