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22.04.2008
 

Achilles' Verse

Der Klang des Eiweiß-Dopings

Der treusorgenden Gattin sei Dank: Unser Läuferheld Achim Achilles wird künftig noch stärker, schneller und ausdauernder daherkommen. Denn er konsumiert Massen an Eiweiß - zu seinem Bedauern jedoch in Pulver- statt in Steakform. Auch verheimlichen kann er es nicht.

Eine knappe Stunde Tempohärte trainiert. Alles brennt. Doch Stolz ist stärker. Muskeln schreien nach Protein. Fasern zucken vor Wachstumshunger. Jetzt ist der Moment, Eiweiß in den Läuferleib zu füllen, unmittelbar nach der Belastung. Achilles stählt die Muckis mit der Siegerkombination: Erst durch Hammertraining Löcher in die Beine reißen und dann mit Power-Eiweiß wieder stopfen. Ich stelle mir das wie eine Art Muskelaustausch vor: Der ganze alte Zell- und Faserkram kommt weg und dafür wird neuer Stahl in alte Schenkelhautsäcke gefüllt. Hart statt Quark.

Eiweiß in Steakform: Sicherlich schmackhafter als Pulver
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AP

Eiweiß in Steakform: Sicherlich schmackhafter als Pulver

Aber Eile ist gefragt: Der Muskelaufbau durch Eiweißmast klappt nur 30 Minuten nach der Belastung. Natürlich könnte ich eine Flasche mit Eiweißdrink im Auto bunkern. Aber der Schleim neigt zum Klumpen. Ist der Eiweißbrocken aber größer als ein Stück Würfelzucker, baut ihn auch der stärkste Muskel nicht mehr ein. Also nach Hause rasen. Aus dem Weg, elende Radfahrer, Rentner, Nervensägen, Muskelverhinderer. Jede Sekunde zählt. Sagt Mona. Und die muss es wissen.

Meine Bessergattin kam vor einem halben Jahr auf den Eiweißtrip. Sie hatte wieder mal ein Ernährungsbuch gelesen. Frauen kaufen entweder neue Schuhe, sitzen beim Friseur oder hecheln einem neuen Diättrend hinterher. In unseren Küchenschränken türmen sich Pulver, Pillen und eingetrocknete Pampen - Zeugnisse von zehn Jahren Essterror. Jedes Mal wieder neue Hoffnung, wie beim Hütchenspiel: Diesmal klappt es bestimmt.

"Eiweiß", befahl Mona eines Tages. Prima, dachte ich. Spiegelei kann man nie genug essen, am besten mit einem türblattgroßen Steak obendrauf. "Verboten", erklärte Mona und verordnete pflanzliches Eiweiß aus der Apotheke. Mist: staubiges Pulver statt saftiger Steaks, zum Frühstück, zwischendurch, auf jeden Fall immer nach dem Training. Jeden Morgen hoffe ich, dass meine Oberschenkel endlich die Jeans sprengen. Es ist kurz davor. Noch zwei, drei Tonnen Soja-Protein und das Hosenbein legt sich freiwillig in den Altkleidersack.

Die Theorie ist ja auch überzeugend: Wer Kohlehydrate in den Körper füllt, der liefert nur Treibstoff. Aber kein Trabi wird schneller, nur weil man ihn pausenlos betankt. Der Motor muss vergrößert werden, also die Muskeln. Und die brauchen Eiweiß zum Wachsen. Wenn ich am Bein haben will, was die Pute an der Brust trägt, also festes feines Muskelfleisch, dann hilft nur der Mona-Spezialdrink: Magermilch, Power-Eiweiß und etwas Alibiobst in den Mixer, alles durchpüriert und stoisch hinabgewürgt. Zu viel Eiweiß soll leider nicht gesund sein, habe ich neulich gelesen. Egal. Zu viel laufen ist ja auch nicht gesund. Und zu viel Warnhinweise lesen erst recht nicht.

Außerdem fällt bei uns ohnehin die Hälfte daneben. Wahrscheinlich zittert Mona morgens vor lauter Eiweißgier und schüttet immer die Hälfte neben den Mixer. Jedenfalls liegen nach jeder Eiweißorgie überall weiße Staubhäufchen in unserer Küche. Käme zufällig Christoph Daum zu Besuch, würde er sich sofort einen Strohhalm aus der Schublade kramen und akribisch die Fugen unserer Küchenfliesen durchsaugen. Heißa, so viel weißes Pulver überall. Ist ja wie früher. Immerhin würden seine Nasenmuskeln gewaltig anschwellen.

Eiweiß macht eben auch süchtig. Bodybuilder zum Beispiel. Und immer mehr Läufer. Das hört man. Eiweiß-Doping ist nämlich nicht zu verheimlichen. Was immer das gute Protein da im Verdauungstrakt anrichtet, es ist auf jeden Fall nicht zu überhören, schon gar nicht in der Laufgruppe. Man hat den Parkplatz noch nicht mal verlassen, da trötet schon der erste Athlet einen kernigen Eiweißfurz. Dieser Auftakt wird dutzendfach beantwortet und selten leise. Und so geht es den lieben langen Lauf lang. Drei Schritte, dann ein sattes Törööö. Wie bei Benjamin Blümchen.

Interessant, wie der Mensch mit seinem Blähen umgeht. "Sollte 'n Lied werden", ist ja der Klassiker. Andere wiederum lachen künstlich laut und lange, damit man den zweiten nicht hört. Manche stellen sich taub, wenige neigen schließlich zum niederen Fäkalhumor.

Wäre alles lustig, wenn sich die geräuschvolle Eiweißverarbeitung auf die frische Luft beschränken würde. Leider nicht. Läufer bewegen sich ja durchaus auch mal in Aufzügen, Kantinenwarteschlangen oder beim Elternsprechtag. Dort dünsten sie dann mit den Protein-Junkies aus dem Fitnessstudio um die Wette. Und jeder müht sich, den anderen zu überriechen. Vergeblich. Denn mit Darmwinden ist es wie mit Kindern: Die eigenen gehen noch halbwegs. Und wenn nicht, hofft man halt, dass keiner merkt, von wem sie stammen.

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