Früher war ich zwei Stunden trainieren, Mona machte sich hübsch derweil. Frisch gefönt liefen wir bei Tino ein, dem Kalorienlieferanten unseres Vertrauens. Mona stöckelte vorweg, stracks in Tino hinein, der sein bisexuell-testosteronhaltiges "Ah, oh, ciao, Ragazza, Bella, Mamma Mia" quiekte. Was Algerier eben für Italienisch halten. Schmatz links, Schmatz rechts, noch einen links. Mona fühlte sich wie Claudia Cardinale und ich wie ihr Beschützer. In gemessenem Abstand kam ich angehumpelt. "Viele Sporte, molto Atletico, Achilles Olympico", brabbelte Tino anerkennend und in genau der richtigen Lautstärke, um den ganzen Speckspaten an den Tischen ringsherum einen widerwillig anerkennenden Blick abzunötigen.
Reichliches Mahl: Lecker, lecker
Never change a winning Sieben-Gänge-Menü, sagt der Laufexperte. Und doch haben wir es alle getan. Seit etwa zwei Jahren dürfte der Pasta-Umsatz bei Tino dramatisch gesunken sein. Mona und alle anderen Frauen dieser Welt sind der Iss-dich-fit-Sekte beigetreten. Und ihre Weicheier von Kerlen gleich mit. Essen dient nicht mehr dem Vergnügen, sondern muss eine tiefere Bedeutung haben.
Weißbrot und seine vielen Weißmehl-Verwandten sind allesamt verbannt. Olivenöl auch, weil Raps viel besser ist. Stundenlang muss ich vor Fenchel meditieren. Immerhin ist Kresse drauf und ein Spritzer Zitrone, weil der angeblich Fett verbrennt. Hätten wir Mäuse auf unserem Tisch, würden sie sich heulend zu Boden stürzen. "Ich brauche Treibstoff für mein Tempotraining", winsele ich meine Gattin an. "Da ist ganz frischer Tofu im Kühlschrank", sagt Mona, "und Linsenmus mit Ingwer." Super. Immerhin keine Rhabarber-Thunfisch-Paste an Vollwert-Mangold.
Wir sind nicht dünner geworden, seit meine Frau Ernährungsbücher liest. Aber unsere Laune hat sich verschlechtert. Und der Geruch unserer Magenwinde. Der Eierbecher voll Buttermilch, den Mona mir zum Frühstück gewährt, hält auch nicht den ganzen Tag vor. Von Brokkoli-Torte (ohne Teig) wird mir schlecht. Kein Wunder, dass ich mir bei jedem Drive-in einen Doppelstock-Burger mit Fritten besorge.
Früher habe ich versucht, den Zigarettengeruch aus meinen Klamotten zu kriegen, heute bekämpfe ich den Fastfood-Dunst. Zuckerfreie Salbeipastillen funktionieren ganz gut, wenn man sie kurz anlutscht und dann unter den Hemdkragen klebt. Verräterisch sind allenfalls die Fleischfasern in den Backenzähnen und der Ketchup-Fleck auf dem Revers. "Ist Linsenpaste mit Salbei", erkläre ich Mona, "total lecker, du."
Während die Kinder an ihrer Pizza herumsäbeln, werde ich zu Salat mit Lammstreifen verdonnert. Nette Vorspeise. Für Hasen. Mona behauptet, sie habe nie Hunger, weil sie viel Wasser trinke. Zum Glück verschwindet sie deswegen dauernd zur Toilette. "Papa hat Pizza geklaut", petzt mein Sohn Karl. Tolle Brut, kaum in der Pubertät, schon so loyal wie Andrea Nahles. Mona gießt mir zur Strafe noch mehr Wasser in den Weißwein.
Wie soll ich Spitzenleistungen erlaufen, wenn mein Kopf weiß, dass meine Speicher ratzekahl leer sind. Gefühlte Schwäche ist noch schlimmer als reale. Nach einer Fressorgie bei Tino war ich früher mental bestens aufgestellt. Die Speicher fühlten sich proppevoll an, und das Gewissen mahnte: Lauf um dein Leben, einfach so, zum Spaß. Heute habe ich Angst vor einem Linseninfarkt mit Tofudurchbruch. Mona ist schuld an einem Sommer ohne Leistungsexplosion.
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